Nach dem Suizid von Robert Enke macht sich Volker Steinbrecher, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Bad Boll und Sportbeauftragter der Landeskirche, Gedanken zum Profifußball
Wer schon einmal in einem voll besetzten Fußballstadion war, kennt dieses Kribbeln auf der Haut, das entsteht, wenn der komplette Fanblock anfängt zu singen oder zu skandieren. Die Stimmung der Fans überträgt sich auf die übrigen Zuschauer – aber vor allem auf die spielenden Mannschaften – für die Eigene in der Regel unterstützend, für die Gastmannschaft verunsichernd, leider oft diffamierend, gnadenlos, Doch auch dieses Verhältnis kann kippen! Spielt die Heimmannschaft schlecht, dann gellen Pfeifkonzerte und Buhrufe gegen die eigenen Spieler durchs weite Rund. Gnadenlos, eben!
Ist das Spiel dann vorbei, übernehmen die Medien die Rolle der »Südkurve« und rücken den Profikickern zu Leibe, vornehmlich mit dem Ziel Schwächen zu offenbaren und bloßzulegen; Schwächen und schlechtes Spiel mit Kameras und Riesenobjektiven festgehalten, dokumentiert und in Schnappschüssen und Slow Motion einem emotionsgeladenen Publikum präsentiert nach dem Motto: Seht her, so sieht ein Versager aus. Zusätzlich machen Vereinsverantwortliche Druck auf ihre Spieler, denn der Profifußball ist mehr und mehr zum Geschäft geworden und das Einnahmevolumen eines Vereins entscheidet oft über seinen Tabellenplatz. Manager gehen harsch gegen undisziplinierte Spieler vor. Wo Geld fehlt, werden Spieler zur Handelsware, um die leeren Kassen wieder aufzufüllen.
Alles das trägt dazu bei, dass gerade junge Spieler unter Versagensängsten leiden. Der als sensibel geltende Sebastian Deissler gibt uns in seinem gerade veröffentlichten Buch mehrere Jahre nach seinem Karriereabbruch einen Einblick in sein damaliges Innenleben. Öffentlich sprechen Vereinsverantwortliche in solchen Situationen von Verunsicherung und der »Blockade im Kopf« und dass ein Erfolgserlebnis her müsse, damit der Spieler oder sogar ganze die Mannschaft wieder befreit aufspielen könne.
Auch Robert Enke wurde mit dem Attribut sensibel versehen. Seine Selbsttötung ist sein letztes Zeichen, gewissermaßen wie ein Aufschrei: Seht her, so schlecht ging es mir, so sehr habe ich gelitten. Der Deutsche Fußballbund, an seiner Spitze Dr. Theo Zwanziger hat dieses Zeichen tief erschüttert. Zeit zum Nachdenken, Zeit zum Trauern wird eingeräumt. Der Fußball spielt nur eine nebensächliche Rolle in diesen Tagen. Das tut gut, aber welche Schlüsse sind zu ziehen?
Zunächst ist darauf zu achten, dass Sensibilität in Zusammenhang mit Profifußball keinen falschen Beiklang bekommt, als ob es ein Makel wäre, sensibel zu sein. Ich wünsche mir im Gegenteil viele sensible Spieler in den Spitzenligen und ich wünsche mir dass die Vereinsführungen diese Spieler im Besonderen fördern. Denn Profifußballer werden immer, auch in Zukunft unter hohen Leistungsanforderungen stehen – das tun neben ihnen übrigens ja auch Millionen anderer Menschen in ihren beruflichen Zusammenhängen. Nur der Grad der öffentlichen Wahrnehmung ist deutlich ein anderer, als bei den Fußballern. D. h. es kommt beim Fußball letztlich auf seine Inszenierung an, angefangen bei den unteren Ligen bis hin zum Spitzenfußball. Und es kommt darauf an, wie alle Beteiligten an dieser Inszenierung, also z. B.. Vereinsfunktionäre, Fans, Medienmenschen und die Spieler selbst mitwirken.
Wie gestalten wir gemeinsam künftig Fußball, bei dem Schwächen erlaubt sind? Über Rituale im Stadion wird nachzudenken sein, über Kommunikationswege zwischen Verein, Spieler und Fans und über den Umgang mit Tabuthemen, wie Krankheit oder auch Homosexualität. Kaum auszudenken, wenn sich ein schwuler Bundesligaspieler wegen seiner Stigmatisierung in Not geraten würde.
Den Vereinsverantwortlichen kommt in der fürsorglichen Begleitung ihrer Spieler dabei eine besondere Pflicht zu, aber letztlich geht es darum eine Fußballkultur und ein gesellschaftliches Umfeld zu schaffen, in der solche Tabus enttabuisiert werden und in der Schwächen vorkommen dürfen. Christlicher Glaube macht deutlich: Der Mensch ist mehr, als die Summe dessen, was er leistet. Das kann helfen mit Brüchen und Abbrüchen im Leben umgehen zu lernen. Eine Garantie dafür gibt es zwar nicht – aber die Hoffnung auf eine künftig humanere Inszenierung von Fußball ist auch nicht unbegründet, – oder?
Volker Steinbrecher