Es war ein mutiger Schritt, als 1985 die erste Tagung für lesbische Frauen an der Evangelischen Akademie Bad Boll stattfand. Die Teilnehmerinnen lebten damals meist im Verborgenen – aus Angst vor Diskriminierung, Arbeitsplatzverlust und gesellschaftlicher Ächtung.
Vieles hat sich seitdem verändert: Dennoch bleibt die Realität ambivalent. Die Evangelische Landeskirche in Württemberg erlaubt weiterhin nur Segnungsgottesdienste für gleichgeschlechtliche Paare. Der jüngste Versuch, die vollständige Gleichstellung einzuführen, scheiterte am 24. Oktober 2025 in der Landessynode knapp. Die Entscheidung der Synode zeigt: Die Debatte ist nicht abgeschlossen. Trotz gesellschaftlicher Fortschritte erleben queere Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche weiterhin Diskriminierung. Autoritäre und homophobe Tendenzen in der Gesellschaft nehmen wieder zu.
Vom 12.-14. Dezember 2026 würdigte daher die Evangelische Akademie Bad Boll mit der „Jubiläumstagung für lesbische und queere Frauen*“ die Wegbereiterinnen, blickte auf die Anfänge und richtete den Blick nach vorn. Die nachfolgenden Erinnerungen von Dr. Irmgard Ehlers und Tomke Ande an die vergangenen Jahrzehnte der Lesbentagung sind im Vorfeld der Jubiläumstagung entstanden:
In den achtziger und neunziger Jahren waren die Bedingungen für lesbische Frauen in der Kirche und der Gesellschaft noch anders als heute. Viele Lesben lebten versteckt, d.h. niemand in ihrem Umfeld durfte von ihrer wahren Identität wissen. Lesbisches Leben wurde nicht als gleichwertig anerkannt. Lesbische Frauen wurden bedroht, beschimpft, ausgegrenzt, entlassen. In der Familie, in der Schule, am Arbeitsplatz, in der KiTa der Kinder, im Wohnumfeld, in der Kirche, überall gab es Diskriminierungen – und überall gab es Oasen der Akzeptanz. Die Tagungen in Bad Boll waren solche Oasen. Eine Tagung für „Lesben im Umfeld Kirche“ war – und ist – eine Wohltat inmitten der einer auf Heteronormativität ausgelegten Gesellschaft.
Es war und ist ein geschützter Raum, in dem alle akzeptiert sind, wie sie sind. In den ersten Jahrzehnten war es einer der wenigen, oder sogar der einzige Freiraum, den Lesben erlebten. Dies im Raum der evangelischen Kirche zu erleben war für alle überraschend und ist es oft auch heute noch. Diese Tagungen ausgerechnet im konservativen Württemberg zu erleben in einer Landeskirche mit großen pietistischen Anteilen war und ist außergewöhnlich.
Herta Leistner, Monika Barz und Ute Wild ist hier zu danken. Herta Leistner war Studienleiterin an der Ev. Akademie Bad Boll und hat die Lesbentagungen initiiert und jahrelang geleitet. Sie hat dafür viele Schmähungen von kirchlicher Seite erfahren müssen und die Freude der Lesben bei den Tagungen erlebt.
Heute schreibt sie:
„Ich denke mit großer Freude und auch Stolz an die Lesbentagungen, die ich als Studienleiterin der Ev. Akademie begonnen und dann auch gemeinsam mit anderen gestaltet habe. Es war nicht immer leicht, ich habe viele Angriffe und Beleidigungen von der Evangelikalen Seite unserer Landeskirche und in der EKD abbekommen. Aber die Tagungen waren mit die schönsten Frauentagungen, die ich geleitet habe. Auch da gab es manchmal Auseinandersetzungen, aber wir standen doch zusammen für die Anerkennung unserer Lebensform. Und der Dank galt der Akademieleitung, die mich sehr unterstützte.“
Die Tagungen haben vielen Frauen in ihrem Lebensweg begleitet und ermutigt. Politisch, feministisch, spirituell und auch international waren die Tagungen geprägt. (Ich sehe die, die du nicht siehst, ein Film von Neele Behler, Martina Müller und Sarah-Luise Weßler. Bad Boll, Espelkamp, Köln, Wien 2013/2014; Jubiläumsausgabe 2020, S. 34/35)
Zum 40jährigen haben wir die Beteiligten gefragt, wie es ihnen mit den Tagungen erging. Wir haben die Frauen gefragt, was ihnen die Tagungen bedeutet haben. Denn die Frauen haben die Fortsetzung der Tagungen erst möglich gemacht. Wären sie nicht gekommen und aus der ganzen Republik und dem Ausland angereist, hätte die Akademie die Tagungen beendet.
Gefragt haben wir auch die Studienleiterinnen und die Akademieleitungen. Für sie war es nicht immer einfach. Sie mussten sich – trotz der großen Teilnehmerinnenzahl – auf Synoden und Sitzungen für diese Tagungen rechtfertigen.
Wir haben um schriftliche Berichte gebeten und um Fotos, wir haben Interviews auf der Tagung 2024 geführt, auch per Zoom. So unterschiedlich die Frauen sind, so unterschiedlich sind auch die Ergebnisse. Gefragt haben wir auch nach ganz persönlichen Geschichten und so ist auch Einiges zum Schmunzeln dabei.
Viel Freude beim Lesen.
Dr. Irmgard Ehlers und Tomke Ande im Sommer 2025
Geträumt – gewagt – gelebt. Bad Boller Anfänge der kirchlichen Lesbenbewegung 1985 – 2005, Monika Barz, Eva-Maria Garber, Carmen Rivuzumwami (Hrsg), Edition Akademie Bad Boll 15.







