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05. Okt. 2026

HALTE MICH – eine Kunstinstallation von Daniel Rode

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Lesezeit: 10 min.

Halte Mich, Daniel-Rode; Copyright: Johannes Koch© Johannes Koch

Der Dresdner Künstler Daniel Rode ist Preisträger des 5. Kunstpreises der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Mit seiner Installation HALTE MICH überzeugte er die Jury des Kunstpreises zum Thema „Wechselspiel“.

Vom 25. Juli 2026 bis 27. September 2026 war HALTE MICH in der Stadtkirche Ludwigsburg zu sehen. Die Installation bestand aus Gerüstkonstruktionen und bedruckten Mesh-Bannern im Innen- und Außenraum der Stadtkirche und nimmt Bezug auf die biblische Begegnung zwischen Maria Magdalena und dem auferstandenen Christus (Joh 20,11–18).

Am 14. September 2026 im Rahmen einer Veranstaltung hielt Dr. Kerstin Renz, Kunsthistorikerin und Studienleiterin für Wohnen, Gebaute Umwelt und Kultur an der Evangelischen Akademie Bad Boll die Laudatio auf Daniel Rode in der Stadtkirche Ludwigsburg und sprach mit ihm über sein künstlerisches Schaffen, seinen Werdegang und den Kontext seiner preisgekrönten Arbeit.

evangelische-akademie-bad-boll-installation-2026-halt-mich-Rode-Renz-Gespraech-c-axel-mueller© Axel Müller

Dr. Kerstin Renz im Gespräch mit Daniel Rode über sein Werk HALT MICH.

Ein „Rückblick“ auf die Ausstellung in Form der Laudatio von Dr. Kerstin Renz am 14. September 2026:

Sehr geehrter Herr Landesbischof Gohl,

sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Schmetz,

sehr geehrte/r Herr Dekan Werner und Frau Pfarrerin Hackius,

sehr geehrter, lieber Daniel Rode,

meine Damen und Herren.

Ludwigsburg – für Sie alle hier keine Neuigkeit – ist eine Stadt des Barock.

Das Zeitalter des Barocks – vielleicht nicht so geläufig – war weit mehr als Blumenrabatte und aufgeräumte Symmetrie. Barock war Eventkultur, war Hedonismus und Memento Mori und war nicht zuletzt eine große Baustelle.

Wir sind hier in der Stadtkirche Ludwigsburg in einem Ausnahmeraum des Barock. Nicht polychrom opulentes teatrum sacrum, sondern nüchterne Reduktion eines unfertig gebliebenen protestantischen Kirchenraums.

Die Stadtkirche wird für die nächsten Wochen ein Ort sein, der das Dazwischen denk- und sichtbar macht:  zwischen Innen und Außen, zwischen Kunst und Raum, ja sogar zwischen Kirche und Stadt. Mit Text, mit Banner, mit Baugerüst.

Mit Daniel Rodes Arbeit HALTE MICH ist ein Wechselspiel in Gang gesetzt. Der Künstler schreibt seine Installation in den Kirchen-innen und außenraum ein. Und wir sind eingeladen, die Seite zu wechseln, die eigene Perspektive zu verändern.

Was sehen wir?

Wenn Sie die Kirche noch nicht umrundet haben, will ich Ihnen kurz helfen: In der Verlängerung dieses Banners finden Sie an der nördlichen Außenwand der Kirche die ersten bzw. ergänzenden Lettern, ebenfalls vom Baugerüst getragen. Für die Passanten zunächst ein Rätsel, ein Fragment.
HA steht da, darunter CH. Nur zwei Zeilen, vier Buchstaben, Schwarz auf Weiß, übergroß in Versalien geschrieben. Dieses Bild, dass draußen an die Kirchenwand andockt, wird ganz intuitiv gelesen, zusammengesetzt. H-A-C-H. HACH.

Was ist das? Will Kirche jetzt mit Huch und Hach aufmerksam machen, wird jetzt bebannert und beschriftet? Betextet und beworben? Nur wer Fragen hat und die Kirche betritt, dem erschließt sich das Folgende im Ganzen.

