Evangelische Akademien: Orte gelebter Humanität aus Glauben, Hoffnung, Liebe

Die Atmosphäre in der Akademie Bad Boll ist schon etwas Besonderes: Dazu trägt die abgeschiedene Lage am Fuß des Albtraufs, die natürliche Umgebung, die besondere Geschichte des Ortes, das hervorragende Essen, die nachhaltige Lebensweise und dann vor allem die auf Dialog ausgerichtete Tagungsarbeit bei. Ohne Frage: Der Raum, in dem achtsame und menschenfreundliche Dialoge stattfinden, ist schon mindestens die „halbe Miete“ für den Erfolg einer Evangelischen Akademie. Das Setting, in dem Tagungen durchgeführt werden, darf weder vernachlässigt noch verachtet werden. Die Evangelische Akademie Bad Boll und das Tagungszentrum gehören zusammen – auch wenn es spätestens seit 2019 aus betriebswirtschaftlichen Erwägungen zwei getrennte „Betriebe“ sind.

Dieses so bedeutsame „Atmosphären-Argument“ darf jedoch nicht dazu verleiten, den theologischen Charakter des Akademiegeschehens zu verharmlosen oder sogar auf elegante Weise zu entsorgen. Ein rein funktionaler oder emotionaler Begriff von Akademie wird der Besonderheit dieses Ortes nicht gerecht. Die Akademie an diesem besonderen Ort und dieser Gesamt-Raum aus Geschichte, Nachhaltigkeit und Entschleunigung ist und bleibt eben immer noch eine Evangelische Akademie.

Was jedoch macht das „Evangelische“ einer Akademie aus? Was ist das theologische Fundament der Akademie? Wie sieht ihre an christlichen Werten orientierte Vision aus? Was treibt die hier wirksamen Frauen und Männer an?

Das „Credo“ einer gelingenden Akademiearbeit ließe sich so zusammenfassen:

Wir glauben daran, dass jeder Mensch zum Gelingen eines guten Lebens auf diesem Planeten etwas Gutes beitragen kann, wenn er dazu die nötigen Anregungen erfährt. Und wir glauben, dass diese Wertschätzung eines jeden Menschen und seiner Potenziale ihren Anker findet in einer Humanität aus Glauben, Hoffnung und Liebe.

Glauben, Hoffen und Lieben – das sind die drei Grundbedingungen eines gelingenden Lebens: Glauben ist nicht das Für-Wahr-Halten einer Glaubens-Doktrin, sondern an erster Stelle das Vertrauen, dass meine Schritte, Handlungen und Entscheidungen Sinn machen – und die der anderen Menschen neben mir auch. Denn: Wer würde am Morgen sein schützendes Bett verlassen und sich an die Arbeit machen, wenn er nicht ein festes Vertrauen darin hätte, noch den Abend zu erleben? Ohne solch ein Vertrauen würde das Menschliche inmitten der Gesellschaft verfallen, die Wirtschaft zusammenbrechen und jedes Gespräch sinnlos werden. Mit dem Glauben als dem Grundvertrauen hängt die Hoffnung zusammen: Hoffnung ist nämlich Vertrauen in die Zukunft. Ein Mensch, der keine Hoffnung mehr hat, der führt sein Leben als eine absurde Existenz. Menschsein heißt Hoffnung haben, und die Menschheit kommt dadurch ans Ziel, dass die Menschheit ihre großen Hoffnungen und Visionen verwirklicht. Schließlich sind in der Liebe die beiden anderen Grundbedingungen menschlichen Lebens, Glauben und Hoffnung, gegenwärtig. Wer liebt, der lebt vertrauensvoll in der Gegenwart, wendet sich mit Abscheu von allem Menschenverachtenden ab und hält an der Vision einer humanen, menschenfreundlichen Gesellschaft im Hoffen fest. Glauben, Hoffen und Lieben – das sind die Grundbedingungen einer wahrhaft humanen Existenz!

Glauben, Hoffen und Lieben sind aber auch in christlicher Perspektive die Grundlage wahrer Humanität, ohne dass Christ_innen und Kirchen auf diese Begründung einen theologischen Monopolanspruch erheben könnten. Die Trias aus Glauben, Lieben und Hoffen sollte eigentlich jedem Menschen zugänglich sein – gleichgültig, welcher Weltanschauung und Religion sie oder er auch angehört. Es gibt keine spezifisch christliche, sondern immer nur eine menschliche Humanität. Die Humanität aus Glauben, Hoffen und Lieben gehört zum urmenschlichen Erfahrungshorizont. Genau aus diesem Grund hat der Apostel Paulus im „Hohelied der Liebe“ in der Griechischen Bibel (1. Kor 13) das Miteinander dieser drei Fundamente wahrhaft menschlicher Existenz zunächst ohne jeden Gottesbezug zur Sprache gebracht. 

