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30. Juni 2026

Wo Kirche ins Offene lebt

Lesezeit: 6 min.

evangelische-akademie-bad-boll-450826-tagungsbild-vesperkirche-c-monika-johna© Monika Johna

Vesperkirchen haben sich seit den 1990er Jahren zu Modellräumen für eine Kirche von Morgen entwickelt: offen und niederschwellig in der Ansprache funktionieren sie als gastliches Hilfsangebot, als Begegnungsräume und auch ur-demokratische Orte, indem sie Menschen aus unterschiedlichsten Lebenswelten zusammenbringen. Zugleich sind Vesperkirchen ein Gradmesser für das soziale Ungleichgewicht und manifestieren wachsende Armut und Einsamkeit in Städten und Gemeinden. Die Armutsberichte des Paritätischen Gesamtverbandes vermerken seit Jahren steigende Zahlen, Soziologen und Demographen warnen vor den – in den Städten längst sichtbaren – Folgen. Tatsächlich geben die Vesperkirchen immer mehr Essen aus, die Besucherfrequenzen steigen und der Altersdurchschnitt der Gäste, insbesondere in den Großstädten, sinkt.

Dass von Vesperkirchen dennoch und gerade deswegen auch starke Signale der Hoffnung und Gestaltungskraft ausgehen können, wurde auf der Tagung „Die Vesperkirche als Dritter Ort“ deutlich, die vom 11. – 13. Juni 2026 in der Evangelischen Akademie Bad Boll stattfand. Eingeladen hatten die Evangelische Akademie Bad Boll, das Diakonische Werk Württemberg / Referat diakonische Gemeindeentwicklung und das Diakoniepfarramt Stuttgart.

Der Auftakt in der Göppinger Stadtkirche mit Dekan Hartmut Zweigle gab erste Denkanstöße: Damit Gastfreundschaft in der Vesperkirche wirksam gelebt werden könne, sei die zeitliche Begrenzung ebenso wichtig wie das Mittun der Gäste, so Zweigle in seiner Andacht.

Dort, wo Vesperkirchen wirken, sind sie zu „Dritten Räumen“ geworden für das Quartier und darüber hinaus. Vesperkirchen sind Anlaufstellen für all diejenigen, die „Kirche bei Gelegenheit“ erleben wollen, die den Kirchenraum als besonderen Ort schätzen, der ihnen – unabhängig von einer Kirchenmitgliedschaft – zumindest temporär Gastfreundschaft, spirituellen Impuls und Gemeinschaft bietet.

Die Stuttgarter Diakoniepfarrerin Gabriele Ehrmann stellte die Arbeit der ersten Vesperkirche Deutschlands vor: seit 1995 wird in der Evang. Leonhardskirche in der Stuttgarter Innenstadt die dortige „VK“ mit viel Engagement und jährlich zunehmender Gästezahl betrieben. Die Liste derer, die sich in den sieben Wochen der Vesperkirche engagieren wollen, werde von Jahr zu Jahr länger, so Ehrmann. Sie sieht die Rolle der Vesperkirchen auch als „Stachel im Fleisch der Stadt“ und betont, dass Kirche und Diakonie in einer anwaltschaftlichen Position für die Belange der Bedürftigen stünden. Kirche könne nicht heilen, aber sichtbar machen. Und sichtbar sei neben der Armut eben auch die große Hilfsbereitschaft und Solidarität der Zivilgesellschaft in Vesperkirchen, die sich damit als großartige Orte der Demokratie erwiesen, so Ehrmann.

Die Tagung fokussierte auf diesen Beobachtungen aus der Praxis und stellte Fragen für die Zukunft:

Wie lassen sich temporäre Phänomene des Miteinander in den Alltag überführen – sowohl räumlich wie sozial? Wie kann Vesperkirche Dritter Ort der Begegnung bleiben oder gar Quartiersmittelpunkt werden?

Diese Fragen wurden mit der Stadtplanerin und emeritierten KIT-Professorin Kerstin Gothe erstmals in einen stadträumlich-raumanalytischen Kontext gesetzt. Gothes Einschätzung: Vesperkirchen sind qualifizierte Dritte Orte, sie sind wichtig für den sozialen Zusammenhalt. Gothe betonte die Notwendigkeit der sich wandelnden räumlichen Selbstverständnisses von Kirche. Kirche müsse als öffentlicher, zugänglicher Raum erfahrbar sein. Der Kirchenraum predige mit, das Bedürfnis nach Orten für Begegnung, Ritual und Kontemplation eine die Menschen und damit seien Vesperkirchen ein Stück sicht- und „planbare Utopie“.

Auf konkrete Vesperkirchenpraxis und stadtplanerische Kontextualisierung reagierte die Theologin und Sozialethikerin Prof. Dr. Annette Noller in ihrer Funktion als Vorstandsvorsitzende des Diakonischen Werkes Württemberg und betonte, dass Vesperkirchen die Vorstellung einer diakonischen, im Sozialraum wirksamen Kirche real werden lassen. Vesperkirchen-Gemeinden machten die wichtige Erfahrung, dass in der Öffnung, im Engagement und im Kontakt mit Menschen ganz unterschiedlicher sozialer Herkünfte eine große Chance für die Kirche insgesamt liege, so Noller.

Wie sich das konkret gestaltet, illustrierten lokale Praxisbeispiele aus Karlsruhe, Stuttgart, Göppingen, Augsburg und Gütersloh. 

