Vielfältig und komplex – Mobilität im ländlichen Raum beleuchtet

© Judith Krauß

Angereist mit E-Mobil, Bus, Bahn, Auto oder Fahrrad zur Tagung "Vielfältig, flexibel und selbstorganisiert – Mobilität im ländlichen Raum und die UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs)“ haben sich Teilnehmende und Referierende vom 17.02.17 bis 18.02.17 in Bad Boll über zukunftsfähige Mobilität in ländlich geprägten Räumen ausgetauscht.

Schwerpunkt der Veranstaltung war, wie Mobilität im ländlichen Raum Daseinsvorsorge und soziale Teilhabe ebenso wie wirtschaftliches Streben innerhalb ökologischer Grenzen im 21. Jahrhundert ermöglichen kann. In der Tagung, die eine lose Reihe zu Mobilität im Geiste der 2008 veröffentlichten Studie ‚Zukunftsfähiges Deutschland II‘ fortsetzte, wechselten sich Vorträge kundiger Referierender mit Diskussionsphasen, Kleingruppenarbeit und Workshops ab. 

Die Tagung, die die Evangelische Akademie Bad Boll in Zusammenarbeit mit den Evangelischen Frauen in Württemberg organisierte und die von der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert wurde, begann mit zwei Vorträgen, die hinsichtlich Mobilität im ländlichen Raum soziale und ökologische Perspektiven einbrachten. Dr. Benedikt Krams präsentierte zunächst Rahmendaten zu Mobilität in Deutschland und stellte dann das von ihm an der Universität Stuttgart begleitete Projektbeispiel E-Bürgerbus Boxberg vor. Ein besonderer Fokus war dabei, wie Ehrenamtliche und Nutzende die Dienste wahrnehmen. Nach dieser sozialen Betrachtung brachte der Projektleiter Energie-, Verkehrs- und Klimapolitik am Wuppertal-Institut, Dr. Michael Kopatz, ökologische Perspektiven in Anlehnung an sein Buch „Ökoroutine – Damit wir tun, was wir für richtig halten“ ein. Nach diesen sozialen und ökologischen Aspekten setzten sich die Teilnehmenden in Kleingruppenarbeit damit auseinander, welche Verbindungen zwischen Mobilität im ländlichen Raum und verschiedenen UN-Zielen nachhaltiger Entwicklung (SDGs) bestehen: Diskussionsthemen waren u. a. die Fähigkeit von Verkehrssystemen, speziellen Bedürfnissen etwa bei Mobilitätsbeschränkungen nachzukommen, die Verbindung zwischen Mobilität und wirtschaftlicher Entwicklung, sowie die Kompatibilität von Mobilität mit planetarischen Grenzen. 

Im dritten Vortrag der Tagung brachte Dr. Martin Schiefelbusch von der Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg umsetzungspraktische Aspekte zu Mobilitätsvorhaben im ländlichen Raum ein. Neben den „4 V“ nachhaltiger Verkehrsplanung (vermeiden, vermindern, verlagern, verbessern) thematisierte er politische, rechtliche und lokale Voraussetzungen für nachhaltige Mobilitätsvorhaben im ländlichen Raum und betonte die kollektive Verantwortung für erfolgreiches Vorankommen. Nach allen drei Vorträgen schlossen sich rege Diskussionen zwischen Referierenden und den sehr kundigen Teilnehmenden an, die etwa die Bedeutung der landkreisübergreifenden Verknüpfung von Mobilitätsangeboten, fehlende überregionale Informationsangebote etwa zu bedarfsbasierten Fahrdiensten oder die Wichtigkeit gendersensiblen Denkens und Sprechens hervorhoben.

In den zwei Workshopphasen, wiederum mit dem Rahmen der UN-SDGs gefasst, konnten die Teilnehmenden jeweils zwischen zwei Arbeitsgruppen zu konkreten Konzepten wählen. Der Verbandsdirektor des Regionalverbands Ostwürttemberg, Thomas Eble, berichtete zu Mobilität und Daseinsvorsorge und hob dabei insbesondere die Bedeutung der Ehrenamtlichen bei Fahrdiensten als Voraussetzung für Daseinsvorsorge z. B. bei Menschen mit besonderen Bedürfnissen hervor (SDG 11.2): Die Vernetzung dieser Aktiven, Schulungen und Ernstnehmen ihrer Rückmeldung seien dabei besonders wichtig und zwingend notwendig, um landkreisübergreifend erfolgreich zu sein. Rechtliche Aspekte im Zusammenhang mit nachhaltigen Gemeinschaftsverkehrssystemen hob dabei Ludwig Müller aus dem Ministerium für Ländlichen Raum Baden-Württembergs hervor, der Grenzen und Möglichkeiten etwa im Zusammenhang mit Führerschein- und Fahrzeugklassen unterstrich und darauf verwies, dass das Personenbeförderungsgesetz dringend novelliert werden müsste.

In der zweiten Workshopphase stellten Jochen Schweickhardt von der Firma Marquardt und Prof. Frank Allmendinger von der Hochschule Furtwangen das Projekt „3mobil“ vor, die Modellregion Schwarzwald-Baar-Heuberg für nachhaltige Mobilität im ländlichen Raum: Sie thematisierten insbesondere betriebliches und überbetriebliches Mobilitätsmanagement und dessen Bedeutung für Wirtschaftsentwicklung (SDGs 8 und 9.1). Der Verkehrsreferent des BUND Baden-Württemberg, Klaus-Peter Gussfeld, berichtete von verschiedenen Beispielen nachhaltiger Mobilität im ländlichen Raum auf Grundlage der BUND-Spurensuche, die 80 Projekte bundesweit identifizierte: Er hob dabei insbesondere die Wichtigkeit ökologischer Lösungen zur Verminderung der CO2-Emissionen und des Flächenverbrauchs hervor (SDGs 13 bzw. 15).

Die Tagung zeigte auf, dass bei Mobilität im ländlichen Raum entscheidend ist, lokal Pioniere und Ehrenamtliche zu haben, die Visionen entwickeln und ehrgeizige Ziele anstreben. Auch die UN-SDGs fallen in die Kategorie ambitionierter und teilweise widersprüchlicher Ziele, wobei diese Tagung dazu beitrug, die Verbindungen des Konkreten zum größeren Ganzen und unsere Verantwortung für den breiteren Kontext herauszuarbeiten. Im Angesicht der Vielfalt an Lösungsansätzen für nachhaltigere Mobilität im ländlichen Raum ist dabei essenziell, die Mobilitätssozialisation der Menschen zu bedenken, Umbruchssituationen zur Änderung bestehender Routinen hin zu kollektiven Transportlösungen zu nutzen und Anreize zum Teilen bestehender Fahrzeugs- oder Zeitkapazitäten zu schaffen: Entscheidend ist dabei oftmals weniger, an das Gewissen Einzelner zu appellieren, als vielmehr Lösungen anzubieten, die einen Mehrwert für die und den Einzelnen mit sich bringen.

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