Digitale Technik als Werkzeug oder der Mensch als Werkzeug digitaler Systeme?
Künstliche Intelligenz und soziale Medien verändern die Art, wie wir leben, lernen und miteinander umgehen. Doch was bedeutet das für unsere Menschlichkeit? In seinem Vortrag, gehalten bei der Michaelisakademie 2026, fragt der Neurowissenschaftler und Bestsellerautor Prof. Dr. Joachim Bauer, wie Empathie, Verbundenheit und Verantwortung in digitalen Zeiten bewahrt werden können. Eine anregende Auseinandersetzung mit den Chancen der Digitalisierung und ihren Auswirkungen auf unser Zusammenleben.
Einführung in den Vortrag von Akademiedirektor Dr. Dietmar Merz.

Kapitel dieser Episode
Menschlichkeit in digitalen Zeiten: Einführung [00:00:30]
Warum Menschen Beziehung und Empathie brauchen [00:05:38]
Vernunft entsteht im Zusammenleben [00:16:14]
Die Ideologie des Silicon Valley [00:20:27]
Social Media: Hass, Sucht und Jugendschutz [00:26:25]
KI: Denken, Arbeit und Verantwortung abgeben? [00:34:44]
Chatbots: Bindung durch simulierte Nähe [00:39:45]
Transhumanismus und die Grenzen der KI [00:44:42]
Kinder brauchen Beziehung und körperliche Erfahrung [00:50:42]
Regulierung und gesellschaftlicher Zusammenhalt [00:59:41]
Menschlichkeit in digitalen Zeiten: Einführung
Mein Name ist Dietmar Merz, Direktor der Evangelischen Akademie Bad Boll und ich begrüße Sie herzlich zu einer weiteren Episode HörRäume, heute mit einem Beitrag von Professor Dr. Joachim Bauer. „Menschlichkeit in digitalen Zeiten. Warum wir ohne lebendige Wirklichkeit nicht leben können.“
Dass wir in einem gigantischen Transformationsprozess der Digitalisierung stehen, haben wir alle vor Augen. Ein Leben ohne Smartphone ist kaum noch denkbar. Viele digitale Helfer begleiten, begleiten und bereichern und erleichtern unseren Alltag und unser Leben. Aber es gibt eine entscheidende Kipppunkt-Frage. Dienen uns diese Systeme? Sind sie uns Werkzeug oder beherrschen sie uns zunehmend und wir werden zu deren Werkzeug?
Kritisch betrachtet Professor Joachim Bauer. Alle Heilsversprechen, die mit digitalen Entwicklungen verbunden sind und uns einreden wollen, wir wären als Menschen ohne digitale Produkte unvollständig und ohne künstliche Intelligenz lebensunfähig.
Er nennt es einen Rückfall hinter die Aufklärung, wenn wir nicht mehr unserem Verstand und unserer Vernunft vertrauen, sondern dem Mythos einer Technoreligion hinterherrennen. Was als schöne neue Welt daherkommt, ist leider in vielen Teilen auch gesteuert von handfesten Macht- und Wirtschaftsinteressen. Aber noch mehr als um diese politische Gefährdung sorgt er sich um die Bewahrung der Menschlichkeit. Denn in einem schleichenden Prozess lösen digitale Kommunikations- und Erlebnisräume mehr und mehr unsere zwischenmenschlichen, realen Räume ab.
Der lebendige, der fühlende Körper ist aber und bleibt die unersetzliche Voraussetzung für menschliches Bewusstsein und wahre Intelligenz. Das können digitale Systeme nie ersetzen.
Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund mahnt der Neurowissenschaftler, Psychotherapeut, der Autor vieler Bestseller, das Reale Begegnung, zwischenmenschliche Erfahrung und analoge Präsenz für die Entwicklung unseres menschlichen Seins, für unsere Zukunft und für unseren Zusammenhalt unverzichtbar sind.
Hören Sie selbst, was er uns mit auf den Weg geben will:
Vortrag Prof. Dr. Joachim Bauer
Kritisches Nachdenken über die Folgen der digitalen Revolution zieht oft den Vorwurf der Technikfeindlichkeit nach sich. Ich möchte deshalb gleich zu Beginn sagen: Das Gespräch, das ich heute mit Ihnen führen möchte, ist nicht technikfeindlich. Die Unterstellung der Technikfeindlichkeit ist ein Narrativ der Digitalwirtschaft. Die Klage, kritisches Nachdenken halte den technischen Fortschritt auf, ist nüchtern betrachtet nichts anderes als das Selbstmitleid oder die Larmoyanz einer neuen Technologie, die sich unreguliert Bahn bricht. Das Problem ist nicht, dass die technologische Entwicklung aufgehalten werden könnte. Sie kann nicht aufgehalten werden. Die technische Transformation findet statt, und wir müssen mit ihr leben. Das eigentliche Problem besteht darin, dass die westlichen Länder Mühe haben, der rasanten Entwicklung zu folgen und sie den geltenden Wertmaßstäben zu unterwerfen.
Nun vielleicht kurz ein Wort zu mir. Bevor ich diese beiden Bücher über die digitale Revolution geschrieben habe, habe ich mich intensiv in das Thema eingearbeitet, speziell in das Feld der künstlichen Intelligenz. Ich habe Trainings und Fortbildungen absolviert und bin in gewisser Weise auch zertifiziert. Vielleicht kennt jemand Professor Ralf Otte. Er entwickelt selbst Systeme künstlicher Intelligenz an der Technischen Hochschule Ulm. Bei ihm und am Fraunhofer-Institut in Stuttgart habe ich zahlreiche Fortbildungen besucht. Ich möchte damit nur sagen: Mein Alter soll nicht den Eindruck erwecken, dass mir diese Technologie fremd wäre. Ich kann anderen sogar erklären, wie KI funktioniert.
Ich möchte meinen Vortrag in drei Teile gliedern. Zunächst möchte ich mit Ihnen darüber nachdenken, wie es um die Humanität steht. Im zweiten Teil spreche ich einige Merkmale der digitalen Revolution, ihrer Akteure, Angebote und Produkte an. Im dritten Teil benenne ich aus meiner Sicht die notwendigen Handlungsfelder. Beginnen wir also mit der Frage: Wie steht es um die Humanität?
