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20. Mai 2026

Wenn aus Gesprächen Zukunft entsteht

Lesezeit: 6 min.

Berthold_Frieß, Vorsitzender des Kuratoriums der Evangelischen Akademie Bad Boll_© Sebastian Berger

Wie gelingt Dialog in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft? Welche Rolle spielen Orte, an denen unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen? Und wie kann daraus eine gute Zukunft entstehen?

In dieser Episode der HörRäume spricht Miriam Kaufmann mit Berthold Frieß, dem neuen Vorsitzenden des Kuratoriums der Evangelischen Akademie Bad Boll. Im Gespräch geht es um die Bedeutung von offenen Diskursräumen für unsere Demokratie, den Umgang mit gesellschaftlichen Spannungen und die Frage, wie Verständigung trotz wachsender Unterschiede gelingen kann.

Berthold Frieß bringt vielfältige Erfahrungen aus Kirche, Politik und Verwaltung mit und blickt auf die Herausforderungen unserer Zeit: von sozialem Zusammenhalt über Klimaschutz bis hin zu neuen Formen des Dialogs. Dabei wird deutlich, warum es gerade heute Orte wie die Akademie braucht, an denen Menschen jenseits von schnellen Meinungen und digitalen Echokammern miteinander ins Gespräch kommen.

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Im Gespräch mit Berthold Frieß

Mit Berthold Frieß hat das Kuratorium der Evangelischen Akademie Bad Boll einen neuen Vorsitzenden. Im Interview spricht er über seine neue Rolle, die Bedeutung der Akademie für Gesellschaft und Demokratie sowie seine persönlichen Verbindungen nach Bad Boll.

„Die Akademie ist ein Ort, an dem unterschiedliche Welten zusammenkommen“

Herr Frieß, Sie wurden jüngst in das Kuratorium berufen und zu dessen Vorsitzendem gewählt. Worauf freuen Sie sich in dieser Rolle besonders?

Ich freue mich vor allem darauf, im Kuratorium interessanten Menschen zu begegnen. Das Gremium bildet gewissermaßen eine „kleine Akademie“ ab. Hier kommen unterschiedliche gesellschaftliche Akteure zusammen – parteiübergreifend und längst auch über die Grenzen der evangelischen Landeskirche hinaus. Menschen verschiedener kirchlicher Hintergründe oder ohne kirchliche Bindung treffen hier ebenso aufeinander wie Vertreterinnen und Vertreter der Synode und des Oberkirchenrats.
Das Kuratorium ist ein strategisches Beratungsgremium, das die Arbeit der Akademie auf einer übergeordneten Ebene begleitet. Mich reizt besonders, dass dort Menschen zusammenkommen, die – wie auch an der Akademie selbst – spannende Perspektiven einbringen. Wenn solche Menschen miteinander ins Gespräch kommen, entstehen in der Regel auch spannende Themen und konstruktive Diskussionen.

„Christliche Botschaft ist immer auch politisch“

Sie verbinden in Ihrem beruflichen Werdegang Kirche, Politik und Verwaltung. Wie prägt das Ihre Perspektive auf die Akademie?

Die Botschaft des Evangeliums kann nicht unpolitisch sein. Menschen leben nicht nur als Individuen, sondern immer auch in gesellschaftlichen Zusammenhängen. Die Organisation dieses Zusammenlebens nennen wir Politik.
Ich verstehe mich daher als politischer Mensch, weil mir das gelingende Zusammenleben in unserer Gesellschaft am Herzen liegt. Meine beruflichen Erfahrungen in der Sozial-, Umwelt- und Verkehrspolitik sowie meine persönliche Biografie prägen meine Perspektive. Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen, arbeite heute für das ganze Land – das eröffnet unterschiedliche Blickwinkel, die ich bewusst zusammenbringen möchte.
Genau darin sehe ich auch eine zentrale Aufgabe der Akademie: Sie schafft Räume, in denen verschiedene Perspektiven zusammengeführt werden – für Gesellschaft und Kirche gleichermaßen.

„Demokratie braucht Orte des Dialogs“

Die Akademie versteht sich als Ort der Demokratieförderung. Warum sind solche Räume heute besonders wichtig?

Demokratie steht aktuell aus verschiedenen Gründen unter Druck. Ein zentraler Faktor sind soziale Medien und ihre Algorithmen, die häufig extreme und polarisierende Positionen verstärken. Moderatere Stimmen werden dagegen weniger sichtbar.
Eine funktionierende Demokratie lebt jedoch von der Mitte der Gesellschaft – nicht von den Rändern. Deshalb ist es entscheidend, Räume zu schaffen, in denen unterschiedliche Positionen aufeinandertreffen. In Bad Boll können Menschen zusammenkommen, die kontrovers denken, aber auch bereit sind, Kompromisse zu suchen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln.
Hinzu kommt, dass wir zunehmend in getrennten „Resonanzräumen“ kommunizieren. Es fehlen gemeinsame Orte des Austauschs – im übertragenen Sinne gemeinsame „Lagerfeuer“. Die Akademie kann solche Orte schaffen: Räume, in denen Menschen miteinander ins Gespräch kommen, die sich sonst vielleicht nie begegnen würden. Das stärkt die Bindekraft von Gesellschaft und Demokratie, etwas, das wir dringend brauchen.

„Große Themen brauchen große Debatten“

Welche thematischen Impulse möchten Sie setzen?

