„La Isla de los Olvidados“ – die Insel der Vergessenen

Ein Hilferuf für mehr gesellschaftliche Solidarität weltweit

„Hart Island“, New York City, Frühsommer 2020 – Als die „Toten ohne Namen“ gehäuft in schwarzen Säcken, Kühlcontainern, Transportern und in einfachen Särgen im Stadtbild von New York auftauchten, fühlten wir uns in die schlimmsten Zeiten der Gewalt in Kolumbien und Mexiko versetzt. Auch dort werden Menschen zu Leichen ohne Namen, zu Objekten, Nummern und Überresten gemacht. Das sind die tragischen Auswirkungen von Konflikten, die klar benennbare Ursachen haben.

In New York muss genau hingeschaut werden, um die Komplexität des Sterbens aufgrund einer „unsichtbaren Ursache“ fassen zu können. Es sind strukturelle Ursachen und soziale Konflikte, die eine bestimmte Gruppe von Menschen in der größten Volkswirtschaft der Welt besonders schlimm treffen. Viele Menschen hatten vorher noch nie etwas von „Hart Island“ gehört, der Insel, die seit der Corona-Pandemie immer wieder im Rampenlicht steht. „Hart Island“ ist Teil von New York City und dient seit vielen Jahren als letzte Ruhestätte für Tausende von namenlosen Toten. Sie dient als Massengrab für Menschen, die dort ihre Träume auf ein besseres Leben aufgrund der Überforderung in einer Leistungsgesellschaft, des sozialen Ausschlusses, der rassistischen Ausgrenzung und der strukturellen Ursachen ausgeträumt haben.

„Hart Island“ war schon seit 1868 der Friedhof der Armen und gilt als der größte seiner Art weltweit in einer Gesellschaft, die sich unter der Amtszeit von Präsident Trump nicht nur stark politisch polarisiert hat, sondern auch von großen sozialen Unterschieden geprägt ist. Auf der Insel sind knapp eine Million Tote begraben, Arme, Obdachlose und Migrant_innen, die auf ihrer letzten Reise von den Häftlingen der nahegelegenen Gefängnisinsel „Rikers Island“ „kostengünstig“ begraben werden. Es gibt keine Zeremonie, keine Namenserkennung. Das Ende einer menschlichen Existenz wird anonymisiert. Die Särge werden gestapelt, ähnlich wie auf einem Containerschiff, das auf Reisen geht. Plötzlich liegen Menschen zusammen, deren Gemeinsamkeit alleine Armut und Ausschluss sind und die die Verlierer_innen der Gesellschaft sind.

Im April 2020 erlebt der riesige Friedhof wieder Konjunktur. Schlichte Holzsärge werden nebeneinander und übereinander gestapelt und mit Hilfe schwerer Maschinen begraben. Es ist das Ende einer Reise. Wer aber liegt in diesen Särgen? Es sind Junge und Alte, Frauen und Männer, die Träume, Verwandte und Familie hatten. Viele von ihnen sind Afro-Amerikaner_innen und Menschen, die aus Lateinamerika stammen.

Eine Kollegin aus Mexiko spricht von „bien morir“, dem „guten Sterben“, denn als Gesellschaft sollte den vielen Menschen auf „Hart Island“ ihre Würde zurückgegeben werden. Sie sollten als Menschen mit Namen, Träumen, Familien und Freuden wahrgenommen werden. Ihr Tod soll als Möglichkeit für eine positive Transformation gesehen werden, um primär Leben zu schützen, um den Menschen den Zugang zu Gesundheit, Bildung und sozialer Sicherung zu gewähren, also zu jenen Zielen, die als „Buen vivir“ oder SDGs (Sustainable Development Goal/Ziele nachhaltiger Entwicklung, Agenda 2030) definiert wurden. Diese Ziele sollen in der Lokalität und Globalität vorangebracht werden.

Es geht darum, den kollektiven Zusammenhalt wieder zu stärken: „Du bist mir wichtig“.

Immer wieder sind die Menschen von Tod und Ausschluss betroffen, die als Minderheiten, Indigene oder „People of color“ bezeichnet werden. Sie können eben nicht zuhause bleiben, sie müssen Waren ausfahren, andere Menschen pflegen, die Ernte einfahren usw. Sie sind im Sinne der neuen Worte „systemrelevant“, doch nur um ein System aufrecht zu erhalten, das sie tötet oder ausschließt. Ein System, das ihnen den Besuch bei einem Arzt oder im Krankenhaus verwehrt. Ebenso wie es ihnen Kurzarbeit oder Subventionen verwehrt und ihnen am Ende des Lebens sogar den Namen und die eigene Geschichte raubt.