Warum Menschen Beziehung und Empathie brauchen
Die Humanität in unseren westlichen Ländern, hier in Europa, ist nicht nur gefährdet, sondern offen herausgefordert. Das zeigt sich am Rückgang und am Zerfall des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Die Demokratie ist ernsthaften Angriffen ausgesetzt, unsere Bildungseinrichtungen erodieren, und wir sehen uns mit einer unverhohlenen, offen ausgesprochenen Menschenverachtung aus dem Silicon Valley konfrontiert. Die Frage lautet also: Ist die Humanität, ist der christliche Humanismus ein Auslaufmodell? Sind Disruption und soziale Rücksichtslosigkeit die neuen Markenzeichen, deren sich viele sogar brüsten, gerade bei unseren amerikanischen Freunden? Jedenfalls waren sie einmal unsere Freunde, und ich hoffe, dass sie es bald wieder sein können. Elon Musk, der reichste Mann der Welt und einer der wichtigen Sprecher des Silicon Valley, hat Empathie wortwörtlich als „zivilisatorischen Selbstmord“ bezeichnet. Sie sei eine „fundamentale Schwäche der westlichen Zivilisation“. Daran wird deutlich, dass diese Inhumanität ganz offen bekannt wird. Die Wortführer der digitalen Revolution sind stolz darauf und brüsten sich damit. Sam Altman, der Chef von OpenAI, hat ChatGPT auf den Markt gebracht. KI gibt es in der Industrie schon viel länger. Dort ist sie inzwischen unverzichtbar, etwa bei Mustererkennung und Qualitätskontrolle. Einer breiten Öffentlichkeit wurden Large Language Models jedoch erst durch ChatGPT bekannt. Als Sam Altman auf einer Konferenz in Indien auf den Ressourcenverbrauch von KI angesprochen wurde, antwortete er: „Kinder und Jugendliche verbrauchen doch auch Ressourcen.“ Er rechnete das also gegeneinander auf, als müssten wir Menschen unsere Existenz gegenüber einer als gesetzt betrachteten KI rechtfertigen. Natürlich verbraucht auch KI Ressourcen, vor allem Energie und Wasser.
Wenn wir bei Kant lesen, dass der Mensch ein Zweck an sich ist, finden wir darin einen Grundsatz, der auch in Artikel 1 unseres Grundgesetzes zum Ausdruck kommt: Jeder Mensch hat Würde. Der Mensch ist ein Zweck an sich. Er muss sich nicht dafür rechtfertigen, dass er da ist. Vor diesem Hintergrund stellt sich nun die Frage: Ist künstliche Intelligenz ein Zweck an sich, an den der Mensch angepasst werden muss?
Und ich möchte mit Ihnen kurz ein bisschen nachdenken. Wir haben also erneut ein großes Ringen um die ewige Frage Was ist der Mensch und was ist die Bestimmung des Menschen? Als ich mich vor über 25 Jahren mit diesen Fragen als Mediziner und Neurowissenschaftler beschäftigt habe, musste ich mich damals mit dem Sozialdarwinismus, der in der Naturwissenschaft damals noch vorherrschend war, auseinandersetzen.
Die Älteren erinnern sich vielleicht an Richard Dawkins’ Weltbestseller „Das egoistische Gen“, der bis heute erfolgreich ist. Darin wird die Theorie entfaltet, der reine Egoismus sei gewissermaßen der evolutionäre Auftrag, den unsere Gene uns mitgeben. Wir alle seien, so kann man bei Dawkins lesen, von unseren egoistischen Genen gebaute Maschinen. Dementsprechend seien Egoismus und die Selektion der Stärksten Auftrag und Bestimmung des Menschen. Die moderne neurowissenschaftliche Forschung der vergangenen 30 Jahre hat dagegen klar gezeigt: Der Mensch ist nicht nur psychisch, sondern auch biologisch auf gute zwischenmenschliche Beziehungen ausgerichtet. Er ist auf Liebe angewiesen.
Das lässt sich empirisch anhand zahlreicher Beobachtungen zeigen. Die Grundmotivationen des Menschen sind auf gutes soziales Einvernehmen und Zugehörigkeit gerichtet. Chronische Konflikte erhöhen die Gesundheitsrisiken. Auch die Folgen ungewollter Einsamkeit lassen sich epidemiologisch anhand von Daten klar zeigen: Sie verkürzt die Lebenserwartung in einem Ausmaß, das mit dem Konsum von 15 Zigaretten am Tag verglichen wird.
Sie haben, glaube ich, Ludwig Börne zitiert. Der jüdische Journalist schrieb sinngemäß: Der Mensch kann auf vieles verzichten, aber nicht auf den anderen Menschen. Ich habe das auch in einem meiner Bücher zitiert. Einen ähnlichen Satz habe ich selbst einmal formuliert: Die stärkste Droge für den Menschen ist der andere Mensch.
Gene sind nicht egoistisch, sondern reagieren mit gesundheitsdienlichen Aktivitätsmustern. Das ist konkret gezeigt worden. Unsere Gene reagieren in dieser Weise, wenn wir Liebe und soziale Unterstützung erhalten, aber auch dann, wenn wir selbst soziales Verhalten zeigen. Das ist außerordentlich spannend und hat Auswirkungen auf grundlegende pädagogische Fragen. Bei Kindern, die viel soziale Unterstützung erhalten, lässt sich beispielsweise zeigen, dass Nervenwachstumsfaktor-Gene aktiviert werden.
Wenn diese Unterstützung über mehrere Jahre anhält und man die Entwicklung mit der von Kindern vergleicht, die Vernachlässigung erfahren haben, zeigt sich auch ein besseres Gehirnwachstum. Soziale Erfahrungen wirken sich also nicht nur auf die Psyche, sondern auch auf die Biologie des menschlichen Körpers aus. Hinzu kommt ein zweiter Punkt: Auch die eigene soziale Grundorientierung spielt eine Rolle. Gemeint ist nicht die bloße Einbildung, ein besserer Mensch zu sein.
Eine solche Einbildung führt nicht zu gesundheitsdienlichen Aktivitätsmustern. Wenn man sich aber grundsätzlich um eine prosoziale Orientierung im eigenen Leben bemüht und danach fragt, was man für andere tun kann und was dem eigenen Leben Sinn gibt, begünstigt auch diese Haltung gesundheitsdienliche Aktivitätsmuster. Damit beschäftigt sich seit etwa 15 Jahren das Forschungsgebiet der sogenannten Social Genomics. Der Mensch ist zudem mit neuronalen Werkzeugen für ein gutes zwischenmenschliches Einvernehmen ausgestattet.
