In dieser besonderen Episode der HörRäume erinnern Renate Gröner, Ursula Porten und Dr. Albert Decker an Gotthilf Eugen Lenz aus Schnait und Ioannis Bolierakis aus Livadas auf Kreta. Ihre unterschiedlichen Lebens- und Leidenswege führten sie 1944 in das Konzentrationslager Melk. Beide überlebten die unmenschlichen Bedingungen und die schwere Zwangsarbeit nicht.
Die Stolperstein-Initiative Weinstadt hat die Lebensgeschichte von Gotthilf Eugen Lenz erforscht. Heute erinnert ein Stolperstein in Schnait an ihn. Renate Gröner und Ursula Porten zeichnen seinen Weg nach, der für ihn zu einer Einbahnstraße wurde.
Dr. Albert Decker Studienleiter für digitale Transformation und Erinnerungskulturschildert den Weg von Ioannis Bolierakis aus seinem kretischen Heimatort Livadas in das KZ Melk. Zugleich berichtet er vom Alltag im Lager und von den menschenverachtenden Bedingungen in den Wohnbaracken, bei der Zwangsarbeit und auf der Krankenstation.
Eine Episode, die erinnert und zwei Lebensgeschichten vor dem Vergessen bewahrt.
Themen dieser Episode:
Die Verfolgung und Deportation der beiden Männer nach Mauthausen und Melk
Die deutsche Besatzung Kretas und die Gewalt gegen die Zivilbevölkerung
Das KZ Melk und die unterirdische Rüstungsanlage „Quarz“
Zwangsarbeit, Lagerhierarchien, Ernährung und Krankenversorgung
Handlungsspielräume, Widerstand und die Räumung des Lagers
Stolpersteine und die Entwicklung des Gedenkens nach dem Krieg
© mit freundlicher Genehmigung von Wolfgang BöhmTranskript der gesamten Episode
Das Interview führten die Mitglieder der Stolperstein-Initiative Weinstadt, Renate Gröner und Ursula Porten mit Dr. Albert Decker. Die Veranstaltung fand am 16. April 2026 im Café-Bar Limbo in Weinstadt-Beutelsbach statt.
Renate Gröner:
Guten Abend meine Damen und Herren. Wir sind von der Stolperstein-Initiative Weinstadt und haben uns zur Aufgabe für heute Abend gemacht, 2 Protagonisten und Opfer des Nationalsozialismus vorzustellen, deren Einbahnstraßen wir heute Abend vorstellen werden.
Ursula Porten:
Griechenland beziehungsweise Kreta wird uns in unseren Gedanken heute Abend ständig begleiten. Geographisch allerdings, werden wir uns hauptsächlich an einem anderen Ort aufhalten. Vielleicht sind Sie schon einmal Richtung Wien gefahren, entweder auf dem Fahrrad auf dem Donauradweg oder über die Autobahn. Von Linz kommend werden sie an Melk vorbeikommen, Melk in Niederösterreich, und von dort aus vielleicht weiter nach Wien. Wir halten uns jetzt in Melk auf. Dort ist das Kloster Melk, UNESCO Weltkulturerbe, auch weltbekannt geworden durch Umberto Ecos Romanverfilmung ‚Im Namen der Rose‘. Im Schatten von diesem weltbekannten Kloster, vielen Reisenden vielleicht gar nicht bekannt, liegt bzw. lag das Konzentrationslager Melk, eine Außenstelle des KZ Mauthausen.
Zwei Einbahnstraßen, zwei von ganz vielen, quer durch das besetzte Europa, führten nach Melk, für zwei Menschen, mit denen wir uns heute bekannt machen werden. Der eine, die eine Einbahnstraße, kommt aus Schnait, heute ein Teilort von Weinstadt, die andere Einbahnstraße kommt aus dem Dorf Livadas auf der Insel Kreta. Straßen ohne Wendepunkt sind Einbahnstraßen und Einbahnstraßen in diesem Fall nicht nur ohne Wendepunkt, sondern auch ohne jegliche Wiederkehr.
Die Stolperstein-Initiative hat Gotthilf Eugen Lenz aus Schnait sein Gesicht und seine Geschichte schon wiedergegeben, indem wir einen Stolperstein in Schnait vor dem Haus verlegt haben, in dem er aufgewachsen ist. Dr. Albert Decker hat sich mit dem Weg von Ioannis Bolierakis aus Kreta auseinandergesetzt. Diese beiden Geschichten berühren uns. Deswegen folgen wir ihnen. Über den Weg nach Melk, die Hintergründe dieses KZs, unterhalten wir uns mit Dr. Albert Decker, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Bad Boll. Herzlich willkommen, Albert.
Der Schnaiter, Gotthilf Eugen Lenz, ist am 15. April 1916 geboren. 28 Jahre alt, stirbt er am 24. Oktober 1944 im KZ Melk. Eugen Lenz ist Sohn eines Weinbauernehepaares in Schnait und dort wächst er zusammen mit seiner 2 Jahre älteren Schwester auf. Schon als Kind galt er als Außenseiter und wird so beschrieben, dass er sich schwer in die Gesellschaft einordnen kann. Nach der erfolgreich absolvierten Schulzeit arbeitet er im elterlichen Weinbaubetrieb. 1936 kommt er zum Reichsarbeitsdienst, also mit 20 Jahren, wird jedoch bald wieder entlassen. Und im Februar 1940 erfolgt die Musterung der Wehrmacht. Er wird als untauglich für den Wehrdienst eingestuft und wieder nach Hause geschickt. (weitere Informationen) Einer der Protagonisten.
Albert Decker:
Auf der Totentafeln in Mauthausen stehen auch die beiden Namen. „Ioannis Bolierakis“ ist zu mir gekommen, da ich Kontakt zum Großneffen habe. Und genau daraus ist dann auch diese Suche entstanden und auch die Beschäftigung mit dem KZ Melk. Ioannis Bolierakis ist am 23.07.1923 in Livadas auf Kreta geboren. Das ist etwas westlich der Mitte von Kreta, an der Südküste, ein kleines Dorf. Er ist am 20.08.1944 mit 21 Jahren genau um neun Uhr morgens im KZ Melk gestorben. Ich habe ein bisschen einen blinden Fleck deswegen, weil ich nur weiß, dass er drei Brüder und eine Schwester hatte. Die Schwester war die Oma von meinem Bekannten, mit dem ich in Kontakt stehe. Ich weiß, dass er als Bauer in den Listen in Mauthausen geführt wurde. Ich gehe davon aus, dass er, wie auf Kreta damals üblich, in der Landwirtschaft und Fischfang tätig war. Aber wie gesagt, da ist noch ein bisschen ein blinder Fleck.
Ursula Porten:
Was hat dich so stark bewegt, dass du dich so intensiv damit beschäftigst?
Albert Decker:
Das hat mehrere Gründe. Der eine ist, dass wir an der evangelischen Akademie Bad Boll ein von der Europäischen Union gefördertes Projekt durchgeführt haben. Das Ziel war der Austausch von zwei europäischen Bildungseinrichtungen. Dadurch, dass die Akademie seit den 60er Jahren schon einen sehr starken Bezug zur Orthodoxen Akademie auf Kreta hatte, haben wir gemeinsam ein Projekt zur Erinnerungskultur im vereinten Europa gestartet. Wir sind dann mit den Kollegen auf Kreta in den Austausch gegangen. Wir haben uns einmal in Straßburg getroffen. Wir waren eine Woche auf Kreta und die Kolleginnen und Kollegen aus Kreta kamen dann im April 2023 zu uns. Das Ziel war, dass wir die gemeinsame Erinnerungskultur kennenlernen. Der Projektleiter, Wolfgang Mayer-Ernst, und ich sind zuerst nach Kreta gefahren und haben dort Gedenkorte besucht, Denkmäler angeschaut usw. Danach gingen wir mit den Kolleginnen eine Woche in den Austausch mit den Kolleginnen der Orthodoxen Akademie. Sie haben uns Ihre Erinnerungskultur und die Gedenkorte der Insel gezeigt. Als die Kretischen Kolleg*innen hierherkamen, haben wir das gleiche Programm mit Ihnen gemacht, u.a. im Hotel Silber in Stuttgart. Wir waren auch in München, im neuen Dokumentationszentrum, und im KZ Dachau.
Und da fing das Ganze an. Ein kretischer Kollege stand neben mir in der Reihe, wo links und rechts die Baracken standen und sagte: „Ich glaube, mein Großonkel war hier.“ Und dann standen wir da und sagten: „Das kann doch nicht sein, oder?“ „Doch, er war hier.“ Wir wurden damals vom evangelischen Pfarrer in Dachau geführt. Er hat anschließend nachgeschaut und gesagt: „Nein, Ioannis Bolierakis war in Mauthausen.“ Danach tauschte ich mich mit dem Kollegen aus und bot ihm an, weiter zu recherchieren. Schnell wurde klar, dass der Großonkel im KZ Melk war und auch dort umgekommen oder ermordet wurde. Wir haben dann begonnen, den ganzen Weg nachzuzeichnen. Wir sind immer noch nicht am Ende. Das wird auf jeden Fall noch weitergehen.
