Im Weltabenteuer Gottes leben?

„Im Weltabenteuer Gottes leben“: Dieser Essay des Bochumer Systematischen Theologen wird aktuell unter Theolog_innen gelesen und teilweise sehr lebhaft diskutiert. Auch im Kollegium unserer Württembergischen Landeskirche. Ja, Günter Thomas hat einen sprachlich sehr ansprechend geschriebenen Essay verfasst. Ja, über dieses Werk kann und sollte trefflich gestritten werden. Denn es geht ihm um die Zukunft der Kirche, um den Blick nach vorne. Nur: Seine Analyse ist treffend, aber sein Therapievorschlag überzeugt mich nicht. 

Günter Thomas hat das Stichwort „Weltabenteuer Gottes“ nicht erfunden, sondern es von Hans Jonas übernommen. Dieser hatte eine Theologie nach Auschwitz zu formulieren versucht. Jonas‘ Antwort: Gott gibt sich selbstlos in die Hände der Menschen, eben in ein Weltabenteuer, damit es die Menschen hoffentlich in Zukunft besser machen. Günter Thomas verkehrt diese Antwort Jonas‘ auf die Theodizeefrage in ihr Gegenteil: Die Kirchen mögen sich endlich einmal in die Hände Gottes, eben in das Weltabenteuer Gottes begeben und auf seine Neue Schöpfung warten. Dorothee Sölles Diktum, Christus habe keine anderen Hände als die unsrigen, ist für ihn das zentrale Symbol einer fehlgeleiteten Theologie: Diese Theologie sei Ausdruck eines modernen, menschlichen Machbarkeitswahns. Und dieser findet seinen Ausdruck in einer Kirche sowie in einem Protestantismus, die sich in das Politikgeschäft einmischen, Öffentliche Theologie betreiben, den Sozialismus verteidigen oder sich in Umweltpolitik einmischen. Stattdessen: Leben im Weltabenteuer Gottes. Warten auf die Neue Schöpfung. Bis dahin gegebenenfalls klagen. In allen Kirchen eine Klagemauer aufrichten. 

Aber möchte ich meinen Glauben wirklich als Leben mit einem Abenteurer verstehen? Was die „Neue Schöpfung“ bedeutet, erschließt sich mir in diesem Essay nicht. Die „Neue Schöpfung“ bleibt substanzlos. Die Frage damit zu beantworten, dass ich eben in einem Weltabenteuer Gottes lebe und mich ihm zu überlassen habe, erscheint mir erst recht substanzlos zu sein. Ist hier nicht die biblische Rede inhaltsreicher und klarer? Gibt nicht die Verkündigung Jesu vom kommenden Reich Gottes einen Plan Gottes, ein Ziel, eine Vision vor? Aber auch hier meint Günter Thomas: Der wich-tige Leuchtturm für die Navigation in die Zukunft sei das Reich Gottes nicht. Überhaupt nicht. Er bricht geradezu radikal mit einer Reich-Gottes-Theologie. 

Wird aber nicht gerade von uns Christinnen und Christen eine Antwort auf das erwartet, auf was wir hoffen? Haben wir nicht davon Rechenschaft abzulegen? Gerade heute – in den Zeiten sich verstärkender Krisen? Die Antwort, wir würden in einem Weltabenteuer Gottes leben, erscheint mir fast zynisch zu sein. Nein, das ist keine Hoffnung. Und erst recht keine Vision einer zukunftsfähigen Welt von morgen. Das könnte nur die Reaktion erzeugen: Na, dann warte ich mal ab und mache so weiter wie bisher. Und genau das brauchen wir heute nicht. Ein Umdenken, ein Umdrehen, ein Umplanen ist gefordert. Das schulden wir allein schon unseren Kindern und Enkelkindern. Dafür brauche ich den Abenteurer Gott nicht. Wohl aber seine Hoffnung für uns. Und dazu, dass er uns darin auf einen neuen Weg weist. Damit wir Salz und Licht der Erde sein können. Begeisternd und begeistert zugleich. 
 

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