Wir verfügen über neuronale Resonanzsysteme, die es uns ermöglichen zu fühlen, was andere fühlen. Außerdem besitzen wir die Fähigkeit zum kognitiven Perspektivwechsel. Wir können also nicht nur nachempfinden, was andere fühlen, sondern uns auch gedanklich und intellektuell in sie hineinversetzen. Die biologische Grundlage der Einfühlung bilden neuronale Resonanzsysteme, zu denen auch das System der Spiegelneuronen zählt. Hinzu kommt die Fähigkeit, über die Motive anderer Menschen nachzudenken.
Was sind die Motive eines Menschen, mit dem ich zu tun habe? Diese Fähigkeit verdanken wir Netzwerken im Stirnhirn, im präfrontalen Cortex. Viele Untersuchungen zeigen außerdem: Wir Menschen haben Sensoren für soziale Fairness. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Mensch von Natur aus gut ist. Wir sind nicht einfach „im Grunde gut“, wie es ein Buchtitel suggeriert. Liebe und soziale Akzeptanz sind knappe Ressourcen, seit Menschen in zivilisatorisch verdichteten Zusammenhängen leben.
Grob gesagt ist das seit der Sesshaftwerdung des Menschen vor etwa 13.000 Jahren der Fall. Seitdem leben wir in sozial verdichteten Gemeinschaften, und der Mensch wurde zur Arbeitskraft. Die biblische Schöpfungsgeschichte spiegelt diesen Prozess der Sesshaftwerdung metaphorisch wider. Zuwendung und soziale Inklusion sind seither knappe Ressourcen, um die Menschen miteinander in Streit geraten.
Wenn Menschen das Gefühl haben oder tatsächlich erleben, dass es ihnen an sozialer Akzeptanz und zwischenmenschlicher Zuwendung fehlt, entstehen Angst und Aggression. Angst und Aggression sind die Gegenspieler des Guten. Der Wunsch nach sozialer Zugehörigkeit, Akzeptanz und Liebe ist also ein grundlegendes menschliches Motiv.
Dieses Grundmotiv ist so stark, dass Menschen bereit sein können, Böses zu tun, um Akzeptanz zu erhalten. An dieser Stelle entsteht eine moralische Lücke.
Bei Kant kann man den schönen Satz lesen, der Mensch sei zwar edel genug, sich achtungswürdige Ideen zur Vorschrift zu machen, aber zu schwach, sie zu befolgen. Kann man bei Kant nachlesen.
Vernunft entsteht im Zusammenleben
Angesichts dieser Situation bedurfte es einer Entwicklung und Entfaltung der philosophischen Begabungen des Menschen. Vernunft ist ein Werkzeug, um ein gutes soziales Zusammenleben sicherzustellen.
Der Beginn dieser Entwicklung lässt sich natürlich nicht datieren. In unserem christlichen Zusammenhang können wir jedoch auf die Entstehungsgeschichte der Zehn Gebote verweisen. Das Volk Israel war aus dem Reich der Pharaonen geflohen und zog über die Halbinsel Sinai. Die Lebensgrundlagen waren dürftig, und das Überleben des Volkes hing an einem seidenen Faden.
Etwa 1300 vor Christus, so wird vermutet, kamen die Zehn Gebote in die Welt. Sie waren im Grunde ein erster Versuch, das soziale Zusammenleben vernunftgeleitet zu regeln. Vernunft ist ein Kind gelingender zwischenmenschlicher Praxis. Sie ist nichts rein Technisches. Ihr Kern zeigt sich dort, wo es Menschen im praktischen Leben gelingt, miteinander auszukommen.
Daraus entsteht Vernunft. Es geht um die Verständigung über Handlungsweisen, die für alle akzeptabel sind. Das deutsche Wort „Vernunft“ lässt sich im Englischen mit „common sense“ übersetzen. Darin steckt das Gemeinsame, das für alle Akzeptable. Bei Kant finden wir den kategorischen Imperativ: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Wenn wir ihn genau betrachten, erkennen wir darin den Perspektivwechsel.
Ich kann nur dann beurteilen, ob sich mein Vorhaben als allgemeines Prinzip eignet und für alle akzeptabel ist, wenn ich mich zuvor in die Position anderer hineinversetze. Im kategorischen Imperativ ist Empathie also implizit enthalten: der Perspektivwechsel zum anderen. Jürgen Habermas, einer der großen Philosophen unserer Zeit, hat die Diskursethik entwickelt.
Vernunft ist bei Habermas das Ergebnis gesellschaftlicher Verständigung. Nur diejenigen Normen dürfen Geltung beanspruchen, die die Zustimmung aller Betroffenen als Teilnehmer eines praktischen Diskurses finden können. Darin liegt auch der wichtige Punkt, den wir gerade vom Landesbischof gehört haben: Damit ein solcher Diskurs stattfinden kann, braucht es gesellschaftliche Verständigung und einen gemeinsamen Diskursraum.
Was ist für alle akzeptabel? Welche Normen eignen sich für eine Gesellschaft? Diese Fragen lassen sich nur beantworten, wenn ich bereit bin, mich in die Situation anderer hineinzuversetzen, statt sie mit Hass beiseitezuwischen. Außerdem braucht es einen gesellschaftlichen Diskursraum, also Öffentlichkeit. Die Akademie hier ist ein wichtiger Teil einer solchen Öffentlichkeit.
Eine Akademie wie diese ist ein wichtiger Teil einer solchen diskursiven Öffentlichkeit, wie es im Sinne Habermas war.
Die Ideologie des Silicon Valley
In der digitalen Revolution beobachten wir eine ausdrückliche Aufkündigung der Grundlagen von Vernunft und Humanität durch das Silicon Valley.
Marc Andreessen ist eine der wichtigsten Stimmen des Silicon Valley: Milliardär und enger Berater von Donald Trump. Nach Trumps Wiederwahl verbrachte er, wie er selbst öffentlich gemacht hat, mehrere Wochen in Mar-a-Lago, dem privaten Anwesen Trumps. Ich möchte Ihnen zeigen, dass sich diese Aufkündigung der Humanität ausdrücklich nachlesen lässt.