Grund war auch, dass wir planen, eine Kreta-Reise von der Akademie aus anzubieten und damit eine verbindende Geschichte zu haben.
Vor ein paar Monaten kam ich dann zur Stolperstein-Initiative Weinstadt dazu und bekam den Weg von Eugen Lenz mit. Und dann habe ich gesagt: „Moment mal, ich habe da auch jemanden, der auch im KZ Melk gestorben ist.“ Und nun sitzen wir hier.
Ursula Porten:
Aber bevor wir den Weg, diese 2 Einbahnstraßen gehen, mit Eugen und Ioannis, wäre es wichtig, dass wir uns diesen Ort, dieses besondere KZ in Melk, einmal vor Augen führen. Wir haben gerade schon von Mauthausen gehört und wir wissen von Eugen Lenz, dass er zuerst nach Mauthausen kam. Aber Melk liegt 80 Kilometer entfernt von Mauthausen. Und eine Besonderheit, denk ich, ist schon auch in der Zeit, dass dieses KZ Melk erst im April 44 eröffnet wurde. Und das jetzt würde mich schon interessieren, warum dieses KZ Melk eröffnet wurde, angelegt wurde und ja, was da die genauen Hintergründe zu diesem Arbeitslager sind.
Albert Decker:
Das KZ Melk ist tatsächlich eines der ganz späten Lager, aber eines der größten im Bereich von Mauthausen. Und wenn wir die damalige „Großwetterlage“ ein bisschen anschauen, dann ist es so, dass bereits 1943 schon große Luftangriffe der Alliierten auf Berlin stattfanden, dass die Schlacht in El-Alamein durch die Achsenmächte verloren worden war. Das hat dazu geführt, dass Flieger der Alliierten viel mehr Städte erreichten und bombardieren konnten, da die Distanzen aus den eroberten Gebieten kürzer wurden. Das ist das Besondere an dieser österreichischen Lage. Im 1. Schritt hat man gesagt, wir bauen die Rüstungsindustrie auch in Österreich aus, weil die alliierten Flieger da nicht so gut hinkommen. Wenn wir die große Rüstungsindustrie anschauen, dann waren u.a. Schweinfurt und Stuttgart Zentren. Das sind alles Lagen, die irgendwann von alliierten Bombern erreicht worden sind. Und die Strategie der Alliierten war tatsächlich auch, ganz gezielt zum Beispiel Kugellagerproduktion zu vernichten, da Kugellager ganz wichtig für die Produktion aller Waffengattungen waren.
Von Panzern bis zu Flugzeugen, Flugzeugmotoren und ähnlichem Kriegsgerät. So im Herbst 1943 haben dann hektische Aktivitäten der Nationalsozialisten begonnen, die Kriegsproduktion unter die Erde zu verlegen, damit die Bomber diese nicht zerstören konnten. Und das ist der Grund, warum in dieser Zeit überall, auch in Deutschland, die kriegswichtige Produktion unter die Erde verlegt wurde. Im Fall von Melk war das so, dass in der Gegend ein geeignetes Areal war, wo man eine Stollenanlage graben konnte. Die Planung hat im Herbst ’43 begonnen und im April hat man bereits das Lager eröffnet und die ersten Bohrungen oder die ersten Schachtungen in Melk, bzw. Roggendorf bei Melk, durchgeführt.
Was interessant ist, dass die Planungen und Kommunikation sehr unmittelbar in Berlin zusammenliefen. Hier waren Himmler, Speer, Kammler und auch Hitler selber direkt involviert. Wenn wir das Kloster Melk noch einmal nach vorne holen, ist es tatsächlich so, dass Hitler selber für den Standort wegen des Klosters Bedenken angemeldet hatte. Hitlers Bedenken war, dass das Kloster durch Irrläufer zerstört werden könnte. Die Verantwortlichen vor Ort versicherten ihm, es sei kein Problem. Kloster und Arbeitslager Melk seien drei, vier Kilometer weit voneinander entfernt.
Hervorheben muss man die Firma Steyr-Daimler-Puch AG, die dort mehr oder weniger, ich sage es mal so salopp, der Platzhirsch war. Der damalige Generaldirektor Meindl hat das Projekt sehr stark vorangetrieben und dann dafür gesorgt, dass man dort doch ein KZ aufbaute. Die dortige Rüstungsindustrie hatte einen unbändigen Hunger nach Arbeitskräften. Die Steyr-Daimler-Puch AG hatte im Jahr 1939 ungefähr 7.000 Mitarbeiter gehabt. In 1944 bis 1945 waren es dann schon über 20.000. Über die Hälfte davon waren Zwangsarbeiter. Diese Zwangsarbeiter hat Maindl z.T. direkt bei Himmler angefordert. Also vielleicht am Rande der Hinweis, dass dies ein Win-Win-System für beide Seiten war. Jeder hat von jedem profitiert und deswegen wurde mit unglaublicher Macht eine unglaubliche Schnelligkeit an den Tag gelegt.
Ursula Porten:
Also ist das schon was Besonderes für dieses KZ, dass da dieser industriell-militärische Komplex so stark im Vordergrund stand?
Albert Decker:
V.a. die Verlegung in den Stollen – das ist die Besonderheit. Die Planung hat vorgesehen, dass man 65.000 qm unter die Erde verlegt. Mit zwei Bahngleisen, über die die Bahn direkt einfahren kann. Vielleicht können wir uns da mal den Lageplan ein bisschen anschauen.
© Stift Melk:By Wolfgang Sauber - Own work, Public Domain; KZ Melk – Briagokaserne: By Unknown author - alte Postkarte, Public Domain; Stollenanlage: Mit freundlicher Genehmigung von P. J. EisenbauerDer realisierte Endausbau war ca. 1/3 der ursprünglichen Planung. Etwa im Herbst 1944, wurden die Maschinen schon eingezogen und wurden dann Anfang ’45 in Betrieb genommen, bevor die Maschinen dann vor der Befreiung wieder abgebaut und evakuiert wurden. Es war die Angst vorhanden, dass die Russen die Maschinen beschlagnahmen.
Für den Standort Melk und den Stollen in Roggendorf gab es ein paar Argumente: Wo sind geeignete Hügel, wo man unterirdisch bauen kann? Und wo gibt es Möglichkeiten für Unterkünfte, wo die Zwangsarbeiter und die Häftlinge untergebracht werden können? Das war in diesem Fall die Birago-Kaserne in Melk, die aber verlassen war. Letztendlich hat sehr viel für diesen Standort gesprochen.
Was wir auch auf dem Bild (Abb. 3) sehen, Melk liegt an der Bahnlinie zwischen Linz und Wien und and der Donau. Logistisch war das sehr vorteilhaft. Es bestand generell die Angst, dass die alliierte Luftaufklärung den mächtigen Aushub der Grube entdeckt. Hier konnte man große Mengen an Aushub auch in die Donau schütten, um dieses Risiko zu minimieren.
Die Aufsicht des Projektes hat der SS-Planungsstab Kammler übernommen. Das war eine SS-Sondereinheit, die sehr viele kriegswichtige Projekte im schnellsten Tempo durchgezogen haben. Die Steyr-Daimler-Puch AG hat anschließend eine Tarnfirma gegründet. Und das war die Quarz GmbH. Von dieser GmbH hat der Stollen auch seinen Namen bekommen. Also, wir haben das KZ Melk und den Stollen Quarz in Roggendorf.
Renate Gröner:
Ich denke, das ist jetzt wichtig, dass wir die Wege von Eugen und Ioannis nach Melk nachvollziehen. Eugen Lenz aus Schnait, heute Weinstadt, kommt 1940 ins Visier der Justiz. Er muss wohl mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt geraten sein und kommt vor Gericht, wird allerdings für schuldunfähig erklärt. Er wird zwar freigesprochen, jedoch nach Winnental, heute Psychiatrische Klinik Winnenden, eingewiesen. Trotz mehrerer Fluchtversuche und eigenem Ersuchen um Entlassung, weil er bei seinen Eltern im Weinbaubetrieb wieder arbeiten wollte, muss er in der Psychiatrie Winnental bleiben. Und so geschieht es, dass er 1943 auf die Liste der arbeitsfähigen Anstaltspatienten kommt. Albert hat grade schon drauf hingewiesen, es war ein unglaublicher Bedarf nach Nachfrage nach Arbeitskräften und man hat geschaut, woher man diese bekommen kann. Und im März 1944 wird er in einem Häftlingstransport von 440 Personen als sogenannter Schutzhäftling nach Mauthausen verbracht und von dort dann ins Arbeitslager Melk.
