In dieser Episode der HörRäume geht es um Achtsamkeit, Sinnsuche, Selbstfürsorge, Mitgefühl und die Frage, was uns als Menschen miteinander verbindet. Ausgehend von Erfahrungen in der Begleitung schwerstkranker und sterbender Menschen eröffnet sich ein weiter Blick auf unsere Wahrnehmung, unsere Beziehungen und darauf, was uns Halt und Orientierung gibt. Eine berührende und inspirierende Einladung, die eigenen Sinne zu schärfen und neu über das Leben nachzudenken.
Ein neuer Blick auf das Leben
Ein Vortrag von Susanne Kränzle, Vorsitzende des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands, gehalten bei den 27. Süddeutschen Hospiztagen „Mit allen Sinnen: leben, sterben, begleiten“.
Einführung: Akademiedirektor Dr. Dietmar Merz.
Sind wir schon ganz bei Sinnen?
Einführung: Sinne, Lebenssinn und Hospizarbeit
Mein Vortrag wird sich heute unter diesem Titel „Sind wir schon ganz bei Sinnen“ mit verschiedenen Themen beschäftigen: mit den Körpersinnen, mit dem Sinn als Bedeutung unseres Lebens, mit den Sinnen der sterbenden Menschen, mit uns selber und unseren Sinnen. Das wird auch ein besonderer Fokus sein.
Ich fand es so schön gestern, dass Herr Dr. Herbers sich mit den Sinnen der sterbenden Menschen beschäftigt hat. Ich würde heute gerne den Fokus auf die begleitenden Menschen legen. Und wir werden uns auch mit dem Gemeinsinn ein wenig beschäftigen.
Die Vielfalt unserer Sinne
Wir haben gestern gehört: In der Begleitung sterbender Menschen geht es um die Körpersinne Sehen, Hören, Riechen, Fühlen und Schmecken.
Es geht aber auch um andere Sinnessysteme, wie zum Beispiel die Tiefensensibilität oder Propriozeption, die die Wahrnehmung der Lage und Bewegung unseres eigenen Körpers im Raum ermöglicht, ohne dass wir hinschauen müssen.
Es geht um den Gleichgewichtssinn, der für unsere Orientierung im Raum und für die Kontrolle unserer Körperhaltung sorgt. Der Temperatursinn ermöglicht uns wahrzunehmen, ob es wärmer wird. Und die sogenannte Interozeption, die bewusste oder unbewusste Wahrnehmung von Signalen aus dem Körperinneren, lässt uns Vorgänge wie Atmung, Herzschlag, Hunger oder Durst wahrnehmen. Sie bildet die physiologische Grundlage für unsere Emotionen und für unser Gefühl für uns selbst.
Ich glaube, es gibt auch so etwas wie einen übergeordneten Sinn. Im Tagungsprogramm wird sich heute ein Workshop mit den zwölf Sinnen des Menschen beschäftigen. Also gibt es offensichtlich noch mehr. Ich glaube, es gibt einen übergeordneten Sinn, der uns über unsere gesamte körperliche und seelische Verfasstheit Auskunft gibt.
Wie fühle ich mich? Wie fit bin ich? Habe ich gut geschlafen oder bin ich müde? Wie aufgeregt bin ich? Wie bin ich gestimmt? Habe ich Angst?
All das hat einen Zusammenhang zwischen Körper und Seele oder zwischen Leib und Seele. Das Zusammenspiel zwischen Interozeption und Introspektion, also die Wahrnehmung unseres Körpers und unseres Gemütszustandes, macht ein großes Ganzes aus und prägt unseren Alltag.
Die Bedeutung von Selbstwirksamkeit
Auf diese Funktionen kann ich manchmal Einfluss nehmen. Wenn wir Angst haben oder aufgeregt sind, können wir Atemtechniken anwenden, die uns gelassener werden lassen. Wenn ich müde bin, kann ich etwas dagegen tun. Ich kann mich bewegen und werde wieder wacher. Bei Kopfschmerzen kann ich vielleicht einen Akupressurpunkt drücken.
Es ist wichtig, dass wir uns selbst beeinflussen und uns ein Stück weit selbst helfen können. Gerade in Situationen, in denen wir das Äußere nicht beeinflussen können und uns ohnmächtig fühlen.
Die gute Nachricht heißt vielleicht: Wir können immer Einfluss nehmen. Mindestens auf uns selbst, wenn auch nicht immer auf die Umstände.
