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07. Mai 2026

Zehn Tage Begegnung, Austausch und Zukunftspläne der „Académie de l’Amitié“ – Gäste aus Burundi zu Besuch in Baden-Württemberg

Lesezeit: 6 min.

evangelische-akademie-bad-boll-tagungsbericht-burundi-2026-académie-de-l'amitié_c-privat-felix-heß© privat

Zehn intensive Tage lang waren Gäste aus Burundi im Rahmen des Tandem-Projekts „Académie de l’Amitié“ in Baden-Württemberg unterwegs. Ziel des Austauschs vom 08 bis 20. April 2026 war es, bestehende Partnerschaften zwischen zivilgesellschaftlichen Akteuren aus Baden-Württemberg und Burundi zu vertiefen, die Tandem-Projekte weiterzuentwickeln und vor allem persönliche Begegnungen zu ermöglichen – denn genau darin liegt nach Ansicht aller Beteiligten der eigentliche Wert des Programms.

Seit über 40 Jahren besteht die Partnerschaft zwischen Baden-Württemberg und Burundi. Die Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart und die Evangelische Akademie Bad Boll haben dafür das Tandemprojekt der „Académie de l’Amitié“ – die Akademie der Freundschaft gegründet. Das Spektrum der 14 Tandems reicht von sozialen Projekten und der Bildungsarbeit bis hin zu Theater, Nachhaltigkeits- und Gesundheitsthemen. 

Schon die Anreise begann mit einer kleinen Herausforderung: Der Flug aus Burundi landete verspätet in Frankfurt, wodurch die Weiterreise nach Stuttgart kurzfristig neu organisiert werden musste. Trotz Bahnchaos gelang schließlich alles reibungslos, und die Gäste wurden in Stuttgart herzlich empfangen. In der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart begann der Aufenthalt mit einer offiziellen, zweisprachigen Begrüßung, musikalisch begleitet von einem kleinen Trio. Nach Monaten des digitalen Kontakts war vor allem das persönliche Wiedersehen besonders bewegend – viele hatten sich seit dem letzten gemeinsamen Aufenthalt in Burundi ein halbes Jahr zuvor nicht mehr gesehen.

Zum Auftakt standen erste Spaziergänge durch den Botanischen Garten auf dem Programm. Schnell zeigte sich: Der Austausch lebte vor allem von Gesprächen – beim Kaffee, auf gemeinsamen Wegen und in den vielen informellen Momenten zwischen den offiziellen Programmpunkten.

Ein kultureller Höhepunkt war der Besuch des UNESCO-Weltkulturerbes Kloster Maulbronn. Bei einer englischsprachigen Führung erfuhren die Gäste viel über das Leben der Zisterziensermönche, mittelalterliche Klosterstrukturen und den berühmten Mythos um die Herkunft der Maultaschen. Diese wurden anschließend selbstverständlich direkt vor Ort probiert. Weiter ging es nach Heidelberg, wo eine französischsprachige Schlossführung, ein Spaziergang durch die Altstadt und ein gemeinsames Abendessen für große Begeisterung sorgten.

Politisch wurde es beim Besuch des Landtags in Stuttgart. Besonders beeindruckte viele Gäste die transparente Architektur des Gebäudes mit seinen Glasfassaden – ein sichtbares Symbol demokratischer Offenheit. Im Gespräch mit Landtagsabgeordneten ging es um politische Entwicklungen in Baden-Württemberg, aber auch um ganz praktische Fragen internationaler Partnerschaften: Wie lassen sich Projekte über große geografische Distanzen hinweg umsetzen? Welche Hürden entstehen durch Visafragen, Finanzierung oder unterschiedliche Rahmenbedingungen? Die Offenheit dieser Gespräche wurde von allen Seiten als sehr wertvoll empfunden.

Ein weiterer Schwerpunkt war die Messe „Fair Handeln“ mit ihrer entwicklungspolitischen Landeskonferenz. Dort stand das Thema Migration bewusst nicht als Problem, sondern als gesellschaftliche Brücke im Mittelpunkt. Der burundische Spitzensportler Charles Nkazamyampi sorgte mit seinem sehr persönlichen Bericht über ethnische Konflikte, den Verlust seiner Familie im Bürgerkrieg und wie er sich seitdem über den Sport für Frieden und Versöhnung einsetzt, für besonders bewegende Momente. Er sprach darüber, wie er sich bewusst weigerte, sich ethnisch definieren zu lassen, und stattdessen für Zusammenhalt und Stolz in seinem Land eintritt.

Auch das Gespräch mit dem Staatssekretär und Bevollmächtigten des Landes Baden-Württemberg beim Bund, Rudi Hoogvliet, wurde als besondere Wertschätzung wahrgenommen. Die Tandemgruppen präsentierten ihre Projekte aus den Bereichen Bildung, Gesundheit, Kultur und Sport. Dabei wurde deutlich, wie breit das Engagement der Partnerschaften aufgestellt ist. Selbst die besondere Atmosphäre des Treffens blieb in Erinnerung: Der Besprechungsraum lag direkt über der Hauptbühne der Messe, begleitet von Hip-Hop-Musik, Tanz und lautem Applaus aus dem Publikum – konzentrierte Projektarbeit mit ungewöhnlicher Klangkulisse.

In Ravensburg entstanden neue Kontakte rund um Berufsbildung, fairen Burundi-Kaffee und nachhaltige Landwirtschaftsprojekte. Besonders der Austausch mit bereits bestehenden Partnerschaften eröffnete neue Kooperationsideen – etwa beim Anbau von Kaffee und Tee oder in humanitären Projekten.

