Liebe Freunde der Ökumene und des interreligiösen Dialogs!
Vor exakt dreißig Jahren sind meine Frau und ich mit dem Rucksack durch Mexiko, Belize und Guatemala gezogen. Jetzt wollten wir es noch einmal mit einer individuellen Reise nach Kolumbien wissen, wenn wir auch die Hängematte nur zur Siesta nutzten und durchaus nicht immer im billigsten Loch übernachten wollten.
Wir besuchten unsere Tochter, die in Bogotá an der Universität „de Los Andes“ studiert. Diese gilt als eine der besten unter den dreißig anderen der Stadt. Wir sind sehr überrascht, wie hervorragend die Bibliothek ausgestattet ist. Schon 1801 war Alexander von Humboldt beeindruckt von den hiesigen Wissenschaftlern wie etwa von dem Botaniker Celestino Mutis. Übrigens gibt es im ganzen Land erstklassig ausgestattete Bibliotheken, in Medellin sogar in Metro-Stationen. Ihr Studium wirkt auf uns sehr verschult, aber es ist auf hohem Niveau.
Unserer Tochter ist es für ein Austauschjahr recht, denn so kann sie sich auch dem Land widmen. Vor unserer Ankunft kam sie gerade vergnügt, wenn auch voller Insektenstiche, vom Amazonas zurück. Die meisten Studienabgänger bekommen sicher einen Job. Das kann man von den Studenten anderer Unis nicht sagen, die politisch widerständiger erscheinen. Die Arbeitslosigkeit der Akademiker ist hoch. Viele indes auch von denen träumen von einer Arbeit in den USA.
Bogotá hat heute über acht Millionen Einwohner, was man am täglichen Verkehrschaos merkt. Allerdings haben sie ein Schnellbussystem TransMilenio, das wir gern benutzen, obwohl, meistens überfüllt, man sich hinein- und wieder herausboxen muss. Bei den zahllosen Kleinbussen „Colectivos“, die zwar auf Handzeichen halten, aber ständig im Stau stecken, haben wir es bei einem Versuch belassen. Dafür sind die Taxis im ganzen Land zuverlässig und billig. In der Altstadt Candelaria rumpeln sogar noch Eselskarren über das Kopfsteinpflaster und man erkundet die malerischen Ecken gern zu Fuß. Wenig entfernt gibt es modernste Einkaufszentren und Wolkenkratzer, der höchste mit 196 m. An die Höhenlage der Stadt von 2600 m muss man sich freilich gewöhnen, die Wallfahrtsstätte Monserrate liegt gar über 3000 m und bietet einen herrlichen Blick über die Gebirge.
Nach einer Woche machen wir uns auf den Weg gen Süden nach Pitalito. Die Überlandbusse sind ziemlich modern, eine Eisenbahn gibt es leider nicht mehr und fliegen (mit einer Ausnahme) wollen wir nicht, obwohl es nicht viel teurer ist. Angetan sind wir von der Sauberkeit und Ausstattung der Busbahnhöfe. (Da könnte sich z.B. Tübingen eine Scheibe abschneiden). Da in den Weihnachtstagen in Florencia der Gouverneur erschossen wurde, biegen wir lieber nach San Agustin ab, wohin man mit dem Jeep ganz gut kommt. Die berühmten Statuen aus vorkolumbianischer Zeit, aber auch die phantastische Landschaften begeistern uns. Die Einheimischen sind überaus freundlich und hilfsbereit, wenn sie merken, dass man kein US-Amerikaner ist. Leider aber geben sie lieber falsche Auskünfte als gar keine. Ausländer sind hier kaum unterwegs, außer den unvermeidlichen „backpackers“.
Dafür allerdings sind die Kolumbianer selber mit Kind und Kegel in diesen Tagen sehr reisefreudig.In einer „Öko-Finka“ verbringen wir die Weihnachtstage einigermaßen besinnlich. In der Dorfkirche ist die Weihnachtsmesse mit der Erstkommunion verbunden und alle haben sich hübsch gemacht. Die Predigten sind nicht gerade befreiungstheologisch, sondern recht moralisch. Aber dennoch fühle ich mich in der katholischen Kirche immer noch eher zuhause als bei den evangelikalen Marktschreiern. Nicht zu übersehen ist überall der leuchtende Weihnachtsschmuck. Krippen werden nicht nur in Kirchen und auf Marktplätzen aufgebaut, sondern auch in Banken und Polizeistationen.
Ansonsten ist in dieser Zeit schon überall Karneval.Die „Feria“ von Cali ist ja weltberühmt. Der ganze Fluss mitten in der Stadt ist mit leuchtenden Figuren überspannt, die die Stadtgeschichte erzählen. Dazu Musik- und Tanzgruppen an jeder Ecke. Höhepunkt ist aber eine Salsa-Vorführung des Nationalballetts im Stadttheater. Brav mit der Nationalhymne fängt die Vorstellung an, dann eine fulminante Show schon der kleinsten Kinder und zum Schluss ziehen die Tänzer alle Zuschauer auf die Bühne, die es längst nicht mehr auf den Sitzen hält. Lebensfreude pur! Da kommt der Deutsche sich etwas unterentwickelt vor.
