Die Krone der Schöpfung oder würden Sie Ihr Kind verkaufen?

Eine etwas überraschende Frage zum Thema Schutz des Sonntags

© Allianz/Bayern

Am 3. März 2021 erinnern wir an das Jahr 321, in dem Kaiser Konstatin mit einem Edikt den Sonntag zum staatlich geschützten Feiertag erklärte. Ohne Zweifel eine Entscheidung mit kulturhistorischer Bedeutung zunächst für das „christliche“ Abendland und schließlich für weite Teile der Welt, in denen der Sonntag wöchentlich herausragt aus den sechs Werktagen. „Ohne Sonntag gäbe es nur noch Werktage“ war vor einigen Jahren das Motto, mit dem die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) auf den besonderen Schatz des Sonntags hinwies.

Der Tag des Herrn, der Tag der Auferstehung, das Zeichen für den Neubeginn war für die Christen Jahrhunderte lang der erste Tag der Woche. Von dieser Kraftquelle aus kann die neue Woche beginnen. Erst in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde auf Empfehlung der Internationalen Organisation für Normung (ISO) der Montag zum ersten Tag der Woche erklärt.

Diese Unterbrechung der Werktage durch einen Tag der Ruhe haben die Christen von den Juden übernommen. Dort ist der siebte Tag der Woche der Sabbat: der Tag der Ruhe, der schöpferischen Pause, der Tag ohne Arbeit. Für strenggläubige Juden darf nicht einmal ein Feuer entzündet oder ein Licht eingeschaltet werden. Dieser Tag der Ruhe bezieht sich auf das siebentägige Schöpfungswerk, wie es uns ganz zu Beginn der Bibel erzählt wird. Mit diesem Tag der Ruhe, der schöpferischen Pause vollendet Gott sein Werk. Und wenn wir genau hinsehen, dann entdecken wir, dieser siebte Tag, der Tag der Ruhe ist zugleich der erste Tag der Menschen. Das Leben der Menschen beginnt mit dem Staunen über das Wunder der Schöpfung.

Diese Unterbrechung des Alltags durch einen Tag der Ruhe ist noch viel älter und geht vermutlich zurück auf die Viertel-Mondphasen: Neumond, Halbmond, Vollmond, Halbmond. Das sind die vier Zeichen am Himmel, die sich in der Nacht leicht erkennen lassen und die die Zeiteinheiten zwischen Tag und Montag in den Siebentagerhythmus untergliedern.

Es entspricht uns Menschen, unseren tiefen Bedürfnissen, einem gesunden Leben, dass wir den Wechsel von Anspannung und Entspannung, von Arbeit und Pause, von Tun und Bestaunen leben.

Ohne Sonntag gäbe es nur Werktage. Diese weise Erkenntnis wurde in der Weimarer Verfassung vor über 100 Jahren festgeschrieben: Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt (§139 WV).

Welche Weisheit diesen Schatz zu schützen. Denn ganz offensichtlich wusste nicht nur Kaiser Konstantin, sondern auch die Väter der Weimarer Verfassung, dass der Sonntag gefährdet ist. Wie leicht lassen wir uns verführen. Wäre doch praktisch, am Sonntagmorgen noch schnell einzukaufen. Endlich einmal gemütlich mit der Familie am Sonntagnachmittag shoppen, und warum nicht noch schnell den Rasen mähen oder die Hecke schneiden, das Auto waschen, Häuser renovieren, Umzüge durchführen …

Ein weiser Betriebsrat hatte uns Vikaren vor über 30 Jahren einmal zu denken gegeben: Wenn wir die Frage zulassen: Was ist Ihnen denn der Sonntag wert? Also wieviel Geld müsste man Ihnen bieten, dass Sie bereit sind, am Sonntag zu arbeiten, dann haben Sie schon verloren. Dann haben Sie den Sonntag schon verkauft, denn es wird immer jemanden geben, der Ihnen so viel Geld anbietet, dass sie bereit wären, Ihre Arbeitskraft für den Sonntag zu verkaufen.

Würden Sie denn auch Ihr Kind verkaufen? Mir geht diese provokante Frage des Betriebsrats immer wieder durch den Kopf. Weder für unsere Kinder noch für den Sonntag wünsche ich gesellschaftliche Bedingungen, die Menschen in die Zwangslage bringt etwas zu verkaufen, was ihnen heilig ist.

Damit bin ich beim letzten Gedanken: Nach dem ersten Schöpfungsbericht bekommt der siebte Tag eine ganz besondere Würdigung. Nur von diesem Schöpfungswerk hören wir: „Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn“ (1.Mose 2,3). Nur dieses Schöpfungswerk wird geheiligt also in eine ganz besondere, nahe Beziehung zu Gott gestellt. Auch wenn es für uns Menschen eine Kränkung bedeutet, nicht wir sind die Krone der Schöpfung, sondern der Sabbat, der Tag der Ruhe.

Wie würde unser Leben, unsere Gesellschaft, unsere Welt aussehen, wenn wir das mehr sehen und leben könnten. Die Krone der Schöpfung ist die Pause. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen noch viele gesegnete Sonntage und ein dankbares Erinnern am 3. März.

Zwei Hinweise auf Veranstaltungen zu 1700 Jahre staatlich geschützter Sonntag finden Sie u.a. auf der Homepage des KDA.

Romeo Edel ist Wirtschafts- und Sozialpfarrer beim Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA) in der Prälatur Stuttgart. Der KDA ist ein Fachdienst der Evangelischen Akademie Bad Boll in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.

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Reinhard Becker

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