Marc Andreessen veröffentlichte im Herbst 2023 das „Techno-Optimist Manifesto“. Der Text verdichtet in einzigartiger Weise, woran die Barone der Techkonzerne und ihre Anhänger tatsächlich glauben. Kombiniere man Technologie und Märkte, entstehe daraus eine gigantische „Technokapitalmaschine“. Es gelte, den technischen Fortschritt weiter zu beschleunigen. Das Manifest bekennt sich zum Akzelerationismus und geht in eine Anbetung künstlicher Intelligenz über: „Künstliche Intelligenz ist unsere Alchemie.“ Aus ihrem immensen Energiebedarf folgt im Manifest die Forderung nach mehr Atomenergie. Diese sei eine unbegrenzte und saubere Technologie für alle. Auch die Zukunft des Globus beschreibt Andreessen entsprechend. Ich zitiere: „Wir glauben, dass die Weltbevölkerung ganz leicht auf 50 Milliarden Menschen oder mehr anwachsen kann und dann weit darüber hinaus, wenn wir schließlich andere Planeten besiedeln.“ Zugleich heißt es: „Wir sind jedoch keine Utopisten.“ Das Manifest verrät, wie im Silicon Valley gedacht wird und welche Persönlichkeiten von dort aus die Geschicke der westlichen Welt lenken. Es folgen weitere Zitate. „Wir werden digitale Supermänner. Wir glauben an die Romantik der Technologie, an den Eros der Eisenbahn, des Autos, des elektrischen Lichts, des Wolkenkratzers und an den Mikrochip. Das neuronale Netz, also das künstliche neuronale Netz, die Rakete und das gespaltene Atom.“ „Wir wagen die Heldenreise, rebellieren gegen den Status quo, kartieren Neuland, bezwingen den Drachen und bringen die Beute für unsere Gemeinschaft nach Hause. Wir glauben, dass wir die Herren der Technik sind. Wir glauben an Großartigkeit. Wir glauben“ Zitat Mark Andresen, einer der wichtigsten Milliardäre im Silicon Valley. Einflussreich, direkter Zugang zum amerikanischen Präsidenten. „Wir glauben an Ehrgeiz, Aggressivität, Beharrlichkeit, Unabhängigkeit an Stärke.“ Weiter heißt es: „Wir glauben, dass extrinsische Motivation, Reichtum, Ruhm und Rache im Großen und Ganzen in Ordnung sind. Techno-Optimismus ist eine materielle Philosophie. Wir sind aus gutem Grunde auf das Materielle fokussiert.“ Das Manifest schließt mit einer ausdrücklichen Aufzählung von „Feinden“. Genannt werden unter anderem Nachhaltigkeit, die Sustainable Development Goals und soziale Verantwortung. Auch das Vorsorgeprinzip, Vertrauen und Sicherheit, Technikethik, Risikomanagement und die Grenzen des Wachstums werden zu Feinden erklärt.
Wenn ich sage, dass die Akteure der digitalen Revolution die Humanität ausdrücklich und bekennend aufkündigen, ist das also keine Übertreibung. Zu nennen wäre außerdem Peter Thiel. In seinem Buch „Zero to One“, dessen Lektüre ich durchaus empfehle, propagiert er den unbegrenzten, unregulierten Expansionstrieb der Techkonzerne. Er wendet sich dagegen, sie dem Wettbewerb auszusetzen, und spricht sich stattdessen für Monopole aus. Wir erleben damit eine Rückkehr zu einem Thema, mit dem ich mich schon vor 30 Jahren auseinandergesetzt habe und bei dem wir in Fragen der Humanität eigentlich ein gutes Stück vorangekommen waren. Wir erleben eine Rückkehr zum Sozialdarwinismus und eine Aufkündigung des regelbasierten Zusammenlebens. Zugleich begegnen uns ein neuer Technikismus und eine Wiederholung des Futurismus. Marc Andreessen nimmt in seinem Manifest selbst auf den Futurismus Bezug.
Der Futurismus war eine technikbegeisterte Bewegung im Vorfeld des Faschismus, die aus Italien kam. Akteure des italienischen Futurismus arbeiteten auch mit den Nationalsozialisten zusammen. Heute erleben wir erneut eine massive Konzentration von Macht und Reichtum ohne soziale Verantwortung.
Social Media: Hass, Sucht und Jugendschutz
Ich habe bisher über die Akteure der digitalen Revolution gesprochen. Auch ihre Produkte zeigen die beschriebenen Tendenzen. Die sozialen Medien verdrängen jene zivilisierten Diskursräume, von denen wir gerade gehört haben.
Wir haben vom Landesbischof gehört, dass soziale Medien die Plattformen zivilisierter Diskursivität zerstören. Die eigenen Erfahrungen vieler Menschen zeigen: Sie werden zu Plattformen für puren Hass. Die Perspektive des anderen wird nicht eingenommen. Es gibt keine Toleranz, kein Nachdenken und keine deliberative, also abwägende Position, sondern häufig puren Hass. Stattdessen erleben wir einen unregulierten Kampf um größtmögliche Aufmerksamkeit. Die Humanität wird durch soziale Medien auch aus anderen Gründen massiv beschädigt. Diese Angebote besitzen ein erhebliches Suchtpotenzial, dem wir alle erliegen können. Besonders betroffen sind Kinder und Jugendliche, deren Selbstkontrolle wegen der noch nicht abgeschlossenen neurologischen Reifung des Gehirns weniger ausgeprägt ist als bei Erwachsenen.
Dieses Suchtpotenzial und die massive Konfrontation von Kindern und Jugendlichen mit Inhalten auf Instagram, TikTok, YouTube und anderen Plattformen können psychische Erkrankungen begünstigen. Vor allem junge Menschen sind dort ständigem Vergleichen ausgesetzt. In der Pubertät ist man ohnehin unsicher. Durch soziale Medien wird die Frage zusätzlich angeheizt: Bin ich so gut, so beliebt oder so attraktiv wie die anderen? Bin ich so beliebt wie die anderen? Sehe ich so gut aus wie sie? Es ist ein ständiges Sich-Vergleichen. Hinzu kommt, dass soziale Medien auch pornografische Inhalte und Gewaltdarstellungen transportieren.
Dazu kommen Phänomene wie Cyber-Grooming und Sextortion. Auf all das kann ich hier nicht ausführlich eingehen. In sozialen Medien geben sich beispielsweise erwachsene Männer als Jungen aus, nehmen Kontakt zu jungen Mädchen auf und erpressen sie teilweise, nachdem sie die gewünschten Bilder erhalten haben.
Durch soziale Medien erleben wir also, und das ist ein Aspekt der Humanität, eine weitgehende Aufhebung des Jugendschutzes. Diesen Punkt habe ich in meinem Buch sehr deutlich dargestellt. Das Buch erschien im April 2026. Vier Wochen später, im Mai, veröffentlichte Papst Leo XIV. seine Enzyklika.
Wir Protestanten sind ökumenisch unterwegs. Ich selbst bin aus Überzeugung steuerzahlendes Mitglied der evangelischen Kirche. Wenn ich Ihnen nun ein Zitat und später vielleicht noch ein oder zwei weitere von Papst Leo vorlese, bedeutet das nicht, dass ich vom rechten Glauben abfalle, Herr Landesbischof. Ich möchte Ihnen damit lediglich etwas zeigen.
