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24.02.06

Das Leid der frühen Jahre

Zur kirchlichen Heimerziehung in der Nachkriegszeit

Peter Wensierski hat in der Deutschen Verlagsanstalt München 2006 das Buch veröffentlicht „Schläge im Namen des Herrn“. Seine Forschung ist knapp dargestellt in einem Dossier der „Zeit“ Nr. 7 vom 9.2.2006.

Seine These: Hunderttausende von Kindern wurden in Heimen der jungen Bundesrepublik misshandelt. Die größte Verantwortung trifft die Kirche. Liest man diesen Artikel, ist man schockiert von der Gewalt, die im Namen „christlicher Nächstenliebe“ jugendlichen Heimbewohnern angetan wurde. Den größten Anteil hat offenkundig die katholische Kirche durch ihre Caritas-Heime. Aber auch die evangelische Diakonie ist betroffen. Kritisch wird vermerkt, dass sich die Kirchen vor dem offiziellen Eingeständnis ihrer Schuld gegenüber den ehemaligen Heimkindern drücken, wenn sie auch Vorwürfe nicht mehr einfach abwehren. Doch es reicht nicht aus, was der Präsident des Diakonischen Werkes, Jürgen Gohde, reichlich gewunden formuliert hat: „An dieser Stelle müssen wir feststellen, dass das zu dem Teil der Geschichte gehört, mit dem wir leben müssen.“ Immerhin benennt er die obrigkeitsstaatliche Tradition der Erziehung, von der auch die Kirche nicht frei gewesen ist.

Meines Erachtens ist eine ökumenische Anstrengung nötig, um diese dunkle Vergangenheit aufzuarbeiten. Ansätze sind etwa Äußerungen von Günter Matschke, der Anfang der sechziger Jahre als junger Diakon in einem Knabenheim gearbeitet hatte: „Unser ganzer Stil war im Grunde gewalttätig“. Der Caritas-Abteilungsleiter im Erzbistum Paderborn Theo Breuel, hat sogar gegenüber ihm persönlich bekannten Betroffenen ein Schuldbekenntnis abgelegt, wie es die Kirchen insgesamt tun sollten: „Wir bedauern zutiefst, dass Derartiges vorgekommen ist“. Von den einst 3000 Kinderheimen werden heute noch etwa 400 genutzt. Die heutigen Leiter und Mitarbeiter können sich kaum an das erinnern, was sich vor drei oder vier Jahrzehnten in ihrem Haus einmal abgespielt hat. Die Opfer allerdings erinnern sich sehr wohl.

Da die Anzahl der auffällig gewordenen Kinder und Jugendlichen wieder zunimmt, verlangen Einige wieder das „Wegsperren“ und ein härteres Durchgreifen.

Interessant ist, dass ein positiver Wechsel erst nach 1968 durch die „Heimkampagne“ der APO eingeleitet wurde. Ein bleibendes Verdienst kommt hier der Journalistin Ulrike Marie Meinhof zu. Es ist tragisch, dass diese begabte Frau später in den Terrorismus sich verlor.

Die Evangelische Akademie Bad Boll plant dazu Veranstaltungen. Wer sich dafür interessiert, möge sich melden. Ich denke, dass diese Leidgeschichte ökumenisch aufgearbeitet werden sollte. Und wenn sich die Kirchenleitungen nicht bei den Opfern entschuldigen und, sofern möglich, für Wiedergutmachung sorgen, will ich es tun.

Wolfgang Wagner


 

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