Ökumenerundbrief Nr. 77 vom 13. August 2010
Liebe Freunde der Ökumene und des interreligiösen Dialogs!
Zunächst möchte ich den muslimischen Freunden zum Ramadan herzliche Segenswünsche senden. Ich bin berührt, wie viele mich schon zum Fastenbrechen eingeladen haben. Das zeigt doch, dass es sich bei den „Dialogen“ um wirkliche Begegnungen handelt. Ich wünschte nur, dass noch mehr Menschen direkte Erfahrungen machen, damit sie die allgegenwärtigen Medien kritischer einschätzen können. Was wir aus Iran oder Pakistan von Menschenrechtsverletzungen hören, stimmt in der Tat bedenklich. Das ist aber kein Grund, dies den hiesigen Muslimen pauschal anzulasten. Vor bestimmten Tagungen bekomme ich immer Post von vor „dem Islam“ warnenden Zeitgenossen, die ich auch gewissenhaft beantworte. Noch besser wäre es natürlich, wenn diese sich am direkten Gespräch beteiligen würden. Darum freue ich mich über solche Einladungen, auch wenn ich sie nicht alle annehmen kann.
In unserer internen Sommerklausur haben wir uns mit „Postdemokratie“ beschäftigt. So nennt der Politikwissenschaftler Colin Crouch den gegenwärtigen Zustand, der sich durch Skepsis und Verdrossenheit auszeichnet. Andererseits haben sich die Formen der politischen Kultur verändert. Viel Engagement hat sich ins Internet verlagert. Wir sehen allerdings derzeit in Stuttgart, dass gegen das fragwürdige Bahnhofsprojekt tausende auf die Straße demonstrieren. Die Lage ist insgesamt etwas unübersichtlich, weshalb wir mit Tagungen die Sachen klären und die Menschen stärken wollen. Das bringt nicht nur Zustimmung. Viele Beobachter unserer Arbeit vergessen aber, dass wir als Evangelische Akademie einen gesellschafts-politischen und keinen explizit theologischen Auftrag haben. Gleichwohl meine ich, dass wir auch theologisch offensiver werden müssen.
Das ist besonders dringend bei den unsäglichen Spardiskussionen, die uns alle Jahre wieder heimsuchen. Man kann kaum vermitteln, wie viel Zeit und Energie in solche Diskussionen gesteckt werden. Wenn wir aber nicht aufpassen, wird der ganze internationale Bereich unserer Akademie gestrichen. Es ist arbeitsrechtlich zu einfach, bei fälligen Abgängen in den Ruhestand die jeweilige Stelle abzuschaffen. Dabei gehöre ich zu denen, die Kirche und Gesellschaft nicht trennen. Wenn unsere Angebote die kirchliche Arbeit verbessern, verändert das auch die Gesellschaft. Natürlich engagiere ich mich für eine Kirche mit Weitblick. Vgl. siehe hier.
Ökumenischer Höhepunkt des Sommers war zweifellos die Vollversammlung des Lutheri-schen Weltbundes (LWB) in Stuttgart. Zwar hätte ich mir mehr Beteiligung der Ortsge-meinden gewünscht, aber wer wollte, konnte viele interessante Begegnungen erleben. Dabei wurde mir einmal mehr klar, dass die kulturellen Unterschiede trotz Globalisierung und gemeinsamen Bekenntnis nach wie vor sehr hoch sind. In den Sachfragen ist für mich nicht viel Neues herausgekommen. (siehe http://www.lwb-vollversammlung.org) Da sind unsere Kirchentage spannender. Es kommt eben darauf an, was man draus macht. Ich bin gespannt, ob man von „unseren“ Delegierten noch etwas hören wird.
Herzliche Grüße aus dem Urlaub, den ich zuhause am schönen Neckar verbringe
Euer / Ihr Wolfgang Wagner
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