© commons.wikimediaJa, und du, Albert, kannst uns jetzt sicherlich über den Weg von Ioannis mehr erzählen. Also, der Eugen kommt aus Schnait bzw. dann aus Winnenden nach Melk. Er ist im deutschen Reichsgebiet. Ioannis kommt aus Kreta. Und wir müssen uns da zunächst auch einmal vergegenwärtigen, was Deutschland eigentlich in Griechenland zu suchen hatte.
Albert Decker:
Da könnte man nun Romane darüber schreiben, wie die Achsenmächte, v.a. Bulgaren, Italiener und Deutsche nach Griechenland gekommen sind. Ich würde auf Kreta mal starten. Kreta ist am 20. Mai 1941 durch die Deutschen angegriffen worden. Ungefähr vier Wochen lang tobte die Schlacht um Kreta. Das Besondere daran war, dass das die größte Luftlandeoperation im zweiten Weltkrieg war. Diese ist ziemlich schief gegangen und es gab sehr viele deutsche Soldaten, die dort „in den Tod gesprungen“ sind. Auf dem deutschen Soldatenfriedhof auf Kreta liegen 4468 deutschen Soldaten. Dieser Erinnerungsort ist v.a. der orthodoxen Kirche auf Kreta und dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. zu verdanken. Die Gebeine wurden gesammelt und später durch die Kriegsgräberfürsorge als Friedhof in Maleme angelegt.
Nach der Schlacht um Kreta folgte eine vierjährige Besatzung bis zum Kriegsende 1945. Was auf Kreta zum Teil zu absurden Dingen geführt hat, z.B. dass die Deutschen nach der deutschen Kapitulation die Engländer auf Kreta gegen die Partisanen bzw. Andarten verteidigen mussten.
Also jetzt habe ich schon die kretischen Andarten, also die griechischen Partisanen, oder die Deutschen haben Banden gesagt, angesprochen. Diese Gruppen waren sehr aktiv und wurden durch den englischen Geheimdienst unterstützt. In der Besatzungszeit gab es immer Partisanenaktivitäten, Sabotageakte und andere Aktivitäten. Das hatte zur Folge, dass die Deutschen ihre grausamsten Instrumentarien angewendet haben. Vor allem die Sühnemaßnahmen. Auf Kreta gibt es ganz viele Märtyrerdörfer, die durch die deutsche Wehrmacht richtiggehend dem Erdboden gleichgemacht worden sind. In vielen Fällen wurden die Dorfbewohner, egal ob Frauen, Kinder, erschossen oder abgeschlachtet. Es gibt sehr viele Opfer aus der Zivilgesellschaft, darunter auch kretische Juden und Jüdinnen. Wenn man nach Kreta fährt, sollte man sich auch mit diesem Teil der Geschichte ein näher auseinandersetzen.
Jetzt sind wir im Herbst 1943. Die Lage auf Kreta war schwieriger, da die Italiener kurz vorher kapituliert hatten. Ursprünglich besetzten sie den Ostteil der Insel Kreta. Nun gab es auf einmal italienische Soldaten, die zu den Andarten übergelaufen sind. Es gab welche, die untergetaucht sind und es gab viele, die in Gefängnissen auf Kreta von den Deutschen eingesperrt worden sind. Aber es gab natürlich welche, die sich den Deutschen angeschlossen haben.
Das andere war, dass die Deutschen gehört hatten, dass die Alliierten Kreta wieder zurückerobern wollen.
Die Konsequenz waren vermehrte Durchkämmungsaktionen. Gerade in der Region Livadas, Koustogerako und Moni. Diese drei Dörfer liegen im Süden, ein bisschen oberhalb in den Bergen. Sougia ist ein bekannter Küstenort in der Nähe (siehe https://www.gedenkorte-europa.eu/de_de/koustogerako.html).
Eine Durchkämmungsaktion hat im Herbst 43 dazu geführt, dass diese drei Dörfer komplett zerstört worden sind. Und nicht nur einfach so zerstört, sondern durch die Bombardierung durch deutsche Kampfflugzeuge. Das muss man sich einmal vorstellen, was Hitlers Armee da für einen Aufwand getrieben hat. Die meisten Opfer waren Zivilisten, die dort gewohnt haben. Das hat sehr sehr viel Leid geschaffen. Meistens haben sich die Männer, bevor die Deutschen kamen, in die Berge abgesetzt, weil sie wussten, dass die Deutschen Männer ab 16 exekutierten. Bei dieser Aktion haben die Deutschen bereits begonnen, Frauen, Kinder und Männer zu exekutieren. Durch das beherzte Eingreifen der Andarten wurde die Aktion gestört und der Rest der Bevölkerung konnte flüchten. Es könnte sein, dass Ioannis Bolierakis bei den Andarten dabei war. Oft schlossen sich die flüchtenden Männer den Andarten an. Also durch diese Brutalität und Zerstörung ist der Widerstand mehr geworden.
Dann gab es am 9. und 10. Februar 1944 eine weitere Durchkämmungsaktion in der Region. Und auf dieser Durchkämmungsaktion sind die drei Brüder und Ioannis festgenommen worden. Die drei Brüder sind wahrscheinlich sofort erschossen worden. Und Ioannis ist in Sougia verhaftet worden und über Kandanos in das Agia-Gefängnis, in der Nähe von Chania, gebracht worden. Dort hat ein Kollaborateur über Leben und Tod der Gefangenen entschieden. Es waren ungefähr 200 bis 300, die das Todesurteil erhielten. Und jetzt kommt die Verbindung zu Melk. Man hat Hitlers Geburtstag zum Anlass genommen, um die Männer zu begnadigen. Nach dem Motto: „Herzlichen Glückwunsch, ihr dürft jetzt nach Deutschland.“ Man hat tatsächlich diese 200 Kreter ins Flugzeug gesetzt, und nach Athen geflogen. Dort sind sie ins Averoff-Gefängnis gesteckt worden. Von dort aus wurden sie mit dem Zug über Belgrad (Sammellager Benjica) bis nach Wien transportiert. Dort sind sie ein paar Tage in einem Sammellager geblieben und anschließend nach Mauthausen deportiert worden.
Wie man von Zeitzeugen weiß, haben „die Kreter“ noch das Orthodoxe Osterfest im Lager in Benjica bei Belgrad gefeiert. An dieser Stelle würde ich jetzt gerne ein Zitat vorlesen von Theodoros Kokolakis. Er ist ein Zeitzeuge, der bei dem Transport dabei war. Theodoros Kokolakis kommt aus dem Nachbardorf von Livadas, wo Ioannis geboren ist.
Theodoros Kokolakis: „Und in Mauthausen war ein großer Bahnhof. Daran erinnere ich mich, als würde es jetzt sein. Am Bahnhof von Mauthausen halten sie an und lassen uns aus den Waggons raus. Dort waren Menschen versammelt, Zivilisten, Frauen, Kinder, Alte, Männer. ‚Das, das sind Griechen‘. Dass wir von Kreta sind, Partisanen von Kreta. Und sie griffen nach Holzstücken und warfen sie nach uns. Auch Steine warfen sie und beschimpften uns.“
(Quelle: Auer, Karin (2021): Antisemitische Verfolgung und antifaschistischer Widerstand im okkupierten Griechenland, S. 310; Interview auf Youtube)
Das war der 2. Mai 1944. Es war üblich, dass die neuen Häftlinge ein paar Tage in Mauthausen inhaftiert und dann auf die Außenlager, Versuchsanstalten etc. verteilt wurden. Man hat dann bestimmte Maßnahmen durchgeführt, wie Registrierung, Entlausungsmaßnahmen, Selektion usw. und hat sie dann am 12. Mai nach Melk überführt. Es war ein Transport mit ca. 600 Gefangenen. Davon waren um die 250 Griechen. Insgesamt waren es 423 Griechen, die im KZ Melk inhaftiert waren (hierzu siehe Perz 2025, S. 55).
© Dr. Albert DeckerUrsula Porten:
Wir sprechen jetzt im Moment nur von Griechen, also von 423 Griechen. Gab es noch weitere Nationalitäten im KZ Melk.
Albert Decker:
Also die größte Gruppe, die im KZ Melk inhaftiert waren, waren Polen mit 3970, danach gefolgt von Ungarn. Die meisten von diesen Gruppen waren jüdisch, also jüdische Polen und jüdische Ungarn. Diese Gruppen sind vorwiegend erst später nach Melk gebracht worden.
Es waren dann auch ca. 2.300 Russen. Oft auch „Bandenangehörige“, also Partisanen.
Aus dem Deutschen Reich waren es 890 Gefangene. Da war auch Eugen Lenz dabei. Ansonsten waren dort unglaublich viele Nationalitäten. Unter anderem zwei US-Amerikaner und 80 Spanier.