Wie kann mit solchen Erfahrungen umgegangen werden?

Der New Yorker Künstler und Performer Alvaro Garcia Ordoñez verfällt nicht in Ohnmacht, sondern drückt diese Komplexität durch künstlerische Formen aus, die das „Undenkbare“ für uns zugänglich machen. Einige seiner Werke, die in der Corona-Krise entstanden sind, kann man bspw. im Video sehen.

Kunst wird als ein ästhetischer und zugleich sozialer Raum verstanden. Mit unserem Beitrag wollen wir nicht nur den Nerv der Zeit treffen, sondern die Eckpunkte ansprechen, die mit einer komplexen Situation zu tun haben, die von strukturellen Ursachen, sozialen Verbindungen und einer tiefen Ungleichheit geprägt sind. Soziale Ungleichheit und der Verlust von Solidarität sind das Resultat eines neoliberalen Systems, in dem die Menschen und ihre Beziehungen ausschließlich ökonomisiert werden.

Die Ursachen des Neoliberalismus sind deutlich.

„Diese Art des Wirtschaftens tötet“, klagt Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“ an. „In diesem System werden Menschen ausgegrenzt und wie Müll behandelt“. Die Gesellschaft muss sich für eine gerechtere Wirtschaft einsetzen, in der die Menschen mit ihrer Perspektive auf ein würdiges Leben wieder ins Zentrum gerückt werden. Dies kann nicht der „unsichtbaren Hand des Marktes“ überlassen werden. Diese Warnung von Papst Franziskus passt sehr gut zu der Situation der Armen in New York, jenen vergessenen Menschen von „Hart Island“.

Die größte Volkswirtschaft der Welt behauptet, sie müsse mehr Geld für Sicherheit ausgeben.

Eine Sicherheit, die vor allem auf Rüstung und Militär beruht. Die USA gaben 2019 ca. 732 Milliarden Dollar für Rüstung aus. Damit sind sie das Land mit den größten Ausgaben weltweit für Militär gefolgt von China, so das Friedensforschungsinstitut Sipri in Stockholm. 2019 haben alle Länder der Erde zusammen knapp 2 Billionen US-Dollar für Rüstung ausgegeben. Das sind 3,6 Prozent mehr als 2018. Die Ausgaben für Rüstung waren noch nie so hoch wie im Jahr 2019. Deutschland hat seine Verteidigungsausgaben 2019 besonders stark erhöht (49,3 Mrd. US-Dollar) und belegt Platz sieben der weltweiten Liste. Laut einer Studie des Graduate Institute of International and Development Studies gibt es in den USA mehr Schusswaffen als Menschen. Auf 100 Einwohner kommen 120 Gewehre und Pistolen in Privatbesitz. Zum Vergleich: In Deutschland sind es weniger als 20. Die USA bewaffnen sich mit Millionen Waffen in Privatbesitz, aber unternehmen keinerlei Anstrengung, um soziale Sicherheit für eine große Gruppe der Gesellschaft zu gewährleisten.

Diese Krise sollte eine Chance für uns sein, um eine Sozialpolitik aufzubauen, die allen Menschen ein würdiges Leben und Sterben erlaubt. Eine nachhaltige Lösung ist nur in der Stärkung von kollektivem Handeln zu erzielen.

Im Gedenken an alle ausgegrenzten und ausgeschlossenen Menschen, die in dieser Corona-Krise gestorben sind. Wir werden sie nicht vergessen!

Mauricio Salazar ist Studienleiter für den Themenbereich „Kultur, Bildung, Religion“. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Frieden und Transkulturalität.

Alvaro Garcia Ordoñez ist Künstler und Performer, und lebt in New York.

Alvaro Garcia Ordoñez und Mauricio Salazar verbindet eine langjährige Freundschaft und mehrere Kunstaktionen für den Frieden, bei denen die schrecklichen Folgen von Waffengewalt sichtbar gemacht wurden, die z.B. durch Kleinwaffen und Antipersonen-Minen entstehen. https://www.facebook.com/alvaro.garciaordonez.14

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Reinhard Becker

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Martina Waiblinger

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