Unsere Sprache als Spiegel der Sinneswahrnehmung
Viele Vorgänge bedürfen mehrerer Sinne. Essen schmecken wir nicht nur. Es sollte idealerweise auch appetitlich aussehen und gut riechen. Dann schmeckt es uns gleich besser.
Oder denken Sie an eine Krimiszene. Spannend wird sie oft nicht nur durch das Bild, sondern auch durch die dramatische Musik. Erst das Zusammenspiel verschiedener Sinne erzeugt die volle Wirkung.
Auch unsere Sprache ist voller Redewendungen, die mit unseren Sinnen verbunden sind:
„Ich kann jemanden nicht riechen.“
„Ich glaube, ich höre nicht richtig.“
„Das kann ich nicht mehr sehen.“
„Das haut mich um.“
Oder der neuere Ausdruck: „Ich kann das fühlen.“
Ebenso sagen wir von jemandem, er sei „nicht ganz bei Sinnen“. Unsere Sprache ist voller Formulierungen, die Körper und Sinneswahrnehmungen aufgreifen.
Wenn ein Sinn verloren geht
Es ist ein herber Verlust, wenn Menschen nicht mehr gut sehen, hören, riechen oder schmecken können.
Viele Menschen haben in der Coronazeit vorübergehend die Erfahrung gemacht, nicht mehr richtig riechen oder schmecken zu können. Oder denken Sie an Menschen mit Polyneuropathie, die ihre Hände oder Füße nicht mehr richtig fühlen.
Auch wenn der Gleichgewichtssinn ausfällt, verändert das das ganze Leben.
Davon kann ich selbst ein Lied singen. Mein Gleichgewichtssinn ist seit einigen Jahren schwer gestört. Das hat mein Leben und die Wahrnehmung meines Lebens verändert. Lange wusste ich nicht, was los war. Schließlich erhielt ich eine Diagnose. Das war schmerzlich, aber auch erleichternd.
Seither musste ich von manchen Aktivitäten Abschied nehmen. Es ist ein anderes Leben geworden. Aber für mich war klar: Ich muss diese Erkrankung in mein Leben integrieren und anerkennen.
So weiß ich, was es bedeutet, wenn ein Körpersinn verloren geht, dem man vorher kaum Beachtung geschenkt hat.
Vielleicht braucht es dann die Entscheidung, das Leben trotzdem weiterzuführen und den Alltag neu zu gestalten, trotz Einschränkungen und Beschränkungen.
Krankheit, Verlust und die Suche nach Sinn
Mein Gedanke zu meiner Situation lautete immer: „Der liebe Gott, dieser Scherzkeks, wird sich schon etwas dabei gedacht haben.“
Tatsächlich konnte ich irgendwann auch positive Aspekte entdecken.
In diesem Zusammenhang beschäftigt mich derzeit die Situation von Menschen mit ME/CFS und Long Covid. Viele Betroffene, oft junge Menschen, sind durch totale Erschöpfung und Kraftlosigkeit schwer beeinträchtigt. Manche können nicht einmal mehr aufstehen oder duschen.
Viele empfinden ihr Leben als sinnentleert. Nicht zufällig sind zahlreiche Betroffene Mitglied in Sterbehilfeorganisationen.
Da stellt sich für mich die Frage: Was kann unsere Aufgabe als Hospizbewegung sein?
Was ich sagen will: Wir Menschen fühlen uns oft nur dann vollständig und vollwertig, wenn wir ganz bei Sinnen sind und alles funktioniert. Dann erleben wir unser Leben als sinnvoll.
Was gibt unserem Leben Sinn?
Es ist spannend, dass wir für zwei so unterschiedliche Bedeutungen dasselbe Wort verwenden: Sinn.
Einerseits sind es die körperlichen Sinne, die uns die Wahrnehmung der Welt ermöglichen.
Andererseits steht Sinn für das, was unserem Leben Bedeutung verleiht. Für das, was uns motiviert zu leben, zu lieben, zu arbeiten, zu lernen, uns zu engagieren und jeden Morgen aufzustehen.
Lebenssinn ist eine ganz individuelle Ordnung von Werten und Zielen.
Er entsteht durch Herkunftsfamilie, Bildung, soziale Beziehungen, Vorbilder und persönliche Erfahrungen. Manchmal machen wir uns auch bewusst auf die Suche danach.