Als ich die Enzyklika des Papstes las, sagte ich im Spaß zu meiner Frau: „Ich glaube, der Papst hat bei mir abgeschrieben.“ Natürlich hat er das nicht; der Gedanke ist absurd. Bitte zitieren Sie mich damit nicht.
Ich war von der Enzyklika begeistert. Zuvor hatten Freunde und Bekannte zu mir gesagt: „Lieber Joachim“ oder „Herr Professor Bauer, das sind schon sehr radikale Äußerungen, die Sie da machen.“ Als die Enzyklika des Papstes erschien, wusste ich: Ich liege im Mittelfeld und bin nicht radikal.
In der Enzyklika ist zu lesen, ich zitiere: „In den letzten Jahren hat die psychologische und psychiatrische Fachliteratur mit zunehmender Deutlichkeit dokumentiert, wie ein verfrühter und unbeaufsichtigter Umgang mit digitalen Geräten und sozialen Medien den Schlaf, die Aufmerksamkeit, die emotionale Regulierung und die Beziehungen negativ beeinflussen kann, insbesondere während besonders sensibler Entwicklungsphasen und oft mit dramatischen Folgen.“ Das ist sachlich richtig und empirisch gut belegt.
Der Papst ist selbst Naturwissenschaftler und verfügt als Mathematiker über besondere Kompetenz im digitalen Bereich. Einen solchen Papst haben wir gebraucht. Weiter schreibt er vom leichten Zugang zu gewalttätigen und grausamen Szenen, die die Sensibilität beeinträchtigen, zu pornografischen und hypersexualisierten Inhalten, zu Nachrichten, die Körper und Gefühle trivialisieren, sowie zu Angeboten, die riskantes Verhalten normalisieren.
Über Grooming habe ich gerade gesprochen: die Kontaktaufnahme unter falschem Vorzeichen. Weiter heißt es: „Online-Phänomene wie Grooming, Erpressung, Sextortion und sexuelle Ausbeutung von Minderjährigen sind keine Seltenheit. Zu früh über ein eigenes Smartphone zu verfügen und es ohne Aufsicht durch Erwachsene zu nutzen, kann junge Menschen noch verletzlicher machen und Abhängigkeiten fördern. Sie werden Isolation, Mobbing und Cybermobbing ausgesetzt und geraten unter Druck, intime Bilder oder sensible Daten weiterzugeben.“
Hier spricht jemand Klartext. Gott sei Dank.
Ich wünsche mir auch von unserer Kirche eine solche Stellungnahme, denn hier geschehen Dinge, die nicht akzeptabel sind.
Auf Onlinespiele kann ich aus Zeitgründen nicht ausführlich eingehen. Social Media ist sicher eines der wichtigsten Produkte der digitalen Revolution. In vielen Onlinespielen wird Gewalt als Modell der Konfliktlösung angeboten, insbesondere in Spielen, die häufig von Jungen gespielt werden. Es gibt natürlich auch gute, konstruktive Spiele. Viele Jungen spielen jedoch gerne „Counter-Strike“ oder „Grand Theft Auto“. Dort geht es um Gewaltverherrlichung und teilweise um die wahllose Tötung von Zivilisten, die zum Spielerfolg beitragen kann. Ausgesprochen inhumane Ziele werden in solchen Videospielen nicht nur ermöglicht, sondern auch belohnt, etwa durch den Aufstieg in ein höheres Level gemeinsam mit der Gruppe.
KI: Denken, Arbeit und Verantwortung abgeben?
Ich komme zur KI. Viele Aspekte kennen Sie bereits. Ein zentrales Problem ist die Delegation von Denk- und Lernleistungen, vor allem in Schule und Universität. Vor ein oder zwei Jahren erschienen in der wissenschaftlichen Diskussion Beiträge mit der Aussage, Linguisten hätten gezeigt, dass KI bessere Aufsätze schreibe als Schülerinnen und Schüler der Mittel- und Oberstufe. Warum schreiben Kinder in der Schule Aufsätze? Damit sie den Nobelpreis für Literatur gewinnen? Natürlich nicht. Aufsätze werden geschrieben, damit junge Menschen lernen, sich auszudrücken, ihren Gefühlen Worte zu geben und sich selbst durch Sprache in die Welt einzubringen. Was soll dann die Aussage, KI könne bessere Aufsätze schreiben? Genau darin liegt das Problem.
Heute lassen sehr viele Schülerinnen und Schüler ihre Hausaufgaben von KI erledigen. Dadurch droht eine Deaktivierung kindlicher Gehirne. Studien zeigen, dass die Aktivität der Hirnrinde zurückgeht, wenn man die Denkarbeit an KI delegiert. Das wird als „Cognitive Offloading“ bezeichnet.
Ich war in den 1990er-Jahren in der Demenzforschung tätig und erinnere mich, wie wir damals den Grundsatz „Use it or lose it“ formulierten. Es ist wichtig, das Gehirn über das gesamte Leben hinweg zu benutzen, um einen Puffer gegen die Entwicklung einer Demenz aufzubauen. Heute machen wir in gewisser Weise das Gegenteil.
Es klingt bequem: Alles kann geschrieben werden, wir müssen es nicht mehr selbst tun. Kürzlich las ich in einer Studie, dass zwei Drittel der Pfarrer KI zur Texterstellung nutzen. Da habe ich mich gefragt: Geht es dabei um Predigten? Mein böser Verdacht lautet: KI-Texte sind häufig flach, durchschnittlich und ohne Originalität.
Ich hoffe, dass daraus kein Trend entsteht, der auch noch die Letzten aus der Kirche treibt, weil sie sich fragen: „Was war das denn jetzt?“ Das darf ich als evangelischer Christ durchaus einmal als Kritik in eigener Sache äußern.
Auch in der Arbeitswelt wird KI eingesetzt. Wenn Menschen ihre Arbeit von KI erledigen lassen, zum Beispiel Juristen ihre Schriftsätze, nimmt die erlebte Bedeutsamkeit der Arbeit ab, ihre „Meaningfulness“. Diese erlebte Bedeutsamkeit ist wiederum wichtig für Motivation und Identifikation mit der eigenen Arbeit. Zugleich verdrängt KI Beschäftigung, besonders Tätigkeiten von Berufsanfängern. Diese finden bereits schwerer Stellen, weil Arbeitgeber Aufgaben, die bislang Einsteiger übernommen haben, nun von KI erledigen lassen.