Ich sehe meine Rolle nicht darin, die Arbeit der Akademie inhaltlich zu bewerten. Sie leistet bereits in vielen Bereichen – von Jugendbildung über Medizinethik bis hin zur Sozialpolitik – äußerst wertvolle Arbeit.
Ein Wunsch ist mir jedoch wichtig: Ich würde es begrüßen, wenn es gelingt, einmal im Jahr eine besonders profilierte, „gewichtige“ Tagung zu etablieren, die über Bad Boll hinaus wirkt und auch öffentliche Aufmerksamkeit erzielt. Solche Veranstaltungen könnten an die großen gesellschaftlichen Debatten früherer Jahrzehnte anknüpfen.
Die Themen liegen auf der Hand: Bildungsgerechtigkeit, soziale Spaltung, wirtschaftliche Entwicklung oder Fragen von Frieden und Sicherheit. Entscheidend ist, dass unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen – auch solche, die sonst selten miteinander sprechen.

„Räume verändern Gespräche“

Welche persönliche Verbindung haben Sie zur Akademie?

Meine Verbindung reicht nicht bis in die Kindheit zurück, aber sie ist dennoch langjährig. Während meiner Tätigkeit in der evangelischen Jugendarbeit und später im Evangelischen Jugendwerk Württemberg war ich regelmäßig in Bad Boll. Dort habe ich die Qualität der Tagungsräume, die besondere Atmosphäre und die intensiven Begegnungen schätzen gelernt.
Später, in meiner Zeit beim BUND, habe ich erlebt, welchen Unterschied Räume machen können. Gespräche in Bad Boll verliefen oft konstruktiver als in anderen Kontexten – die offene, helle Atmosphäre trägt offensichtlich dazu bei.
Auch energiepolitische Dialoge während der Debatten um den Atomausstieg haben gezeigt, wie wertvoll geschützte Räume für vertrauliche Gespräche sind. Solche Formate können einen wichtigen Beitrag zu gesellschaftlichen Verständigungsprozessen leisten.

„Gute Arbeit braucht gute Rahmenbedingungen“

Welche Ziele verfolgen Sie als Vorsitzender des Kuratoriums?

Das Kuratorium ist nicht für die operative Arbeit zuständig. Unsere Aufgabe ist es, gute Rahmenbedingungen zu schaffen, damit die Mitarbeitenden ihre Arbeit bestmöglich leisten können.
Angesichts schrumpfender kirchlicher Ressourcen wird es notwendig sein, Prioritäten zu setzen und mit begrenzten Mitteln weiterhin qualitativ hochwertige Arbeit zu ermöglichen. Gleichzeitig möchte ich die Akademie mit meinen Erfahrungen und Netzwerken unterstützen – sowohl kirchenpolitisch als auch in der Landespolitik.
Inhaltlich halte ich es für wichtig, Themen aufzugreifen, die über aktuelle Trends hinausgehen. Der Klimawandel ist ein gutes Beispiel: Auch wenn andere Themen derzeit stärker im Fokus stehen, bleibt er eine zentrale Zukunftsfrage. Solche langfristigen Perspektiven sollten weiterhin eine Rolle spielen.

„Die Akademie muss sich weiterentwickeln – ohne sich selbst zu verlieren“

Wie sehen Sie die Zukunft der Evangelischen Akademie Bad Boll?

Der Standort Bad Boll ist von großer Bedeutung. Die Akademie lebt auch von diesem besonderen Ort, der Distanz zum Alltag ermöglicht und Raum für konzentriertes Arbeiten und Austausch bietet. Dieser Ort sollte unbedingt erhalten bleiben.
Gleichzeitig braucht es Planungssicherheit für die Mitarbeitenden, um mittel- und langfristig gute Arbeit leisten zu können. Vor dem Hintergrund knapper Ressourcen wird es jedoch auch notwendig sein, die Arbeit der Akademie weiterzuentwickeln.
Das bedeutet: nicht einfach Bestehendes fortzuführen, sondern neue Wege zu gehen, Schwerpunkte zu überprüfen und die Akademie strategisch neu auszurichten. Dazu gehört auch, gezielt Akzente zu setzen und die öffentliche Wahrnehmung zu stärken.
Die Akademie hat einen wichtigen kirchlichen und gesellschaftlichen Auftrag. Ihre Relevanz wird dann besonders sichtbar, wenn es gelingt, aktuelle Debatten aufzugreifen und Impulse zu setzen, die über Bad Boll hinaus Wirkung entfalten.

Herr Frieß, vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für Ihre neue Aufgabe.

Online-Magazin-Beitrag zum neuen Vorsitz das Kuratoriums der Evangelischen Akademie Bad Boll

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  • Mitarbeitende der Evangelischen Akademie formen gemeinsam zwei Gs stellvertretend für das Grundgesetz
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  • Berthold_Frieß, Vorsitzender des Kuratoriums der Evangelischen Akademie Bad Boll_© Sebastian Berger
  • evangelische-akademie-bad-boll-tagungsbericht-wohnen-und-armut-2026-c-g-fehrmann© G. Fehrmann, DiCVRS
  • Veranstaltungsbild "Den Wandel gestalten" - Schultafel mit Rakete aus Stiften© shutterstock
  • v.l.: Akademiedirektor Dr. Dietmar Merz, die neu gewählten Vorsitzenden Ministerialdirektor Berthold Frieß und Pfarrerin Yasna Crüsemann sowie Dr. Rolf Bulander, ehemaliger Vorsitzender des Kuratoriums
  • evangelische-akademie-bad-boll-tagungsbericht-burundi-2026-académie-de-l'amitié_c-privat-felix-heß© privat
  • Icon des Podcasts HörRäume der Evangelischen Akademie Bad Boll in weiss
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