Wir können in vielen Dingen Sinn finden. Im Klimaschutz. Im Einsatz für Tiere. Oder so wie wir es tun: im Einsatz für andere Menschen.
Die Sinne sterbender Menschen
Aus meiner Beobachtung scheinen die Sinneskanäle sterbender Menschen oft viel offener zu sein als sonst.
Licht wird plötzlich als wesentlich heller wahrgenommen. Geräusche erscheinen lauter. Berührungen wirken intensiver.
Manchmal habe ich den Eindruck, als würde vor der Ablösung aus dem Körper alles noch einmal besonders intensiv erlebt.
Vielleicht sind Menschen im Sterben in einer Form von Sinneserleben, die uns sonst kaum zugänglich ist.
Wer weiß das schon? Wir können alle gespannt sein.
Sinnfragen am Lebensende
Sterbende Menschen stellen sich häufig Fragen wie:
War mein Leben sinnvoll?
Habe ich meine Talente genutzt?
Habe ich genug getan?
Habe ich mein Leben genossen?
Habe ich geliebt und wurde ich geliebt?
Was ist offen geblieben?
Kann ich noch etwas versöhnen?
Manchmal lautet die schmerzliche Antwort: Nein. Die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen.
Ich glaube, wir können von solchen Gesprächen sehr viel lernen. Denn selten geht es dabei um Reichtum oder Erfolg.
Was wir von Sterbenden lernen können
Auch wir in der Hospizarbeit stellen uns ähnliche Fragen:
Wer möchte ich einmal gewesen sein?
Was soll über mich gesagt werden?
Was soll an meinem Grab über mein Leben stehen?
Wir empfinden unsere Arbeit als sinnvoll. Begegnungen und Beziehungen erleben wir als sinnstiftend.
Und wir treffen in der Hospizarbeit auf Gleichgesinnte.
Sinnlichkeit als Quelle von Lebensqualität
Ich möchte Ihnen einen weiteren Begriff mitgeben: Sinnlichkeit.
Sinnlichkeit ist weit mehr als Erotik. Sie hat mit Genuss zu tun. Mit dem Wahrnehmen des Lebens.
Natur. Kunst. Musik. Literatur. Bewegung. Gemeinschaft. Essen und Trinken. Religiosität und Spiritualität.
Alles, was unsere Sinne erfüllt, uns Kraft gibt und unserem Leben Sinn verleiht.
Dafür sollten wir immer wieder bewusst in die Achtsamkeit gehen.
Achtsam gehen. Achtsam essen. Achtsam riechen, hören und sehen.
Ganz bei Sinnen sein, das können wir uns vornehmen. Und wir können es üben.
Zärtlichkeit als Haltung
Sinnlichkeit hat auch mit Zärtlichkeit zu tun.
Ich empfehle Ihnen das Buch „Zärtlichkeit. Eine Philosophie der sanften Macht“ von Isabella Guanzini.
Darin wird Zärtlichkeit nicht als Schwäche verstanden, sondern als kraftvolle menschliche Haltung.
Sie schreibt:
„Zärtlichkeit ist eine geistige Haltung, mit der wir sanft und eben nicht durch Härte das eigentliche Potenzial des menschlichen Lebens freisetzen.“
Gerade für Sterbebegleiterinnen und Sterbebegleiter lohnt es sich, diesen Gedanken weiterzuverfolgen.
Gut für sich selbst sorgen
Wir können viel für die Sinne sterbender Menschen tun.
Mein Anliegen ist heute aber auch, Sie zu ermutigen, gut für sich selbst zu sorgen.
Oft achten wir vor allem auf unser Gegenüber. Erst später merken wir, dass wir unbequem sitzen, frieren, Durst haben oder erschöpft sind.
Im Schweizerdeutschen gibt es einen schönen Abschiedsgruß:
„Häp Sorg.“
Das bedeutet nicht: Habe Sorgen.
Es bedeutet: Sorge gut für dich selbst.
Daran sollten wir uns immer wieder erinnern.
Die Würde des eigenen Lebens
Bei katholischen Trauerfeiern heißt es im Abschiedsritus:
„Dein Leib war Gottes Tempel.“
Dieser Satz bringt mich immer wieder zum Nachdenken.
Wir beurteilen uns oft kritisch. Zu dick. Zu dünn. Die falschen Haare. Zu blass.
Aber wenn wir glauben, dass etwas Größeres in uns wohnt, dann verändert das den Blick.
Dann heißt das: Wir sind kostbar. Gewollt. Einzigartig.
