„Pluralismus ohne Toleranz ist einfach nur naiv“

Ein theologischer Impuls über Pluralismus

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„Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“, ist ein Klageruf, der in diesen wirren Jahren Konjunktur hat. Und es wird klagend vorausgesetzt, dass in einer offenen Gesellschaft alles gesagt, alles gedacht und wirklich alles verkündet werden darf. Wir leben eben in einer pluralistischen Gesellschaft ...

Ja, der Pluralismus ist in der westlichen, demokratischen Welt ein Faktum. Gott sei Dank! Eine offene, freiheitliche Gesellschaft ist immer auch eine pluralistische Gesellschaft. Es gibt keine monopolartige Instanz, kein Parteikader und keinen Bevollmächtigten mehr, die oder der Meinungen zensiert, unterdrückt und zurückhält. Noch einmal: Gott sei Dank! Der Pluralismus ist ein wunderbares Geschenk der Aufklärung, der Moderne und der Demokratie. Interessen und Ideen treten im Wettbewerb miteinander auf. Deutungen werden am „Meinungsmarkt“ wie Angebot und Nachfrage behandelt. Es setzt sich in einer pluralistischen Gesellschaft das durch, was am meisten überzeugt, sich im Diskurs durchsetzt und was im höchsten Maße als vernünftig erscheint. Dabei gibt es nicht mehr die eine Vernunft. Hegels Diktum „Was vernünftig ist, das ist auch wirklich, und was wirklich ist, das ist auch vernünftig“ ist das Credo von gestern; die Rede von „den Vernünften“ im Plural, sagte Thomas S. Kuhn schon 1962, ist das Credo unserer Zeit.

Dabei haben gerade auch die christlichen Kirchen einen erheblichen Anteil am Entstehen der pluralistischen Gesellschaft – nicht, indem sie den Pluralismus bewusst befördert hätten. Das Gegenteil war bzw. ist manchmal noch immer der Fall. Indem mit dem Entstehen des Protestantismus und dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 das Nebeneinander verschiedener christlicher Traditionen legitimiert wurde. Nach den gescheiterten Religionsgesprächen und dem Schmalkaldischen Krieg einigten sich damals die Reichsstände auf einen Bikonfessionalismus im Reich. Mit dieser daraus sich in Folge ergebenden Vielgestaltigkeit der Konfessionen hat sich Pluralismus faktisch durchgesetzt.

Und ich kann noch weiter zurückgehen: Schon die Vierzahl der Evangelien lebt einen Pluralismus der Anschauungen vor. Es gibt nicht den einen Jesus, sondern nur eine Vierzahl von verschiedenen Sichtweisen auf ihn. Es gibt nicht den einen Glauben mit klaren, fundamentalistischen, nicht zu widersprechenden Ausprägungen, sondern vielgestaltige Glaubensformen, die alle ihr Recht haben – aber na ja, natürlich in gewissen Grenzen ...

Dieses „na ja – natürlich in gewissen Grenzen“ ist nun aber entscheidend: Schon damals gab es nicht nur vier Evangelien, sondern sehr viel mehr Berichte vom Jesu Wirken. In einem lebendigen, theologischen Aushandlungsprozess wurden damals allerdings nur diese vier Evangelien als besonders glaubwürdig eingestuft: Sie wurden also kanonisiert.

Genauso ist es mit dem Pluralismus heute. Denn der Pluralismus ist das eine. Der Pluralismus ist kein Leitbild und auch keine normative Zielvorstellung einer guten Lebensweise. Der Pluralismus ist einfach ein Faktum der Gegenwart. Und damit dieser Zustand einer pluralen, vielgestaltigen, mutig farbigen und bunten Meinungsbreite nicht zum erbarmungslosen, verwirrenden Gegeneinander führt, muss an die Seite des Pluralismus noch etwas treten: die Toleranz nämlich. Pluralismus ohne Toleranz ist einfach nur naiv. Toleranz ohne Pluralismus ist scheinheilig. Pluralismus und Toleranz verhalten sich wie die berühmten zwei Seiten einer Medaille.

Toleranz als die andere Seite des Pluralismus setzt nämlich die grundsätzliche und prinzipielle Würdigung des Gegenübers voraus. Als Mensch ist keine oder keiner zu verdammen. Jede und jeder hat ihr und sein Recht. Sie oder er hat eine besondere Meinung oder Weltanschauung, die biografisch, religiös oder kulturell gewachsen ist. Toleranz – das ist die Geduld und die Nachsicht, die wir füreinander in einer pluralistischen Gesellschaft aufbringen (müssen). Ansonsten verkommt der Pluralismus zur Anarchie der Meinungen.  

Anders als der Pluralismus ist die Toleranz allerdings durchaus eine im christlichen Kontext zu begründende Leitvorstellung. Martin Luther spricht zum Beispiel von der „tolerantia dei“, von der Geduld, die Gott mit den sündigen Menschen hat. Er verdammt sie nicht, sondern er erneuert im göttlichen Geist ihren Sinn. Immer wieder. Er ist geduldig dabei. Lässt nicht locker. Gott sei Dank!

