Spielräume für Abwägungen schaffen

Ein theologischer Impuls über die Erlösung gestern und heute

Von Erlösung ist in diesen Wochen und Monaten sehr viel die Rede: Wann werden wir endlich vom Lockdown, von den Einschränkungen, von den Schließungen, überhaupt von diesem Virus und seinem Mutanten erlöst und befreit? Die Impfungen, vor allem aber der Impfstoff wird quasi zum Symbol der Erlösung erklärt, und die Erfinder des Impfstoffs werden wie Heilsbringer gefeiert. Ich kann solche Gefühle und solch ein Empfinden sehr verstehen. Dieser Lockdown mit der Einschränkung der „normalen“ Freiheiten seit einem Jahr (mit Unterbrechungen für Wochen) setzt doch arg zu! Also jawohl: Wann ist dieser Spuk endlich vorbei?

Vom Teufel ist auf der anderen Seite nicht mehr die Rede. Wohl aber nennt der bekannte Soziologe Hartmut Rosa das Corona-Virus ein „Monster“: Hier ist der Alptraum der Menschheit zur Wirklichkeit geworden. Die Unverfügbarkeit der Natur, die durch den Menschen so sehr in Mitleidenschaft gezogen wurde und wird, schlägt zurück – in ihrer negativsten Form. Eben durch ein Unheil über die ganze Menschheit bringenden Virus. Hartmut Rosa: „Plötzlich tritt etwas auf, was unser Leben massiv beeinflusst, was wir aber weder erforscht haben, noch medizinisch unter Kontrolle bringen, noch politisch regulieren können – und was zudem ökonomisch unabsehbare Konsequenzen hat. Wir haben es nicht im Griff, sondern das Virus hat uns im Griff!“

Unverfügbarkeits-Monster contra Impfstoff: „Teufel“ und „Erlösung“ treffen aufeinander und liegen miteinander im Kampf, so scheint es. So sehen leider nach meinem Eindruck auch eine Vielzahl unserer öffentlichen Diskurse aus: Lockerungen werden gefordert. Dem steht die Fortsetzung des Lockdowns angesichts der dritten Welle gegenüber. Die Fronten sind verhärtet. Es gibt nur noch ein Dagegen- oder ein Dafür-Sein. Bis in die Frage der Schul- und Kita-Öffnung zieht sich ja dieser Stil: Entweder sind die Schulen offen oder geschlossen. Der Blick für differenzierte Maßnahmen fällt da in einem zunehmenden Maße schwerer. Sollte es aber nicht doch heißen: Welche Maßnahmen führen in welcher Abstufung zu Erleichterungen, ohne die Erfolge der bisherigen Strategie zu zerstören? Welche Investitionen und organisatorischen Schritte sind notwendig, um vernünftig in die Zukunft schauen zu können? Es stellen sich hier im Wesentlichen Abwägungsfragen, aber genau darum geht es heute doch.

Von der Erlösung ist nicht nur in unseren Tagen, sondern auch in den biblischen Worten immer wieder die Rede. Ab und zu, aber sehr selten auch vom Teufel. Dann aber so, dass der „Teufel“ nur noch derjenige ist, den es gar nicht gibt. Zum Beispiel im Wort für diese Woche: „Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre“ (1. Johannesbrief 3,8b). Die christliche Gemeinde, an die der Brief gerichtet ist, hatte offensichtlich dem „Teufel“ als einer widergöttlichen Macht Gehör geschenkt. Sie war abgeglitten in ein Widereinander: Entweder stehst Du auf der Seite des Teufels oder des Erlösers. Ein das konkrete Leben quälende Dualismus zwischen zwei Seiten bestimmte die christliche Gemeinde. Der Briefschreiber zitiert hier sozusagen die Redeweise in der Gemeinde, um aber nur noch von den „Werken“ des Teufels zu reden. Der Macht des Teufels, des Monsters, des Erlösungsgegners schrieb der Briefschreiber in Wirklichkeit keine echte Rolle mehr zu. Der Dualismus: Schnee von gestern!

Denn: Dazu ist Gott Mensch geworden, so seine Hoffnung, dass er den Kopf und das Denken frei macht. Beweglich werden lässt. Differenziert denken lässt. In der Person eines Menschen, der auch die quälende, leidende Seite kennt. Der auch angefeindet wird, aber nicht zurückspuckt. Der die dunkle Seite sieht, aber die Wunden nicht noch vergrößert. In diesen Wochen erinnern wir in unseren christlichen Kirchen in der Passionszeit an den Gott, der auf diese Weise einen Spielraum jenseits von „Teufel“ und „Erlösung“ geschaffen hat. Einen sehr menschlichen Spielraum. Und ich hoffe, dass in diesen Wochen vor dem anderen Ostern 2021 auch ein solches Denken in Spielräumen Einzug in unser Denken und Fühlen hält. Denn: Wir haben es bitter nötig. Das ist natürlich ein leidvoller Weg, aber am Ende steht das Oster-Wunder.  

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Reinhard Becker

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