Zum 81. Jubiläum der Evangelischen Akademie Bad Boll drehte sich bei der Festveranstaltung am vergangenen Sonntag (27.09.2026) alles um die „Bewahrung der Humanität in digitalen Zeiten“. Die Festrede hielt der Neurowissenschaftler, Psychiater und Bestsellerautor Prof. Dr. med. Joachim Bauer. Der Akademiepreis wurde an das Projekt INKLUdigit des Vereins Schwere(s)Los! e.V. aus Freiburg verliehen.
Dass eine kritische Auseinandersetzung mit der Digitalisierung keinen Aufschub erlaubt, zeigen die aktuellen Meldungen über den ausgesetzten Start neuer KI-Modelle von OpenAI aufgrund von Sicherheitslücken – die Modelle überwanden laut OpenAI in Tests Sicherheitsgrenzen und hackten Websites.
Die Frage nach der „Vorherrschaft von Mensch oder Maschine“, also ob „die digitalen Systeme uns dienen oder wir zu deren Werkzeugen werden“ – so formulierte es Akademiedirektor Dr. Dietmar Merz in seiner Begrüßung – war auch die Kernfrage der Michaelisakademie am vergangenen Sonntag mit Professor Joachim Bauer.
Mit Blick auf das Veranstaltungsthema „Bewahrung der Humanität in digitalen Zeiten“ hob Dietmar Merz besonders einen Aspekt aus Joachim Bauers Forschung hervor, dass „reale Begegnung, zwischenmenschliche Erfahrung, analoge Präsenz für die Entwicklung des menschlichen Selbst, für den menschlichen Zusammenhalt unverzichtbar sind.“
Ernst-Wilhelm Gohl, Landesbischof der Evangelischen Kirche in Württemberg, unterstrich in seinem Grußwort, die Akademie sei ein „Ort des zivilisierten Streits“, an dem sich Menschen real und leibhaftig begegnen. „Die Akademie leistet ihren Beitrag für den angemessenen Umgang mit den vielschichtigen und unterschiedlichsten Fragestellungen unserer Zeit“. Demgegenüber stellte der Landesbischof die digitalen Medien, die für differenzierte Debatten denkbar ungeeignet seien, wie er immer wieder selbst erfahre.
Festredner Joachim Bauer betonte, dass Kritik an der Digitalisierung keinesfalls als Digitalfeindlichkeit missverstanden werden darf, was ihm seitens der Digitalisierungsverfechter gerne unterstellt werde. Seit Jahrzehnten setzt sich der Neurowissenschaftler und Psychiater in seiner Forschungsarbeit und seiner Publikationstätigkeit intensiv mit der technologischen Transformation auseinander. Sein Fazit: Die Würde, Freiheit und Vernunft des Menschen sind durch die digitale Entwicklung stark bedroht. Die Tech-Giganten kündigten die Werte des Humanismus und der Aufklärung auf. Elon Musk beispielsweise bezeichne Empathie als „zivilisatorischen Selbstmord“.
Menschliches Zusammenleben gelinge nach Bauer nur dort, wo soziale Resonanz, Empathie und Vernunft zusammenwirken. Neurowissenschaftliche Erkenntnisse zeigten, dass Menschen von Natur aus auf Zugehörigkeit, gegenseitige Anerkennung und gelingende Beziehungen angewiesen seien. Vernunft entstehe dabei nicht im Alleingang, sondern aus der Fähigkeit, die Perspektive anderer einzunehmen und gemeinsam Regeln für ein gutes Zusammenleben auszuhandeln. Dafür brauche es öffentliche Diskursräume, wie sie der Philosoph Jürgen Habermas beschrieben habe und wie Akademien sie bis heute bereitstellen. Zugleich warnte Bauer vor Entwicklungen der digitalen Welt, die genau diese Grundlagen untergraben: Soziale Medien förderten nicht Verständigung, sondern Polarisierung und Hass und beschädigten damit den demokratischen Diskurs. Künstliche Intelligenz könne menschliche Beziehungen und sogar Empathie zwar zunehmend überzeugend simulieren, ersetze aber weder echte zwischenmenschliche Begegnung noch moralische Verantwortung. Die Gefahr bestehe, dass Menschen emotionale Bindungen zu digitalen Systemen entwickelten und dabei die Bedeutung realer Beziehungen und gesellschaftlicher Teilhabe verloren geht.
Betrachte man die digitalen Angebote im Detail– unabhängig von ihrer Bedeutung für die Medizin – so haben diese laut Bauer weitreichende negative, kognitive Auswirkungen: Nutzen Kinder beispielsweise KI, verlernen sie, sich sprachlich auszudrücken, die erlebte Bedeutsamkeit von Arbeit nimmt ab, das Gehirn wird nicht mehr ausreichend trainiert, Entscheidungen werden an die KI delegiert und Störungen bei Jugendlichen und Kindern durch die Verwendung von KI nehmen zu. Indem der Mensch KI nutzt, kehrt er zurück in eine „selbstverschuldete Unmündigkeit“, so Bauers Einschätzung.
Der Neurowissenschaftler und Psychiater sieht daher einen dringenden Handlungsbedarf, wenn beispielsweise wichtige Stimmen des Silicon Valley wie Ray Kurzweil Persönlichkeitsrechte für KI ins Gespräch bringen. Ein besonderes Augenmerk sollte hier vor allem auf Bildung und Erziehung, auf dem praktischen Erleben und der Beziehungsorientierung liegen. Weiterhin fordert Joachim Bauer eine weitreichendere Regulierung von KI und Sozialen Medien. Zur Stärkung des sozialen Austauschs empfiehlt er ein verpflichtendes Soziales Jahr. Von der Politik fordert er mehr Verantwortung durch eine schnellere staatliche Begrenzung der Massentechnologie. Denn „wir müssen Europa, den Kontinent des Humanismus verteidigen“. Mit diesem Appell schloss Bauer seinen Vortrag.
Akademiepreisvergabe
Nach einer kurzen musikalischen Pause mit Kirchenmusikdirektor Gerald Buß und Trompeter Lutz Mandler folgte auf den analytisch-umfassenden Vortrag und Fragen aus dem Publikum die Verleihung des Akademiepreises. Thomas Weise als Vorsitzender des Förderkreises erläuterte die Wahl wie folgt: „Das Projekt INKLUdigit des Vereins Schwere(s)Los! e.V. aus Freiburg verbindet digitale Teilhabe mit kreativer Medienarbeit. Das Projekt erleichtert Menschen mit und ohne Einschränkungen den Zugang zu digitalen Technologien und eröffnet ihnen Räume, in denen sie kreativ arbeiten. Diese Kombination von technischem Zugang zur digitalen Welt und gemeinsamen Gestaltungsprozessen für alle Menschen hat die Jury bestehend aus Mitgliedern des Kuratoriums, der Akademie und des Förderkreises in besonderer Weise überzeugt.“ Sichtlich gerührt nahmen Martin Kollbau (Projektleiter) und die zwei Filmemacherinnen Janina Heckmann und Astrid Bischofberger die Auszeichnung entgegen.
Die diesjährige Michaelisakademie wurde von der Kreissparkasse Göppingen unterstützt und den Preis förderte Familie Bulander.
Weitere Informationen zu INKLUdigit
Weitere Informationen zum Förderkreis: https://www.ev-akademie-boll.de/akademie/spenden-und-foerderkreis/








