„Wir haben die Erde nicht von unseren Vätern geerbt, sondern von unseren Kindern geliehen.“

Exkursion zu regionalen Wertschöpfungsketten in der Landwirtschaft

Diesem Motto folgt Herbert Fleck vom Milchhof Fleck in Aichstetten-Eschach. Der Biohof mit Molkerei war einer der Betriebe, die die Gruppe der Evangelischen Akademie Bad Boll im Rahmen der Exkursion ins württembergische Allgäu am 9. Oktober 2021 besucht hat. 
Herbert Fleck übernahm den Hof 1995 von seinen Eltern als konventioneller „Vollgas-Landwirt“, stellte den Familienbetrieb aber bereits 1999 auf Ökolandbau um. Im Laufe der Zeit kam eine Hofmolkerei dazu, und der Milchhof wurde zum Demo- und Demeter-Betrieb – „wenn schon öko, dann richtig“. 
Der „Milchfleck“ ist der größte Betrieb der TischGenossen, einer Erzeugergemeinschaft von mehreren Bio-Bauern in Leutkirchs Umgebung und einem Metzger mit kleinem Schlachthaus. Die Höfe der TischGenossen leben in erster Linie vom Milchverkauf (Rinder und Ziegen), d.h. es werden keine Tiere nur ihres Fleisches wegen gehalten.
Was noch immer vielen Verbraucher_innen nicht bewusst ist: Kühe (bzw. Geißen usw.) geben nur Milch, wenn sie jährlich Kälber (bzw. Kitze usw.) bekommen. Im Falle einer Milchkuh kann daher gerechnet werden, dass für einen Liter Milch 25 bis 31 Gramm Fleisch „anfallen“. Die Bullen- und überzähligen Kuhkälber (auch aus der weiblichen Nachzucht können nicht alle Tiere Milchkuh werden) gehen normalerweise in die Mast, müssen also von den Milchbauern – leider völlig unrentabel – weiterverkauft werden. 
Die Kälber ihrem Schicksal auf dem Markt zu überlassen, kam für Herbert Fleck und die anderen TischGenossen aber irgendwann nicht mehr in Frage. Das Jungvieh bleibt nun auf den Höfen, wächst mit Mutterkühen oder Ammen auf und genießt viel Weidegang. Lange Transportwege bleiben den Tieren erspart, die ruhige Schlachtung erfolgt in der Region. Das Fleisch (Fleischpakete und Konserven) wird direkt und online vermarktet. Richtig rechnen tut sich das aber nicht. Reiner Idealismus steckt hinter dem Konzept der TischGenossen, unterstreicht auch Michaela Weber aus dem Vorstand. Dennoch wird versucht, robuste Zweinutzungsrinder zu züchten: weniger Milch, aber mehr Fleisch. Dazu deckt auf dem Fleckhof ein Original Schweizer Braunviehbulle im Natursprung auf der Weide. 
Der Wunsch der TischGenossen ist ein offenes und partnerschaftliches Verhältnis zu den Kunden und eine Verzahnung zwischen den beiden „Welten“ der Landwirte einerseits, die aufgrund der vielen Arbeit nur wenig Kontakt zur Kundschaft halten können, und der Konsumenten andererseits, die oft nicht wissen, wie ihre Lebensmittel entstehen und wo sie herkommen. Dies mache, so Fleck und Weber, auch die Direktvermarktung schwierig. Sie bekämen grundsätzlich hohe Anerkennung für ihre Arbeit, allerdings auch oft gesagt, dass das Engagement „besser kommuniziert“ werden müsste. Landwirte seien aber keine Marketing-Experten. Daher wäre es für die TischGenossen ideal, wenn die Kunden die Kommunikation übernehmen und auf diesem Weg ihre Solidarität zeigen und die Landwirte unterstützen – ein wichtiger Punkt der TischGenossen, deren Bezeichnung sowohl auf die Idee der Genossenschaft als auch auf das Genießen anspielt.