Wolfgang Baumung, Leiter des Hauses Linde e.V. und der Göppinger Vesperkirche, teilte seine Erfahrungen mit einer seit rund dreißig Jahren bestehenden Vesperkirche, die er alljährlich als kraftvolle Ermutigung für diakonisches Wirken sehe. Pfarrerin Lara Pflaumbaum, die in der Karlsruher Innenstadt mit ihrem Team die Johanniskirche am Werderplatz zur Vesperkirche öffnet, beschrieb das Engagement der Gemeinde als „gestreckte Handlung“ an einem sozialen Brennpunkt in der Stadt, in der eine Vesperkirche zum Ausgangsort für ein verstetigtes Sozial-Diakonisches Zentrum wurde (Zentrum Luise 53) – Träger sind hier Diakonisches Werk Karlsruhe und Evangelische Kirchengemeinde/Jugendwerk.

Die Vernetzung mit Stadt und Quartier funktioniert bei diesem Beispiel ähnlich gut wie bei der Vesperkirche in Gütersloh (Martin-Luther-Kirche), die von den hauptamtlichen Gemeindereferenten Steffen Böning und Tanja Turac vorgestellt wurden. Beide sind für die zentral gelegene Vesperkirche mitverantwortlich und betreiben gemeinsam mit über 500 engagierten Ehrenamtlichen jährlich eine einwöchige Vesperkirche, die rund um die Uhr auch mit einem breiten und adressbildenden Kulturangebot wirksam wird. Vesperkirche ist zeitlich begrenzter Kultur- und Begegnungsort für Alle und verweist auf eine durchgängig offene Stadtkirche – diese Strategie wird hier erfolgreich gefahren und dennoch gibt es Beratungsbedarf, wie das Kernelement der Vesperkirche als „sozialer Querschnitts- und Begegnungsort“ gestärkt werden kann.
Begegnungen zwischen unterschiedlichsten Menschen als ein zentrales Element der „VK´s“, bedürfen der Begleitung, „machen Arbeit“. Das berichteten auch die Vertreterinnen der Augsburger Vesperkirche (St. Paul), Pfarrerin Marianne Werr und Pädagogin Ines Güther, die künftig verstärkt auf Außenkommunikation achten wollen, um die Kirche als funktionierenden Dritten Ort im Stadtgebiet zu qualifizieren.    

Allen drei Beispielen war gemein, dass sich die Vesperkirchen und ihr städtebauliches Umfeld als Laborräume für die diakonische Gemeindearbeit und die kooperative Stadt- und Quartiersentwicklung eignen. Pfarrer Dr. Martin Dorner, Religionspädagoge und Leiter des Netzwerks Diakonisches Lernen in Bayern/Religionspädagogisches Zentrum Heilsbronn der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern formulierte im Anschluss „10 und 1“ forschungsbasierte Thesen: Vesperkirchen bewegen sich zwischen „besonderem Gasthaus“ und wertvollem „diakonischem Lernort für alle Generationen“, so Dorner. Das gemeinsame Essen als Akt geistlich-leiblicher Gottesbegegnung öffne der Kirche als Drittem Ort weitere Dimensionen.

Der Workshop im World-Café-Format diskutierte das Selbstverständnis, die Bedingungen des Gelingens und die Zukunfts-Bedarfe der Vesperkirchen. Erarbeitet wurden konkrete Definitionen und Anforderungen, die ein am Folgetag gegründetes deutschlandweites „Netzwerk Vesperkirche“ nun als Grundlage der Weiterarbeit nutzen kann.

Ermutigende Impulse setzte die Gesprächsrunde mit Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl, dem Journalisten Jan Sellner, der Stadtplanerin und Architektin Grazyna Adamczyk-Arns (IBA´27) und Heinrich-Hermann Huth, direkter Nachbar der Stuttgarter Vesperkirche. Bischof Gohl beschrieb Vesperkirchen als aktivierendes Element für Kirche, die insbesondere in einer Zeit der Transformation von größter Bedeutung sei. Solidarität und große Bereitschaft zum Ehrenamt seien stabile Hoffnungsgeber. Sellner verwies auf die Verantwortung auch der Vermögenden für eine funktionierende Stadtgesellschaft, Adamczyk-Arns unterstrich die Bedeutung der Vesperkirchen als soziale Marker einer Stadt und Huth betonte – gerade als Gastwirt – den Wert der öffentlichen Räume und offenen Kirchen als niederschwellige Begegnungsorte.

In Vesperkirchen zeigt sich Kirche als relevant für die Menschen, weil sie Raum für die Befähigung, Selbstwirksamkeit und Aktivierung der Gesellschaft geben. Damit sind sie Orte einer Kirche im Aufbruch – so das Fazit des abschließenden Vortrages von Prof. Dr. Claudia Schulz von der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg. Die praktische Theologin und Sozialwissenschaftlerin kam zu dem Schluss, dass Vesperkirche kein allgemeingültiges Modell für eine Kirche von Morgen, aber ein wichtiges Momentum ist, über dem sich Kirche und Gesellschaft wieder annähern können.

Zum Abschluss vereinbarten die Teilnehmenden aus den Vesperkirchen, sich bundesweit zu vernetzen, um den fachlichen Austausch und die kollegiale Beratung zu stärken, gemeinsame Fachveranstaltungen zu organisieren und die Bedeutung der Vesperkirchen für Kirche und Gesellschaft in der Öffentlichkeit und gegenüber den Kirchenleitungen deutlich zu machen.

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