Ältere Menschen im Zeichen von Corona

Die Generation 65plus als Impulsgeber in Extremsituationen

Es ist nicht einfach momentan seinen Alltag zu gestalten. Da sind die vielen Überlegungen: Was kann ich noch machen, kann ich dorthin gehen, kann ich die oder jenen treffen? Wie gestalte ich meinen Alltag im Homeoffice, wann gehe ich einkaufen, wie komme ich mit der Betreuung meiner Kinder zurecht und wer kümmert sich um die Älteren in der Familie?

Gerade für ältere Menschen gestaltet sich das Leben zunehmend schwieriger. Sie werden als Hochrisikogruppe pauschal definiert, wobei es keine Rolle spielt wie vital und energievoll oder hilfs-bzw. pflegebedürftig sie sind. Allein das Überschreiten einer bestimmten Grenze an Lebensjahren – 60, 65 oder mehr – führt dazu, ausgegrenzt zu werden.

Doch reicht die Definition per Lebensalter aus, um von allen Außer-Haus-Aktivitäten ausgeschlossen zu sein? Reicht es aus, das Altersbild unserer Gesellschaft, welches sich in den letzten Jahren deutlich differenziert hat, wieder zurückzubilden? Ist jede und jeder 65plus so gesundheitlich gefährdet, dass soziale Kontakte nicht mehr stattfinden können und somit eine selbständige Lebensführung hinfällig wird?

Wie gestalten ältere Menschen ihren Alltag?

Sie wollen – und das hat Priorität – nicht der Gesellschaft zur Last fallen, wollen nicht die kostbare Zeit der Kinder, Nachbar_innen, Bekannten in Anspruch nehmen. Sie wollen selbstbestimmt leben und nehmen sich deshalb zurück. Nicht weil sie in die alte zugeschriebene Rolle des betreuungsbedürftigen, unselbständigen Menschen schlüpfen wollen, sondern aus Verantwortung für die Gesellschaft organisieren sie auch jetzt ihr Leben selbst: Da gibt es regelmäßige Anrufe im Freundeskreis, das Schwätzchen am Fenster mit der Nachbar_in oder den Kindern von gegenüber. Da werden Ideen und Fertigkeiten zur Herstellung von Mundschutz, das Backen von Brot per WhatsApp oder im Netz geteilt. Da werden zwangsläufig Erinnerungen wach an die Zeiten, als es nicht selbstverständlich war, dass alle Regale im Laden endlos gefüllt waren; Als man all das kaufen konnte, was man eigentlich nicht braucht oder auch selbst hätte herstellen können. Davon können die Älteren erzählen. Und schließlich führt uns das unweigerlich zu einer Frage zurück, die uns auch schon vor Corona beschäftigt hat: Kann man mit weniger glücklich sein?

Kein verklärter Rückblick, sondern ein Rückbesinnen auf die eigenen Stärken 

Der Tenor der Stunde kann hier nicht sein, auf eine verklärte „gute alte Zeit“ zurückzublicken, die es im Grunde nie gab. Sondern es gilt sich rückzubesinnen im eigentlichen Sinn des Wortes; Zurückschauen, sich erinnern an Ereignisse, die einen selbst herausforderten, die neue Lösungsansätze verlangten, ohne dass sich in der Situation der Ausgang vorher abschätzen ließ. Was kann mich in dieser Situation jetzt tragen, welche Strategien haben sich bewährt? Durch die eigenen Erfahrungen kann Gelassenheit entstehen. Denn ich habe schon viele Herausforderungen gemeistert, deren Lösungen Zeit und Geduld erforderten.

Neue Aufbrüche entstehen selten durch eine konkrete Planung

Wir müssen eine Situation angehen, uns eingestehen, dass wir verschiedene Möglichkeiten ausprobieren müssen, dass wir scheitern können und sich erst im Tun der Weg gestaltet. Das Hier und Jetzt spielt in der Einschätzung und im Handeln eine wichtige Rolle. Das erleben wir im Augenblick auch in der Politik. Jeden Tag wird neu entschieden, wie es weitergeht und keiner weiß, ob die Entscheidungen richtig, nachhaltig und zukunftsfähig sind. Wer sich persönlich und in Bezug auf die Gesellschaft zurückbesinnt, wird feststellen, dass vieles, was in der Situation entschieden wurde, nicht immer das Optimale war, dass aber keine Entscheidung die Lage verschärfen kann.

Wer nichts tut, macht auch Fehler

Diese Erkenntnis ist allen älteren Menschen schon lange klar und deshalb sind sie nicht immer geduldig und weise, sondern wollen Dinge bewegen und sind in Anbetracht ihrer noch zu erwartenden Lebensdauer auch ungeduldig und drängend. Und das zeigt ein diverseres Altersbild als das, was wir gerade beschrieben bekommen, nämlich nicht alt im Sinne von bedürftig, sondern selbstbestimmt. Deshalb lohnt es sich, nicht nur nach Brotbackrezepten oder Nähtechniken zu fragen, sondern auch nach den positiven und negativen Erfahrungen der 65plus-Generation aufgrund ihrer Lebenserfahrung. So können wir die Älteren als wichtige Impulsgeber auch in Zeiten der sozialen Distanz zurate ziehen und ein deutlich differenzierteres Bild der Generationen 65plus zeichnen.

Die Diplom-Gerontologin/Alterswissenschaftlerin Ursula Werner ist Studienleiterin im treffpunkt 50plus. Der treffpunkt 50plus in Stuttgart ist die erste Adresse für Bildungs- und Kulturarbeit mit älteren und für ältere Menschen.

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