Daniel Rode schreibt selbst dazu:

„Ein kurzer Text wird auf zwei Banner verteilt, eines außen an, eines in der Kirche. Der so fragmentierte Text benutzt nur Großbuchstaben und lässt Worttrennungen und korrekte Zeilenumbrüche außer Acht. So bleibt er einen Moment unlesbar und ist zuerst nur Bild.“ (Daniel Rode, Projektbeschreibung HALTE MICH, o.S., Dresden 2026)

Dieses Bild tritt dann in einer Höhe von rund vier Metern in die Kirche ein, durchschneidet mit seiner 12 Meter langen Trägerkonstruktion den Raum, teilt in ein Davor und ein Dahinter, stört mit seiner Schräge die Symmetrie.
„Der Text kann“, so schreibt Rode, nur komplett entziffert werden, wenn Außen- undInnenraum besucht werden, ich nötige dem Betrachter Bewegung ab. Diese Bewegung und der Moment der Unsicherheit, des „Noch-Nicht-Lesen-Könnens“, sind für mich entscheidende Teile“ (Rode Projektbeschreibung 2026). Uns wird also – wie Rode es formuliert – Bewegung „abgenötigt“, physische wie geistige. 

Innen wie außen die gleiche Erfahrung: Der Text ist in seiner Fragmentierung zunächst Bild. Aus dem Bild wird erst dann lesbarer Text, wenn die Blickrichtung geändert wird, die gewohnte Perspektive aus der Kirchenbank hilft nicht weiter. Nur der Wechsel des Standpunkts –, wenn Sie so wollen, der pastorale Blick – ermöglicht schließlich die Kombinatorik, das Lesen und letztlich die Deutung.

Lesen – so wissen wir aus zahlreichen Studien – ist immer eine Kombination aus sehen und ergänzen, aus Spontanreiz und abgerufenem Erfahrungswissen. Menschliche Gehirne können Inhalte vorausschauend erahnen, so funktioniert ein flüssiges Lesen auch von lückenhaften Texten. Und so funktioniert es auch hier.

Außen und innen kombinierend, entsteht langsam, vor unserem inneren Auge dieser eine Satz:  HALTE MICH NICHT FEST. Es ist ein Satz aus dem Johannesevangelium (Joh. 20,17), der hier auf seine griechische Urfassung rekurriert.

Landesbischof Gohl wird sich in der anschließenden Preisverleihung gleich weit erkenntnisbringender dazu äußern, als ich es kann.

Nur so viel sei hier gesagt: es handelt sich um die Begegnung zwischen Maria Magdalena und dem auferstandenen Christus. Maria will Christus berühren, er jedoch entzieht sich mit den Worten HALTE MICH NICHT FEST. Dieser Ausruf, der für uns zugleich Unverfügbarkeit und Transzendenz des Auferstandenen markiert, wird hier zu einer Text-Installation im Innen- und Außenraum der Stadtkirche. Rodes Arbeit geht mit den Themen Nähe und Distanz, Verfügbarkeit und Unverfügbarkeit auf eine Weise um, die nachhaltige Resonanzen auslöst.

An dieser Stelle darf ich die Ausschreibung nochmals hervorholen:

„Wechselspiel – Der 5. Kunstpreis der Evangelischen Landeskirche in Württemberg“ suchte im Jahr 2026 nach „künstlerischen Interventionen, die sich mit dem Kirchenraum der Ludwigsburger Stadtkirche aktiv auseinandersetzen und bestehende Strukturen hinterfragen.“

Die Arbeit von Daniel Rode kann das und sie hat die Jury überzeugt, weil sie das Spiel des Wechsels konsequent spielt. Das Außen verweist auf das Innen, das Innen auf das Außen. Mit dem Brechen der Lesart, der Sehgewohnheit wird die Auseinandersetzung mit dem Kirchenraum und allen seinen Akteuren auf eine sehr kluge, vielschichtige Weise befördert.

Der konzeptuellen Arbeit Rodes geht eine intensive Auseinandersetzung mit dem Ort voraus. Der barocken Regelhaftigkeit von Kirche und Stadt setzt Rode eine bewusste Regelverletzung entgegen, bricht mit dem brutalistischen Tragwerk des Baugerüsts die Usancen des liturgischen Kirchenraums auf und eröffnet einen wirkungsvollen Kontrast. Dem nahezu bilderlosen protestantischen Raum wird vielleicht erstmals ein überdimensioniertes Bild einbeschrieben. Eine Zumutung? 

Vor 300 Jahren geht der Stadtgründer Herzog Eberhard Ludwig (1676-1733) ganz anders zu Werke. Er schreibt, ja stempelt sich regelrecht 1726 in das soeben fertiggestellte Bauwerk der Stadtkirche ein, seine Insignien sind an mehreren Stellen zentralen Stellen lesbar.