Also man kann sagen, aus aller Herren Länder. Eine der zentralsten Gruppe waren Franzosen (insg. 1655). Ein Grund war, dass sie das Lager von Beginn an mit aufbauen mussten. Wir kommen nachher noch einmal auf andere Aspekte, warum die Franzosen eine sehr zentrale Rolle im Lager gespielt haben.
An dieser Stelle könnte wir die Gefangenenarten im KZ Melk einmal besprechen. Zum einen werden Häftlinge in die Klasse Schutzhäftlinge eingeteilt. Hier gehörte auch Eugen Lenz dazu. Insgesamt waren das 5841. Jüdische Häftlinge wurden in eine eigene Klasse eingeordnet. In Melk waren es insgesamt 5672 jüdische Häftlinge. Dann gab es noch die Sicherheitsverwahrungshäftlinge, das waren ca. 158. Jetzt ist es ein bisschen schwierig, Ioannis Bolierakis zuzuordnen. Wie oben aber schon berichtet, sind die kretischen Häftlinge bei Ankunft als „Partisanen“ bezeichnet worden. Auch die Umstände der Verhaftung auf Kreta lassen vermuten, dass diese im KZ Melk als Sicherheitsverwahrte gekennzeichnet wurden.
Ursula Porten:
Aber wie muss man sich jetzt dann den Alltag im KZ Melk vorstellen? Es sind viele Nationalitäten mit unterschiedlicher Empathie füreinander. Es gibt Lagerleitungen, ich weiß es nicht, also vielleicht in einzelnen Baracken? Wie haben Sie gewohnt? Gibt es dann einen Obersten und der bestimmt dann wieder was, oder wie soll man sich das vorstellen?
So eine Lagerorganisation war gut in den frühen Lagern, wie z.B. das KZ Dachau, erprobt. Im KZ Melk waren ungefähr 50 SS-Wachen oder Aufseher und die Lagerleitung. Insgesamt waren es ungefähr 500 Soldaten, die das Lager bewacht haben. Dabei ist es aber dort, wie in anderen Lagern auch, so, dass nicht alle Zugang zum inneren Bereich des Lagers hatten. Es gab einen äußeren Ring, also den Zaun, der natürlich unter Strom stand, und Wachtürme. Die meisten der Wachsoldaten waren außerhalb des Lagers und durften gar nicht ins Lager hinein.
Die SS hatte im Lager das absolute Sagen. Das Besondere an dem Lager war auch, dass die SS irgendwann zur Luftwaffe gesagt hat: „Ihr müsst uns jetzt Lagerpersonal stellen.“ Also nicht alles mit SS-Angehörigen betrieben. Daher gab es dort einen großen Anteil an Luftwaffenangehörigen, die dieses Lager mit bewacht haben. An oberster Stelle hat man das bewirkt, weil die SS argumentierte, dass man ja auch Flugzeugteile im Lager produziere.
Innerhalb des Lagers gibt es immer eine Lagerleitung, die Leitung der Krankenstation, die Leitung der Küche, die Leitung der einzelnen Blöcke, die in den überwiegenden Fällen mit einem SS-Mann besetzt wurden. Darunter wurden sogenannte Funktionshäftlinge eingesetzt. Das System der Funktionshäftlinge kannte man schon aus anderen Lagern und KZs.
Häftlinge haben also bestimmte Funktionen im Lager übernommen. Also, im Krankenlager waren relativ viele Ärzte auch aus der Häftlingsschaft. Es gab einen griechischen und französische Ärzte. Dann gab es sogenannte Lagerschreiber. Die Lagerschreiber hatten die Aufgabe, die Leute zu zählen. Wie viele haben wir denn? Wie viele gehen raus? Wie viele fehlen? Darauf kommen wir nachher noch einmal zu sprechen. Und was ein bisschen kurios war, es gab eine Lagerpolizei, die vorwiegend aus spanischen Häftlingen bestand. Oft waren die Blockältesten oder die Leiter der Unterkunfts-Blocks deutsche Kriminelle. Die SS wählte diese aus, weil sie davon ausgingen, dass dies Leute sind, die sich durchsetzen, streng und brutal sind. Und das war im Interesse der SS-Aufseher.
Wenn wir über Brutalität sprechen, müssen wir auch erwähnen, dass Funktionshäftlinge auch durchaus brutal zu den anderen Häftlingen waren. Von manchen ist bekannt, dass sie mit Knüppeln rumgelaufen sind und auch Leute geknüppelt haben. Es gab davon welche, die später im Dachau-Prozess oder späteren zivilrechtlichen Prozesse verurteilt worden sind. Also die Brutalität war auch in dieser Funktionshäftlingsschaft vorhanden.
Vielleicht kommen wir noch einmal zu den französischen Häftlingen zurück. Es war eine „frühe Gruppe“, die das Lager mit aufgebaut haben. Es war eine große Gruppe, die auch z.T. mehrsprachig waren. Die Mehrsprachigkeit eines Häftlings war ein riesiger Vorteil, da die SS v.a. deutsch sprechen wollte bzw. nur konnte. Ansagen machen, fertig. Durch die vermehrte Mehrsprachigkeit und u.a. akademische Ausbildungen unter den Franzosen, war es wahrscheinlicher eine höhere Stellung zu erlangen, sei das jetzt im Krankenrevier, bei den Ärzten oder auch bei den Blockschreibern bzw. Blockältesten zum Beispiel.
Die Lagerleitung hatte einen S.S. Mann mit dem Namen Ludolf. Eine sehr schwierige Persönlichkeit. Er war nicht gleich am Anfang da. Vorher war er im KZ Steyr-Münchberg und dort auch schon berüchtigt. Hier möchte ich etwas zitieren, zwei Sachen:
Ich mache einen Zeitsprung. Lagerleiter Ludolf ist im Dachau-Prozess vor Gericht gestanden. Ist dort auch zum Tode verurteilt worden, das auch vollstreckt wurde. Vor der Vollstreckung war es möglich, dass man noch Leumundszeugnisse oder Gnadengesuche einreichte. Also, die Ehefrau z.B. hat ein Gnadengesuch eingereicht. Und ich würde jetzt gern das Leumundszeugnis von jemandem vorlesen, der den Charakter von Ludolf vor dem Krieg beschreibt.
„Herr Julius Ludolph aus Köln ist mir seit dem Jahr 1921 persönlich bekannt. Er war bis zum Ausbruch des Krieges im Jahr 1939 Kraftfahrer meines Freundes, des Herrn Direktor Julius Weiß beim Rhein-Braunkohle-Syndikat in Köln. Herr Weiss hat stets mit großer Anerkennung von der Leistung des Herrn Ludolf und seinem in und außendienstlichen, einwandfreien Verhalten gesprochen. Auf vielen gemeinsamen Fahrten habe ich Herrn Ludolf als einen treuen, nüchternen und pflichtbewussten Menschen kennengelernt, immer hilfsbereit und entgegenkommend. Ich traue daher Herrn Ludolph nicht zu, dass er sich gegen Sitte und Anstand vergangen hat. Jedenfalls bin ich felsenfest davon überzeugt, dass Herr L. charakterlich nicht so veranlagt ist, um Ausschreitungen und Schändlichkeiten zu begehen beziehungsweise zu unterstützen.“
Murrhardt den 10. September 1946
Interessant: Es war ein Bekannter, der in Murrhardt, hier in der Nähe von Weinstadt gelebt hat.
Jetzt mache ich den Sprung zurück und würde aus dem Zeitzeugeninterview mit dem deutschen Funktionshäftling und Lagerschreiber Hermann Hofstädt zitieren. Es ist eine dokumentierte Aussage. Und er beschreibt diesen Lagerleiter aus der Sicht des Häftlings.
„Auf Kosten der Häftlinge führte Ludolf ein Völlerleben, was mit Worten kaum zu beschreiben ist. Aus der Küche der Häftlinge sowohl als auch aus der SS-Truppenküche ließ er sich täglich das beste Fleisch und sonstige Lebensmittel geben. Aus der Häftlingskantine stahl er in großen Mengen Zigaretten. …“
[Wir müssen da im Hinterkopf behalten, Zigarettenzuteilungen waren als Tauschmittel überlebenswichtig für die Häftlinge. … AD]
„… Alle diese Lebensmittel und Zigaretten konnte er in dieser Menge nicht für sich gebrauchen. Er verkaufte diese Waren an Zivilisten, um sich auf diese Weise Wein und sonstige alkoholische Getränke zu beschaffen. Auch Geflügel und sonstige, nur auf Lebensmittel- und Kleiderkarten erhaltbaren Waren tauschte er gegen die den Häftlingen gestohlenen Sachen. Der Umfang seines ausschweifenden Lebenswandels mit täglich anderen Frauen hat mich manchmal veranlasst zu glauben, als habe ich es mit einem krankhaften Menschen zu schaffen. Aber immer wieder kam ich zu dem Bewusstsein, dass Ludolf für seine Taten voll verantwortlich ist. Wenn auch ein Teil seiner Brutalitäten den Häftlingen gegenüber im Alkoholrausch begangen worden ist, so hat er doch im Wesentlichen alles mit vollster Überlegung aus- und durchgeführt.“
(aus Heft: Nazi-Opfer 2 (1946), Heft 2, S.6 – zitiert nach: Perz 2014, S. 260)
Was hier nicht zur Sprache kommt, ist, was er sonst noch alles gemacht hat. Und ich denke mir, das wissen wir alle, dass diese Leute auch aus einer Laune heraus Häftlinge totgeschlagen haben. Und das waren an der Zahl nicht wenige. Er war auch ein Typ, der gerne Häftlinge z.B. an den Zaun gestellt hat. Der Zaun stand unter Starkstrom. Die Häftlinge mussten die ganze Nacht dort stehen, auch im Winter. Wenn sie umgefallen sind, waren sie tot. Die SS konnte dann sagen, der Häftling ist auf der Flucht in den Zaun gelaufen.
