Suffizienz: Damit es für alle reicht

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Auf der Tagung "Sein lassen! Weg vom Wirtschaftswachstum - Freiheit gewinnen", die am vergangenen Wochenende (18./19. November 2016) in Bad Boll stattfand, wurde auch das Thema Suffizienz diskutiert. Der folgende Beitrag stammt von dem Tagungsreferenten Dr. Joachim Spangenberg,  Sprecher des Arbeitskreises Wirtschaft und Finanzen des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND):

Suffizienz ist kein Selbstzweck, sondern ein unverzichtbarer Bestandteil von Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit erfordert die Einhaltung von Grenzen, und das geht nicht ohne Suffizienz. Auch mit mehr Effizienz, Kreislaufwirtschaft etc. steigt bei "grünem Wachstum" auf Dauer der Ressourcenverbrauch und damit die Umweltbelastung: man kann nicht dauerhaft aus immer weniger immer mehr machen, das verhindern die Naturgesetze. Es geht deshalb um weniger Produkte, Produktion und Ressourcenverbrauch, um das NEIN zum Wachstums- und Beschleunigungswahn. Es geht - im mehrfachen Sinne - um "sein lassen".

Suffizienz bedeutet "genug" zu haben, nicht zu viel und nicht zu wenig. Und das erfordert in einem reichen Land wie Deutschland insgesamt weniger Konsum - bei mehr Verteilungsgerechtigkeit. Immer höher, schneller, weiter, mehr heißt mehr Umweltverbrauch, mehr Arbeitsverdichtung, mehr Stress, mehr Flugverkehr, mehr Schnellbahnen, aber auch weniger ausgebauten Nahverkehr, weniger Krankenschwestern pro Patient, weniger Lehrkräfte je Schüler, weniger akademisches Personal je Student/in.

Stattdessen brauchen wir eine Suffizienzorientierung der Politik, eine Strukturwandelpolitik, die das "weniger" an Naturverbrauch und Belastung der Menschen zur gesellschaftlichen und politischen Norm macht. Wir brauchen weniger Ressourcenverbrauch, weniger Produktion, weniger Abfälle, weniger neue Infrastrukturen (Straßen, Tiefbahnhöfe), weniger Erhaltungsaufwand, längere Nutzung, spätere Abschreibung, bessere Qualität, aber auch weniger Burn Outs, weniger Altersarmut, mehr soziale Sicherheit und Verteilungsgerechtigkeit.

Wer Nachhaltigkeit und Suffizienz fordert, ist nicht technikfeindlich. Im Gegenteil: wir brauchen eine umfassende Modernisierung der Technik, um menschliche Bedürfnisse in den Grenzen des Umweltraums zu befriedigen. Nachhaltiges Wirtschaften erfordert die wahrscheinlich größte Innovationswelle der Industriegeschichte. Es geht also um den Umbau der Innenausstattung von Wirtschaft und Gesellschaft, um andere Ziele in Wirtschaft und Politik, um eine große Transformation. Es geht für Konsumentinnen und Konsumenten um das Recht, nicht auf Kosten anderer leben zu müssen. Es geht für Unternehmen um das Recht, nicht wachsen zu müssen. Es geht um den Abbau von Mobilitäts- und Konsumzwängen und um gute Arbeit.

Gute Arbeit ist mehr als Unfallvermeidung und bessere Ergonomie: nach Definition der Brundtland-Kommission sind die zwei Säulen der Nachhaltigkeit die Anerkennung der Belastungsgrenzen der Natur und die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse sowie Armutsbekämpfung innerhalb dieser Grenzen.

