
Ökumene-Rundbrief 86 vom 14. Dezember 2011Liebe Freunde der Ökumene und des interreligiösen Dialogs!
Die Gründung einer Richard-Wilhelm-Gesellschaft muss ich wohl auf den Ruhestand verschieben, da das laufende Geschäft noch viel Energie braucht. Doch seit dem 1. Oktober schleicht sich immer wieder das Gefühl ein, dass nun jedes Akademie-Ereignis ein letztes ist. So wurde ich aus der Arbeitsgruppe „Wege zum Verständnis des Judentums“ verabschiedet, die ich nach wie vor für sehr wichtig halte – nicht nur wegen der grauenhaften Neonazi-Verbrechen, die mich erschüttern. Der Antisemitismus ist längst nicht überwunden.
Darum habe ich mich gefreut, dass wir mit der Aktion Sühnezeichen eine Jubiläumstagung „50 Jahre Israel-Arbeit“ durchführen konnten. Das Thema „Opfer, Schuld und Sühne“ war ziemlich sperrig. Aber insbesondere Claudia Janssen ist es gelungen, ein ganz frisches Interesse an der paulinischen Theologie zu wecken. Niemals werde ich meinen eigenen Freiwilligendienst 1968 und 1970 in Israel vergessen, der mir vor allem die geistigen Schätze des Judentums öffnete. Allerdings hätte ich damals nicht gedacht, dass der Nahost-Konflikt mich mein ganzes Leben lang beschäftigen wird.
Ich werde auch die Palästinatagung der Akademie 2012 mit Pax Christi vorbereiten. Keinesfalls sollten wir in unserer Solidarität für die unter den politischen Verhältnissen Leidenden nachlassen. Angenehm fand ich die Bereitschaft der verschiedenen Gruppen, aufeinander zu hören und die gegensätzlichsten Positionen argumentativ zu vertreten. Das hat im Zeitalter der Talkshows Seltenheitswert.
Ein letztes Mal nahm ich an der Konferenz für Islamfragen teil, wo ich den EKD-Vorsitzenden Schneider in der Diskussion erleben konnte. Es ging um eine neue Orientierungsschrift über das Verhältnis zu nichtchristlichen Religionen, die die Kammer für Theologie vorbereitet. Zwar kann ich den Wert solcher Denkschriften nicht so hoch einschätzen, weil sie meistens in den Ablagen landen, aber der Prozess wäre wichtig. Gerade der wird aber nicht öffentlich gestaltet.
„Islam“ ist nach wie vor für viele ein Reizthema, weil unsere Theologie zu wenig Wertschätzung für andere Religionen aufbringt. Das schlägt sich dann auch im Kirchenrecht nieder und führt zu so unglücklichen Entscheidungen, eine Vikarin aus dem Dienst zu entlassen, weil sie einen Muslim geheiratet hat. Nach meiner Erfahrung sind die Menschen in unseren Gemeinden oft viel weiter und quittieren solche Fälle mit Verdruss oder Kopfschütteln. Ich bin jedenfalls dankbar, dass 1977 der Oberkirchenrat meine ausländische, nicht evangelische Pfarrfrau akzeptiert hat.
Vielleicht bin ich deswegen für ökumenische Zusammenarbeit besonders motiviert. Die jährliche Begegnungstagung mit den Kollegen der katholischen Akademie in Stuttgart habe ich darum immer wichtig gefunden. Wir müssten noch arbeitsteiliger vorgehen, denn eine Akademie kann nicht mehr alle wichtigen Themen bearbeiten.
Für das vergangene Jahr können wir feststellen: Wer in die Akademie kommt, ist zufrieden. Aber es wird immer schwerer, die Leute zu uns zu locken. Die ständige innerkirchliche Infragestellung der Arbeit kostete viel Zeit und Kraft, die wir eigentlich brauchen, um uns gegen die mächtiger werdende Konkurrenz zu behaupten. Kaum noch bekommen wir kirchliche Zuschüsse für theologische Tagungen. Kein Wunder darum und dennoch bedauerlich, dass sie seltener angeboten werden.
Nun freue ich mich auf unseren Adventsgottesdienst, in dem ich letztmals die Predigt halten werde. Bei jeder Ansprache merke ich, dass ich dies eigentlich am liebsten tue.
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