Er hat z.T. nachts Häftlinge aus den Lagerbaracken geholt und mit ihnen Unterwerfungs-Rituale durchgeführt, wie wenn er ein herrschaftlicher Mensch war. Es musste ein Häftling mit einem Eimer Wasser hinterherlaufen. Und er hat sich dann nach den erniedrigenden Brutalitäten anschließend die Hände dort gewaschen – rituell.
Er hat auch den Einsatz der Häftlinge mit der Steyr-Daimler-Puch AG bzw. Quarz GmbH abgerechnet. Das heißt, für ihn war das eigentlich wertvoll, dass viele Häftlinge zur Arbeit gegangen sind. Und jeder, der gezählt worden ist, hat Geld gebracht. Und auch an dem Geld hat er sich wahrscheinlich bereichert.
Und jetzt kommen wir zu so einem Punkt, den kann ich nur andeuten. Die Mitwisserschaft war natürlich etwas, was für Häftlinge interessant war, weil sie wussten, dass der Lagerleiter hinterzieht. Würden Sie Ludolf jetzt irgendwo anschwärzen, könnte es sein, dass es sein Todesurteil ist. Das wusste Ludolf natürlich. Aber auf der anderen Seite war es natürlich auch so, dass der Lagerleiter wusste, wen er kalt zu machen hat, wenn es kritisch wird. Also, das war immer so ein Spiel, was im ganzen Lager immer gespielt wurde: Wo kann ich Vorteile für ein besseres Überleben erhalten? Meistens ging es um Essen.
Ursula Porten:
Der Alltag im Lager, war wirklich brutal und grauenvoll grausam. Das wissen wir auch von den überlebenden Zeitzeugen. Und ich glaub, diese Zitate sprechen für sich, da muss man gar nicht viel dazu erzählen. Und jetzt wissen wir ja, da gibt es das Projekt Quarz, das heißt, es geht auch um Arbeit. Ja, da musste Schwerstarbeit geleistet werden, um diese Stollen zu graben, um darin Waffen zu produzieren. Allein diese Vorstellung ist ja schon ungeheuerlich, wie Menschen unter diesen Unterbringungsbedingungen dazu in der Lage sein sollen.
Es geht jetzt um die Arbeitsbedingungen, um das, was eigentlich das Ziel der Nazis war.
© © P.J. EisenbauerAlbert Decker:
Ich habe vorher schon gesagt, dass 65.000 Quadratmeter unterirdisch geplant waren. Im Planungsprozess haben Baufirmen gesagt: „Wir haben die tollsten Bohrer hier, die machen 10 Meter am Tag. Deshalb schaffen wir diese 65.000 Quadratmeter schnell.“ Es waren nur 8 Monate bis Fertigstellung angesetzt. Dann sind die mit ihren Bohrern angekommen und nach 2 Metern stecken geblieben. Die Maschinen waren kaputt und es ging so nicht weiter. Nun mussten die Häftlinge genau diese Arbeit hauptsächlich von Hand verrichten. Am Tag haben die Häftlinge ca. zwei Meter geschafft. Diese Arbeit war unglaublich gefährlich und schweißtreibend. Man muss sich vorstellen, dass erst gesprengt wurde. Dann mussten die Häftlinge mit Presslufthammern und Ähnlichem das ganze Gestein rausmeißeln, mit Loren abfahren und aus dem Schächten bringen. Im Schacht wurde dann abgestützt, damit der Stollen betoniert werden konnte. Wir müssen uns vorstellen, in den Hauptstollen können zwei Züge hineinfahren. Diese Hauptstollen müssen daher eine bestimmte Größe haben. Die Hauptstollen waren meistens zweistöckig angelegt. Das Gestein in den Gruben war Quarzgestein. Daher kam auch der der Name Quarz.
Es ist klar, dass wir nicht von Arbeitsschutz reden müssen. Für die Arbeit der Häftlinge im Stollen war mehr oder weniger schon klar, dass es tödlich sein kann, dort zu arbeiten. Wir kommen nachher noch einmal im Detail zu den hohen Todesraten und den Gründen, die hauptsächlich auf die Arbeit zurückzuführen sind.
Renate Gröner:
Wie sah denn da der Arbeitsalltag dann aus? Gab es da mehrere Arbeitsschichten oder wie lief das ab?
Albert Decker
Also, worüber ich mich am Anfang gewundert habe, ist, dass die Häftlinge tatsächlich 8-Stunden-Schichten hatten. Aber wir müssen uns natürlich vorstellen, das war am Anfang ein Zweischichtbetrieb, der morgens um sechs angefangen hat. Aber die Häftlinge mussten ja davor noch was essen, bzw. wässrige Suppe oder auch nur dünnen Kaffee trinken. Dann mussten die Gefangenen auch noch zum Morgenappell. Das war eine sehr große Tortour. Die Blockschreiber haben die Häftlinge dann alle durchgezählt. Aus zwei Gründen: hauptsächlich ob welche verschwunden waren. Und das andere: damit die Funktionshäftlinge die Abrechnung für die SS mit den Firmen machen konnten. Es wurde für die Facharbeiter, da waren jetzt nicht besonders viele dabei, sechs Reichsmark bezahlt und zwei Reichsmark fünfzig für jeden Hilfsarbeiter. Das hat man auch durch dieses Zählen und den Appell sichergestellt. Wenn jemand gefehlt hat, war das ein Problem. Die Häftlinge sind dann stundenlang auf dem Appellplatz gestanden, egal bei welchem Wetter. Warum das ein großes Problem für die Gesundheit war, kommen wir später noch darauf zurück. Dann sind die Häftlinge zum Behelfsbahnhof, der in der Nähe des Hauptbahnhofs Melk war, gewandert. Von dort aus sind sie dann nach Roggendorf gefahren, das waren ungefähr zweieinhalb bis drei Kilometer. Von dort aus dann zur Baustelle. Zu Beginn der Bauarbeiten mussten die Häftlinge noch am Morgen- und Abend-Appelle anwesend sein. Das war für die Spätschicht immer das Problem, weil diese dann um fünf Uhr morgens nach der Nahrungsaufnahme am Morgenappell sein mussten. Zum Teil waren sie aber erst nachts um ein Uhr im Lager.
Und das muss man sich vorstellen, wenn man das wochenlang macht, kann das bei dieser Mangelernährung tödlich sein.
Wir haben vorher das Alter von Ioannis und Eugen genannt, und ich weiß jetzt nicht, welche Konstitution die beiden hatten. Aber es waren junge Burschen, die in der Landwirtschaft gearbeitet haben. Wir müssen davon ausgehen, dass sie körperlich sehr gut beieinander waren.
Ursula Porten:
Gab es da eigentlich von der Industrie, dieser Steyr-Daimler-Puch AG, irgendwelche Einwände dagegen, dass die Zwangsarbeiter eigentlich kraftlos sind? Die Häftlinge konnten diese Leistung gar nicht erbringen, die da gefordert war.
Albert Decker:
Ja, es gab immer mal wieder Korrespondenz zwischen der SS und auch zwischen den Managern. Und was sie tatsächlich erreicht haben, ist, dass die Häftlinge Sonderrationen Brot bekommen haben. Da gibt es einen Bericht von einem Häftling, einem Funktionshäftling, der aus Auschwitz dorthin kam. Er sagte, er hätte noch nie so ein gutes Lageressen oder so reichliches Essen wie im KZ Melk bekommen. Ich glaube, das hat er in den ersten Tagen gesagt, weil er wahrscheinlich nach der Art der Arbeit gemerkt hat, dass das zum Überleben trotzdem nicht ausreicht. Es war nicht ausreichend, in keinster Weise. Und ich habe schon von den Funktionshäftlingen gesprochen, die dann auch ein bisschen Günstlingsarbeit betrieben haben, indem sie das Brot nicht an alle Gruppen ausgeteilt haben. Also, da kann man nur mutmaßen, aber in dieser Häftlingshierarchie waren manche Gruppen ganz unten. Also das waren v.a. die Gruppe der Homosexuellen, der Sintizze und Romnja und jüdische Häftlinge. Diese sind dort genauso brutal und abscheulich behandelt worden, wie in anderen Konzentrationslagern auch. Das Essen wurde also fehlverteilt. Die Funktionshäftlinge aus der Küche haben zum Beispiel Suppe gekocht und den wässrigen Anteil ausgeteilt. Die Funktionshäftlinge haben dann den Boden, wo die nahrhaften Bestandteile sich abgesetzt haben, unter sich verteilt. Da sieht man, dass es egoistischer Überlebenskampf pur war.
