„Vorsicht vor Bildern!“

Prof. Dr. Thomas Scheffler, FU Berlin, und Karin A. Gerster von der Nahost-Kommission von pax christi im Gespräch (© Claudia Mocek).

Der Nahe Osten – vor allem Israel und Palästina – wird durch Gewalt und Konflikte beherrscht. Diese Wahrnehmung wird vor allem durch die mediale Berichterstattung geprägt, die Anschläge, Attentate und Restriktionen in den Mittelpunkt rückt. Zu Beginn der Tagung „Gewalt(ige) Bilder – Die Wahrnehmung des Nahen Ostens“ analysierte der Politologe Prof. Dr. Thomas Scheffler von der Freien Universität Berlin am gestrigen Freitag (20.10.2017) die „Bilder der Gewalt“ und die „Gewalt der Bilder“.

„Vorsicht vor Bildern!“, sagte Scheffler. Schon Plato habe vor Bildern gewarnt: Die von Menschen gemachten, künstlichen Bilder seien eine trügerische, wertlose und irreführende Nachahmung der Wirklichkeit, die von der Wahrheitssuche abhalte. Aus neurowissenschaftlicher Sicht entstehen interne Bilder durch die Synthese selektiver Sinndesdaten im Gehirn. Dabei leiste die visuelle Wahrnehmung einen wichtigen Beitrag zur Identitätsbildung: Viele Wissenschaftler sind davon überzeugt, dass Spiegelneuronen dazu führen, dass Menschen Mitgefühl empfinden und die Handlungen anderer nachahmen. „Empathie wird zu einem erheblichen Teil durch visuelle Kontakte vermittelt“, sagte Scheffler. Erst diese Empfindungen ermöglichten Identitätsbildung, Solidarität und die Wahrnehmung personalisierbarer Erfahrungen. Sie wirke auch als Gewaltbremse bei direkten persönlichen (face-to-face) Konfrontationen.

Warum werden Gewaltbilder emotionaler wahrgenommen als andere Motive? Scheffler betonte, dass die Angst vor Gefahren dazu führe, dass Überlebensstrategien bei Menschen einen hohen Stellenwert einnehmen. Vor diesem Hintergrund würden Gewaltbilder als Ausdruck unmittelbarer und personalisierbarer Erfahrungen intensiver wahrgenommen als andere Darstellungen.

Da Bilder direkter und schneller auf das Unterbewusstsein und die Emotionen wirkten, verkürzten sie die Reaktionszeit zwischen Geschehen, Nachdenken und Bewerten. Obwohl visuelle Bilder durch die Wahl des Bildausschnitts, des Fokus und zum Beispiel durch die Bildunterschrift selektiv und manipulativ seien, „schaffen sie den Eindruck unmittelbarer Wirklichkeit.“

Diese Wirkungen machten sich auch Kriegsgegner zu Nutze. Denn durch den Übergang von kleinen, übersichtlichen Gemeinschaften hin zu komplexen Gesellschaften, gebe es weniger direkte face-to-face Konfrontationen. In modernen Konflikten spiele die Empathie eine untergeordnete Rolle, weil sich die Gegner persönlich nicht kennen. „Die Lücke zwischen Nah- und Fernbereich wird durch Ersatzbilder gefüllt“, betonte Scheffler: „Der Gegner muss als Inbegriff des Bösen dargestellt werden.“ Da die Vernichtungskraft, die Kosten und Opfer moderner Kriege sehr groß seien, habe eine starke ideologische Massenmobilisierung seit dem Vietnam-Krieg stark an Bedeutung gewonnen.

Die selektive Bildpropaganda sei mittlerweile ein essentieller Teil jeder Kriegsführung, betonte Scheffler. Damit solle die eigene Stärke hervorgehoben oder das eigene Klientel als Opfer dargestellt und internationale Aufmerksamkeit erregt werden. Drastische Gewaltbilder und deren Verbreitung seien zudem zentrale Bestandteile der Wirkung von Terrorismus. Dabei bilde die Symbiose von kommerziellen Massenmedien und Terrorstrategen „eine unheilige Allianz“, sagte Scheffler.

Am Schluss seines Vortrags fragte der Politologe nach Gegenstrategien und formulierte Gegenfragen, die während der Tagung an diesem Wochenende unter anderem im Workshop „Vom ‚Militärischen’ zum ‚Milizionärischen’... (und zurück?)“ noch weiter diskutiert werden: Stand Plato auf verlorenem Posten gegenüber der Suggestivkraft von Bildern? Sollten Medien Gewaltbilder zeigen? Können Bilder der Versöhnung stärker sein als Bilder der Gewalt? Welche Bedeutung haben vor diesem Hintergrund Media-Watch- und Fact-Checking-Initiativen?

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