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01. Sep. 2026

Sprechen & Zuhören

Lesezeit: 4 min.

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Wie kann demokratische Verständigung gelingen, wenn unterschiedliche Standpunkte und intensive Emotionen aufeinandertreffen? Die Evangelische Akademie Bad Boll erprobt in ihren Tagungen neue Dialogkonzepte und Kommunikationsmethoden, die Begegnung und Austausch ermöglichen. Ein Format, das dabei besondere Erfahrungen eröffnet, ist „Sprechen & Zuhören“ (S&Z). Der konzeptionelle Impuls ist klein, seine Wirkung kann jedoch weit reichen: Ein veränderter Blick auf ein Thema und neue Selbsterkenntnisse können unabhängig von Alter, Rolle oder Bildungsstatus der Teilnehmenden entstehen.

Das Format

Im Mittelpunkt von S&Z steht weder das Argument noch der Widerspruch. Stattdessen geht es darum, wie Menschen ein Thema persönlich erleben. Ausgangspunkt kann eine offene Frage sein, etwa: „Wie geht es Dir mit Deiner Heimat?“ Die Teilnehmenden sprechen über ihre eigenen Erfahrungen, Empfindungen und Wünsche und damit weniger über andere. Jede Person erhält dabei gleich viel Redezeit. Nacheinander spricht jeweils eine Person für vier Minuten, während die anderen aktiv, interessiert und zugewandt zuhören. Das Format folgt klaren und für alle gleichermaßen geltenden Regeln: vier Personen, vier Minuten, drei Runden und eine Fragestellung.

Die klare konzeptionelle Rahmung und die Moderation sorgen für eine wertschätzende Gesprächssituation, in der inhaltliche Offenheit und Vertrauen möglich werden. Gerade darin liegt eine besondere Qualität der Methode: Die Gespräche können emotional und zugleich inhaltlich intensiv sein, ohne dass die Teilnehmenden unmittelbar in eine Argumentations- oder Widerspruchssituation geraten.

Für die politische Jugendbildung stellt sich dabei die Frage, wie solche Erfahrungen über klassische Bildungssettings hinaus ermöglicht werden können. Sie steht zunehmend vor der Aufgabe, „ins offene Feld“ zu gehen: raus aus den Bubbles und Tagungsstätten und hin zu Begegnungsräumen, in denen Menschen vor Ort zusammenkommen können. Gefragt sind attraktive, niedrigschwellige Gesprächs- und Lernangebote, die keine langfristigen Verpflichtungen voraussetzen und zugleich Kompetenzen für die demokratische Praxis stärken. Intergenerative Begegnungen können dabei neue Lernerfahrungen ermöglichen.

Erfahrungen aus der Bildungspraxis

Wie ein Transfer in unterschiedliche Felder der Bildungsarbeit aussehen kann, zeigen Erfahrungen aus der Praxis. Beim Streitschlichterkongress für Jugendliche und Lehrkräfte aller Schularten wurde die Frage „Wie erlebst Du Demokratie an Deiner Schule?“ im S&Z-Format aufgegriffen. Eine Teilnehmerin beschrieb ihre Erfahrung anschließend so: „Echt seltsam war das. Irgendwie gut. Ich hab mich erst nicht getraut, dann hat die Lehrerin in unserer Runde das Eis gebrochen, dann ging’s los. Und das von der Flucht habe ich noch nie persönlich von jemandem gehört.“

Die Rückmeldung zeigt, wie durch das Zuhören persönliche Erfahrungen sichtbar werden können, die in einem klassischen Austausch möglicherweise nicht zur Sprache gekommen wären.

Auch bei einer Veranstaltung zur Frage „Wie politisch soll sich eine evangelische Gemeinde nach außen geben?“ wurde S&Z als anschließendes Dialogformat eingesetzt. Nach einem Vortrag mit sieben Thesen kamen ehrenamtliche Kirchengemeinderät*innen, Dekan*innen und Verantwortliche aus dem OKR in kleinen Gesprächsrunden zusammen. In drei Runden von jeweils vier Minuten konnten sie sich auf die persönlichen und thematischen Erfahrungen konzentrieren. Ein anschließendes Plenum nahm die gewonnenen Perspektiven auf und richtete den Blick auf zukünftige Handlungsmöglichkeiten.

Bei einer eintägigen Fortbildung von Multiplikator*innen zur Einbindung von S&Z in die jeweiligen Arbeitsfelder reichten die Rückmeldungen von „Ich hab viel gehört aus dem Leben. Das war wie ein Spiegel: schmerzhaft und freudig.“ bis hin zu konkreten Ideen für die weitere Praxis: „Ich suche jetzt den Dialog mit dem Bürgermeister …“ oder „Ich richte einen Briefkasten für Studierende an meiner Hochschule ein …“.

Die Erfahrungen mit S&Z zeigen, welches Potenzial in einem klar gerahmten und zugleich offenen Dialogformat liegen kann. Demokratische Gemeinschaft lebt davon, dass Menschen sich gehört und respektiert fühlen und sich als wirksamen Teil dieser Gemeinschaft erleben. Wo Menschen Gelegenheit erhalten, von ihren eigenen Erfahrungen zu erzählen und anderen aufmerksam zuzuhören, können neue Perspektiven entstehen. Für die politische Bildung eröffnet sich dadurch die Möglichkeit, Begegnungen niedrigschwellig zu gestalten und demokratische Verständigung unmittelbar erfahrbar zu machen. Gerade im intergenerationalen Dialog kann ein solches Format dazu beitragen, miteinander im Gespräch zu bleiben und gemeinsame Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Die Evangelische Akademie Bad Boll wird weiter beobachten, welche Möglichkeiten sich für Kommunikation, Demokratiebildung und intergenerationellen Dialog aus den Erfahrungen mit „Sprechen & Zuhören“ entwickeln.

Alle Interessierten können den Leitfaden zur Umsetzung vor Ort direkt bei Mehr Demokratie e. V. herunterladen.

Der von der Evangelischen Akademie Bad Boll veranstaltete Kongress wurde im Rahmen der Ev. Trägergruppe für gesellschaftspolitische Bildung durchgeführt und damit mit Mitteln des BMBFSFJ gefördert.

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