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22. Juni 2026

Alle satt und alles gerecht verteilt?

Lesezeit: 5 min.

Vortrag auf der Tagung "Alle satt, alles gerecht verteilt" der Evangelischen Akademie Bad Boll© Martina Fürstenberger

Zusammenfassung von Carola Hausotter basierend auf der Tagungsdokumentation von Martina Fürstenberger (Freie Journalistin, Energie, Umwelt- & Klimaschutz, Stuttgart)

Die Tagung „Alle satt und alles gerecht verteilt?“ der Evangelischen Akademie Bad Boll, des Dachverbands Entwicklungspolitik Baden-Württemberg (DEAB), der „Handy-Aktion Baden-Württemberg“ und und des Welthauses Stuttgart, die am 11. und 12. Juni 2026 in Stuttgart stattfand, behandelte eine Frage von globaler Bedeutung: Wie hängen unser Konsum, internationale Handelsabkommen, Rohstoffbedarf und Ernährungssysteme mit den Lebensbedingungen von Menschen in Lateinamerika zusammen?

Im Mittelpunkt standen die Auswirkungen des Mercosur-Abkommens zwischen der Europäischen Union und den südamerikanischen Mercosur-Staaten sowie die Folgen von Rohstoffabbau, Landkonzentration und Umweltkonflikten für Ernährungssouveränität, Menschenrechte und Friedensprozesse.

Lateinamerika spielt für Europa eine immer wichtigere Rolle als Lieferant von Agrarprodukten und strategischen Rohstoffen. Gleichzeitig verfolgt die EU mit Handelsabkommen wie Mercosur auch geostrategische Ziele: Sie möchte ihre wirtschaftliche Abhängigkeit von den USA und China verringern und neue Absatzmärkte erschließen.

Die Tagung zeigte jedoch, dass diese Entwicklung erhebliche Risiken birgt. Die Ausweitung von Exportlandwirtschaft, Bergbau und Rohstoffgewinnung führt vielerorts zu Entwaldung, Umweltzerstörung und einer zunehmenden Konzentration von Landbesitz. Besonders betroffen sind kleinbäuerliche und indigene Gemeinschaften, deren Lebensgrundlagen gefährdet werden.

Mehrere Referierende betonten, dass die „Landfrage“ heute wieder zu den zentralen politischen Konflikten Lateinamerikas gehört. Wer über Land verfügt, entscheidet häufig auch über Ernährung, Einkommen, politische Teilhabe und Zukunftsperspektiven.

Mercosur: Chancen und Risiken eines umstrittenen Abkommens

Das Mercosur-Abkommen wurde auf der Tagung differenziert diskutiert. Befürworter*innen sehen darin die Chance auf wirtschaftliches Wachstum, neue Handelsmöglichkeiten und eine stärkere Position Europas in einer zunehmend von geopolitischen Spannungen geprägten Welt.

Kritikerinnen und Kritiker verweisen dagegen auf die strukturellen Ungleichgewichte sowie Machtasymmetrien zwischen Industrie- und Entwicklungsländern. Sie befürchten, dass das Abkommen bestehende Abhängigkeiten verstärkt: Europa exportiert vor allem Industrieprodukte, während die südamerikanischen Länder weiterhin Rohstoffe und Agrargüter liefern. Dadurch könnte sich die wirtschaftliche Entwicklung vieler Länder einseitig auf den Export von Naturressourcen konzentrieren.

Ein zentrales Diskussionsthema war die Frage, ob Umwelt- und Menschenrechtsstandards tatsächlich wirksam durchgesetzt werden können. Zwar enthalten die Verträge entsprechende Klauseln, doch viele Teilnehmende äußerten Zweifel an ihrer praktischen Umsetzung. Einigkeit bestand darüber, dass Lieferketten transparenter werden, und bestehende Sorgfaltspflichten konsequent eingehalten werden müssen.

Ernährungssouveränität statt bloßer Ernährungssicherheit

Ein Schlüsselbegriff der Tagung war die Ernährungssouveränität. Während Ernährungssicherheit bedeutet, dass Menschen ausreichend Nahrung zur Verfügung haben, geht Ernährungssouveränität einen Schritt weiter: Gemeinschaften sollen selbst entscheiden können, welche Lebensmittel sie produzieren und konsumieren und wie ihre Landwirtschaft gestaltet wird.

Anhand von Beispielen aus Peru, Ecuador und Kolumbien wurde deutlich, dass diese Selbstbestimmung vielerorts unter Druck steht. Exportorientierte Landwirtschaft verdrängt häufig den Anbau von Grundnahrungsmitteln für die lokale Bevölkerung. Gleichzeitig verschärfen Klimawandel, Wasserknappheit und soziale Ungleichheiten die Situation.