Und auch die biblische Gleichnis-Erzählung vom vierfachen Acker ist ein einziger Lobgesang auf die Toleranz Gottes: Ein Bauer geht hin und streut die Getreidekörner aus, erzählt Jesus. Ein Teil fällt auf steinigen Boden, der andere Teil unter die Disteln und der dritte Teil wird von den Vögeln aufgefressen. Nur ein vierter Teil fällt auf fruchtbaren Boden, wächst, gedeiht – und bringt hundertfältig Frucht. Darauf kommt es letztlich an, nicht – wie wir oft denken – auf den elenden Verlust der Getreidekörner. Rechnen wir es doch einfach durch: Hundertfältig Frucht – 100 Körner sind gesät worden, 2.500 Körner werden schließlich geerntet! Was für ein Wunder! So positiv, geduldig, nachsichtig schaut Gott den Menschen an, wenn es um sein zukünftiges Reich von morgen geht. Und er erwartet es auch von uns: So geduldig können und sollen wir mit den gewachsenen Meinungen und Ansichten unserer Mitmenschen umgehen. Es werden mehr Früchte zu erwarten sein als Samen gesät wurden. So manches ist dabei natürlich unter die Dornen gefallen. Erstickt worden von den Empörungswellen der Gegenwart. Selbstverständlich. Anderes ist von den Vögeln in freier Wildbahn vertilgt worden. Von denjenigen, die fremde Meinungen und Ansichten einfach nur „wegfressen“ und nicht achten. Aber alles in allem schlummert in jedem Menschen ein großes Potenzial. Und es wird hundertfältig Frucht bringen. Gott hat diese Geduld mit einem jeden von uns.

Und das gilt in der Nachfolge Jesu auch für uns: Tolerant auf einen Menschen zu schauen, dazu kann der Glaube an Gottes Toleranz im Umgang mit uns doch nur befreien. Und so kann dann auch eine pluralistische Gesellschaft wachsen, reifen und Frucht bringen. Hundertfältig nämlich.

In unserer Akademie setzen wir auf dieses Credo und gehen so miteinander und mit unseren Gästen um. Die Förderung einer pluralen, offenen und demokratischen Gesellschaft ist eines der zentralen Anliegen einer Evangelischen Akademie. Dabei setzen wir auf die Haltung der Toleranz im Umgang miteinander. Und zugleich wollen wir ihr durch unsere Moderationskunst einen guten Boden bereiten. Keinen felsigen und auch keinen dornigen. Mit der Multiperspektivität der Ansichten, die in den Tagungen vertreten werden. Durch die Multimodalität unserer Tagungsformate wollen wir unterschiedliche Zugänge eröffnen. Wenn das gelingt, dürfte jede Klage nach dem Motto „Das wird man wohl doch mal sagen dürfen“ entfallen.

Also: Darf man denn alles sagen? Wirklich alles? Und meine Meinung dürfte jetzt nicht überraschen: Nein, das darf man nicht. Alles nämlich, was der grundsätzlichen Haltung der Toleranz widerspricht, alles, was dem anderen die Toleranz abspricht, gehört hier nicht hin und ist von keinem Pluralismus der Meinungen gedeckt. Rassistische Urteile, antisemitische Sprüche oder fremdenfeindliche Äußerungen haben nirgends etwas zu suchen. Das darf man nicht sagen, und wer es sagt, muss in die Grenzen verwiesen werden. Und derjenige, der sich in solch einem Fall auf den Pluralismus unserer freien Gesellschaft beruft, ist im Unrecht. Denn gelebter Pluralismus ohne eingeübte und selbstverständliche Toleranz ist naiv, blind und gefährlich. Pluralismus gepaart mit Toleranz – darauf kommt es in Zukunft an.

Als Evangelische Akademie wollen wir zu solch einer Geisteshaltung beitragen. Und in der Tat: Eine solche Haltung ist keineswegs einfach nur vernünftig. Sie ist eine Frucht des göttlichen Geistes. Dieser führt unterschiedliche Menschen zusammen und lässt sie einander aushalten. Wie während des Pfingstereignisses. Darum können wir – wie damals die ersten Christinnen und Christen auch – nur bitten. Täglich. Und wir sind hoffentlich davon überzeugt, dass unser Bitten nicht ungehört bleiben wird. „Komm, heiliger Geist!“ Diese Bitte sollte heute Konjunktur haben. Damit wir in der Begegnung begeistern und bewegt diese wirre Welt farbig und menschlich gestalten können. Hundertfältig.

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Reinhard Becker

Reinhard Becker

Sachbearbeitung Presse-/ Öffentlichkeitsarbeit und Marketing

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Miriam Kaufmann

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Referentin Stabsstelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

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