Natürlich wissen wir, dass es auch ein hässliches Gesicht dieser Stadt Cali gibt. Unsere Rottenburger Morizgemeinde unterstützt ja das Slumprojekt von Pater Alfred Welker. Leider hat ein Besuch bei ihm nicht geklappt. Hässliche Nachrichten haben wir auch über Medellin genügend gelesen. Doch diese früher verrufene Stadt hat sich gemacht. Museen aller Art, nicht nur die Kunstwerke Boteros locken. Mit der Metro kann man sich per Seilbahn sogar die Berge hinauftragen lassen.
Da man in den Städten immer kräftig beschallt wird, suchen wir Ruhe in kleinen Ortschaften. In der Kaffeeregion sollte es das Dorf Salento sein. Wir fahren mit dem Jeep in das „Valle del Cocora“, um in die Berge des Nationalparks Los Nevados zu wandern. 60 m hohe Wachspalmen ragen aus der dichten Vegetation heraus. Der höchste schneebedeckte Vulkan erreicht hier 5200m. Doch wir kehren rechtzeitig um und beobachten lieber einige der 1870 Vogelarten. Man ist schließlich nicht mehr sechzig.
Ein anderer verschlafener Ort ist Mompox, an einem Seitenarm des Rio Magdalena, der früher schiffbar war. Nicht leicht zu erreichen müssen wir eine altertümliche überladene Autofähre benutzen, die den Fluß hinauf tuckert. Der Kapitän ist morgens um sieben Uhr entweder noch verschlafen oder schon betrunken. Jedenfalls kracht er mit uns voll ins Ufergehölz. Doch es regen sich nur die Besitzer der nun verkratzten Autos auf. Der Ort war zu Bolivars Zeiten bedeutend, die erste Stadt, die ihre Unabhängigkeit von Spanien erkämpfte.
Alle wichtigen Orden ließen sich hier nieder und bauten die architektonisch einzigartigen Kirchen. Am Fluss ist es frühmorgens durchaus beschaulich, mittags wippen die Einwohner in ihren Schaukelstühlen. Abends – so steht es im Reiseführer – sei „die Luft erfüllt von einem Konzert der Frösche und Grillen“. Von wegen! Jetzt donnern nicht nur die jungen Leute mit ihren Motorrädern herum, die diese vom Sumpf und Fluss eingeschlossene Gegend nicht verlassen können. Bierkioske drehen ihre Musik voll auf und beschallen sich gegenseitig.
Allmählich wird nach einem Monat die Reise anstrengend, sodass wir uns in Cartagena an der Karibikküste erholen. Die Stadt konkurriert schon mit Miami Beach, nicht nur der geschichtsträchtigen Altstadt wegen, sondern auch wegen der weißen Strände. Wenn man diese noch säubern und die Zugangsstraßen reparieren würde, hätte man noch mehr Freude daran.
Kolumbien will den Tourismus ankurbeln. Wenn die öffentliche Sicherheit zunimmt, wird es auch erfolgreich sein. Dazu reichen aber nicht nur noch mehr Polizisten und Soldaten, die jetzt schon unübersehbar sind. Man muss auch für eine gerechte Einkommensverteilung und sozialen Ausgleich sorgen. Deswegen hört man den Slogan der Kolumbien-Werbung gegenwärtig noch mit gemischten Gefühlen: „Das einzige Risiko ist, dass man bleiben möchte.“ (Hoffentlich nicht unter der Erde!)
Wir sind jedenfalls gern wieder hier und wollen künftig den Problemen Lateinamerikas und seinen Menschen noch größere Aufmerksamkeit schenken. Nicht nur das Drama in Haiti gibt genügend Handlungsbedarf dafür.
Herzliche Grüße aus dem verschneiten Bad Boll
Euer / Ihr Wolfgang Wagner
PS:
H. Braune, F. Semper: Kolumbien Reisekompass, Sebra-Verlag Hamburg 2009. 23,90 €.
Die 4. Auflage von 2009 ist weiter verbessert, sodass dieser Reiseführer der beste und aktuellste zu Kolumbien gegenwärtig ist. Nur die Karten lassen noch immer zu wünschen übrig. Das ist bedauerlich, da auch die örtlichen Touristenbüros (außer in Bogotá) nichts bieten. Deren Infos kann man vergessen. Die Sicherheit des Landes hat sich weiter verbessert, sogar in den Städten. Wir sind mit diesem Buch im Winter 2009/2010 gut gefahren. Allerdings haben wir unterschätzt, dass die Kolumbianer über Weihnachten selber alle unterwegs sind. Man sollte also rechtzeitig Busse und Unterkünfte buchen. Und keinesfalls über die USA fliegen, denn deren Sicherheitshysterie kostet sogar bei einer Zwischenlandung Zeit und Nerven.
PPS:
Du musst nicht über die Meere reisen, musst keine Wolken durchstoßen und musst nicht die Alpen überqueren.
Der Weg, der dir gezeigt wird, ist nicht weit.
Du musst deinem Gott nur bis zu dir selbst entgegengehen.
Denn das WORT ist dir nahe: Es ist in deinem Mund und in deinem Herzen (Röm. 10, 8).
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Ein Beitrag aus der Tagung 'Positive Entwicklungen in der Türkei?'
11. - 13. Dezember 2009 - TgNr.: 431009 - Tagungsprogramm
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