Akademie-Studienleiter Wolfgang Wagner, zuständig für »Ökumene und interreligiösen Dialog«, kommentiert den Ausgang der Schweizer Volksabstimmung zum Verbot von Minaretten
Manchmal kommen Tagungen zu früh. Kurz vor der „Eidgenössischen Volksinitiative : Für ein Bauverbot von Minaretten“ beschäftigten wir uns am 20.11.2009 in der Evangelischen Akademie Bad Boll mit interreligiösen Konflikten am „Beispiel Moscheebau“. Nach der Abstimmung der Schweizer Bevölkerung (pro 57,5 Prozent) und der jetzt erregten internationalen Diskussion in vielen Medien, wäre wohl das Interesse noch größer gewesen. Dann hätten noch mehr Menschen das eindeutige Votum des württembergischen Regionalbischofs Prälat Hans-Dieter Wille gehört: „In Deutschland achten die Kirchen das Grundgesetz der Religionsfreiheit. Christen erheben keine Einwände gegen neue Moscheebauten.“ Punktum!
Deswegen muss das nicht allen gefallen. Drei Evangelische Kirchengemeinden wurden beispielsweise zitiert, die angesichts eines neuen Moscheebaus in einer Stellungnahme formulieren: „Wir begrüßen das Vorhaben nicht… Wir können schon deshalb keine Freude empfinden, weil unsere christlichen Glaubensgeschwister gerade in der islamischen Welt in vorher nicht bekanntem und in stetig steigendem Maß sich der massivsten Verfolgung ausgesetzt sehen.“ Recht auf Ausübung der islamischen Religion schließt nicht unbedingt ein, dass Muslime gern gesehen werden. Es gibt nun mal kein Recht auf Beliebtheit. Andererseits hat demgegenüber Prälat Wille deutlich gemacht, dass das schlechte Beispiel anderer Länder für uns kein Maßstab sein kann.
Muslime – so wurde es auf der Tagung gesagt – tun sich keinen Gefallen, wenn sie sich vornehmlich als Opfer der nichtmuslimischen Mehrheit sehen, die oft auch keine christliche mehr ist. Die Religionsfreiheit ist nicht gefährdet in Europa, denn Moscheen können gebaut werden. Die christlichen Kirchen der Schweiz haben sogar viel getan, um gegen die Initiative zu mobilisieren. Sie waren darin eins mit den politischen und gesellschaftlichen Meinungsführern. Es hat nichts genutzt. Warum nicht?
Wir kennen nur die Motive einzelner Befürworter. Umfragen, gar repräsentative, gibt es noch nicht. Dennoch waren hierzulande die Kommentatoren hurtig mit ihren als gesichertes Wissen ausgegebenen Vermutungen vor den Kameras. Angst soll die Schweizer Köpfe benebelt haben. Dumpfe Vorurteile hätten sie verleitet. Hinterwäldler und Bergler hätten sich für Kränkungen an unschuldigen Migranten gerächt. Wenn man eine demokratische Entscheidung dermaßen arrogant abtut, weckt das nur den Trotz. Ärgerlicherweise war die Begründung der Initiatoren nämlich kaum zu lesen:
”Mit dem Ja zum Minarettverbot hat das Volk auch durchgesetzt, dass das Schweizer Recht ohne jeden Abstrich auch für alle Einwanderer verbindlich ist. Jedem Versuch, Elemente des Scharia-Rechts in der Schweiz durchzusetzen, wurde mit dem Ja zum Minarettverbot eine kompromisslose Absage erteilt. Die für jeden Einwohner der Schweiz verbindlichen Grund- und Freiheitsrechte sind gestärkt worden.” Dem kann man widersprechen, aber man sollte die vielen Befürworter nicht in die extreme Ecke stellen.
Es geht also nicht nur um Minarette, sondern um die Begrenzung des politischen Einflusses, den Minarette eben auch demonstrieren. Das wird besonders deutlich, wenn programmatische Namen wie ”Eroberer Moschee” (Fatih Camii) gewählt werden. Türme sind nun mal von Anfang an auch Symbole der Macht. So wie sich im Mittelalter die deutschen Städte einen Wettbewerb lieferten, wer den höchsten Kirchturm bauen kann, so wetteifern heute säkulare Staaten um den höchsten Wolkenkratzer. Der biblische ”Turmbau zu Babel” findet immer wieder statt.
Es ging in der Abstimmung nicht nur um lokale, sondern auch durch Medien vermittelte weltweite Wahrnehmungen. Schließlich kann man im letzten Bergdorf fernsehen, was in Arabien und Pakistan geschieht. Muslime tun sich einen Gefallen, wenn sie entsprechende Vorwürfe nicht nur zurückweisen, sondern mit Argumenten widerlegen. Noch wirksamer ist es , wenn sie mithelfen, dass Menschenrechte und Religionsfreiheit auch dort durchgesetzt werden, wo Muslime die Mehrheit haben.
Es ist kein Zufall, dass die Schweizer Befürworter auch die Christenverfolgung angesprochen haben. Und sie ärgern sich mit Recht, wenn ausgerechnet der türkische Ministerpräsident sie nun Rassisten nennt. Denn die Türkei mit ihrer verqueren Religionspolitik gibt allen Islam-Gegnern immer neue Nahrung. Gerade in diesen Wochen soll dem altehrwürdigen orthodoxen Kloster im Tur Abdin der Garaus gemacht werden.
Die Schweizer Abstimmung ist allerdings ein Desaster für die kirchliche Erwachsenenbildung und Dialogarbeit, die offenkundig nur kleine Gruppen erreicht. Weite Teile der Bevölkerung verstehen sich zwar kulturell als Christen, ignorieren aber die Arbeit der Kirchen und nehmen an ihrer Entwicklung kaum teil. Die Früchte des interreligiösen Dialogs müssen deswegen sichtbar gemacht werden. Es ist ein eindrucksvolles Zeichen der Wertschätzung, wenn eine Kölner Kirchengemeinde für die Ehrenfelder Moschee Geld sammelt. Es ist eine bleibende Demonstration, dass Pforzheimer Christen vor Jahren schon der dortigen Moschee einen Kronleuchter gespendet haben. In christlich- islamischen Gemeinschaften lernt man sich kennen, verstehen und unterscheiden. Denn nicht jeder Islam ist gleich. Wenn ich bekenne: ”Es gibt einen Islam, den ich liebe.” Dann gilt umgekehrt, dass es auch einen gibt, den ich ablehne. Das ist praktizierte Nächstenliebe. So entwickelt sich die Begegnung zur Zusammenarbeit, um die riesigen globalen Aufgaben gemeinsam anzugehen.
Bei aller Aufregung über das Minarettverbot wird nämlich völlig vergessen, dass die Schweizer am gleichenTag auch für die Erlaubnis weiterer Waffenexporte gestimmt haben. Damit werden Kriege und Gewalttaten in aller Welt gefördert. Wir Deutsche machen das auch – und dürfen nicht einmal dazu abstimmen.
Wolfgang Wagner