Dialog bei allen Differenzen – die Tierversuchstagung in Bad Boll

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Wie lassen sich die ethischen Dilemmata, die mit Tierversuchen einhergehen, aus wissenschaftlicher, rechtlicher, ethischer und tierschützender Perspektive abwägen? Diese Frage haben Forschende, Tierschützer_innen und Interessierte bei der Tagung „Tierversuche – Das ethische Dilemma tierexperimenteller Forschung“ vom 2. bis 3. Dezember 2016 in der Evangelischen Akademie Bad Boll diskutiert.

Der 1. Vizepräsident der Gesellschaft für Versuchstierkunde (GV-SOLAS), Dr. Reinhart Kluge, schilderte im Auftaktvortrag, welche und wie viele Tiere wie und wofür eingesetzt werden, und brachte dabei persönliche Erfahrungen insbesondere aus der Ernährungsforschung ein. Dr. Paulin Jirkof vom Universitätsspital Zürich setzte sich damit auseinander, inwieweit Schmerz bei Versuchstieren wissenschaftlich messbar ist und welche Einschätzung sich für verschiedene Tierklassen hieraus ergeben. Sie selbst erforscht bei den häufigsten Versuchstieren, Mäusen,  wie sich deren Belastungen minimieren lassen (Refinement).

Einen Überblick über verschiedene ethische Wahrnehmungen zu Tieren und Tierwohl von der griechischen und römischen Kultur bis hin zu Voltaire, Schopenhauer und gegenwärtigen utilitaristischen und tierrechtsorientierten Sichtweisen bot der Theologe und Ethiker Dr. Günter Renz, stellvertretender Akademiedirektor. Eine rechtliche Perspektive hinsichtlich der Schaden-Nutzen-Abwägung offerierte der Vorsitzende der Deutschen Juristischen Gesellschaft für Tierschutzrecht, Dr. Christoph Maisack: Er zeigte zur ‚ethischen Vertretbarkeit‘ von Tierversuchen sowohl Interpretationsspielräume als auch Inkongruenzen in der Rechtsprechung auf sowie fehlende Definitionen etwa zum erhofften Nutzen und zum Schweregrad der Belastung.

In ihrem Vortrag forderte die stellvertretende Vorsitzende des Vereins Menschen für Tierrechte, Dr. med. vet. Christiane Baumgartl-Simons, unter anderem einen Masterplan für die Förderung von Alternativen zu Tierversuchen, also dem dritten R (3R: reduce, refine, replace). Sie hob auch hervor, wie wichtig die kontinuierliche Einbeziehung aller Stakeholder in der Umsetzung etwa der EU-Gesetzgebung sei.

Die Leiterin der Wissenschafts- und Unternehmenskommunikation der Max-Planck-Gesellschaft, Dr. Christina Beck, betonte die Wichtigkeit, Internet-Empörungswellen auch im Bereich Tierschutz zunächst auf die Faktengrundlage zu überprüfen. Sie hob jedoch auch hervor, wie notwendig das Benennen von Missständen und das kritische Hinterfragen zur stetigen Verbesserung bestehender Praktiken seien.

Die Philosophin vom Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (Karlsruhe), Dr. Arianna Ferrari, zeigte wissenschaftliche, ethische und politisch-gesellschaftliche Kriterien für die Bewertung von Tierversuchen auf. Für sie sind letztere für ihre kritische Bewertung maßgeblich: die Gewaltförmigkeit, die Tierversuchen innewohnt. Sie unterstrich die Notwendigkeit eines offenen politischen und sozialen Aushandlungsprozesses in der Frage, wie sich eine Gesellschaft zum Umgang mit Tieren positionieren will. 

Die Vorträge wechselten mit einem regen Austausch im Plenum. Das äußerst fachkundige Publikum, darunter Prof. Dr. Eve-Marie Engels, Prof. Dr. Kurt Reifenberg und Dr. Norbert Alzmann, bereicherte den Austausch durch vielfältige Perspektiven aus eigenen Erfahrungen etwa in den Paragraph 15-Kommissionen, die Tierversuche genehmigen. Leidenschaftliche Wortbeiträge für eine bedingungslose Priorisierung von Tierschutz und Tierwohl fanden ebenso Raum wie Stimmen aus der Wissenschaft und aus dem Patientenkontakt, die die medizinischen und wissenschaftlichen Fortschritte aufgrund von Tierversuchen hervorhoben. 

Der Austausch, stets auf hohem Niveau und bei aller Leidenschaft dennoch sachlich geführt, unterstrich die Notwendigkeit, systematisch den bei der Tagung gepflegten Dialog zwischen unterschiedlichen Perspektiven fortzuführen: Eine reine Informationskampagne etwa der Wissenschaft stelle noch kein Forum für Austausch dar. Gleichermaßen wurde von der großen Zahl Anwesender, die selbst Paragraph 15-Kommissionen angehören, eine bessere Begleitung und Schulung zu ethischen Fragen gefordert, um klarere und kohärentere Leitlinien verfolgen zu können. Zugleich wurden jedoch auch die Schwierigkeiten vorgegebener Normen klar, da jeder ethischen Abwägung Subjektivität innewohnt. Konsequente retrospektive Bewertungen der tatsächlichen Belastung der Versuchstiere wurden ebenso gefordert wie die Einspeisung der Erkenntnisse aus Tierversuchen in eine gut zugängliche Datenbank, um unnötige Doppelforschung zu vermeiden.

Zusammen mit dem Wunsch nach einem stärkeren Brückenschlag zwischen Forschenden, die Tierversuche nutzen, und Forschenden, die an Alternativen arbeiten, wurden diese Gedanken in der abschließenden Podiumsdiskussion auch an Frau Dr. Simone Schwanitz vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württembergs adressiert. Diese betonte, dass das Land konkrete Schritte unternimmt: Ein Studium mit dem Ziel der Botanik etwa sei jetzt auch ohne Tierversuche und das Sezieren von Tieren möglich, seit 2015 besitzt Baden-Württemberg ein Verbandsklagerecht für Tierschutzorganisationen und das Land fördert die Forschung am „Replacement“ von Tierversuchen mit 400.000 € jährlich.

Die Tagung machte deutlich, wie wichtig es ist, konsequent über vermeintliche Lagergrenzen hinweg den Dialog zu suchen. Dabei zeigte sich auch, dass keine Gruppierung homogen ist – jenseits eines binären „Wir gegen sie“ ist es wichtig, die Einzelpersonen und Einzelpositionen auszuleuchten und bei allen Differenzen Anknüpfungspunkte zu identifizieren, an denen gemeinschaftlich ein Einsatz für mehr Tierwohl möglich ist.

Dr. Judith Krauß und Dr. Günter Renz

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