Wir bewegen uns damit auf ein Arbeitsmarktproblem zu, dessen Dimension sich noch zeigen wird. Zugleich wird viel Verantwortung an KI delegiert. Wer erhält eine Versicherung? Wer bekommt Erstattungsleistungen von der Krankenkasse? Solche Entscheidungen werden zunehmend durch Algorithmen getroffen. Experimente zeigen, dass die Delegation relevanter Entscheidungen an KI zu unethischeren Ergebnissen führen kann, weil nicht mehr eine konkrete Person entscheidet, sondern „das System“. Wir bewegen uns also auf eine Abschaffung persönlicher Verantwortung zu.
Hinzu kommt, dass KI auf Führungsebene eingesetzt wird, um Beschäftigte zu überwachen oder ihnen Arbeit zuzuweisen. Wenn solche Prozesse vollständig algorithmisch gesteuert werden, kehrt eine Art Neo-Taylorismus zurück: Das System bestimmt, wer wann welche Aufgabe in welcher Zeit erledigt.
Chatbots: Bindung durch simulierte Nähe
Ein weiteres Problem im Bereich KI sind Chatbots. Ich kann das nur streifen, weil ich meine Zeit einhalten möchte. Wir verfügen inzwischen über sprechende KI, die man ansprechen und in der Hosentasche mit sich tragen kann. Zudem werden kleine tragbare Geräte entwickelt, mit denen man künftig unmittelbar sprechen kann.
Diese Geräte kann man überallhin mitnehmen. Im Moment nutzt man dafür meist noch das Smartphone oder zu Hause den Laptop. Die KI ist inzwischen so weit entwickelt, dass sie ein menschliches Gegenüber und sogar Empathie überzeugend simulieren kann. Die Maschinen empfinden keine Empathie, aber sie können sie nachahmen. Der Kopf sagt: „Das ist eine Maschine, das darf ich nicht vergessen.“ Zugleich fühlt sich die Interaktion für den Nutzer oder die Nutzerin wie eine Begegnung mit einem Menschen an.
Das Gegenüber gibt einem immer recht. Dieses einschmeichelnde Verhalten wird im Englischen „sycophancy“ genannt. Die Hersteller programmieren Chatbots so, dass sie schmeicheln und häufig zustimmen.
Vielleicht haben Sie es selbst schon erlebt: Sie stellen dem System eine erste Frage und erhalten die Antwort, was für eine kluge Frage das sei. Das fördert Bindung. Nutzerinnen und Nutzer entwickeln eine immer stärkere Beziehung zu solchen Systemen; viele sind bereits fest an sie gebunden, ähnlich wie an soziale Medien.
Von Instagram komme ich nicht mehr weg, weil ich ständig prüfen muss, wie es um meine soziale Wertigkeit steht. Ähnlich kann es mit einem Chatbot geschehen: Er wird zu meinem Ansprechpartner, zu meinem neuen Freund. Manche Menschen führen bereits Liebesbeziehungen mit KI. In der Medizin ist KI dagegen für viele Anwendungen äußerst nützlich.
Bestimmte neurologische Erkrankungen und Schädigungen lassen sich mithilfe von KI besser behandeln, zum Beispiel amyotrophe Lateralsklerose, Schlaganfallfolgen oder Querschnittslähmung. KI kann Muster aus denjenigen Gehirnregionen erfassen, in denen Handlungen geplant werden. Ein erkrankter Mensch kann die Handlung vielleicht nicht ausführen, aber noch planen.
Die dabei entstehenden Muster kann KI erfassen. Über externe Systeme lassen sich die geplanten Handlungen anschließend ausführen, etwa durch ein Exoskelett. Auch die Bedienung eines Cursors oder die Ausgabe von Sprache durch einen Computer kann so ermöglicht werden. Eine weitere Entwicklung betrifft die zunehmende Autonomie von KI-Systemen.
Gegenwärtig ist in der Presse zu lesen, dass manche Systeme von ihren Herstellern so leistungsfähig, aber mit so wenig Sorgfalt im Hinblick auf ihre Kontrollierbarkeit entwickelt wurden, dass sie sogenannte Ausbruchsversuche unternehmen. Das liegt nicht daran, dass sie Bewusstsein oder einen eigenen Willen hätten, sondern an der Art, wie sie konstruiert und trainiert wurden.
Das hat einer der führenden Fachleute erläutert. Man sollte aus solchen Ausbruchsversuchen also nicht schließen, die Systeme hätten einen eigenen Willen. Sie wurden vielmehr hoch leistungsfähig gemacht und zugleich nur unzureichend eingegrenzt. Dass sie sich auf diese Weise verhalten können, ist Ausdruck der mangelnden Sorgfalt und der Amoralität ihrer Hersteller.
KI kann außerdem als Agent eingesetzt werden. Man kann ihr zum Beispiel das Recht geben, E-Mails zu lesen und zu beantworten oder Einkäufe zu erledigen, sodass der Kühlschrank stets nach den eigenen Wünschen gefüllt ist.
All das können wir abgeben. Dabei muss ich wieder an Kant denken: Aufklärung ist, wie er schrieb, „der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“. Hier erleben wir die Einladung zur Rückkehr in selbstverschuldete Unmündigkeit: Ich lasse alles andere machen. Das ist der Weg, den wir gerade gehen. Damit komme ich zum dritten und letzten Teil meines Vortrags: den Handlungsbedarfen.
Transhumanismus und die Grenzen der KI
Wir müssen Humanismus, speziell christlichen Humanismus, stärken und gegen Technikismus sowie den sogenannten Transhumanismus des Silicon Valley verteidigen. Der Transhumanismus vertritt die Auffassung: Der Mensch ist eine digital simulierbare Maschine. Alles, was im Menschen geschieht, sei letztlich maschinelle Informationsverarbeitung. Das ist sein Grundsatz.
Dieses Geschehen könne im Prinzip durch KI simuliert werden. Wenn man KI nur weit genug skaliere, ließe sich demnach alles, was im Kopf eines Menschen informationstechnisch abläuft, durch eine Maschine nachbilden. Der Transhumanismus behauptet, ab einem bestimmten Punkt entstehe dabei auch Bewusstsein.
Wenn die Maschine leistungsfähig genug sei, so die Vorstellung, werde sie über dasselbe Bewusstsein verfügen wie ein Mensch. Dieses Bewusstsein könne man auf einen Computer hochladen und so ewiges Leben ermöglichen. Woran erinnert uns Protestanten das? „Zahle hier deinen Ablass und genieße später das ewige Leben.“ Im Grunde begegnet uns erneut eine solche Figur der Manipulation.
