08.06.05
Immer wieder kommen bei Akademietagungen Muslime oder Juden zur Morgenandacht. Manchmal nehmen sie passiv am Gebet teil, manchmal aber auch aktiv. Pfarrer Wolfgang Wagner ist überzeugt: Gemeinsames Beten kann Gewalt überwinden.
Rezension:
Gemeinsam vor Gott
Gebete aus Judentum, Christentum und Islam
Hrsg. v. Martin Bauschke, Walter Homolka und Rabeya Müller
Gütersloher Verlagshaus 2004, 160 Seiten, € 16,95
Die Herausgeber haben ein auch äußerlich ansprechendes Gebetbuch vorgelegt, das Gebete aus dem jüdischen, christlichen und muslimischen Gebetsschatz enthält. Einige sind für das "Nebeneinander-beten" geeignet, wie es das berühmte Friedensgebet von Assisi vorgeführt hat. Andere Texte laden dazu ein, miteinander zu beten, in dem entweder dieselben gemeinsam formulierten Gebete gesprochen werden oder sich die Angehörigen zweier Reli-gionen am Gebet der sie einladenden dritten Religion beteiligen. Dies wird vor allem schon in Schulen, Krankenhäusern, Gefängnissen und bei Trauerfeiern praktiziert. Es gibt aber auch die dritte Möglichkeit, dass zunächst die je eigenen Gebete gesprochen werden und dann am Schluss der Feier auch ein gemeinsames vorgetragen wird. Diese Form nennen die Autoren ihres inklusiven Charakters wegen "abrahamisches Beten", weil es sowohl das je eigene als auch das gemeinsame betont.
Nun hat dieses Büchlein evangelikalen Protest hervorgerufen, weil es von der Militärseelsorge für den eigenen Gebrauch in großer Zahl angeschafft wurde. Unverständlicherweise hat sich sogar Bischof Wolfgang Huber als EKD-Vorsitzender in die Debatte so eingeschaltet, dass er vor dem gemeinsamen Beten warnt. Es scheint für viele besser zu sein, wenn sich etwa Christen und Muslime die Köpfe einschlagen, als wenn sie womöglich gemeinsam "inkorrekt" beten. Aber vermutlich ist die Entwicklung gar nicht aufzuhalten, da immer mehr gemeinsame Gruppen entstehen wie die christlich-islamischen Arbeitsgemeinschaften oder "Abrahamische Häuser". Der Interkulturelle Rat hat schon 2001 ein "Abrahamisches Forum" auf den Weg gebracht, zu dessen wichtigsten Aufgaben es gehört, neben religiösen Festen und Feiern auch Tagungen für Rabbiner, Pfarrer und Imame zu veranstalten. Sie haben "Abrahamische Teams" aufgebaut, die vor allem in Schulen gehen oder bei Podiumsdiskussionen über ihr religiöses Miteinander sprechen. Natürlich muss man als Christ dabei nicht mitmachen. Niemand ist zum interreligiösen Gebet gezwungen. Aber alle sollten sich vernünftige theologische Gedanken darüber machen und nicht lediglich ihre Vorurteile plakatieren.
Der evangelikale Vorwurf, dass die Trinität oder Christus in den Texten verschwiegen wird, ist nur albern. Denn es ist klar, dass ich nicht mit Formulierungen einladen kann, die andere ablehnen. Aber auch das "Vater unser" enthält keine trinitarische Formulierung, die Psalmen erwähnen Christus natürlich nicht. Dennoch sind es legitime christliche Gebete. Vorausset-zung ist allerdings, dass Juden, Christen und Muslime von einem gemeinsamen Gott ausgehen. Für Juden und Muslime ist das keine Frage, Katholiken haben seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil eine eindeutige Erklärung (lumen gentium, 16) und auch die Protestanten hätten ein eindeutiges Wort, wenn sie etwa dem Ökumenischen Rat in seinem Schlussdokument des ersten Dialogtreffens mit Vertretern des Islams 1969 in Cartigny zustimmen würden: "Judentum, Christentum und Islam gehören nicht nur historisch zusam-men; sie sprechen von demselben Gott, Schöpfer, Offenbarer und Richter."
Sicherlich gibt es unterschiedliche Gottesbilder und Gotteserfahrungen. Aber die finden sich auch innerhalb einer jeden Konfession. Doch hier geht es nicht um Debatten über Gott, son-dern um das gemeinsame Gebet vor Gott. Die Herausgeber sprechen deswegen sehr schön von spiritueller Gastfreundschaft. Wie ich als Gastgeber für Muslime nicht gerade Schweine-braten auf den Tisch bringe, ohne deswegen zu verschweigen, dass ich mitunter gern Schweinebraten esse, oder ihm ein Glas Wein hinstelle ohne zu unterschlagen, dass ich mitunter gern ein Glas Wein trinke, so ist es legitim, auch bei den Gebeten den Vorstellun-gen der anderen entgegen zu kommen. "Sich gegenseitig spirituelle Gastfreundschaft zu gewähren bedeutet, sich auf das Wagnis einzulassen, gemeinsame Gebetserfahrungen mit dem einen Gott zu machen. Bedeutet, nicht nur nebeneinander, sondern auch miteinander vor dem einen Gott zu stehen. Bedeutet, nicht nur nacheinander, sondern auch gleichzeitig mit einer Stimme zu Gott zu sprechen. Juden, Christen und Muslime beschenken sich ge-genseitig durch den Reichtum ihrer Gebete, die sie voreinander, nebeneinander oder auch miteinander sprechen, ohne dass sie darum aufhörten, Juden, Christen und Muslime zu sein." S. 20
Nicht nur in der Bundeswehr, sondern mehr noch in Schulen und Gemeinden wird dieses Büchlein einen guten Dienst tun. Das gilt insbesondere auch da, wo Christen und Muslime schon jetzt vertrauensvoll zusammenarbeiten.
Wolfgang Wagner



