"Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt wird das Chaos im Nahen Osten noch vertiefen"

Kurdischer Menschenrechtler erläutert historische und aktuelle Situation in der Region

Abubekir Saydam (© Claudia Mocek)

Bad Boll. „Die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels durch die Trump-Administration wird das Chaos im Nahen Osten noch mehr vertiefen”, sagte Abubekir Saydam gestern (Freitag, 08.12.2017) in der Evangelischen Akademie Bad Boll. Zu Beginn der Tagung „Umbrüche in Kurdistan“ äußerte sich der kurdische Menschenrechtler besorgt darüber, dass es im Nahen Ostens bald eine dramatische Entwicklung geben werde, in die auch Nordafrika und der Westen hineingezogen werden könnten.

Saydam lobte, dass die kurdische Frage in der Akademie wieder thematisiert werde. Damit knüpfe Bad Boll an eine Tradition an, von 1994 bis 2011 habe es jedes Jahr ein Tagung zu diesem Thema gegeben. Der Referent aus Köln gab anschließend einen Überblick über die historische Entwicklung und die aktuelle Situation im Nahen Osten. 

Das historische Gebiet Kurdistan wurde mehrfach geteilt. Seit 1922 besteht es aus vier Teilen: Der grösste Teil ging damals an die Türkei, der zweitgrösste an den Iran, drittgrösste Teil an den Irak und der kleinste Teil an Syrien. Aktuellen Schätzungen zufolge beträgt die Gesamtzahl der Kurden in allen Gebieten rund 45 Millionen. Damit gehören die Kurden zu einer der größten Völkergruppen im Nahen Osten.

In der Türkei wurden die Kurden seit 1924 durch den Staat brutal verfolgt. Die Bezeichnungen „Kurden” und „Kurdistan” wurden verboten, auch die kurdische Sprache durfte nicht mehr gesprochen werden. Aufstände wurden unterdrückt, Millionen von Kurden seien in die westlichen Provinzen des Landes zwangsdeportiert worden, erläuterte Saydam diese frühe Phase. 

Mit der AKP-Regierung sei es zu Beginn des 21. Jahrhunderts zunächst zu Reformen gekommen. Die Partei habe anfangs einen gemäßigten Islamismus vertreten und dafür die Kurden als Wähler benötigt. Als die Kurden jedoch selbst politisch an Einfluss gewannen, sei dieser wieder beschnitten worden. Die Folge seien schließlich der „Volkskrieg” und der „Volksaufstand” gewesen mit rund 7000 Toten und Hunderttausenden, die ihre Heimat verlassen mussten. 

Doch nicht nur die Innenpolitik der Türkei wirkt sich auf die Situationen der Kurden aus. Auch die komplexe Gesamtlage im Nahen Osten, die vor allem auch durch die Interessen der USA und Russland beeinflusst werden, wirkt sich auf die politische Lage aus. So habe die AKP-Regierung zum Beispiel in ihrer zweiten Regierungsperiode gleichzeitig die Beziehungen zum Bundesland Kurdistan im Irak verbessert. Das Gebiet wurde nach Deutschland und Großbritannien zum drittgrößten Handelspartner der Türkei.

Im September 2017 forderten über 92 % der Kurden in einem Referendum ein unabhängiges Kurdistan. Daraufhin habe die Zentralregierung in Bagdad ein Flugverbot über das Bundesland Kurdistan verhängt, dem sich auch die Türkei und der Iran anschlossen. Aus Sicht der Türkei seien die Kurden plötzlich wieder Feinde geworden, erläuterte der Menschenrechtler. 

Ein unabhängiges Kurdistan scheint zurzeit eine Utopie zu sein. Denn es würde in den Machtkampf zwischen den Vertretern des Sunnitismus (vor allem Saudi-Arabien) und den Vertretern des Schiitismus (vor allem Iran) eingreifen. 

Während Saudi-Arabien mit seinen Petro-Dollars in der Islamischen Welt den Wahhabismus, eine Strömung des Sunnitismus, zu verbreiten versuche, unterstütze der Iran alle islamistisch-terroristischen Organisationen im Nahen und Mittleren Osten, um die Länder in dieser Region zu destabilisieren und seinen Einfluss zu stärken. Obwohl die Schiiten außer im Emirat Bahrein und im Irak nirgendwo die Mehrheit der Bevölkerung bildeten, versuche auch der Iran mit seinen Petro-Dollars die schiitischen Minderheiten in der Region gegen die Regierungen aufzustacheln.

Vom Norden über die Staatsgebiete Iraks, Syriens und Libanons plane das Mullah-Regime die sogenannte „Strategie der Mondsichel”. Auf die gleiche Weise gehe der Iran im Süden gegen Bahrein, Emirate, Oman, Yemen und Saudi Arabien vor. „Der Bürgerkrieg im Jemen ist die Folge der iranischen Imperial-Politik”, sagte Saydam.

Ein unabhängiges Kurdistan würde diese Strategie Irans durchkreuzen. Daher versuche der Iran dies mit allen Mitteln zu verhindern. Das Mullah-Regime habe nicht nur die Ebadi-Regierung in Bagdad unter die Kontrolle gebracht, sondern auch vom ihm ins Leben gerufene und finanzierte Hashdi Shabi Milizen ins Feld geführt, deren Zahl über 80 000 geschätzt wird. Der Iran habe diese Milizen gegen die Kurden im Irak in Stellung gebracht.

Saudi-Arabien interveniere mit allen Mitteln, um die Strategie des Irans zu durchkreuzen, und zwar mit Unterstützung der USA und den Teilen der westlichen Staaten. „Ob es Saudi-Arabien und seinen Bündnispartnern gelingt, diese Strategie zu durchkreuzen, wird  die nähere Zukunft zeigen”, ist Saydam überzeugt. 

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