Großeltern auf Zeit

Ehrenamt für Senior_innen

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Viele Großeltern wohnen nicht in der Nähe ihrer Enkelkinder. Doch es gibt Leihgroßeltern. Sie verbringen ein bis zweimal pro Woche Zeit mit ihren Leihgroßenkeln, spielen mit ihnen oder unternehmen etwas. Träger der erfolgreichen ehrenamtlichen Initiative Leihgroßeltern sind die eva (Evangelische Gesellschaft) und der treffpunkt 50plus in Stuttgart. In diesem Jahr feiert die Initiative ihr dreißigjähriges Jubiläum.  

Jochen Grube berichtet über sein Engagement als Leihgroßopa.

Wie kamen Sie zu den Leihgroßeltern?

Wie ich auf die Leihgroßeltern Stuttgart traf, weiß ich heute nicht mehr genau – wahrscheinlich durch einen mündlichen Hinweis. Um die Aufnahme beworben habe ich mich im Februar 2011. Seither gehöre ich ihnen aktiv an.

Was reizte Sie, Leihgroßvater zu werden?

Die Erfahrungen mit meinen eigenen Enkeln, die inzwischen leider weit weg wohnen. Solange wir jedoch näher beieinander lebten, hatten wir viel Spaß miteinander. Dieses Gefühl wollte ich nicht mehr missen.

Was war das Besondere an der Beziehung zu Ihrem Leihenkel?

Das Bild von Leihoma oder Leihopa vereint viele Aspekte, etwa den Wunsch, kleine und junge Menschen bei ihrem Aufwachsen vom Babyalter bis zur weiterführenden Schule zu begleiten und ihnen bei der Entfaltung ihrer Fähigkeiten zu helfen. Die geistig-motorische Entwicklung meines Leihenkels fasziniert mich. Ich habe ihn oft beobachtet, wie er sich einer Pflanze oder einem Gegenstand näherte, um sie über die Lernmethode von Greifen und Abtasten zu „begreifen“ und den Vorgang mit seinem noch knappen Wortschatz zu beschreiben. Gerade letzteres, das gemeinsame Gespräch, unterstützt die Vertrauensbildung der Kinder.

Welche Rollen können Leihgroßeltern übernehmen, die die echten Großeltern nicht übernehmen können?

Leihgroßeltern leben in der Nähe ihrer Leihenkel – echte Großeltern oft nicht. Sie sind deshalb eher verfügbar und treffen die Kinder häufiger. Es ist jedoch immer sinnvoll, die leiblichen Großeltern in die Gespräche mit den Leihenkeln einzubeziehen. Dadurch wird eine „Brücke“ geschaffen, welche die Leihenkel gerne nutzen.

Welche Aufgaben haben Leihgroßeltern nicht?

Zwischen Eltern und Leihgroßeltern muss Einigkeit über die Aufgaben der Leihgroßeltern herrschen, um beide Seiten vor falschen Vorstellungen zu schützen. Der Leihopa kommt nicht als Babysitter, um den Schlaf der Kinder zu bewachen, genau wie die Leihoma nicht als Hausfrau oder Putzhilfe arbeitet. Leihgroßeltern kümmern sich allein um die Leihenkel.

Als Leihgroßvater sind Sie auch in einer intergenerationellen Beziehung. Sie erleben das Leben junger Familien heute. Wo sehen Sie bei ihnen Erleichterungen, wo die Belastungen?

Der Prospekt der Leihgroßeltern Stuttgart titelt über die „Begegnung zwischen Jung und Alt: Kinder, Eltern und Großeltern profitieren voneinander“. Das veranschaulicht, was eine    intergenerationelle Beziehung prägt. Als Leihgroßvater kenne ich den Stress junger Familien oder Alleinerziehender, und ich bewundere ihren Mut und ihre Energie, dagegen anzugehen. Hier die Notwendigkeit des Broterwerbs,    dort die Sorge um das Wohlergehen der eigenen Kinder. Genau an diesem Punkt bieten Leihgroßeltern Hilfe an. Je zweimal pro Woche zwei bis drei Stunden entlastet junge Familien und Alleinstehende erheblich, denn sie ermöglichen ihnen durch Arbeitszeiterweiterung finanzielle Mehreinnahmen. Andere nutzen die Zeit zum Umbau eines Hauses, damit die Familie später über mehr Wohnraum verfügt. Parallel dazu genießen die Leihenkel die Zeit mit den Leihgroßeltern und sind dadurch dem Stress in der Familie eine Zeit lang entzogen. Eine win-win-Situation also, wenn die Zahl der Leihopas steigen würde. Denn auch sie brauchen „Nachwuchs“.

Ein Team aus ehrenamtlich Engagierten organisiert regelmäßige Fortbildungen für die Leihgroßeltern. Welche Fortbildungsthemen waren für Sie hilfreich?

Die Zusammenkünfte der Leihgroßeltern bieten regelmäßig Vorträge über pädagogische oder entwicklungspsychologische Grundfragen. Ergänzt werden diese durch praktische Darbietungen von Leihomas zu Kinderspielen, Fingerübungen für Kinder und Reime, die beispielsweise namentlich kleine Mädchen ansprechen. Ich empfinde beides als hilfreich.

Welche Eigenschaften und Interessen sollten potenzielle Leihgroßeltern mitbringen?

Leihgroßeltern sind lebenserfahrene Frauen und Männer, die wissen, wie man mit Kindern umgeht. Sie kennen deren Wünsche, die Welt zu entdecken oder sich anzulehnen, wenn sie ihnen zunächst schreckhaft erscheint. Leihgroßeltern brauchen Eigenschaften wie Empathie, Geduld, Ruhe, Güte, Zuverlässigkeit und Gelassenheit. Und sie müssen sich mit ihren Leihenkeln freuen können. Kinder besitzen nämlich ein feines Gespür für die Gemütsverfassung ihrer Betreuer und reagieren darauf.

Fazit: Ich kann allen älteren, gesunden und rüstigen Menschen nur raten, das Angebot einer Leihgroßelternschaft anzunehmen. Ihre Unterstützung ist hoch gefragt – und ihre Zufriedenheit für ihr eigenes seelisches Gleichgewicht auch.
 

Infos
Sind Sie gerne mit Kindern zusammen? Würden Sie gerne bei den Leihgroßeltern Stuttgart mithelfen? Mehr Informationen erhalten Sie unter www.tp50plus.de, unter leihgrosseltern@eva-stuttgart.de, 0711/35145944 oder bei Studienleiterin Gerda Müller, gerda.mueller@ev-akademie-boll.de.

Theologin Gerda Müller ist Studienleiterin im treffpunkt 50plus. Der treffpunkt 50plus in Stuttgart ist die erste Adresse für Bildungs- und Kulturarbeit mit älteren und für ältere Menschen.

Kontakt

Alexander Bergholz

Alexander Bergholz

Referent Stabsstelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

E-Mail an: Alexander Bergholz

Tel.: 07164 79-312

Kathrin Fechner

Kathrin Fechner

Referentin Stabsstelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

E-Mail an: Kathrin Fechner

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Johanna Haas

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Referentin Marketing, Stabsstelle Marketingberatung

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