Bei Nachhaltigkeit geht es also nicht nur um Naturschutz, sondern ebenso um sinnvolle Arbeit, Selbstbestimmung am Arbeitsplatz, Handlungsspielräume und Planungssicherheit, um Respekt und menschenwürdige Arbeitsbedingungen, ausreichende Pausen und - wo sinnvoll - kürzere Arbeitszeiten. Wenn Suffizienz in Deutschland "weniger" bedeutet, dann sind zwei Fragen zentral: Weniger von was, und weniger für wen? Belastungen und Reduzierungen müssen besonders die Höchstkonsumentinnen und konsumenten treffen. Aber sie müssen auch in die Breite gehen, ohne denen, die es sich nicht leisten können, zusätzliche Belastungen aufzuerlegen. Nachhaltigkeit ist insofern Suffizienz plus Gerechtigkeit (plus Demokratie und Partizipation). Umweltgerechtigkeit kann es ohne Verteilungsgerechtigkeit nicht geben, und diese erfordert ein Umverteilen (Umfairteilen).

Es gibt eine Reihe von Beispielen freiwilligen Konsumverzichts und Berichte über die Vorzüge von "Entrümpelung", von einfachem Leben, von "weniger ist mehr", vom "Überdruss am Überfluss". Das erscheint attraktiv für diejenigen, die eine Belastung durch zu viel Besitz, zu viele Güter, zu viel Konsum verspüren - aber weniger für die, die nicht unter einem Überfluss an Besitztümern leiden. Sei es, weil ihnen die Güter fehlen; sei es, weil sie den Überkonsum genießen. Freiwilligkeit kann inspirieren, wird aber nicht für einen gesamtgesellschaftlichen Konsumwandel ausreichen, zumal die Aufklärung der Zivilgesellschaft gegen die Werbemilliarden der Wirtschaft nicht ankommen kann. Die Mehrheit unserer Konsumartikel sind heute nicht nur Mittel zur Bedürfnisbefriedigung, sondern auch Träger symbolischer Bedeutung. Soziale Stellung, Persönlichkeit und Gruppenzugehörigkeit werden durch Konsumprodukte signalisiert - Industrieprodukte, oft standardisiert, als Ausdruck von Individualität. Das schafft ein Problem: wenn sich die Gruppen nicht ändern, bleiben dem Individuum wenig Optionen, wenn es nicht seine sozialen Verbindungen aufs Spiel setzen will. Suffizienz erfordert kollektive Lern- und soziale Innovationsprozesse.

Wenn individuelles Handeln unzureichend und soziale Innovationen oft zögerlich sind, wird die dritte Handlungsebene umso wichtiger: Suffizienzpolitik. Diese soll zum einen den Konsumentinnen und Konsumenten suffiziente Lebensstile ermöglichen. Sie kann zum Beispiel auf kommunaler Ebene entkommerzialisierte Räume schaffen, Aufenthaltszonen ohne Werbung und Konsumzwang. Das ist aber nicht alles. Suffizienzorientierung der Politik zielt auf ressourcenschonende Infrastrukturen, Produktionsverfahren, Planungen in allen Bereichen. Das erfordert z. B. wirkliche Abfallvermeidung statt nur Recycling und Kreislaufwirtschaft, und Verkehrsvermeidung statt besserer Verkehrsträgerwahl und neuer Antriebssysteme.

Zukunftsfähiges Deutschland 20 Jahre danach

Die Studie "Zukunftsfähiges Deutschland" hat viel Sensibilisierung bewirkt - die Perspektive eines zukunftsfähigen Deutschlands traf 1996 den Nerv der Zeit. Die Studie gab der Natur- und Umweltschutzbewegung wieder Auftrieb, nachdem ihre Themen seit der deutschen Vereinigung zeitweise von der politischen Tagesordnung verschwunden waren, nicht aber der Entwicklungszusammenarbeit - die Rezeption durch die Öffentlichkeit blieb weitgehend auf die ökologischen Aspekte beschränkt. 

Zahlreiche Konzepte, die in der Studie formuliert wurden, haben Eingang in die Politik gefunden, von der ökologischen Steuerreform bis zur nationalen Nachhaltigkeitsstrategie. Der Begriff "Entschleunigung" reüssiert in Feuilletons und Reiseprospekten, die deutsche Bundesbahn wirbt damit (nicht für ihre regelmäßigen Verspätungen), und das Leitbild "Gut leben statt viel haben" ist gerade durch die kontroverse Diskussion bekannt und wirksam geworden.

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Reinhard Becker

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