21.10.09
Sozialenzyklika des Papstes: Eine Annäherung der Konfessionen?
Ökumene-Studienleiter Wolfgang Wagner kommentiert die Enzyklika »Caritas in Veritate«
In der evangelisch-katholischen Ökumene hängt der Haussegen schief. Diesen Eindruck konnte man jedenfalls gewinnen, als ein inoffizielles Papier des Ökumenereferenten der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mit kritischen Bemerkungen über die Katholische Kirche in die Öffentlichkeit lanciert wurde. Indes enthielt der Text nur, was aufmerksame Zeitungsleser überall finden können, jedoch der unfreundliche Ton verdarb die Harmonie. Leute mit Anstand werfen solche Drucksachen zwar in den Papierkorb, aber einigen Medienleuten schien es zu gefallen, eine Kontroverse anzufachen.
Um so mehr überrascht es, dass der Nahost-Korrespondent Jörg Bremer in der FAZ vom 20.10.09 in ei-nem großen Kommentar zur letzten Sozialenzyklika des Papstes eine Annäherung der Konfessionen bemerkt. Er zitiert den Kurienkardinal Paul Josef Cordes, der in der Enzyklika „Caritas in Veritate“ vom 29.6.2009 eine Kehrtwende sieht: „Die Umkehr in der katholischen Soziallehre könnte sich nach Cordes als ein Beitrag zur Ökumene mit den Protestanten erweisen. Diese hätten nie von ‚Soziallehre’ gesprochen, sondern sich stets näher an Wort und Schrift orientiert und von ‚Sozialethik’ geredet.“
Studiert man die 120-seitige Enzyklika sorgfältig, fällt auf, dass der Papst in der Tat eine ungehemmte Globalisierung bremsen und humanisieren will. Es heißt dort in Artikel 67: „Um die Weltwirtschaft zu steuern, die von der Krise betroffenen Wirtschaften zu sanieren, einer Verschlimmerung der Krise und sich daraus ergebenden Ungleichgewichten vorzubeugen, um eine geeignete vollständige Abrüstung zu verwirklichen, die Sicherheit und den Frieden zu nähren, den Umweltschutz zu gewährleisten und die Migrationsströme zu regulieren, ist das Vorhandensein einer echten politischen Weltautorität… dringend nötig. Eine solche Autorität muss sich dem Recht unterordnen, sich auf konsequente Weise an die Prinzi-pien der Subsidiarität und Solidarität halten, auf die Verwirklichung des Gemeinwohls hingeordnet sein, sich für die Verwirklichung einer echten ganzheitlichen menschlichen Entwicklung einsetzen, die sich von den Werten der Liebe in der Wahrheit inspirieren lässt.“
Der Papst weiß, dass allenfalls die UNO eine solche Autorität werden kann, wenn die Völker und nicht nur Staatsvertreter ihre Stimme erheben. Dazu braucht es emanzipierte, demokratisch engagierte Menschen wie sie sich in vielen Basisgemeinden organisieren. Letztlich ist es das protestantische Prinzip, nach dem auch die evangelischen Kirchen sich ausrichten.
So ist es nicht verwunderlich, dass Jörg Bremer seinen Kommentar mit einem urprotestantischen Zitat beschließt: „Die Enzyklika klingt in der Tat wie eine späte katholische Antwort auf eine kleine Schrift von Eberhard Müller, dem Gründer der ersten Evangelischen Akademie in Bad Boll, der 1953 schrieb, langsam sehe man ein, dass die Rettung des säkularisierten Menschen im Zeitalter der kooperativen Arbeitswelt „nur durch wahre Menschenliebe… möglich ist. Die technisierte Welt ruft nach dem Dienst der Kirche.“
Bleibt nur hinzuzufügen, dass in Bad Boll nach 1953 die Entwicklung nicht stehen geblieben ist.
Wolfgang Wagner
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