Wissen, was den Anderen bewegt

Tagung „Islam und Reformation“ zum EKD-Themenjahr der Toleranz, 26.-28.04.13

Von Simone Helmschrott

„Ja, wir müssen uns darauf einstellen: Der Islam wird Teil dieser Gesellschaft sein und bleiben.“ Eine Aussage, die bei mehr als vier Millionen Menschen muslimischen Glaubens kaum überraschen sollte. Und doch ist sie erwähnenswert, wenn ein Landesbischof sie macht. Am vergangenen Samstagabend kamen Landesbischof Dr. h.c. Frank O. July und Bekir Alboğa vom Vorstand des Koordinierungsrates der Muslime (KRM) in Bad Boll zusammen, um dem Tagungsthema der Toleranz nachzuspüren.

In einer Gesellschaft, die sich in einem Transformationsprozess befinde und in der die Kirchen keine Selbstverständlichkeit mehr haben, müssen religiöse Wahrheit und Dialogfähigkeit zusammengebracht werden, sagte July. Es sei auch Aufgabe der Kirche, gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus die Stimme zu erheben. Bilder extremistischer Taten seien oft sehr fest in den Köpfen verankert. Hier seien auch die Medien gefragt. Sie müssten die Distanzierung deutscher Muslime von Gewalttaten thematisieren. „Wenn unser Dialog nicht zu Handlungen führt, sind wir nicht glaubhaft“, pflichtete ihm Alboğa bei. Bewegungen wie die Salafisten, die den ‚wahren‘ Islam propagierten, bezeichnete er als „Fremdkörper“ in Deutschland. Begegnungen, die das Verständnis füreinander befördern, betonten beide als unbedingt notwendig, um Vorurteile abzubauen und sprachfähig zu sein. „Ich will wissen, was den Anderen bewegt“, so July. Nur dann könne man auch gemeinsam handeln.

Wie schwierig der Toleranzbegriff ist, zeige sich an politischen Theorien. Denn die bloße Erlaubnis, der Minderheit ihren Freiraum zu lassen, führt ebenso wenig zu einem Miteinander wie eine bloße Koexistenz. „Toleranz bietet einen Weg an, um konstruktiv mit Konflikten umzugehen“, so Dr. Eva Buddeberg (Goethe-Universität Frankfurt am Main). Doch gehe man davon aus, dass nur toleriert werden kann, was Ablehnung erfährt, stelle sich die Frage, ob dieser Begriff überhaupt passend sei.

So zeigte auch der Austausch mit Engagierten der Dialogarbeit, dass Toleranz ein leeres Wort sei, und Dialog viel zu oft künstlich geführt werde. ‚Der Islam‘ müsse losgelöst werden von der Integrationsdebatte. Gespräche und Begegnungen sollten sich auf Anliegen konzentrieren, die keine rein religiösen Themen sind, so Emina Corbo-Mesic, unter anderem Sprecherin des Islamischen Wortes beim SWR. Gemeinsame Ausflüge und Wanderungen könnten eine ganz andere Gesprächsebene schaffen.

Ziel des Themenjahres sei es auch, „die Schattenseiten der eigenen Tradition nicht zu übersehen“, sagte Dr. Detlef Görrig vom Kirchenamt der EKD, der ein Impulspapier „Reformation und Islam“ der Konferenz für Islamfragen (KIF) vorstellte. Eine lutherische Herangehensweise zu erarbeiten führe auch in einen langen Strang von Verwerfungen. Selbstreflexion, so das Fazit der Abschlussdiskussion, sei aber nur eine Seite. Deutschland müsse gleichzeitig auch eine gemeinsame Vision des Zusammenlebens finden. Doch könne ein verbindendes Narrativ nicht erfunden werde, sondern speise sich aus den Erfahrungen jedes Einzelnen.

Dr. Simone Sinn (Lutherischer Weltbund, Genf) fand ein eindrückliches Bild: Denke man sich Deutschland als eine Jazzcombo, in der zwar jeder improvisiert und Soli spielt, doch nur gemeinsam Kunst entsteht, werde deutlich: „Wir müssen musikalischer werden!“

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