Ursula Porten:
Waren die Funktionshäftlinge eigentlich auch bei der Arbeit im Stollen oder waren sie eher in im Lager beschäftigt?
Albert Decker:
Das war das Positive an der Funktion, dass die eher im Lager beschäftigt waren. Also deshalb waren die Posten sehr beliebt. Wohl war man nicht gefeit, dass, wenn jetzt irgendjemand von der Bewachung kam und gesagt hat: „Du hast jetzt Mist gebaut, du musst jetzt einfahren, du musst jetzt zum Arbeiten gehen.“ Also das gab auch, dass die Funktionshäftlinge gewechselt haben. Ich habe vorher schon erzählt, dass der Lagerschreiber usw. mit dem SS-Leiter sehr viel zu tun hatte. Und diese Funktionshäftlinge konnten natürlich mehr organisieren. Sie haben auch federführend den Widerstand organisiert, also Widerstandsgruppen innerhalb des Lagers.
Ursula Porten:
Ja, da wollte ich gerade nachfragen, gab es Widerstand im Lager Melk?
Albert Decker:
Das gab es, aber ich würde sagen, das besprechen wir am Schluss, wenn wir zur Befreiung oder in Richtung Ende gehen.
Also, ich bin mir jetzt nicht ganz sicher, ob wir nicht schon zu den Todeszahlen kommen, denn das ist natürlich auch ein Ausdruck der Arbeitsbedingungen. Ich schätze es waren so 80% Arbeit im Stollen selber und dann gab es noch Arbeitskommandos, die z.B. die Schienen legten oder die mal zum Straßenbau abkommandiert worden sind. Wenn irgendwo etwas durch Bomben zerstört wurde, mussten Häftlinge dort arbeiten. Also, aber 80% kann man sagen, waren in der Stollenarbeit tätig.
Ursula Porten:
Und da Ioannis und Eugen mittendrin. Genau, 21 und 28 Jahre alt.
Albert Decker:
Ich denke, wir können nicht mit Gewissheit sagen, ob sie Funktionshäftlinge waren, das ist meines Erachtens sehr unwahrscheinlich. Bei Ioannis schon allein aufgrund der Sprache. Auch bei Eugen Lenz kann ich mir das wegen der Schutzart nicht vorstellen. Deswegen gehen wir davon aus, dass sie überwiegend im Stollen tätig waren.
Beide waren bei den frühen Häftlingen dabei. Also, ich glaub, Eugen ist im April gekommen und Ioannis Bolierakis im Mai, also am 12. Mai. Anfang April wurde das Lager eröffnet.
Es gab am Anfang relativ geringe Todesraten. Diese steigen später stark an. Ioannis Bolierakis ist am 12. Mai gekommen und im August gestorben. Ich weiß es nicht genau, aber ich stell mir vor, dass es ein gesunder junger Mann war. Es ist so, dass die Nationalität so ein bisschen eine Rolle gespielt hat, vor allem in der kalten Jahreszeit. Zum Beispiel schienen die russischen Häftlinge die kalte Jahreszeit besser zu vertragen als andere.
Eugen Lenz ist dann Ende Oktober gestorben. Er hat damit auch nicht lange überlebt. Wenn wir nachher über den Sanitätsbereich und die häufigen Todesursachen sprechen, dann glaube ich, wird noch einmal ganz klar, warum die Beiden so kurz gelebt haben.
© Totenbucheintrag Ioannis BolierakisRenate Gröner:
Ja, die Todesursachen.
Albert Decker:
Vielleicht konzentrieren wir uns ein bisschen auf das Krankenlager, das es auch im KZ Melk gab. Zu Beginn war das noch einigermaßen normal belegt. Am Schluss war es so derart überbelegt, dass sie es a) vergrößert haben, b) natürlich dann auch geschaut haben, dass sie die Häftlinge entweder nach Mauthausen gebracht haben oder in irgendeiner Form getötet wurden. Wenn wir das Krankenlager näher betrachten, gibt es zwei Personen, die sehr zentral sind. Der eine ist der SS-Sanitäter mit dem Namen „Muzikant“. Er war einer der schlimmsten im Lager. Er ist in Dachau verurteilt worden und wurde in einer zusätzlichen Zivilklage verurteilt. Man konnte ihm die Tötung von 3 Häftlingen nachweisen. Über 100 wurden diskutiert. Das lag daran, dass er bei den Tötungen raffiniert agiert hat. Aber wir können uns vorstellen, dass das ein Mann war, der wahrscheinlich gerne Leute gequält hat. Also vielleicht ein Psychopath.
Ich würde jetzt gern ein Zitat von einem Häftling vorlesen, der auch Funktionshäftling war. Der Anlass war, dass ein SS-Kontrolleur kam und dieses Sanitätslager besuchte. Der Funktionshäftling, das war ein Franzose, also auch ein Arzt im Sanitätsbereich, war dort dabei. Er hat zu diesem Besuch ausgesagt, was der SS-Kontrolleur gesagt hat.
„Alle fanden unser Revier vollkommen in Ordnung und erwähnten uns Häftlingsärzten gegenüber, wir seien nicht da, um die Sterblichkeit zu reduzieren, sondern lediglich zum Aussortieren und zum schnellen Wiedergewinnen des Menschenmaterials zum Arbeitseinsatz. Es wurde nie etwas getan, die Zustände in diesem Revier zu bessern. Man baute lediglich ein Krematorium, weil die zunehmende Sterblichkeit zu große Transportkosten der Leichen nach Mauthausen verursachte.“ (NARA ID 40948178)
Das Krematorium des KZ Melk ist Anfang November 1944 in Betrieb gegangen. Das haben die Häftlinge selber bauten müssen. Der Ofen kam wahrscheinlich irgendwo aus Norddeutschland. Vorher hat man die Leichen immer nach Mauthausen gebracht, wo sie dann verbrannt worden sind.
Also bei Ioannis Bolierakis können wir sicher sagen, dass er nach Mauthausen gebracht worden ist. Die Asche wurde dort zum Teil in die Donau geschüttet. Also wir wissen eigentlich nicht genau, wo sich die sterblichen Überreste befinden.
Bei Eugen Lenz könnte es möglich gewesen sein, dass er im KZ Melk verbrannt worden ist. Also, er ist Ende Oktober gestorben. Das Krematorium ist offiziell Anfang November in Betrieb genommen worden. Da können wir es auch nicht 100-prozentig sagen, aber es könnte sein, dass es so war.
Was vielleicht jetzt hier auch noch mal interessant ist, dass es eine Person gab, die sehr wichtig für das Lager war, nämlich der Luftwaffenarzt Dr. Sora. Also Luftwaffenarzt, es war kein SS-Mann, aber er war Leiter der Sanitätsstation. Wir haben schon gesagt, der Muzikant nur Sanitäter war, aber er war derjenige, der dort „geherrscht“ hat. Und Dr. Sora musste ein Stück weit das tun, was er gesagt hat, aufgrund der SS-Hierarchie vor allen Dingen. Dr. Sora hat aus der Situation, in der er als Soldat war und wahrscheinlich nicht sein wollte, in seinem Rahmen für die Häftlinge das Beste getan. Also, da sind wir wieder bei dem Dilemma, das wir vorher angesprochen haben: wenn er zu stark für die Häftlinge gearbeitet hätte, wäre er wahrscheinlich selber von der SS umgebracht worden. Deswegen war das immer eine Gratwanderung, den Häftlingen zu helfen. Er musste natürlich im Dienst stehen und musste den Sanitätsbereich offiziell leiten. Auch wenn jetzt so Besuche kamen, wie der Inspekteur, von dem wir vorher sprachen. Aber im Grunde genommen war er für mich ein Beispiel innerhalb des KZs, wie man sich auch als Soldat und Wachmann in solchen schrecklichen Zwangssituation verhalten kann.
