25.02.11
Der Mensch lebt nicht vom Brot allein
Eine Eindämmung der Zeitarbeit fordert Jens Junginger, Vorsitzender des kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt (KDA).
Die Stimmung in der Wirtschaft ist auf Rekordhoch, Partylaune ist angesagt. Doch nicht alle Beschäftigen teilen die Hochstimmung. Denn es gibt vom Arbeitsmarkt zwar ermutigende Signale, doch dazu beigetragen hat auch die Ausweitung der Zeitarbeit. Und diese ebnet in der Mehrheit nicht den Weg in unbefristete Beschäftigung. Leiharbeit ist ein Sparmodell – für die Betriebe, die Kosten sparen, aber auch für die Leiharbeiter, die dauerhaft weniger Lohn als festangestellte Kollegen bekommen und langfristig einer unsicheren Zukunft entgegen sehen.
Die Bundesagentur für Arbeit verzeichnet die höchste Integrationsquote in den Arbeitsmarkt seit sechs Jahren, die geringste Zahl an Langzeitarbeitslosen. Das ist gut, doch Grund dafür ist auch die stetige Erleichterung bei der Arbeitnehmerüberlassung. Die Neuregelung hat dazu geführt, dass es heute in Deutschland bis zu 8.000 Zeitarbeitsfirmen gibt. Außerdem haben rund eine Million Arbeitnehmenden zeitlich befristet Arbeit gefunden. Auch in Baden-Württemberg haben Zeitarbeitsfirmen 2010 80.000 Menschen neu vorübergehend entliehen. Das sind 83 Prozent der neu besetzten Arbeitsplätze.
Aus Sicht der Auftraggeber ist die Einstellung von befristeten Beschäftigten ein erheblicher Kostenvorteil. Die Beschäftigten erhalten bis 35 Prozent weniger Lohn, kein Urlaubs- und Weihnachtsgeld und die Betriebe zahlen weniger in die Sozialkassen ein. Politik, Arbeitsmarktexperten und manch ein Beschäftigter sagen sich: Gut, dass wenigstens vorübergehend für irgendeine Arbeit gesorgt ist. Mancher hegt die Hoffnung: Vielleicht werde ich ja auch übernommen. Vielfach wird diese Hoffnung jedoch enttäuscht.
Fleiß und Stillhalten bei sich erhöhendem Leistungsdruck und Engagement werden nicht belohnt. Der so genannte Klebeeffekt liegt laut des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (iab) gerade mal bei 8 Prozent - nicht einmal jeder 10. Leiharbeitseinsatz mündet in eine Festanstellung. Zweifellos kann Leiharbeit im Einzelfall eine Chance sein, um Erfahrung zu sammeln und eine über eine Qualifikation eine Perspektive zu erhalten. Aber Leiharbeit, so wie sie sich ausgebreitet hat, ist keine individuelle Integrationshilfe. Leiharbeit ist ein Sparmodell. Und zwar in doppelter Hinsicht: Unternehmen sparen Kosten und die Beschäftigten sind angesichts ihrer deutlich geringeren Entlohnung und angesichts einer unklaren persönlichen und beruflichen Zukunft ebenfalls zum Sparen gezwungen.
Eine festgelegte zumindest stufenweise Angleichung der Löhne und der Arbeitsbedingungen von Zeitarbeitskräften an die der Stammbelegschaften muss unverzüglich vereinbart werden. Das würde die wirtschaftliche Situation von länger eingesetzten, erfahrenen Zeitarbeitern verbessern und zugleich die Übernahme in eine Festanstellung fördern. Außerdem müssten Anreize geschaffen werden, dass Zeitarbeitsfirmen ihre Mitarbeiter verstärkt in dauerhafte Beschäftigungen vermitteln.
Derzeit sind Angst und Sorge noch fortwährende Wegbegleiter der Leiharbeitenden.
Seit 2003 gibt es keine zeitliche Begrenzung der Zeitarbeit mehr. Man kann es sich kaum vorstellen was es bedeutet, wenn Zeitarbeit zur Dauerstellung fürs Leben geworden ist. Aus sozialethischer Sicht gilt es festzuhalten: Ein jeder Mensch ist seines Lohnes wert. Zugleich gilt aber auch ein zweites:. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Insofern kann die gewerkschaftliche Forderung nach "equal pay" - gleicher Bezahlung von Festangestellten und Zeitarbeitern - nur ein erster Schritt zu mehr Gerechtigkeit und Sicherheit sein.
Ein Mensch, ja eine Gesellschaft ist jedoch darauf angewiesen, dass andere, sehr wesentliche „Grundnahrungsmitteln“ vorhanden sind. Solche, die Menschen zufrieden und zuweilen glücklich machen, die stärken, ermutigen, aufbauen, trösten, auch korrigieren, fröhlich stimmen und trösten, kurz: soziale Beziehungen. Eine Nötigung zur Flexibilität, zu Mobilität und einem unsteten, materiell unsichern, nervlich angespannten von dauerhafter Angst und Sorge bestimmten Lebensgestaltung, wie es derzeit beinahe 1 Million Leiharbeitende in Industrie und auch in den kirchlichen Wohlfahrtsunternehmen erleben, sind Krankheit und der Bruch sozialer Beziehungen vorprogrammiert.
Wir sind auf langfristige Verlässlichkeiten angewiesen. Sie nähren uns seelisch. Es bedarf der guten sozialen Rahmenbedingungen, das Eingebunden sein in eine verlässliche Solidargemeinschaft, bei der Arbeit und im Privatleben. Davon leben wir. Verantwortungsvolle Unternehmen wissen darum und sorgen dafür. Und manche Verantwortungsträger handeln auch danach, wie etwa der Direktor des Essener Universitätsklinikums Ekkard Nagel, wenn er sagt „Menschen in sozialer Verantwortung … behandeln… das muss sich widerspiegeln im Hinblick auf die Mitarbeiter“.
Der vorstehende Text erscheint im Internetangebot der Evangelischen Akademie Bad Boll in der Rubik »Meine Meinung«. Es handelt sich nicht um eine Stellungnahme der Evangelischen Akademie Bad Boll, sondern um einen persönlichen Kommentar des Autors.



