21.03.11
Der Islam gehört zu Deutschland – nicht erst seit gestern
Die Behauptung, dass Muslime in Deutschland dieses Land nicht mit prägen, lässt sich fast nur mit Blindheit und/oder ideologischer Verbohrtheit erklären, meint Studienleiter Manfred Budzinski.
Gleich zu seinem Amteintritt erklärte der neue Bundesinnenminister Friedrich (CSU): „Dass der Islam zu Deutschland gehört, ist eine Tatsache, die sich auch in der Historie nirgends belegen lässt.“ Der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Kauder unterstützte den Minister mit folgender Aussage: „Der Islam hat unsere Gesellschaft nicht geprägt und prägt sie auch heute nicht. Der Islam gehört damit nicht zu Deutschland.“
Wohltuende Aussagen von Bundespräsident Wulff
Ziemlich starker Tobak und Unfug zugleich. Zu behaupten, dass der Islam, dass Muslime in Deutschland dieses Land nicht mit prägen, lässt sich fast nur mit Blindheit und/oder ideologischer Verbohrtheit erklären. Wer mit offenen Augen hier lebt, durch dieses Land geht, hat die faktische Anwesenheit von Muslimen vor Augen. Deshalb war es geradezu wohltuend von Bundespräsident Wulff wiederholt zu hören: „Der Islam ist ein Teil von Deutschland.“ Eine Weltreligion auszugrenzen, ja fast auszubürgern, hätte ich im Jahr 2011 nicht mehr erwartet. Hat es damit zu tun, dass der Islam in diesem Land, oft öffentlich und noch mehr insgeheim, mit den hier in der dritten Generation lebenden Menschen und ihren aus der Türkei stammenden Eltern oder Großeltern identifiziert wird?
Seit 300 Jahren leben Türken und andere Muslime in Deutschland
In Deutschland leben Menschen aus der Türkei und dem Islam nicht erst seit der Anwerbung zu Beginn der 1960er Jahre, sondern seit über 300 Jahren.
Nach dem Sieg über das türkische Heer im späten 17. Jahrhundert vor Wien kamen viele Türken als Kriegsgefangene nach Deutschland. Die damals gerade 10.000 Einwohner zählende Stadt München beheimatete über 1.000 türkische Kriegsgefangene, die im Kanalbau und an den Webstühlen beschäftigt wurden. Viele kehrten nicht in ihre Heimat zurück, sondern ließen sich nieder. Nach dem Übertritt vom Islam zum Christentum gelang nicht wenigen eine ungewöhnliche Berufskarriere, gelegentlich die Einheirat in höhere Gesellschaftskreise und die Erhebung in den Adel.
Friedrich der Große schätzte den Islam
Etwa 50 Jahre später wurden aus dem Bereich des Osmanischen Reiches Rotfärber ins Elsaß nach Mühlhausen und Rouen angeworben, denen man ihre Religion ließ. Auch in Preußen wurde die Glaubensfreiheit praktiziert. Friedrich der Große schrieb 1740 an den Rand einer Eingabe: »Alle Religionen sind gleich und gut, wenn nur die Leute, die sich zu ihnen bekennen, ehrliche Leute sind. Und wenn Türken und Heiden kämen und wollten hier im Land wohnen, dann würden wir ihnen Moscheen und Kirchen bauen.« Und 1756 bekannte er einem Vertrauten: »Ich bin genötigt, meine Zuflucht zu Treu und Glauben und zu der Menschlichkeit der Muselmänner zu nehmen, weil solche bei den Christen nicht mehr zu finden sind.«
Muslimen im preußischen Heer
Aus Russland stammende muslimische Tataren wurden preußische Soldaten. 1762 richtete die Heeresleitung in der Garnison in Goldap (Ostpreußen) ein selbständiges Bosniakenregiment ein mit einem preußischen Heeres-Imam, der »Prediger der preußischen Mohammedaner« genannt wurde. 1808 machte die muslimische Reiterei Preußens etwa 1000 Mann aus. Sie bildeten die bekannten Ulanenregimenter.
Erste Moschee in Deutschland schon 1732
Muslime begegneten in Preußen einer erstaunlichen Toleranz: Sicher aufgrund seiner Wertschätzung setzte der Philosoph Immanuel Kant das islamische Glaubensbekenntnis »Im Namen des barmherzigen, des gütigen Gottes« über seine Königsberger Promotionsurkunde. 1732 stellte Preußen den Muslimen in Potsdam einen Saal als Moschee zur Verfügung: die erste muslimische Gottesdienststätte auf deutschem Boden. Weitere folgten, zum Beispiel für muslimische Kriegsgefangene während des Ersten Weltkrieges.
Kaffee und Badekultur
Kaffee kam als türkisches Getränk Ende des 17. Jahrhunderts bei uns in Mode. Die ersten Kaffeehäuser kamen 1647 nach Venedig, 1652 nach London und 1671 nach Paris. In Deutschland wurde das erste Kaffeehaus 1673 in Bremen eröffnet. Übrigens fasste gleichzeitig die türkische Badekultur Fuß in einigen Hauptstädten Europas. Sie wurde zum Auslöser der sich später entwickelnden deutschen Volksbäder.
Der Gartenzwerg hat türkische Wurzeln
Und sogar der Gartenzwerg hat türkische Wurzeln: In der Türkei arbeiteten im 13. Jahrhundert im Bergbau Pygmäen-Sklaven. Die Türken bildeten ihnen Steinfiguren nach, um ihre Kräfte magisch zu bannen. Von dort brachten die Venezianer die Steinfiguren mit, und im 15. Jahrhundert wurde der Gartenzwerg in Deutschland gesichtet. Übrigens stammt auch der Heilige Nikolaus aus der Türkei.
"Türkisch" als Gütesiegel
Bis ins 18. Jahrhundert herrschte in Deutschland ein negatives Türkenbild vor, doch nachdem die Kaffeehäuser ein wenig den Weg bereitet hatten, galt „türkisch“ im 19. Jahrhundert als Gütesiegel. – besonders für Kaffee, Tabak und Zigaretten. 1909 entstand in Dresden eine Zigarettenfabrik im Stil einer türkischen Moschee mit Kuppel und Minarett, die man noch heute bewundern kann.
Es wäre schön, wenn historische Fakten – auch diese – von den sich negativ äußernden Politikern wahrgenommen würden.
Auszüge des Textes stammen aus:
Karin Clemens/ Manfred Budzinski
„RAUSLAND oder: Menschenrechte für alle“
Lamuv Verlag Göttingen, 1991
Bernt Engelmann
„Du deutsch?- Geschichte der Ausländer in unserem Land“
Bertelsmann Verlag,1984



