Gott wird Mensch in jedem Körper, der liebt, leidet, hofft, zweifelt, glaubt.

Eine Osterandacht von Wirtschafts- und Sozialpfarrerin Kathinka Kaden

Ostern ist eine Zumutung. Die neutestamentlichen Berichte erzählen nicht einfach von einem Happy End, sondern von Begegnungen, die die Welt sprengen. Auch Lukas beschreibt eine gebrochene Körperlichkeit des Auferstandenen: Jesus wird gesehen und verkannt, berührt und entzieht sich zugleich. Er isst Fisch und überschreitet doch die Grenzen der Welt. Das leere Grab weckt nicht sofort Glauben – zuerst stehen Schrecken, Entsetzen und Nicht Verstehen. Erst tastende Begegnungen führen dahin, dass Menschen begreifen: Gottes Wirklichkeit ist stärker als der Tod.

Christlicher Glaube lässt sich nur von der Auferstehung her verstehen. Seit dem leeren Grab fehlt Jesu Körper. Seit Himmelfahrt bleibt eine Leerstelle: Christus ist anwesend im Modus der Abwesenheit. Wir können Jesu Körper, sein Geschlecht, seine Identität nicht rekonstruieren. Jede Rede über Jesus ist abhängig von Zeit, Kultur und Erwartungen – und sagt immer auch etwas über uns selbst aus. Darum stellt sich die Frage: Mit welchen Vorstellungen füllen wir den Mangel an Körper?

Die Tradition zeigt: Christi Leib war nie eindeutig. Der Kirchenhistoriker Anselm Schubert beschreibt eine erstaunliche Vielfalt christlicher Körperbilder – von männlicher Vollkommenheit bis zur Darstellung Christi als Sophia, der weiblichen Weisheit Gottes. Im Mittelalter konnte Christus gar mit Brüsten, Uterus, Muttermilch oder mütterlichen Rollenerwartungen erscheinen. Diese Bilder irritieren – und befreien. Denn sie zeigen: Die Kirche war dort lebendig, wo sie die Mehrdeutigkeit Christi zuließ.

Die Theologin Lisa Isherwood betont, dass Inkarnation kein abgeschlossenes Ereignis ist. Nicht ein einzelner männlicher Körper verkörpert Gott, sondern jeder Mensch kann Ort göttlicher Gegenwart werden. Inkarnation ist ein fortwährender Prozess der Ver  und Umkörperung: Gott wird in uns, durch uns, zwischen uns Mensch – vielfältig, verletzlich, schön.

Zurück zu Ostern: Zuerst steht der Schock des Verlusts. Dann die Verwunderung darüber, dass Begegnungen geschehen, die nicht möglich scheinen. Und schließlich wächst eine Hoffnung, die nicht aus der Welt stammt, sondern aus der Beziehung zum Auferstandenen. Diese Hoffnung ist keine Vertröstung, sondern eine Kraftquelle: die Kraft, das Kleine zu tun; die Kraft, die Welt nicht sich selbst zu überlassen; die Kraft, dem Leben mehr zu glauben als dem Tod.

Fulbert Steffensky sagt:

„Es ist keck, es ist schön, es ist menschenwürdig, dem Leben mehr zu glauben als seiner offensichtlichen Zerstörung.“

Ostern bedeutet: Gottes Leben ist stärker als unsere Todeserfahrungen. Gottes Gegenwart ist größer als unsere Bilder. Gottes Inkarnation reicht weiter als unsere Vorstellungen von Geschlecht. Und Gottes Zukunft reicht weiter als jede Verzweiflung.
Ostern lädt uns ein, nicht auf eine „richtige“ Vorstellung des Körpers Christi zu beharren, sondern zu erkennen:
Gott verkörpert sich in der Vielfalt des Lebens. Gott wird Mensch in jedem Körper, der liebt, leidet, hofft, zweifelt, glaubt.

Der Weg Jesu endet nicht im Grab.
Und Gottes Verkörperung endet nicht im Körper eines Mannes vor 2000 Jahren.
Sie geht weiter — heute, in uns, zwischen uns, durch uns.