Freiburg stand dagegen ganz im Zeichen von Begegnung und Erinnerungsarbeit. Pater Deogratias Maruhukiro, aus Burundi stammend und jetzt am Institut für Caritaswissenschaften lehrend, berichtete über die langjährige Kooperation der Diözese mit diesem Fachbereich der Universität Freiburg. Es folgte eine kurzweilige französischsprachige Stadtführung. Besonders eindrücklich in Freiburg war die Auseinandersetzung mit den sogenannten Stolpersteinen. Die burundischen Gäste interessierten sich stark für diese Form des Gedenkens und stellten gleichzeitig kritische Fragen: Warum werde in Deutschland so intensiv über den Nationalsozialismus gesprochen, aber kaum über die eigene Kolonialgeschichte? Dass Burundi einst deutsche Kolonie war, sei vielen hierzulande nicht bekannt – eine Erkenntnis, die für manche schockierend war.

Dieses Thema setzte sich auch in Tübingen fort. Dort präsentierten die Gäste Ausschnitte eines Theaterstücks über Kolonialismus, Dekolonisierung und die Folgen kolonialer Gewalt. Die Aufführung wurde Teil einer lokalen Initiative gegen koloniale Verflechtungen und löste intensive Gespräche mit dem Publikum aus. Beim anschließenden gemeinsamen Abendessen wurden diese Diskussionen weitergeführt – über Verantwortung, Erinnerung und das, was oft nicht erzählt wird.

Intensiv dann auch der Freitag: Am Vormittag wurde die Gruppe von Bischof Dr. Klaus Krämer und Dr. Wolf-Gero Reichert von der Stiftung Weltkirche im bischöflichen Ordinariat empfangen „Wir entdecken das Gemeinsame und machen uns auf einen gemeinsamen Weg in Richtung Zukunft. Das tut gut in dieser Welt, die sich immer mehr zerreißt: Dass Menschen zusammenhalten über die Grenzen hinweg“, bilanzierte Reichert. Am Nachmittag stand der zweite Besuch im politischen Baden-Württemberg auf der Tagesordnung, diesmal im Staatsministerium in der Villa Reitzenstein. Dr. Christoph Grammer vom Staatsministerium Baden-Württemberg fasste das Anliegen der Partnerschaft so zusammen: „Es sollte ein Raum geschaffen werden, der keine schiefe Ebene hat. Also wo es kein Gefälle von den wirtschaftlich Stärkeren zu den wirtschaftlich Schwächeren oder auch von den ehemaligen Kolonialherren zu den ehemaligen Opfern gibt“.

Ein symbolischer Moment folgte ungeplant: der Besuch des Stuttgarter Fernsehturms. Nach Tagen voller Termine, Gespräche und politischer Begegnungen wirkte der Blick von oben fast wie ein gemeinsamer Rückblick auf die Reise. Von dort aus ließen sich Freiburg, Tübingen und Ravensburg gedanklich noch einmal verbinden – eine Woche voller Eindrücke wurde sichtbar. Besonders emotional war auch der Besuch des Lindenmuseums Stuttgart mit einer Führung zu Provenienzforschung und den Benin-Bronzen. Die Diskussion über koloniale Verflechtungen, Rückgabe von Kulturgütern und historische Verantwortung bewegte viele Teilnehmende tief. Für manche wurde dabei spürbar, wie komplex Geschichte tatsächlich ist – und wie sehr sie bis heute nachwirkt.

Den festlichen Abschluss bildete ein traditioneller burundischer Kulturabend mit Musik, Literatur, Tanz und gemeinsamem Essen. Die Veranstaltung war bis auf den letzten Platz gefüllt und entwickelte sich zu einem lebendigen Zeichen gelebter Partnerschaft. Traditionelle Lieder auf Kirundi, internationale Musikbeiträge und interaktive Tanzmomente machten den Abend zu einem emotionalen Höhepunkt.

Beim abschließenden Auswertungsgespräch wurde deutlich: Der Wunsch nach Fortsetzung ist groß. Nicht nur die einzelnen Tandems sollen weiterarbeiten, sondern auch die Vernetzung untereinander soll gestärkt werden. Neue Perspektiven entstehen durch eine geplante Jugendkomponente und die durch die Stiftung Weltkirche koordinierte Komponente zur finanziellen Unterstützung der ausgearbeiteten Pläne. Auch der Aufbau stärkerer zivilgesellschaftlicher Strukturen in Burundi wurde als wichtiges Zukunftsthema benannt.

Das vielleicht wichtigste Fazit dieser zehn Tage: „Digitale Kommunikation ist hilfreich – ersetzen kann sie persönliche Begegnung nicht. Vertrauen, Freundschaft und nachhaltige Zusammenarbeit entstehen dort, wo Menschen sich wirklich begegnen“, bilanzieren Prof. Dr. Johannes Frühbauer (Direktor der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart) und Dr. Carola Hausotter (Studienleiterin für Friedensethik und Transkulturalität an der Evangelischen Akademie Bad Boll). Genau das habe die „Académie de l’Amitié“ in diesen Tagen eindrucksvoll gezeigt.

Neben Prof. Dr. Johannes Frühbauer und Dr. Carola Hausotter wirkten Stefanie Jebram, Lennora Es, Christine Hermann, Barbara Janz-Spaeth und Beate Schnarr im Team mit.

Ein Beitrag von Dr. Daniel Meier, Stabstelle Kommunikation, Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

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