Jugend in Israel und Palästina – Hoffnungsträgerin und Sorgenkind zugleich

© Claudia Mocek

Bad Boll. Jugendliche aus Israel und Palästina kennen keinen anderen Zustand als den des Konflikts. Während ältere Generationen unter anderem durch die hoffnungsvollen frühen 1990er-Jahre nach Unterzeichnung der Oslo-Verträge und die von mehr Austausch und Ruhe gekennzeichneten 1980er vor Beginn der Ersten Intifada geprägt wurden, bestimmten traumatische Erfahrungen der Zweiten Intifada wie Luftangriffe, Ausgangssperren und Terroranschläge das Aufwachsen der heutigen Jugend. Die hieraus resultierende Abschottung der Konfliktparteien hat ein Klima des Misstrauens und der Stereotypisierung „anderer“ geschaffen. Begegnungen auf Augenhöhe zwischen Israelis und Palästinensern sind rar geworden. Viele junge Menschen erachten es deshalb laut Studien als notwendig, Prinzipien wie Demokratie, Einhaltung von Menschenrechten und Chancengleichheit zugunsten des Primats der Sicherheit und der Anwendung von Gewalt zu kompromittieren.

Gleichzeitig war es vornehmlich die junge Generation, die 2011 die Proteste für mehr soziale Gerechtigkeit in Israel trug. Fast zeitgleich trat die Jugend in Palästina als Gestalterin eines positiven Wandels auf, als sie sich von Ramallah bis Gaza-Stadt organisierte, um für ein Ende der politischen Teilung der palästinensischen Gebiete zu demonstrieren.
Die Jugend in Israel und Palästina verfügt über großes Potenzial als Motor für Veränderung – im positiven wie im negativen Sinne. Wie die Gestaltungskraft junger Menschen für die Überwindung des Nahostkonflikts genutzt werden kann, wurde im Rahmen einer von der Evangelischen Akademie Bad Boll, dem Forum Deutschland-Israel-Palästina sowie der Nahost-Kommission von pax christi organisierten Tagung vom 4. bis zum 6. Juli 2014 diskutiert. Etwa 50 Personen nahmen an der Tagung teil.
Zum Auftakt der Tagung beleuchtete Dr. Ralf Hexel, Leiter des Referats Naher/Mittlerer Osten und Nordafrika der Friedrich Ebert-Stiftung, die aktuelle politische Situation in Israel und Palästina. Dabei nannte er zehn Gründe  für das Scheitern der Friedensgespräche, die zudem für ein Anhalten des Status Quos sprächen. Deutschland und Europa müssten nun nüchtern bewerten, ob das Festhalten an einer Zwei-Staaten-Lösung angesichts des anhaltenden Siedlungsbaus weiterhin möglich ist. Bei positiver Beantwortung dieser Frage sei es notwendig, robuster mit der israelischen Regierung umzugehen. Im Falle der Bewertung, dass eine Zwei-Staaten-Lösung nicht mehr umzusetzen ist, müssten sich externe Kräfte dafür einsetzen, dass allen Bewohnern des Gebiets die gleichen Rechte garantiert würden. Gegenwärtig sei die Positionierung Deutschlands und Europa nicht griffig und bestimmt genug.
Am Folgetag hatten zunächst die Referentinnen aus Israel und Palästina das Wort. In biografischen Schilderungen erläuterten sie exemplarisch die gegenwärtigen Herausforderungen für die Jugend. Fatmeh Hliwah ging dabei auf die Trennung des Schulsystems in Israel ein, das mit einer gesellschaftlichen Trennung der Bevölkerungsgruppen einhergehe. Als palästinensische Israeli, die eine arabische Schule in Jaffa besuchte, sei sie erst an der Universität mit jüdischen Mitbürgern in Kontakt getreten und habe erst dann auch die Sprache „der Anderen“ gelernt. Unter palästinensischen Israelis sei das Gefühl jüdisch-hebräischer Dominanz omnipräsent. Um mehr Austausch auf Augenhöhe zu fördern, entschloss sie sich deshalb in der bi-nationalen Jugendinitiative Sadaka-Reut aktiv zu werden. „Die Kooperation jüdischer und arabischer Jugendlicher gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit geben mir Kraft und Hoffnung“, begründet die junge Frau ihr Engagement.