Und wir dürfen uns wichtig nehmen.
Selbstfürsorge in der Begleitung
Es muss uns selbst gut gehen, damit wir anderen gut sein können.
In der Hospizarbeit bewegen wir uns häufig in einem Spannungsfeld. Da ist der andere Mensch, dem es deutlich schlechter geht. Und da sind wir selbst.
Manchmal überschreiten wir unsere Grenzen und merken es erst spät.
Natürlich darf es uns guttun zu helfen. Begegnungen können auch uns Kraft geben.
Aber wir sollten prüfen, aus welchen Motiven wir handeln.
Der andere Mensch darf niemals Mittel zum Zweck unserer eigenen Entlastung werden.
Sinn, Spiritualität und persönliche Ressourcen
Wir sollten uns immer wieder fragen:
Was tut mir gut?
Was trägt mich?
Was tröstet mich?
Vielleicht ist genau das Spiritualität.
Das, was unserem Leben Sinn, Ziel und Richtung gibt.
Wichtig ist, dass unser Leben sich sinnvoll und sinnlich anfühlt und dass wir uns selbst gegenüber zärtlich genug bleiben.
Der Gemeinsinn als gesellschaftliche Verantwortung
Ein weiterer Sinn ist der Gemeinsinn.
Jan und Aleida Assmann beschreiben ihn als Bereitschaft, Verantwortung für das Gemeinwohl zu übernehmen.
Gemeinsinn verbindet Freiheit mit Verantwortung.
Er zeigt sich in Solidarität, Respekt, Kompromissbereitschaft und demokratischer Teilhabe.
Eine freie Gesellschaft kann nur bestehen, wenn Menschen Verantwortung für das Gemeinwesen übernehmen.
Genau das tun Sie. Genau das tun wir in der Hospizbewegung.
Hospizarbeit und Demokratie
Wir sollten stabil bleiben und aufrecht als Menschen, die sich für Demokratie und Menschenwürde einsetzen.
Vielfalt ist keine Bedrohung. Sie ist eine Chance.
Die Grundlage jeder zivilisierten Gesellschaft ist Empathie.
Wir sind berührbar vom Leben und vom Schicksal anderer Menschen.
Deshalb ist Hospizarbeit für mich immer auch politisch.
Und Politik ist nie nur Sache der anderen.
Die Frage nach den Sinnen und dem Sinn
Die Körpersinne.
Der Raumsinn.
Das Körpererleben.
Der Gemeinsinn.
Der Sinn des Lebens.
Die Sinnlichkeit.
Lassen Sie uns immer wieder darüber nachsinnen.
Wie bin ich unterwegs in diesem Leben?
Wie bin ich unterwegs in dieser Hospizarbeit?
Lassen Sie uns unsere Sinne nutzen, um die Lebendigkeit, die Schönheit und die Vielfalt des Lebens wahrzunehmen.
Sinn im Versehrten entdecken
Leonard Cohen singt:
„There’s a crack in everything, that’s where the light gets in.“
In allem gibt es einen Riss. Dort fällt das Licht herein.
Das ist für mich ein Bild für Verletzlichkeit und Hoffnung.
Es gibt Heiles im Versehrten.
Es gibt Sinn auch in Krankheit und Leid.
Aber diesen Sinn kann niemand einem anderen Menschen verordnen.
Jeder Mensch muss ihn selbst finden.
Bin ich ganz bei Sinnen?
Fragen wir uns selbst immer wieder:
Bin ich gerade ganz bei Sinnen?
Ich würde sagen: halbwegs. Ich arbeite daran.
Vermutlich geht es Ihnen ähnlich.
Wir bleiben dran.
Denn wir sind wichtig. Als Einzelne und als Gemeinschaft.
Es kommt auf mich an. Aber es kommt nicht nur auf mich an.
Auch das kann entlasten.
Die Schale und der Kanal
Zum Schluss möchte ich einen Text von Bernhard von Clairvaux zitieren.
Sein Bild von der Schale und dem Kanal erinnert uns daran, zuerst selbst erfüllt zu werden, bevor wir weitergeben.
„Denke also daran: Gönne dich dir selbst.“
„Sei wie für alle anderen auch für dich selbst da.“
„Wenn du mit dir selbst schlecht umgehst, wem bist du dann gut?“
Ein kluger Gedanke aus dem 11. Jahrhundert.
Vielen Dank für Ihr Zuhören.