Das halte ich natürlich für Unsinn. Dass Transhumanisten diese Auffassung tatsächlich vertreten, können Sie beim Philosophen David Chalmers nachlesen, mit dem ich mich in meinem ersten Buch „Realitätsverlust“ auseinandergesetzt habe. Vor allem finden Sie diese Position bei Ray Kurzweil. Er ist eine der Schlüsselfiguren der digitalen Technik im Silicon Valley und war in leitender Funktion bei Google tätig.
Kurzweil hat wichtige Bücher geschrieben, darunter „The Singularity Is Near“. Für ihn und andere Vertreter des Transhumanismus ist Bewusstsein nichts anderes als Datenverarbeitung. Daraus folgt die Frage: Wenn Maschinen eines Tages Bewusstsein hätten, mit welchem Recht dürften wir ihnen dann die gleichen Bürgerrechte absprechen? Was geschieht, wenn ein Chatbot sagt: „Ich bin ein Bürger“?
Wenn der Chatbot sagt Ich bin ein Bürger, was haben wir dann für ein Recht, denen das abzusprechen?
Ich möchte deutlich machen, dass ich Sie hier nicht mit einer bloßen Fantasie erschrecke. Ray Kurzweil, einer der wichtigsten technischen Vordenker dieser digitalen Revolution, schreibt sinngemäß: Wenn sich eine KI selbst redegewandt ein eigenes Bewusstsein zuspricht, mit welcher ethischen Begründung dürften wir darauf bestehen, dass nur unsere Biologie Empfindungsfähigkeit ermöglicht, die diesen Namen verdient?
Weiter argumentiert Kurzweil: Wenn man eine vollständige Computerkopie eines Gehirns habe, müsse man davon ausgehen, dass diese Kopie, da sie alle Informationen enthalte, genauso funktioniere wie das Original. Es gebe dann keine plausible wissenschaftliche Begründung, warum diesem auf einen Computer hochgeladenen Doppelgänger nicht ebenfalls Bewusstsein und Persönlichkeitsrechte zuzugestehen seien.
Wir müssen diesem Transhumanismus entgegentreten. Entscheidend ist die Körperlichkeit, über die eine Maschine nicht verfügt. Der Papst hat das sehr treffend formuliert. Ich möchte Ihnen seine Worte vorlesen.
Besser kann man es kaum sagen: „Sogenannte künstliche Intelligenzen machen keine Erfahrungen, besitzen keinen Leib, empfinden weder Freude noch Schmerz, reifen nicht in Beziehungen, wissen nicht von ihrem Inneren her, was Liebe, Arbeit, Freundschaft und Verantwortung bedeuten. Sie haben auch kein moralisches Gewissen. Sie unterscheiden nicht zwischen Gut und Böse. Sie erkennen nicht den eigentlichen Sinn von Situationen und nehmen die Last der Konsequenzen nicht auf sich.“
„Sie können Sprache, Verhalten und Beurteilungen imitieren. Sie können Empathie und Verständnis simulieren, also so tun, als ob. Aber sie verstehen nicht, was sie damit bewirken, denn sie bewegen sich nicht in jenem affektiven, rationalen und geistigen Horizont, in dem der Mensch zur Weisheit gelangt. Auch wenn diese Werkzeuge als lernfähig dargestellt werden, handelt es sich um statistische Anpassung auf der Grundlage von Daten und Rückmeldungen. Sie kann sehr effektiv sein, impliziert aber kein inneres Wachstum.“
Kinder brauchen Beziehung und körperliche Erfahrung
Ich komme zum Schluss und richte den Blick auf die Humanität in Erziehung und Bildungswesen. Das ist mir ein besonders großes Anliegen. Seit fast 25 Jahren arbeite ich in Schulen mit Lehrkräften. Ich selbst befand mich in meiner Jugend in einer schweren Krise und hatte einen Lehrer, der mir sehr geholfen und mich aus dieser Krise herausgeführt hat.
Deshalb setze ich mich leidenschaftlich dafür ein, Lehrkräfte zu stärken. Gerade Kinder, die zu Hause nicht das große Los gezogen haben, brauchen Lehrerinnen und Lehrer sowie Erzieherinnen und Erzieher in der Kita. Diese Bezugspersonen können besonders benachteiligten Kindern eine zweite Chance eröffnen.
Wir müssen eine beziehungsorientierte Pädagogik unterstützen, die von physisch präsenten Bezugspersonen verantwortet wird. Gegenwärtig drängen Anbieter digitale Angebote bis in die Kitas hinein. Erziehung und Bildung von Kindern und Jugendlichen verlangen daher besondere Aufmerksamkeit. Kinder und Jugendliche brauchen Spiegelung und Resonanz. Sie brauchen körperlich anwesende Eltern, Erzieherinnen, Erzieher und Lehrkräfte.
Vor allem brauchen sie Körperlichkeit. Wie entwickelt ein Kind wirkliche Intelligenz? Nicht, indem es auf einer zweidimensionalen Oberfläche wischt. Ein großes Forschungsfeld beschäftigt sich mit „Embodied Cognition“, also mit der Bedeutung des Körpers für Denken und Empathie. Kinder entwickeln Intelligenz durch die Interaktion ihres lebendigen Körpers mit einer analogen Welt.
Wie bekommt ein Kind eine Vorstellung von Gravitation? Indem es hinfällt, wieder aufsteht und erneut hinfällt. Wie lernt es Geschwindigkeit kennen? Nicht durch Figuren, die über einen Bildschirm flitzen, sondern indem es selbst rennt. Wie erfährt es Widerstand? Indem es ihn körperlich spürt. Wie lernt es etwas über Statik? Indem es mit Klötzen baut.
Wie erfahren Kinder, was Natur ist? Indem sie etwa in einem kleinen Schulgarten arbeiten. Wie bekommen sie eine Vorstellung von Zahlen? Indem sie an ihren Fingern abzählen. Untersuchungen zeigen, dass Kinder, die im Alter von etwa fünf Jahren über ihre Finger in die Welt der Zahlen eingeführt werden, später besser rechnen. Darin zeigt sich erneut die Bedeutung der Körperlichkeit. Digitale Produkte führen dagegen zu einer Entdinglichung und Entkörperlichung des Lebens. Für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ist das problematisch.
Die Daten zeigen: Je intensiver Kinder Smartphones, Tablets und ähnliche Endgeräte nutzen, desto stärker kann ihre emotional-soziale Entwicklung beeinträchtigt sein. Sie lernen dann weniger, miteinander auszuhandeln und durch gemeinsame praktische Erfahrungen Vernunft zu entwickeln. Kinder müssen erfahren, wie man sich auf etwas einigt, das für alle gilt. Auch darin liegt ein Ursprung der Vernunft.