Hliwahs Kollegin bei Sadaka Reut, Yael Atia, thematisierte Bruchlinien innerhalb Israels jüdischer Gesellschaft. Aufgewachsen in einer ultra-orthodoxen jüdischen Famile in Bnei Brak wurde sie aufgrund ihrer algerischen Wurzeln von den mehrheitlich europäisch-stämmigen Mitbewohnern diskriminiert. Sie entschied sich, aus ihrem strengreligiösen Umfeld auszubrechen und sich einer national-religiösen Jugendbewegung in Jerusalem anzuschließen, deren rassistische Einstellung gegenüber Palästinensern sie jedoch befremdeten. Ihrer eigenen Diskriminierungserfahrungen bewogen sie schließlich, sich als Aktivistin für die Rechte der benachteiligten orientalisch-stämmigen Juden sowie für bi-nationale Zusammenarbeit einzusetzen.
Maya Peretz, Gewerkschaftsaktivistin sowie Vertreterin der jungen Arbeitspartei im israelisch-palästinensisch-deutschen Kooperationsprojekt am Willy Brandt Center Jerusalem, betonte die sozialen Herausforderungen für junge Menschen. Die Tatsache, dass sowohl in Israel als auch in Palästina die meisten jungen Menschen trotz zweier Jobs von finanzieller Unterstützung durch die Eltern beziehungsweise Bankkrediten abhängig sei, sorge dafür, dass übergeordnete Fragen wie der israelisch-palästinensische Konflikt oder ein Hinterfragen des Wirtschaftssystem in den Hintergrund gerieten.
Nimala Kharoufeh aus Beit Jala konstatierte, dass in Palästina die Jugend angesichts ausbleibender Fortschritte im Friedensprozess sich von Aktivismus und Politik abwende. Die Situation sei kritisch und von Hoffnungslosigkeit geprägt. Es gäbe es jedoch keine Alternative zur Hoffnung und zum Dialog mit anderen Konfliktparteien, erklärte die Vertreterin der Jungen Fatah am Willy Brandt Center.
Christoph Dinkelaker, Journalist und Mitgründer des Nahostportals Alsharq, ergänzte im Anschluss die persönlichen Schilderungen der Referentinnen um die Ergebnisse von Jugendstudien aus Israel und Palästina. Auf beiden Konfliktseiten wurde eine sehr pessimistische Zukunftsvorstellung deutlich. Die Sozialisierung im Konflikt wirke sich zudem zugunsten radikaler politischer Einstellungen aus.
Angesichts dieser wenig hoffnungsvollen Erkenntnisse war es den israelischen und palästinensischen Referentinnen ein Anliegen, im Rahmen von Workshops positive Beispiele grenzübergreifender Zusammenarbeit, dem Kampf für soziale Gerechtigkeit und gewaltfreien Widerstandes gegen die Besatzungssituation vorzustellen. Im Anschluss stimmten Teilnehmende und Referentinnen überein, dass die vorbildlichen Initiativen, die Dialog mit Aktivismus verbänden, auch aus Deutschland und Europa mit aller Kraft unterstützt werden müssten. Zudem riefen die Referentinnen aus Nahost die Tagungsteilnehmenden dazu auf, über den Weg der Medien, durch das Herantreten an Politiker sowie durch konkrete Kampagnen – etwa Aufklärungsarbeit bezüglich Siedlungsprodukten – aktiv zu werden. Im Rahmen der Auswertung der Tagung wurden hierfür klare Kommunikationsstrukturen zwischen den Aktivitäten sowie Arbeitsgruppen gebildet.
Die Organisatoren bedanken sich bei den Teilnehmenden und Referenten für eine angeregte Tagung und hoffen, dass die Diskussionen und Begegnungen zu einer stärkeren Vernetzung und Koordination zwischen den Anwesenden beitragen werden.

Christoph Dinkelaker, Journalist, www.alsharq.de

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