Vielleicht kommen wir zu den typischen und häufigen Erkrankungen. Da kommen wir auch dazu, an was Ioannis und Eugen gestorben sind und woher das gekommen sein könnte. Dazu gibt es einen ganz interessanten Bericht, den Dr. Sora am 01.04.1945, also das Lager war gerade in der Höchstphase der Belegung, verfasst hat. Es war ein Bericht, den er an den SS-Standortarzt des Konzentrationslagers Mauthausen geschickt hat. Und in diesem Bericht hebt er drei Krankheitsbilder als besonders tödlich hervor.
(Quelle: Bericht des Häftlingsreviers Melk)
Das sind zum Ersten häufige Fälle von Phlegmonen schwerster Art. Das sind kleine Körperverletzungen an Armen, Beinen usw., die dann eine bakterielle Entzündung erreichen und relativ schnell Organe befallen können. Er sagte, dass das so war, dass die Häftlinge keine richtige Kleidung hatten. Jetzt hatten die aber im Stollen Zementsäcke. Die Häftlinge haben dieses Papier genommen und z.T. als Socken oder Schuhe benutzt. Jetzt waren dort aber meistens ganz kleine Steinchen und Reste von dem Zement mit drin. Und genau die und auch diese Giftstoffe haben verhäuft und schnell dazu geführt, dass diese Phlegmone sich zu bakteriellen Entzündungen größter Art entwickelten. Dr. Sora sagt, dass ungefähr 13% derjenigen, die solche Phlegmone hatten und in den Sanitätsbereich kamen, gestorben sind.
Die zweite Todesursache war Lungen- und Rippenfellentzündungen. Das ist jetzt die erfasste Todesursache von Eugen Lenz gewesen. Grundsätzlich bei den Todesursachen kann man nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, ob diese auch tatsächlich richtig waren. Wie vorher schon berichtet, hat der Sanitäter „Muzikant“ auch Leute mit Spritzen umgebracht. U.a. mit Spritzen in denen Luft oder auch Benzin waren. Oder er hat Häftlinge einfach irgendwo am Bett aufgehängt und gesagt, der Häftling hätte sich umgebracht. Er hat dabei alle aus dem Raum rausgeschickt, um unentdeckt zu bleiben. Diese Taten wurden so verschleiert. Daher kann man nicht hundertprozentig sagen, ob die Todesursachen in den Totenscheinen stimmen. Aber wir nehmen das jetzt mal an. Bei den Lungen- und Rippenfellentzündungen gibt es relativ einfache Ursachen. Die Häftlinge sind auch im Winter und auch wenn es nass und kalt war, oft stundenlang draußen gestanden. Entweder auf dem Exerzierplatz, wo sie sie gezählt wurden, und wenn ein Häftling gefehlt hat, stundenlang. Oder sie sind in Melk am Behelfsbahnhof gestanden und der Zug kam nicht. Dann standen die Häftlinge stundenlang erhöht, wo der Wind zusätzlich pfiff. Das Gleiche bei der Rückfahrt auch. Dann sind sie ins Lager gebracht worden und haben sich meistens mit den nassen Kleidern ins nasse Bett gelegt. Das war ein Grund, warum die Lungen- und Rippenfellentzündungen sehr häufig vorkamen. Dr. Sora schreibt in seinem Bericht, dass ungefähr 26 % der Lungenerkrankten dort zu Tode gekommen sind. Auf der anderen Seite sagt er auch, mit Medikamenten hätte man die Lage verbessern können. Aber entweder waren keine Medikamente da, sind veruntreut worden oder wurden irgendwo schwarz weiterverkauft. Wir müssen uns noch einmal vor Augen halten, dass zu dieser Zeit auch bei der Zivilbevölkerung Mangel herrschte. Im Stollen z.B. haben Zivilangestellte von Firmen gearbeitet, so um die 2.500. Auch diese waren mal krank.
Die dritte Erkrankung mit hohen Todesraten war die Kreislaufschwäche. Das ist die verzeichnete Todesursache von Ioannis Bolerakis – plötzliche Kreislaufschwäche. Das ist erst einmal unvorstellbar, dass man daran stirbt. Sora schreibt in seinem Bericht, dass 40% dieser Fälle gestorben sind. Er hat auch festgestellt, dass es die Häftlinge vermehrt befallen hat, die im Stollen gearbeitet haben. Er schrieb, dass bei allen anderen, die draußen gearbeitet haben, oder bei Zivilangestellten, das nicht aufgetreten ist. Auch bei Funktionshäftlingen nicht. Vielleicht hatte das auch zusätzlich mit den Gasen im Stollen zu tun. Dr. Sora führt das, ähnlich wie bei der Lungenentzündung, auf eine extreme Unterkühlung zurück. Der Körper konnte sich nicht mehr aufwärmen. Irgendwann hat, bei einer sowieso schlechten Konstitution, der Kreislauf einfach versagt. Die betroffenen Häftlinge sind dann plötzlich gestorben. Dr. Sora sagt, das sind Leute, die er noch nie in der Krankenstation gesehen hat. Die kommen auf einmal und sind einen Tag später tot. Da gibt es wieder viele Dinge, die man da sagen kann, denn für die Häftlinge war es zum Teil nicht ratsam, in die Krankenstation zu gehen. Den Grund habe ich vorher schon gesagt. Sie wussten nicht, ob sie nicht auch wegen Kleinigkeiten dort getötet werden. Also Muzikant hat zum Beispiel, wenn morgens eine Schlange vor der Sanitätsbaracke war, sich sehr gezielt Häftlinge herausgesucht, meist die jüdischen Häftlinge, die er wirklich fast halb totgeschlagen hat. Dazu sagte er dann z.B.: ‚Und du kommst nicht hier rein, du gehst zur Arbeit.‘ Die anderen Häftlinge mussten dann die halbtotgeschlagenen Häftlinge zum Teil zur Arbeit und auch wieder zurück schleppen. Denn jeder arbeitende Häftling war ja Geld wert, der am Lagertor gezählt wurde.
Ursula Porten:
Die Berichte hören sich ja irgendwie so nüchtern an, wie wir es hier so vortragen. Aber sie verbergen ja nicht diesen wahnsinnigen Zynismus, diese Boshaftigkeit und diese Brutalität dieses Lagerdaseins und überhaupt der gesamten Herrschaft der Nationalsozialisten. Albert, möchtest du noch etwas zu den Arbeitsbedingungen im Lager sagen, oder machen wir jetzt einen Sprung an das Ende? Irgendwann kommen wir ja Gott sei Dank ins Jahr 1945 und das Ende, und die Befreiung von diesem Lager ist in Sicht. Wir wollen jetzt noch 2 Punkte besprechen. Einmal die Befreiung des Lagers und Dr. Sora, der ja irgendwo so einen Funken von Menschlichkeit in dieses System reingebracht hat. Es wäre auch interessant zu erfahren, wie es mit ihm weitergegangen ist. Also was seine Rolle dann auch nach 1945, nach der Befreiung war.
Albert Decker:
Vielleicht, dass wir vorher noch die Zahlen einmal nennen: Also es waren ungefähr 14.000 Häftlinge insgesamt im KZ Melk und es hatte eine Todesrate von ungefähr 40%, was im Vergleich zu anderen Lagern sehr hoch war. Im gesamten Mauthausenkomplex waren es insgesamt ungefähr 200.000 Häftlinge, ca. 100.000 sind gestorben, was ich ganz, ganz furchtbar finde. Das hat aber auch ganz viel mit dieser Rüstungsindustrie oder der Ansiedlung dort sowie den Aktivitäten der Nazis und diesem Größenwahn zu tun.
Wenn wir jetzt Richtung Befreiung schauen, dann ist es tatsächlich so, dass es Widerstandsgruppen im KZ gegeben hat. Dr. Sora, der Lagerarzt, hat den Häftlingen Informationen zugesteckt, wie die Gesamtlage außerhalb des Lagers ist. Später hat er ihnen sogar ein Radio besorgt.
Wir müssen uns noch einmal vor Augen halten, dass er dafür sein eigenes Leben riskiert hat. Wenn die SS ihn und die Gefangenen erwischt hätte, wäre das tödlich gewesen.
Zum Ende kam hinzu, dass die ersten Lager im Osten, wie bspw. Mittelbau-Dora, befreit wurden. Deswegen kamen relativ viele Häftlinge Anfang 1945 auch aus Auschwitz nach Melk. Vor allem polnische Juden, die überwiegend in Auschwitz Funktionshäftlinge waren. Also auch interessant, weil diese natürlich jetzt in ein Lager kamen, wo die Funktionspositionen alle vergeben waren und die neuen Häftlinge in die Arbeitskommandos eingeteilt wurden. Und die Todesraten von jüdischen Häftlingen war im Lager am höchsten. Am Schluss waren die Todesraten am höchsten.
Die Häftlinge haben sich tatsächlich Waffen besorgt. Ich schätze, Februar, März ’45 ungefähr, haben sie zehn Revolver eingeschleust. Und wer hat sie ins Lager geschmuggelt? Das waren die, die in der Häftlingshierarchie ganz unten standen. Das hat man den jüdischen Häftlingen aufgebürdet, weil das genauso ein Todeskommando war.