Nota bene – hier, in der nicht reversiblen Besitzanzeige eines weltlichen Fürsten gegenüber (einer bürgerlich finanzierten) Kirche steckt, wenn überhaupt, die eigentliche Zumutung. Die Kunstgeschichte nimmt es interessiert zur Kenntnis, die Theologen nehmen es gelassen. 

Mit HALTE MICH ist Daniel Rode erstmals mit einer großen Installation im Südwesten vertreten. Nur wenige Sätze zu seiner Person und zum kunsthistorischen Kontext.

1971 geboren und im schleswig-holsteinischen Eutin in einem Theologenhaushalt aufgewachsen, ist der studierte Kunstpädagoge und spätere Meisterabsolvent der HBK Dresden einer, der sich stets neue, unbekannte Räume erschließt. In den 1990ern gehören dazu Studium und wissenschaftliche Arbeit in den neuen Bundesländern, danach und bis heute anhaltend, folgen längere Auslandsaufenthalte. Gastaufenthalte und Stipendien führen weltweit zu Projekten und Kooperationen, Ausstellungen und Ankäufe seiner Arbeiten in renommierten Sammlungen sind nachzulesen.  

Rodes Arbeiten lassen sich in ihrem überwiegenden Teilen der Konzeptkunst zurechnen, er arbeitet dabei vor allem mit Installationen und Zeichnung. Und immer wieder mit Text, mit Sprache – mal englisch, mal deutsch, immer den Kreis der Lesenden erweiternd.

Die großformatige Textinstallation im öffentlichen und halböffentlichen Raum wie sie nun auch hier in Ludwigsburg zu sehen ist, ist in den letzten Jahren zum Markenzeichen Rodes geworden. Ähnlich einer Skulptur oder eines Bildwerkes fordern die Texte zur Auseinandersetzung mit den Orten auf, an und auf denen sie zumeist nur zeitlich begrenzt lesbar sind.

Rode interessiert sich bei der Auswahl seiner ‚Lesorte‘ für Repräsentanzen und Kontexte deutscher Geschichte: Ob an der Axel Springer Konzernzentrale in Berlin, am Atelier des NS-Bildhauers Arno Breker in Berlin-Dahlem, an der brachialen, Schutz suggerierenden Mauer der Deutschen Botschaft in Kairo, an den Goethe Instituten in Hanoi, Kairo oder Athen – immer fordern die Schriftzüge zum Dialog mit ihrem politischen und zeitgeschichtlichen Umfeld auf.

Im Kontrast dazu immer wieder unfeste, transitorische Orte: Container und Gerüste werden zu Bild-Text-Trägern des ‚Heute hier, morgen da‘. Und nicht zuletzt tauchen die Installationen dort auf, wo Umbau ist, physischer wie geistiger. Das kann das Baugerüst der Staatlichen Kunstsammlung Dresden während der Sanierung sein. Das kann aber auch ein Kirchenraum sein, in dem ein großes Textbanner IWANTTOUNDERSTANDWHYYOU den Blick auf das Kruzifix verstellt wie in der Dresdner Martin-Luther-Kirche 2022. Im Kirchenraum wirken die Arbeiten Rodes einmal mehr als Dialog des Einzelnen mit der Welt und ihren menschengemachten Orten. 

Die verwendete Schrift der Texte ist dabei immer gleich. Betont neutral, eine Normschrift, keine Spur der Interpretation anbietend, so als wolle Rode „die Graphologen aufs Kreuz legen“ (Knut Hartwich, in: again and again Daniel Rode, Berlin 2022, S. 13). Aber immer Versalien, immer Großschrift und damit immer zur eindringlichen Beachtung auffordernd.

Worte und Sätze sind fragmentiert, die Syntax ist gestört, teilweise aufgelöst. Wer sich aufs Lesenwollen einlässt, muss immer wieder neu ansetzen. Die Zeilenbrüche und fehlenden Abstände der Texte sorgen für das nötige Brechen der Leseroutinen, erzeugen Unsicherheiten aber eben auch verstärktes Fokussieren auf die Orte und ihre Geschichte. Warum gerade hier, warum an diesem Ort dieser Text, das fragt man sich. Das Anknüpfen, die Auseinandersetzung mit den Orten gelingt Rodes Arbeiten, ohne dass Epigraphien, feste Einschreibungen nötig wären. Leicht, reversibel, wandelbar erscheinen monumentale Lettern oder zarte Neon-Schriftzüge und können auch schon am nächsten Tag wieder verschwunden sein. Nachdenken über Orte, ohne Skulptur werden zu wollen, ohne Denkmal zu sein, darum scheint es (auch) zu gehen. Das Baugerüst als Textträger ist dabei Teil der Arbeiten. Die Faszination fürs Ephemere, Unstete und zugleich auch Handwerkliche ist bei Rode deutlich.

