Globale Trends

Kondratiew-Zyklen

Der russische Wirtschaftswissenschaftler Kondratiew entwickelte 1926 eine interessante Theorie, die Wirtschaftsaufschwünge durch Basisinnovationen angetrieben sah. Haben diese ihren Nutzen voll entfalten können - und dies auf immer effizientere Weise -, kommt es zu einem Abschwung bis wieder eine entscheidende Innovation einen neuen Zyklus in Gang setzt. Damit konnte Kondratiew gut den Aufschwung in der Folge der Erfindung der Dampfmaschine für Kohlebergbau und Textilindustrie, dann für die Eisenbahn und die Stahlindustrie deuten. Den dritten Zyklus auf Grund der Erfindung der Elektrizität sah er 1926 im Abschwung begriffen und damit die Weltwirtschaftskrise voraus. Ein vierter und fünfter Zyklus lassen sich leicht ausmachen. Zunächst die grundlegenden Neuerungen von automobiler Massenproduktion und Öl als Energieträger, dann ab etwa 1970 die Informations- und Kommunikationstechnologie.

Elektromobilitätstag 2016, Foto: G. Renz

Was wird der 6. Kondratiew-Zyklus sein?

Sehr unterschiedlich sind nun die Vermutungen, wodurch nun ein 6. Zyklus gekennzeichnet sein könnte. Einige Trendforscher nennen die »Lebenswissenschaften« oder Gentechnologie, Nanotechnologie und/oder weitere Wissenschaftszweige. Andere sehen nach Kohle und Öl künftig alternative Energien als entscheidende Energieträger an, auf denen innovative nachhaltige Technologien (z.B. Elektromobilität) aufbauen. Schließlich wurde als starkes neues Bedürfnis das nach Gesundheit, Bildung, gutem Leben und sogar ethisch verantworteter Lebens- und Wirtschaftsweise angenommen - eine überraschende Veränderung in der Art des »Innovationsbedarfs«.

Elektromobilität

Angesichts der Bedeutung, die die Automobilindustrie seit dem 4. Kondratiew-Zyklus besitzt, sowie der Tatsache, dass die fossilen Energieträger zunehmend diskreditiert sind, Mobilität aber ein hohes Bedürfnis bleibt, stellen ohne Zweifel zukunftsweisende Mobilitätskonzepte, bei denen sicher auch  Elektromobilität eine Rolle spielt, einen starken Megatrend dar. Die Akademie Bad Boll veranstaltet regelmäßig Tagungen zur Mobilitätskultur.

Eisenbahn-Museum Camik Foto: G. Renz

Die vierte industrielle Revolution

Geht es Kondratiew um fünf Basisinnovationen, die die Märkte angetrieben haben, beschränken sich andere auf die Rekonstruktion von regelrechten industriellen Revolutionen. Hier sind drei zu nennen, die charakterisiert werden können durch die Dampfmaschine und die Eisenbahn, die Elektrizität und das Fließband sowie durch den Computer und das Internet.

Anfang 2016 hat Klaus Schwab mit „The Fourth Industrial Revolution“ ein Buch veröffentlicht, in dem er die Brisanz der gegenwärtigen globalen Entwicklung, die sich unter dem Leitmotiv der Digitalisierung vollzieht, vor Augen führen will. Klaus Schwab ist Gründer und Präsident des Weltwirtschaftsforums.

Wer, gestützt auf die am Weltwirtschaftsforum häufig geübte Kritik, neoliberalen Fortschrittsoptimismus erwartet, wird eines Besseren belehrt. Schwab bezeichnet sich zwar als pragmatischen Optimisten, aber er klammert die bestehenden und sich abzeichnenden Probleme ebenso wenig aus wie die Verantwortung der Politik bei der Gestaltung der rasch sich vollziehenden Entwicklungen.

Digitalisierung

Während andere Analysten die aktuelle Entwicklung als Weiterführung der dritten begreifen, sieht Schwab eine vierte industrielle Revolution im Aufstieg begriffen. Diese sei gekennzeichnet durch die Verschmelzung der neuen Technologien und Entdeckungen ganz verschiedener Disziplinen. Fortgeschrittene Robotik, neue Materialien, der 3D-Drucker, Bio- und Gentechnologie, allesamt verbunden durch die digitalen Anwendungen, führen zu im Einzelnen noch nicht voraussagbare Innovationen. Die Gensequenzierung ist nur durch die schnellere Datenverarbeitung möglich geworden. Der 3D-Druck wird inzwischen sogar zum Druck von Zellgewebe verwendet. Nanomaterialien wie etwa Graphene, die 200 mal stabiler als Stahl sind, eröffnen ressourcenschonende Anwendungen neuer Art.

Schwab erwartet schnelle Fortschritte auch bei den erneuerbaren Energien und Speichertechniken. Er hofft, dass damit dem real drohenden Klimawandel begegnet werden kann.

Digitale Innovationen

In einem Anhang finden sich prognostizierte Trends der digitalen Revolution, die das Weltwirtschaftsforum unter Führungskräften erhoben hat. Eine deutliche Mehrheit erwartet bis zum Jahr 2025 z.B.: implantierte „Handys“, Internetanschluss von 10% der Brillen, 10% führerlose PKW in den USA und eine transplantierbare Leber aus dem 3D-Drucker.

Wie ist es aber zu erklären, dass es trotz dieser behaupteten Revolution bislang nicht zu einem deutlichen Wirtschaftswachstum kommt? Nach Schwab wird der begonnene Wandel teilweise verdeckt dadurch, dass der Qualitätsgewinn für den Verbraucher sich nicht in den Statistiken widerspiegelt. Es kann mehr Musik konsumiert werden, es kann mehr kommuniziert werden, ohne dass dafür mehr Geld ausgegeben werden muss.

Künftig werden Unternehmen weniger Waren als Dienstleistungen anbieten. Man muss ein Buch, eine CD, ein Auto, eine Wohnung nicht mehr besitzen, um sie nutzen zu können. Online-Plattformen vermitteln diese Dienste.

Chancen und sich abzeichnende Probleme

Schwab sieht eines der größten Probleme in zunehmender Arbeitslosigkeit. 47% aller Arbeitsplätze in den USA könnten von zunehmender Automatisierung betroffen sein. Mit den Fortschritten der künstlichen Intelligenz werden selbst Rechtsanwälte und Ärzte von wichtige Tätigkeiten „entlastet“ werden.

Es ist zu erwarten, dass die Nutznießer der vierten industriellen Revolution Erfinder, Investoren und Shareholder sein werden, während immer mehr Menschen prekären Arbeitsbedingungen unterliegen. Zunehmend werden Menschen in der „human cloud“ ihre Dienste preisgünstig anbieten, sei es das Schreiben eines Computerprogrammes oder eine Taxifahrt mit dem privaten PKW. Im günstigsten Falle wird die angestrebte Work-life balance zu einer harmonischen Work-life-Integration. Es droht aber auch Ausbeutung und ein Wettbewerb nach unten.

Wir werden, so Schwab, die Risiken nicht meistern und die Früchte der vierten Revolution nicht ernten können, wenn wir nicht einen Sinn für ein geteiltes Ziel und das gemeinsame Gute entwickeln. Schwab schließt mit einem engagierten und überzeugenden Plädoyer für einen intensiven Diskurs darüber, in welcher Welt wir gemeinsam leben wollen: „Alle diese neuen Technologien sind zuerst und vor allem Werkzeuge, gemacht von Menschen für Menschen.“

Dr. Günter Renz