So, jetzt haben wir natürlich die Lage, dass wir dort so eine kleine Widerstandsgruppe hatten, die bewaffnet waren. Nun kam ein Befehl, dass die SS alle Häftlinge in den Stollen bringen sollen und anschließend den Stollen sprengen sollten. Also das wäre ein Mord in unvorstellbarer Größe gewesen. Dr. Sora hat dann beim Landrat und bei allen, die er gefunden hat, interveniert und im übertragenen Sinne gesagt: „Wenn ihr das macht, dann habt ihr hier bei eurem Kloster Melk ein Massengrab der größten Güte. Dann werdet ihr nicht mehr glücklich.“ Und tatsächlich wurde über die SS-Führung und über obere Kanäle dafür gesorgt, dass der Kommandant von Mauthausen den Befehl an den Lagerleiter Ludolf gegeben hat, dass er die Häftlinge nicht in den Stollen bringen und ihn anschließend sprengen darf. Die SS hat nur die Eingänge gesprengt und ab April begonnen, das Lager Richtung Westen zu evakuieren. Im April standen die Russen schon vor Wien, glaube ich. Und die Amerikaner natürlich im Westen. Melk liegt an der Donau, hat eine Bahnlinie und natürlich Straßen. Und tatsächlich ist die größte Gruppe ins KZ Ebensee über Lastenkähne auf der Donau evakuiert worden. Dann weitere mit dem Zug, und wenige sind gelaufen. Die letzten Häftlinge, und v.a. die Funktionshäftlinge, dann Mitte, Ende April über die Straße nach Ebensee.
Im KZ Ebensee war das sehr, sehr schwierig, weil aus Mauthausen alles Richtung Ebensee evakuiert wurde. Das muss in den letzten Tagen ganz furchtbar gewesen sein, bevor das KZ Ebensee dann am 3. Mai, glaube ich, von den Amerikanern befreit worden ist. Viele Häftlinge hatten nach der Befreiung Probleme mit der Ernährung, da sie diese neue Ernährung nicht gewohnt waren. Viele sind daran gestorben. Todesmärsche kann man die Evakuierung nicht nennen, aber es sind auch hier Häftlinge gestorben.
Ursula Porten:
Also Dr. Sora hat ja offensichtlich wirklich eine bedeutsame Rolle gespielt und wie ging das dann für ihn weiter, nachdem der Krieg tatsächlich zu Ende war?
Albert Decker:
Er ist erst einmal festgenommen worden. Auch den Lagerleiter Ludolf haben die Amerikaner in Ebensee gefangen. Dr. Sora war im späteren Dachau Prozess auch dabei. Er konnte entlastet werden und wurde freigelassen. Auch von den überlebenden Häftlingen wurde er entlastet und hat später mit den Häftlingen die Gedenkveranstaltungen besucht. Dr. Sora hat in diesem ganzen Leid sicher eine besondere Rolle gespielt.
Ursula Porten:
Es gibt Einbahnstraßen und einen Gedenkplatz. Noch ganz kurz, das Gedenken danach war auch wieder relativ schwierig. Wir kennen auch die Schweigezeit nach dem Krieg, wo man möglichst viel geschwiegen hat. Da müssen wir nicht tiefer drauf eingehen.
Albert Decker:
In Melk hatte man später wieder den Tourismus im Kopf. Da hat erst mal eine Gedenkstätte keine Priorität. Zudem wurde irgendwann auch die Kaserne, wo das KZ war, wieder vom Militär bezogen. Die gut organisierten französischen Häftlingsgruppen haben dafür gesorgt, dass ein Gedenkort errichtet wird. Heute ist das Krematorium als Gedenkort ausgebaut, die Aufsicht hat die Gedenkstättenorganisation Mauthausen. Die KZ Gedenkstätte Melk hat auch eine eigene Webseite, die man sehr empfehlen kann. Die Gedenkstätte wird vom Verein: MERKwürdig – Zeithistorisches Zentrum Melk mitbetreut. Ich träume auch von einem Besuch dort, zusammen mit dem Großneffen von Ioannis Bolierakis.
Ursula Porten
Wir haben jetzt also die Geschichte von Ioannis Bolierakis und von Eugen Lenz gehört, die Wege begleitet. Für Eugen Lenz haben wir in Weinstadt schon einen Stolperstein verlegt. Er fehlt jetzt noch in Kreta.
Albert Decker:
Ja, in Kreta gibt es wenige, bis glaube ich gar keinen Stolperstein?! Also was für mich viel wichtiger ist, es gibt nur einen persönlichen Gedenkstein in Melk, aber nicht für alle griechischen Häftlinge und Opfer. Also selbst dort ist das Gedenken noch nicht organisiert. Das wäre vielleicht der erste Schritt.
Vielleicht können wir die Frage noch einmal stellen: Kannten sich die beiden? Sind die beiden sich begegnet?
Albert Decker:
Die Wahrscheinlichkeit ist groß. Wir haben am Anfang so 1000 Häftlinge. Die beiden waren bei den frühen Häftlingen dabei. Deutsche und griechische Häftlinge wahren wahrscheinlich in unterschiedlichen Blöcken untergebracht. Die Sprachbarrieren waren sicher da. Aber ich gehe davon aus, dass sich die beiden zumindest wahrgenommen haben müssen.
Ursula Porten
Aber es ist ein berührender Gedanke, auf jeden Fall, dass sie sich begegnet sein könnten.
Wir StolpersteinlerInnen danken nun dem Stolpersteinler, Albert – vielen Dank.
Albert Decker:
Also, ich möchte Euch sehr danken, Renate und Ursula. Vielen, vielen Dank.
Quellen:
Dr. Sora – Aussage zum Dachau Prozess (engl.) https://catalog.archives.gov/id/585253607?objectPage=102 (abgerufen 18.8.2026)
Dr. Sora: Bericht des Häftlingsreviers Melk – an den SS-Standortarzt des K.L. Mauthausen vom 8. Januar 1945 – Original unter https://catalog.archives.gov/id/40948178 (abgerufen 18.8.2026)
Bild von Dr. Josef Sora: https://catalog.archives.gov/id/585253607?objectPage=106
Kokolakis, Theodoros: Ein Interview mit Theodoros Kokolakis über seine Zeit in Mauthausen: https://www.youtube.com/watch?v=e8exXuPbSLc (abgerufen 18.8.2026)
Urteil Gottlieb Muzikant, Landgericht Fulda vom 23.12.1960: https://junsv.nl/seiten?tx_junsv_pi2%5Baction%5D=listPagesByNumber&tx_junsv_pi2%5Bcontroller%5D=Book&tx_junsv_pi2%5Bpagenumber%5D=57&tx_junsv_pi2%5Bsection%5D=3875&tx_junsv_pi2%5Bvolume%5D=32&cHash=a059cdc98e3f5938b9dff74c013d90b7 (abgerufen 18.8.2026)
Juristische Ahndung gegen Melker KZ-Täter
https://www.zhzmelk.at/de/gedenkstaette/geschichte/nachgeschichte-i-juristische-ahndung
Literatur:
Auer, Karin (2021): Antisemitische Verfolgung und antifaschistischer Widerstand im okkupierten Griechenland, S. 310, in: Prenninger, Alexander; Fritz, Regina; Botz, Gerhard; Dejnega, Melanie (Hrsg.): DEPORTIERT NACH MAUTHAUSEN – EUROPA IN MAUTHAUSEN BAND2, Wien Köln Weimar, 2021.
(abrufbar unter https://library.oapen.org/bitstream/id/201d8472-6123-43a6-a196-d45ed0d17ff6/PUB_621_Botz_Mauthausen_Bd_2.pdf )
Perz, Bertrand; Rabl, Christian (2025): KZ Melk und Projekt „Quarz“ – Geschichte und Gedenken.
Perz, Bertrand (2014): Das Projekt „Quarz“ – Der Bau einer unterirdischen Fabrik durch Häftlinge des KZ Melk für die Steyr-Daimler-Puch AG 1944-1945.
Weiterführende Links:
Stolperstein-Initiative Weinstadt
https://stolpersteine-weinstadt.de
https://stolpersteine-weinstadt.de/biographien/gotthilf-eugen-lenz/
X.S. Music aus Winnenden Griechische Musikbegleitung
https://www.next-stop-limbo.de/Veranstaltungsort
KZ Gedenkstätte Melk
https://www.melk-memorial.org/de
https://www.melk-memorial.org/en
MERKwürdig – Zeithistorisches Zentrum Melk
https://www.zhzmelk.at/de/gedenkstaette
https://www.zhzmelk.at/en (Englisch)
Impressionen der Gedenkstätte KZ Melk
Über das Stift Melk