In Peru arbeiten lokale Organisationen beispielsweise daran, Kleinbauernfamilien bei der Anpassung an veränderte Niederschlagsmuster zu unterstützen. In Ecuador ist Ernährungssouveränität zwar verfassungsrechtlich verankert, ihre Umsetzung bleibt jedoch unzureichend.

Die Tagung machte deutlich, dass Ernährung nicht allein eine Frage der Produktion ist. Sie ist eng mit Landrechten, sozialer Gerechtigkeit, kultureller Identität und politischer Mitbestimmung verbunden.

Landkonflikte und Menschenrechte

Besonders eindrücklich waren die Berichte über die Situation in Kolumbien und Ecuador. Dort zeigt sich, wie eng Landverteilung, Ressourcennutzung und soziale Konflikte miteinander verknüpft sind.

In Kolumbien ist der Landbesitz extrem ungleich verteilt. Große Flächen befinden sich in den Händen weniger Eigentümer, während viele Kleinbauern kaum Zugang zu Land haben. Gleichzeitig werden immer mehr Flächen für Palmölproduktion, Bergbau oder andere Exportgüter genutzt. Die Folge sind Ernährungsunsicherheit, Vertreibungen und soziale Spannungen.

Auch in Ecuador führen wirtschaftliche Interessen zunehmend zu Nutzungskonflikten. So werden für die exportorientierte Shrimpszucht neue Flächen erschlossen, wodurch indigene Gemeinschaften faktisch vertrieben werden.

Menschenrechtsorganisationen fordern deshalb, wirtschaftliche Interessen nicht über die Rechte der betroffenen Bevölkerung zu stellen. Ernährungssouveränität, Landrechte und die Einhaltung internationaler Menschenrechtsstandards müssten Vorrang erhalten.

Friedensbildung und Konflikttransformation

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf den Zusammenhängen zwischen Umweltkonflikten und Friedensprozessen. Die Erfahrungen aus Kolumbien zeigen, dass Frieden nicht allein durch politische Abkommen erreicht werden kann. Solange strukturelle Ursachen wie Landungleichheit, Armut und fehlende Teilhabe bestehen bleiben, bleiben Konflikte bestehen oder entstehen neu.

Vorgestellt wurde unter anderem die Friedensgemeinde San José de Apartadó, die seit Jahrzehnten für Gewaltfreiheit, Selbstbestimmung und den Schutz ihrer Lebensgrundlagen eintritt. Ihr Beispiel verdeutlicht, wie lokale Gemeinschaften aktiv zur Konfliktbewältigung beitragen können, gleichzeitig aber auf nationale und internationale Unterstützung angewiesen sind.

Die Diskussionen machten deutlich, dass internationale Solidarität für viele Menschenrechts-, Umwelt- und Friedensaktivistinnen und -aktivisten von existenzieller Bedeutung ist. Internationale Aufmerksamkeit kann Schutz bieten, politische Handlungsspielräume erweitern und dazu beitragen, Menschenrechtsverletzungen sichtbar zu machen.

Rohstoffgerechtigkeit als globale Aufgabe

Die Energiewende erhöht weltweit die Nachfrage nach Rohstoffen wie Lithium, Kupfer, Kobalt oder Wolfram. Diese Metalle sind unverzichtbar für Batterien, Elektromobilität und erneuerbare Energien. Gleichzeitig verursacht ihr Abbau häufig erhebliche ökologische und soziale Belastungen.

Die vorgestellte Rohstoffstudie für Baden-Württemberg zeigt die Dimension dieser Herausforderung: Der Metallverbrauch im Land liegt deutlich über dem Bundesdurchschnitt, während die benötigten Rohstoffe fast vollständig importiert werden.

Die Teilnehmenden waren sich einig, dass eine nachhaltige Rohstoffpolitik mehr umfassen muss als die Sicherung von Lieferketten. Notwendig sind höhere Recyclingquoten, eine konsequente Kreislaufwirtschaft, transparente Beschaffungswege und die Einhaltung von Menschenrechtsstandards entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Gleichzeitig müsse die Bevölkerung frühzeitig in Entscheidungen über neue Rohstoffprojekte eingebunden werden.

Gemeinsame Verantwortung

Die Tagung verdeutlichte, dass Fragen von Ernährung, Handel, Rohstoffen und Frieden nicht getrennt voneinander betrachtet werden können. Entscheidungen in Europa haben direkte Auswirkungen auf Lebensbedingungen in Lateinamerika und umgekehrt.

Ob Mercosur-Abkommen, Rohstoffgewinnung, Landwirtschaft oder Friedensprozesse: Nachhaltige Lösungen erfordern internationale Zusammenarbeit, politische Verantwortung und die Beteiligung der betroffenen Menschen. Die zentrale Botschaft der Tagung lautete daher, wirtschaftliche Entwicklung stärker an Menschenrechten, Ressourcengerechtigkeit und ökologischer Nachhaltigkeit auszurichten.

Eine Video-Reihe zur Tagung von Ivonne Cadavid

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