Zur Sprache kamen bei der Exkursion auch die Maßnahmen zur Förderung der Artenvielfalt, ebenfalls ein wichtiger Teil des Konzepts der Tischgenossen: 10 Prozent der Gesamtfläche auf den angeschlossenen Höfen muss unter fachkundiger Anleitung extensiv bewirtschaftet werden. Nicht nur im Zuge der Einrichtung eines Biosphärengebiets steht die Landschaftspflege oben auf der politischen Agenda. Die Landwirte werden dafür aber nur mit einem „Trinkgeld“ entlohnt. 
Grundsätzlich, so erläuterten die TischGenossen der Exkursionsgruppe der Akademie, suchten nur sehr wenige Politiker_innen den Dialog mit den Praktikern – im Gegenteil: Die Bauern, die die vergangenen Jahrzehnte gemacht hätten, was die Gesellschaft von ihnen gefordert hatte, nämlich billige Lebensmittel zu produzieren, stehen jetzt in der Kritik und kämpfen mit hohen finanziellen Belastungen.

Auch Roland Palm-Kiefl vom Gärtnerhof Oberreute bei Kißlegg sieht die Landwirtschaft nicht gut von der Politik unterstützt und sucht den Schulterschluss mit den Konsumenten: 

„Dass so ein Hof existieren kann, liegt nicht an den Bauern, sondern an Ihnen! Warten Sie nicht darauf, dass der Staat das für Sie richtet.“ 

Diesen Appell richtete er an die Exkursionsgruppe, die den mit 15 Hektar eher kleinen Gärtnerhof ebenfalls am 9. Oktober besuchte. Auf einer Höhe von 720 müNN bei hohen Niederschlägen und viel Wind bauen zwei Familien mitsamt Azubis, Praktikanten und freiwilligen Helfern knapp 50 verschiedene Gemüsesorten sowie verschiedene Kräuter an. Durch die Lagerung in entsprechenden Räumen kann der Verkauf in der Winterperiode fortgesetzt werden. Verkauft werden ausschließlich Produkte aus eigener Erzeugung.
Die Erzeugnisse des Gärtnerhofes werden auf den Wochenmärkten in Leutkirch und Kißlegg sowie über Abokisten verkauft. Palm-Kiefl kann sich dabei auf viel Unterstützung und vor allem die „tolle Kundschaft“ verlassen, die „auch mal die Reste zusammenkauft“. Ein Betrieb in dieser Größe sei nur über Netzwerke möglich und über das zentrale Element der Solidarität, die so einen Betrieb überhaupt ermöglicht. Obwohl der Hof eher nicht der formalisierten Solidarischen Landwirtschaft (SoLaWi) zuzuordnen ist, haben so zwei Familien ein Auskommen. 
Auch der Stall oder die Molkerei wurden über eher unübliche Wege finanziert. Palm-Kiefls haben nämlich den Gartenbaubetrieb 2015 um eine kleine Milchkuhherde ergänzt, um organischen Dünger zu erhalten und damit den Nährstoffkreislauf zu schließen. Die Milch wird in der eigenen Molkerei zu Quark und Joghurt verarbeitet. Der Hof ist auch einer der TischGenossen. Wie auch bei Flecks ist hier viel Idealismus die zentrale Motivation, und so wundert es niemanden, wenn Roland Palm-Kiefl am Ende der Exkursion seine Arbeit mit einem Augenzwinkern zusammenfasst: 

„Die Hälfte von dem, was ich mache, ist Hobby. Ich kann Ihnen nur nicht sagen, welche Hälfte.“


Zur Info: Thema der Exkursion ins württembergische Allgäu am 9. Oktober waren Wertschöpfungsketten in der Landwirtschaft. Als weitere überaus kompetente Gesprächspartner_innen standen Gottfried Härle, der Inhaber der Brauerei Härle, und Laura Holzhofer, die Leiterin des Projekts KERNiG (Kommunale Ernährungssysteme als Schlüssel zu einer umfassend-integrativen Nachhaltigkeits-Governance) zur Verfügung. Eine weitere Exkursion ins württembergische Allgäu zu Themen der Landwirtschaft ist für den 8. Oktober 2022 geplant.

Dr. Regina Fein ist seit 2012 Studienleiterin an der Evangelischen Akademie Bad Boll im Themenbereich „Wirtschaft, Globalisierung, Nachhaltigkeit“. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Umwelt, Nachhaltigkeit und Technologie.
 

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Reinhard Becker

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Miriam Kaufmann

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