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Evangelische Akademien im _im Nachkriegsdeutschland

Rezension

Rulf Jürgen Treidel: Evangelische Akademien im Nachkriegsdeutschland. Gesellschaftspolitisches Engagement in kirchlicher  Öffentlichkeitsverantwortung
Stuttgart/Köln/Berlin 2001.

von Almut Caspary

Rulf J. Treidels Studie zum gesellschaftspolitischen Engagement der Akademien ist eine Publikation in der Reihe "Konfession und Gesellschaft" (Hrsg. A. Doering-Manteuffel, M. Greschat, J.-C. Kaiser, W. Loth, K. Nowak), die das Beziehungsgefüge zwischen Christentum und Gesellschaft in der Moderne herausarbeiten will. So soll der vielfach ausgemachten Meinung entgegengetreten werden, daß die Kirchen als Glaubens- und Sozialsysteme zunehmend an Bedeutung verloren hätten.

Rulf Treidel beschäftigt sich mit den Evangelischen Akademien in den Jahren 1945-1961, d.h. der sog. Ära Adenauer, die mit der Abwahl Adenauers als Bundeskanzler im Herbst 1961 zu ihrem Ende kam. Er richtet sein Augenmerk auf diese Tagungsstätten, da er sie als Orte wahrnimmt, an denen sich protestantische Öffentlichkeitsverantwortung besonders deutlich herauskristallisiert. In ihnen, so findet er, würden neue Methoden erprobt, mit denen sich protestantische Positionen in die allgemeine gesellschaftspolitische Diskussion hineintragen lassen. Außerdem waren sie speziell in der Nachkriegszeit Foren für sog. protestantische Eliten, welche z.B. als politische Funktionsträger die Entwicklung der Bundesrepublik entscheidend mitgestalteten. In seiner Studie konzentriert sich Treidel exemplarisch auf das gesellschaftspolitische Engagement der Akademien, d.h. ihre Beteiligung an den Diskussionen zur Sozial- und Wirtschaftsordnung der neugegründeten Bundesrepublik. Anhand von Tagungsdokumenten aus Bad Boll, Loccum und West-Berlin untersucht er die Wechselwirkungen zwischen den geistigen Traditionen des Protestantismus und der gesellschaftlichen Entwicklung. Treidel möchte insbesondere klären, ob die Akademien Beiträge zur Entstehung der sozialen Marktwirtschaft leisteten und auf welche protestantischen Denkstrukturen ihr Engagement zurückzuführen ist.

Einleitend werden der Horizont und die Rahmenbedingungen der Studie vorgestellt, sowie auf Ursprung, Entwicklung und Selbstverständnis der Akademien eingegangen. Der Hauptteil beschäftigt sich dann mit dem eigentlichen Thema der Untersuchung, nämlich dem Engagement von Bad Boll, Loccum und West-Berlin in den anstehenden Sozial- und Wirtschaftsdiskussionen. Treidel beachtet dabei besonders das Konzept der sog. Sozialpartnerschaft, welches unter der Federführung von Eberhard Müller, dem Gründervater und ersten Leiter der Ev. Akademie Bad Boll, entwickelt und propagiert wurde. Müller zeichnete sich durch sein ausgeprägtes Interesse an wirtschafts- und sozialpolitischen Fragen aus. Er versuchte seine stark patriarchalen Vorstellungen von Unternehmertum mit dem Anliegen der Arbeiterschaft nach mehr betrieblicher Mitbestimmung zu kombinieren. Vor diesem Hintergrund, schließt Treidel, könne man ihm wohl keine klare Mitstreiterrolle im Zusammenhang des Betriebsverfassungsgesetzes zusprechen. Aber man muß festhalten, daß er sich stets um eine Vermittlerrolle zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern bemühte und durch das Konzept der Sozialpartnerschaft die individuelle Würde und Verantwortlichkeit des betrieblichen Mitarbeiters entschieden in den Vordergrund rückte.

Treidel kann nachweisen, wie dieses Konzept die Diskussion um das betriebliche Mitbestimmungsrecht in der jungen Bundesrepublik prägte, auch wenn für Müller selbst wohl eher Mitverantwortung als Mitbestimmung im Vordergrund standen. Er versäumt gleichzeitig nicht, die Unterschiede zu anderen Akademieleitern herauszustellen wie z.B. Erich Müller-Gangloff aus West-Berlin. Ebenfalls beleuchtet wird die Denkschrift der EKD zu Eigentumskonzepten vor dem Hintergrund der Einflüsse der Akademien. In einem zusätzlichen Abschnitt erörtert Treidel schließlich auch das Verhältnis zwischen Akademien und politischen Parteien. Insbesondere die als natürlich empfundene Nähe zur CDU und die zögerliche, und von Kritik begleitete Annäherung an die SPD werden erläutert. Treidel beschreibt die Akademien als Trainingsstätten für den verantwortlichen Umgang mit den Mitteln parlamentarischer Demokratie. Abschließend formuliert er, daß die vorgenommenen Tagungsanalysen daraufhindeuteten, "daß die Bemühungen der Akademien weniger der Verbreitung einer kirchlich institutionellen Lehrmeinung dienten, als vielmehr der Verständigung zwischen Fachleuten, kirchenleitenden Persönlichkeiten und Theologen über grundsätzliche Fragen zur Gestaltung der deutschen Gesellschaftsordnung nach den nationalsozialistischen Erfahrungen" (228).

Rulf Treidel beabsichtigt ganz sicher nicht, einen Beitrag zur Entstehungsgeschichte der Evangelischen Akademien im Allgemeinen zu leisten. In Übereinstimmung mit den Zielen der Reihe "Konfession und Gesellschaft" will er protestantische Einflüsse in der Bearbeitung und Beantwortung gesellschaftlich dominierender Themen der Nachkriegszeit nachweisen. Als Historiker überprüft er nicht den theologischen Gehalt der Positionen der Tagungsteilnehmer, so daß die Untersuchung der zugrundeliegenden protestantischen Denkstrukturen zumindest aus theologischer Sicht allgemein bleibt. Dabei ist sich Treidel der Heterogenität des ‚Protestantismus' und in diesem Zusammenhang der Schwierigkeit des Singularbegriffes ‚Kirche' durchaus bewußt. Er versteht ‚Protestantismus' als Summe aller im evangelischen Bereich vorgefundenen Positionen, die immer auch von der Person und ihrer jeweiligen Prägung abhängen müssen. Vereinzelt spezifiziert Treidel gewisse Stellungnahmen als lutherisch, zum Beispiel im Zusammenhang mit unternehmerischem Patriarchalismus, der seine Wurzeln u.a. im lutherischen Verständnis des pater familiae hat.

Ein deutliches Augenmerk der Studie liegt auf der Evangelischen Akademie Bad Boll und deren Aktivitäten im wirtschaftspolitischen Bereich. Daneben finde ich auch den allgemeinen Abriß zur Entstehungsgeschichte der Akademien erwähnenswert, sowie die Ausführungen zu Selbstverständnis und dreifachen Grundauftrag, nämlich dem der Wissenschaftlichkeit, der Mission und der Diakonie. Sicherlich werden Mitarbeiter aus den Bereichen Wirtschaft und Soziales einen schnelleren Zugang zu den untersuchten Tagungen und Diskussionen haben. Ganz allgemein denke ich, daß ein Blick in die Anfangszeit vielleicht auch manche Anregung zu bieten hat für Überlegungen zu Auftrag und Aufgabe der Evangelischen Akademien in der gesellschaftspolitischen Diskussion von heute.

Almut Caspary (almutcaspary kein spam @ kein spam web.de)

 

 
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