Das Arbeiten mit Text im öffentlichen- und semiöffentlichen Raum ist eine Form der Konzept-Kunst, die sich in der Kunstgeschichte seit den 1960er Jahren etabliert hat und sich im Bezugsrahmen prominenter Positionen von Lawrence Weiner (1942-2021) über Joseph Kosuth (*1945) bewegt. Ihre häufig architekturimmanenten Text-Bildwerke reagieren auf die uralte Tradition der Epigraphik genauso wie auf die zunehmende Verschriftlichung und Banalisierung von Text im öffentlichen Raum. Jenny Holzer (*1950) macht sich mit ihren Text-Skulpturen Überraschungsmomente zunutze, häufig wendet sie sich dabei direkt an die Lesenden.

Rodes ephemere Textskulpturen sind keine Aufrufe zu Aktion, zu unmittelbarer Handlung, enthalten schon gar keine moralisierenden Inhalte. Die Semantik von Rodes Installation ist beiläufiger, interagiert aber stärker mit den Lesorten und schreibt sich auf diesem Weg in ihre jeweilige Umgebung ein. Die Zeile ICANNOTCANNOTCANNOTGIVEYOUWHATIDONTHAVE in einem Konzerthaus in Reykjavik entfaltet eine andere Lesart als im Dienstgebäude des Evangelischen Oberkirchenrates in Stuttgart.

Interaktion von Text, Bild und Leser können auf Orte zurückwirken. Wir kennen, besser kannten in der Region etwas in dieser Art:

Joseph Kosuths längst entfernter neonleuchtender Schriftzug auf dem Stuttgarter Bahnhofsgebäude „das diese Furcht zu irren schon der Irrtum selbst ist“, ein Zitatfragment aus Hegels „Phänomenologie des Geistes“, ist bis heute unvergessen, weil Ort und Text irgendwann miteinander auf tragikomische Weise verbunden waren. 

Doch noch einmal zurück zur Begegnung von Rodes Installationen mit Kirchenräumen. Wenn Rode mit und in Kirche arbeitet, dann ist das etwas anderes als „Kunst am Bau“, dann geht es um ein Arbeiten mit und am lebendigen Körper Kirche und eine Interaktion mit denen, die Kirche aufsuchen.

Bisher gilt Rodes Interesse nicht dem verfügbaren Leerraum Kirche, sondern dem lebendigen Gotteshaus (Martin Luther Kirche Dresden; Protestant German Speaking Church Kairo). Sollte dies dem Zufall geschuldet sein, dann ein Appell an den Künstler: Gerne so weitermachen. Denn eines wurde jüngst wieder deutlich – der Subtitel der kirchenfokussierten Ruhr-Triennale „This is not a church“ vom Sommer 2026 scheint nicht mehr als eine Behauptung. Kirchen bleiben Kirchen, auch wenn sie auf Zeit zu notwendigen Orten der Kunst, der Beherbergung, des demokratischen Diskurses werden.

Kirche braucht aber genau diese temporären Einschreibungen, die den Bau und das Denken verändern und Reflexionen und Resonanzen in Gang setzen. Mit der Arbeit HALTE MICH (NICHT FEST) hier in der Stadtkirche Ludwigsburg gelingt Daniel Rode genau das. Die Installation dringt in einen von Traditionen und Regularien verlangsamten Raum ein und löst auf eine berückend unmittelbare Weise aus, was zeitgenössische Kunst im Kirchenraum kann: Menschen dazu zu bringen, Perspektiven zu verändern und Fragen zu stellen. Fragen an die Freiheit, an die Gesellschaft und nicht zuletzt an den persönlichen Glauben jedes Einzelnen.

Danke an Dekanat und Kirchengemeinde, dass all dies hier möglich wird und Danke an Daniel Rode, der uns wieder neu „ins Lesen bringt“.

In diesem Sinne: Herzlich Willkommen Daniel Rode im Kunstland Baden-Württemberg und

Herzlichen Glückwunsch zum 5. Kunstpreis der Evangelischen Landeskirche in Württemberg!

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