Kooperation tut not

Gespräch zur Zukunft kirchlicher Immobilien

„Ist Kirche öffentlicher Raum?“ wird im Allgemeinen gerne mit einem „Natürlich, was sonst?“ beantwortet. Der freie unkontrollierte Zugang, das Angebot von Gottesdiensten, Konzerten, Lesungen, Besinnungs- und Gebetsstunden – das sind öffentliche und auch inklusive kirchliche Angebote in den Kommunen.  

Noch betreiben die Kirchen in den Städten und Gemeinden vielfältige Orte und Räume der Gemeinschaft und Daseinsvorsorge. Citykirchen, Vesperkirchen, Kulturkirchen und viele andere alternative Angebote offerieren eine schrankenlose Teilhabe, die im öffentlichen Raum immer seltener und doch so dringend nötig ist. Privatisierung und Kommerzialisierung in den Innenstädten nehmen zu, teilweise führt diese Entwick-lung bis hin zur Vergrämung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen. 
Dabei sind die Kirchbauten – vielmehr die kirchlichen Immobilien und ihre Freiflächen – als soziale Orte in den Kommunen in ihrem Bestand und Bestandserhalt gefährdeter denn je. Der dramatische Mitgliederschwund und die demographische Entwicklung setzen mittlerweile auch in Baden-Württemberg eine Spirale des Sparens und der verschlankten Strukturen in Gang. Nur noch knapp die Hälfte der insgesamt 6000 kirchlichen Immobilien der Evangelischen Landeskirche Württemberg werden künftig mit Kirchensteuermitteln erhalten werden können. Damit steht nicht zuletzt auch eine mögliche Zukunft der Kirche als Begegnungsort und Zentrum der Nachbarschaft in der Kommune auf dem Spiel. Vom drohenden Verlust an baukulturellen Werten ganz zu schweigen.
Zugleich steigen die Erwartungen an die Kirchengemeinden, als Akteure in Sachen Gemeinwesen, Quartiersentwicklung und auch im Wohnungsbau sichtbar zu werden. Dass die beiden großen Kirchen in Deutschland Liegenschaften und Immobilien in besten Lagen halten, ist nun einmal kein Geheimnis, auch wenn Daten dazu für die Kirchensteuer-Zahlenden noch immer nicht offenliegen. 

Fragestellungen gibt es also genug, um mit Kirche, Architektenschaft und Kommune über notwendige oder schon bestehende Kooperationsmöglichkeiten und Nutzungs-partnerschaften zu diskutieren. Die Podiumsdiskussion „Ist Kirche öffentlicher Raum? Positionen von Kirche, Kommune und Architektenschaft“ am 17. April 2024 war eine gemeinsame Veranstaltung der Evangelischen Akademie Bad Boll und der Architektenkammer Baden-Württemberg. Zu Gast waren Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl, der Präsident der Architektenkammer Markus Müller und die Baubürgermeisterin der Großen Kreisstadt Böblingen, Christine Kraayvanger. Im vollbesetzten Haus der Architektinnen und Architekten in der Stuttgarter Innenstadt entwickelte sich ein intensives Gespräch zwischen den drei Disziplinen, die alle als Experten im Bereich Gestaltung von sozialen Räumen gelten dürfen. Viele Wortmeldungen des Publikums und angeregte Gespräche im Nachgang zeugten von der Aktualität und Brisanz der Thematik. 

Bischof Gohl rief zu verstärkten Kooperations- und Partnerschaftsbeziehungen zwischen Kirchen und Kommunen auf. Man könne als Kirchengemeinde nicht alles allein lösen, im vernetzen Denken und Handeln läge viel zukünftiges Potenzial. Baubürgermeisterin Kraayvanger, die in Böblingen den Rückbau der autogerechten Stadt hin zu einer Stadt für die Menschen vorantreibt, bestätigte die zentrale Rolle, die die Kirchengemeinden mit ihren Gebäuden in den Stadtquartieren hätten. Nicht jede Art von Öffentlichkeit und Um- oder Doppelnutzung sei bei kirchlichen Immobilien jedoch passend und möglich. 

Angesprochen auf die Öffnung von Kirchbauten als Grundvoraussetzung von Kirche als öffentlichem Raum, appellierte Ernst-Wilhelm Gohl: „Wir haben als Kirche immer Angst, dass uns etwas geklaut wird. Deshalb sind bei uns viele Kirchen zu.“ Gohl kritisierte ein übertriebenes Bedürfnis nach Absicherung: „Wir müssen die Räume öffnen und das Vertrauen in die Menschen haben.“ Genau im Angebot einer Offenheit und Gastfreundschaft läge der Reichtum der Kirche, der sichtbar bleiben müsse.

Architekt und Stadtplaner Markus Müller bekräftigte: Kirchliche Immobilien, insbesondere Kirchen und Gemeindesäle, seien geradezu prädestiniert als „gemeinschafts-stiftende Räume“ gegen die Tendenzen unserer Zeit wie Vereinzelung und Vereinsamung zu wirken. Im städtebaulichen Kontext seien sie häufig „Gravitationszentren von Orten“, mit denen starke Identifikation stattfinde. Insbesondere in der Stadt- und Quartiersplanung liegen große Hoffnungen auf einem Miteinander zwischen Kirchengemeinden und Quartiersentwicklung. Kirche könne mit ihren Angeboten an Spiritualität und Gemeinschaft den Menschen etwas bieten, was Staat und öffentliches Gemeinwesen nicht böten. Der Bedarf dafür sei riesengroß, so Müller. 

Vier Stunden Diskussion und persönlicher Austausch verfestigten bei den Beteiligten den Eindruck: Wir brauchen einen öffentlichen und zieloffenen Diskurs darüber, wie Kirchen und kirchliche Immobilien mit all ihren Talenten zu verlässlichen und partnerschaftlich organisierten sozialen Orten in unseren Kommunen werden können. 


Dr. Kerstin Renz ist Studienleiterin im Themenbereich „Gesellschaft, Politik, Staat“ der Evangelischen Akademie Bad Boll. Ihre Arbeitsschwerpunkte: Wohnen, Gebaute Umwelt, Kultur.  

Fotostrecke: © Gottfried Stoppel

Baubürgermeisterin Christine Kraayvanger, Stadt Böblingen, Böblingen
Podiumsdiskussion „Ist Kirche öffentlicher Raum? Positionen von Kirche, Kommune und Architektenschaft“ am 17. April 2024
Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl, Evangelische Landeskirche in Württemberg
Dr. Kerstin Renz, Studienleiterin Evangelische Akademie Bad Boll (Moderation)
Markus Müller, Präsident, Architektenkammer Baden-Württemberg, Stuttgart
Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl, Evangelische Landeskirche in Württemberg

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