Das „Hohelied der Liebe“ im Ersten Korintherbrief ist jedoch zugleich auch ein Christuslied: Die Humanität aus Glauben, Hoffen und Lieben kann also auch einen spezifisch christlichen Bezug annehmen. Dabei hat solch eine christlich inspirierte Humanität ihren ersten Sitz im Auferstehungsglauben: Das Kreuz, an dem Jesus Christus starb, steht für die Erfahrung des Bösen im Alltag, und seine Auferstehung steht dafür ein, dass das Böse trotz alledem seine letzte Macht verloren hat. Nicht bloß die menschliche Treue, sondern die Treue Gottes schaffen das Vertrauen und den Glauben, der Frau und Mann nicht vollkommen am alltäglichen Unsinn verzweifeln lässt. Die in Kreuz und Auferstehung Mensch gewordene Treue Gottes wirkt Mut und Zuversicht – auch in einer Welt, die die Erfahrung von Zusammenhalt gerade heute so oft vermissen lässt. Dies gilt gerade auch für die zweite Säule menschlicher Existenz – für das Hoffen. Wo das Hoffen im Alltag eine oft so fragile Angelegenheit darstellt und von der bitteren Realität eingeholt wird, ist das Hoffen in Namen des Auferstandenen ein widerständiges Hoffen gegen alle Hoffnungslosigkeit. Wo sich im Alltag allzu schnell die Schlussfolgerung breit macht, dass wir auf dieser Erde dem Ende entgegengehen und die Klimakatastrophe nicht mehr abzuwenden ist, setzt die vom Auferstehungsglauben inspirierte Humanität auf noch nicht ausgeschöpfte Möglichkeiten aller Menschen. Damit ist auch die dritte Dimension wahrer Humanität angesprochen: das Lieben. Glauben und Hoffen fallen im Auferstehungsglauben in einer Liebe zusammen, die sich sogar dem Widersacher zuwenden kann und auch ihn nicht links liegen lässt. Niemanden verdammen, keinen Menschen aufgeben, keinen Gesprächspartner achtlos zur Seite schieben und bis zuletzt alles auf die Kraft des Dialogs zu setzen, das ist die Konsequenz einer Liebe, die sich trotz aller widerstrebender Erfahrungen vom auferstandenen Christus inspirieren lässt.

Wahrhafte Humanität ist eine Menschlichkeit aus Glauben, Hoffnung, Liebe. Christinnen und Christen können solch einer Humanität in der Orientierung an Kreuz und Auferstehung deutlich Nachdruck verleihen!

Natürlich: Dialog und Gespräch sind das Markenzeichen einer Akademie. Einladende Räume und eine inspirierende Atmosphäre zur Begegnung zu schaffen, ist das spezifische Format einer Akademie. Das jedoch reicht noch nicht aus: Es muss die gelebte und spürbare Humanität aus Glauben, Hoffnung und Liebe das Tagungsgeschehen tragen. Wo kann dies konkret im Akademiegeschehen erfahrbar werden?

Zum Beispiel dort, wo in Tagungen Gesprächspartner_innen in den Dialog miteinander gebracht werden, über die „man“ so gerne redet, die „man“ in der Distanz wunderbar ausgrenzt und über die „man“ so wunderbar schimpfen kann. Eine Humanität aus Glauben, Hoffnung und Liebe wird sich damit nicht zufriedengeben, sondern das direkte Gespräch mit den Abgeschriebenen suchen, um zur Veränderung sowie zum Zusammenhalt der Gesellschaft beizutragen. Keinen Menschen verdammen, sondern daran glauben, dass Frau und Mann noch nicht gehobene Potenziale besitzen, das ist eben das „Credo“, die innere Verpflichtung und die Besonderheit des Akademielebens. 

Oder: Lange Zeit meinte man, der Jugend sei jedes politische Engagement abhandengekommen. Die Älteren unter uns meinten: Alles habe sich unter den jungen Menschen in eine Welt der Ich-AGs aufgelöst, in der jede_r auf sein Smartphone schaut und die Weltgestaltung aufgegeben hat. Seit spätestens einem Jahr wissen wir: Dieses Urteil war ein Vorurteil. Die Hoffnung auf solche jungen und alten Menschen zu setzen, die sich mit der vorfindlichen Situation nicht zufriedengeben und dann mit ihnen auf den Kontakt zu suchen, das ist Akademieleben. Die Evangelische Akademie Bad Boll arbeitet mit einer Fülle von Kooperationspartnern zusammen – besonders mit solchen, die konkrete Beispiele gelebter Humanität und best-practice-Beispiele nachhaltigen Lebens zur Sprache bringen. „Nach uns die Sintflut“ – das ist keine Haltung, die in einer evangelischen Akademie erlebt werden kann und darf. Hoffen und arbeiten gegen allen Widerschein und allen Widerspruch – das ist die Grundhaltung, mit der die Herausforderungen der Gegenwart zur Sprache gebracht werden. 

Schließlich: Wir befinden uns gegenwärtig gesellschaftlich in einer Zeit wachsender Gräben. Ob es sich um die Auseinandersetzung um Mobilitätskonzepte, um Digitalisierung oder um Ernährung handelt: An allen Orten wächst die Unversöhnlichkeit. Das hängt möglicherweise mit einer schrumpfenden Mittelschicht zusammen: Die „normalen“ und zufriedenen Menschen waren der stabilisierende Faktor einer Gesellschaft, die zusammenhielt. Die Ränder wurden nur von Minderheiten bedient. Das ist heute auch in Deutschland deutlich anders geworden. Die Polarisierung nimmt deutlich zu, und die digitale Kommunikation verstärkt diesen Trend allenfalls; Ursache der Grabenbildung ist das Smartphone keineswegs. In solch einer gesellschaftlichen Gesamtsituation wäre schon viel gewonnen, wenn die Liebe zu den Fakten wieder zunehmen würde, wenn jede_r wieder lernt, auch auf die Argumente der anderen zu hören und die eigene Argumentation daran zu messen. Es lohnt sich wieder zu debattieren. Für eine bessere Welt. Für eine Gesellschaft, in der Humanität aus Glauben, Hoffnung und Liebe wahrhaft gelebt wird. Nicht erst in einer jenseitigen Zeit, sondern hier und jetzt. Das ist Akademie. Wir lassen uns den Glauben daran nicht madig machen, dass von jedem Menschen etwas Gutes zu einem nachhaltigen, guten Leben auf diesem Planeten ausgehen kann.

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Reinhard Becker

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Sachbearbeitung Presse-/ Öffentlichkeitsarbeit und Marketing

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Martina Waiblinger

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