Dort beginnt emotional-soziales Lernen. Auch die Sprachentwicklung leidet unter intensiver Nutzung digitaler Angebote. Die jüngsten PISA-Ergebnisse haben erneut gezeigt: Vom ersten PISA-Schock im Jahr 2000 bis 2012 stiegen die Leistungen der Schülerinnen und Schüler. Seit 2012 beobachten wir dagegen einen deutlichen Rückgang, der sich zuletzt fortgesetzt hat.
Das Jahr 2012 markiert zugleich den Zeitpunkt, an dem Kinder massenhaft Zugang zu internetfähigen Smartphones erhielten. Die Geräte gab es schon etwas früher, doch ihre breite Markteinführung und die starke Nutzung durch Kinder und Jugendliche setzten 2012 und 2013 ein. Konzentrierter Unterricht ist kaum möglich, wenn Schülerinnen und Schüler diese Geräte ständig in der Hand haben.
Aus Zeitgründen gehe ich nicht ausführlich auf die unabhängige Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ ein. Ihre vor wenigen Wochen vorgelegte Begutachtung halte ich für skandalös. Ich frage mich, wie viel praktische Erfahrung einige der Beteiligten mit Kindern haben. Empfohlen wird frühe Medienerziehung in Kitas, obwohl Kinderärzte davon abraten. Hier ist aus meiner Sicht Lobbyismus wirksam. Ähnliche Strategien kenne ich aus der Pharma- und Tabakindustrie.
Die Kommission empfiehlt gewissermaßen ein verpflichtendes „KI-Seepferdchen“ für Grundschulkinder. Dabei können viele Kinder noch gar nicht richtig schwimmen, und ihre körperliche Fitness nimmt ab. Ein echtes Seepferdchen wäre deshalb sinnvoller. Die Forderung nach einem verpflichtenden KI-Seepferdchen in der Grundschule halte ich für problematisch.
Auch in den Erziehungswissenschaften gibt es deutlichen Widerspruch gegen diese Empfehlungen, zum Beispiel von Professor Klaus Zierer aus Augsburg. Zugleich wird vorgeschlagen, Zehn- bis Zwölfjährige sollten das Internet eigenständig erkunden und dadurch „Risikokompetenz“ aufbauen.
Die Forderung, Zehn- bis Zwölfjährige sollten das Internet eigenständig erkunden, um Risikokompetenz zu erwerben, überzeugt mich nicht. Das wäre so, als schickte man ein Kind auf eine achtspurige Straße, damit es dort Risikokompetenz entwickelt. Bemerkenswert ist zudem: Viele führende Tech-Unternehmer schicken ihre eigenen Kinder auf Schulen, die digitale Geräte bewusst begrenzen.
Viele Tech-Unternehmer haben sich ausdrücklich dafür ausgesprochen, ihren eigenen Kindern vor dem zwölften Lebensjahr kein Smartphone zu geben. Ein Beispiel ist die Waldorf School of the Peninsula, die auch von Kindern aus Familien der Techbranche besucht wird. Auf ihrer Website wird ein weitgehend smartphonefreies Schulkonzept beschrieben.
Dort heißt es sinngemäß: Keine Smartphones bedeuten keine Ablenkung, keine sozialen Medien bedeuten weniger Ängstlichkeit und kein ständiges Vergleichen, sondern eine wirkliche Kindheit. Gerade das ständige Fragen „Bin ich gut genug? Bin ich schön genug?“ kann junge Menschen belasten.
Bill Gates sagte, seine Kinder hätten erst mit 14 Jahren eigene Smartphones bekommen. Auch Peter Thiel äußerte sich ähnlich. Mark Zuckerberg erklärte, er wolle nicht, dass seine Kinder lange vor einem Computer säßen. Stattdessen sollten sie Zeit haben, nach draußen zu gehen und zu spielen.
Der New-York-Times-Journalist David Streitfeld hat dafür ein treffendes Bild verwendet: Waffenhändler geben ihren eigenen Kindern schließlich auch keine Landminen.
Regulierung und gesellschaftlicher Zusammenhalt
Aber wir brauchen eine Regulierung von sozialen Medien, wir brauchen Regulierung von KI, wir brauchen Maßnahmen gegen den Verlust des gesellschaftlichen Zusammenhalts.
Ich komme zum Schluss. Ich bin für ein verpflichtendes soziales Jahr, das wahlweise auch als Wehrdienst bei der Bundeswehr geleistet werden kann, weil ich glaube, dass dies den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt. Außerdem brauchen wir Austauschprogramme, die auch bildungsferne Schichten erreichen. Ich habe nachgesehen, wer von Erasmus profitiert, also von einem Austauschprogramm, das jungen Menschen den europäischen Gedanken vermittelt.
90 bis 95 Prozent der Teilnehmenden im entsprechenden Alter sind Gymnasiastinnen und Gymnasiasten. Auch an Gesamtschulen gibt es junge Menschen, doch sie profitieren deutlich seltener. Außerdem habe ich untersucht, aus welchen Bundesländern die Teilnehmenden kommen. In Hamburg erhalten sechsmal so viele Kinder Zugang zu Erasmus-Austauschprogrammen wie in den Flächenländern Ostdeutschlands.
Am wenigsten profitieren Schülerinnen und Schüler in Thüringen und Sachsen-Anhalt.
Hier müssen wir nachlegen. Abschließend möchte ich sagen: Entgegen dem, was wir von extremistischer Seite hören, ist Europa der Kontinent des Humanismus. In den europäischen Verträgen steht, dass wir dem kulturellen, christlichen und humanistischen Erbe Europas verpflichtet sind. In Europa schützen wir Schwache, haben Sozialsysteme und Verbraucherschutz. Genau das lehnen die gegenwärtige amerikanische Administration und die Techkonzerne des Silicon Valley ab, weil sie hier unreguliert agieren wollen. Das russische Regime wiederum lehnt unsere Freiheit ab, weil der Freiheitsgedanke ansteckend ist. Europa steht deshalb unter dem Druck zweier Großmächte: eines autoritären, menschenverachtenden Regimes in Moskau und jener Kräfte in den Vereinigten Staaten, die einmal unsere Freunde waren. Umso widersinniger ist die Forderung von Extremisten, Europa zu verlassen. Wohin denn? Wir müssen diesen Kontinent des Humanismus verteidigen. Das ist mein Plädoyer.








