Bei der Tagung „Frauenwohnen. Gestern. Heute. Morgen.“ am 20. März 2026 in Bad Boll wurden die Dimensionen des Gestern, des Heute und Morgen des weiblichen Wohnens konkret greifbar. Die Kooperationsveranstaltung von Evangelischer Akademie Bad Boll und dem Büro für Chancengleichheit der Evangelischen Landeskirche in Württemberg wurde von der Heidehof Stiftung gefördert.
Der Eröffnungsbeitrag von Studienleiterin Dr. Kerstin Renz führte in die Geschichte des gemeinschaftlichen (Frauen-)wohnens seit Gründung der Nonnenklöster im 4. Jahrhundert ein und stellte damit auch die besonderen Merkmale dieser Wohnform in den Vordergrund.
Deutlich wurde: Gemeinschaft und Individualität, Freiheit und Verbindlichkeit als Basis für das Wohnen von alleinstehenden und berufstätigen Frauen galten schon früh als Gegenentwurf zur normativen Ehe und führten zu bezahlbaren und nachhaltigen Wohnlösungen.
Im Anschluss stellte die Architektin Ursula-Elisabeth Müller ein erfolgreiches Wohnprojekt vor, das in den 1990er Jahren in Freiburg-Rieselfeld als stadtplanerischer Wettbewerb ausschließlich unter Beteiligung von Frauen entwickelt wurde. Müllers Beitrag machte deutlich, dass Beteiligungsprozesse und eine gendergerechte städtebauliche Planung für das nachhaltige Gelingen der Wohnanlage beigetragen hatten – bis heute. Im Kontext betrachtet wurde klar, dass gemeinschaftsfördernde Planungsdetails wie z.B. Laubengänge als Begegnungs- und Erschließungsflächen bereits im 19. Jahrhundert entwickelt wurden und bis heute funktionieren.
Deutlich wurde in der Nachlese mit der Stuttgarter Stadtentwicklungsplanerin Vera Krimmer, mit der Hochschullehrerin und Architektin/Stadtplanerin Prof. Susanne Dürr von der Architektenkammer Baden-Württemberg und Dr. Kerstin Renz, dass das Sprechen übers Wohnen immer auch politisch ist und eine Auseinandersetzung mit dem System des Kapitalismus bedingt. Ist Wohnen Daseinsfürsorge oder geht es primär um Kapitalerträge? An dieser Frage entwickeln sich seit jeher stadt- und wohnungsplanerischen Konzeptionen. So entstand die autogerechte Stadt, die Aufteilung in Wohn- und Arbeitsviertel, die Stadt der weiten Wege.
Am Nachmittag wurde dann die Fülle individueller Konzepte des gemeinschaftlichen Frauenwohnens in unterschiedlichen Gesellschafterformen vorgestellt: Verein, Genossenschaft, Stiftung.
Nachbarschaftlich Leben für Frauen im Alter e.V., München – der gemeinnützige Verein der Altenhilfe trägt zur Verbesserung der Wohn- und Lebensbedingungen älterer alleinlebender Frauen bei. Die Vorsitzende des Vereins Dr. Christa Lippmann zeigte anhand verschiedener Wohngruppen in unterschiedlichen Größen und Stadtteilen Münchens, dass das Motto „Warum einsam? – Lebt gemeinsam!“ Frauen ein selbstbestimmtes Leben bis ins hohe Alter ermöglicht. Gemeinschaft erfahren in Kultur- und Kreativangeboten, zusammen Wohnen und individuell leben ist dort jeweils ein erfolgreiches Konzept. Selbst in München mit seinen hohen Mietpreisen ist günstiges Wohnen möglich, wenn frau sich Vereinen wie diesem anschließt.
Ebenfalls in München ist Frauenwohnen eG aktiv. Sabina Prommersberger ist technische Vorständin dieser Genossenschaft und konnte das Leitmotiv ihres Wohnprojekts sehr konkret werden lassen. „Immobilienbesitz in Frauenhand gibt Sicherheit“ war ihre dringliche Empfehlung. Bis heute sind deutlich weniger Frauen Besitzerinnen von Immobilien oder werden gleichberechtigt in Mietverträgen aufgeführt
Dies hat gesamtgesellschaftliche und individuelle Folgen, wenn es z.B. zu einer Trennung von Partnerschaften kommt. Die Genossenschaft unterstützt Frauen beim Erwerb einer Immobilie und bietet darüber hinaus Informationsveranstaltungen, Unterstützungsplattformen und gemeinsame Aktivitäten an.
Als dritter Beitrag stellte sich die Beginenstiftung Tübingen vor. Unter dem Motto, „Wohnen ist keine Ware, sondern Daseinsvorsorge“ erklärte Geschäftsführerin Annette Jäckel das Stifterinnenprinzip dieser besonderen Art des Frauenwohnens, das seinen Ursprung im Mittelalter vor allem in Flandern (Belgien) hatte. Die moderne Frau lebt dort in Gemeinschaft und sorgt für ihren eigenen Lebensunterhalt, bringt sich in die Gesellschaft ein und sichert langfristig bezahlbaren Wohnraum. Die Immobilien der Stiftung können laut Stiftungssatzung nicht verkauft werden und sind somit der Spekulation entzogen.
Alle drei Projekte sind nachhaltig und haben sich über Jahrzehnte bewährt. Sie nutzen die Förderung durch staatliche Mittel, sind energieeffizient und nachhaltig gebaut und wollen ein Zeichen für individuelle Wohnkonzepte in Gemeinschaft setzen. Diese Gemeinschaften strahlen wiederum auf das Quartier und die Stadtgesellschaft aus und tragen zu einem demokratischen Miteinander bei.
Der Mut, das Engagement und die Tatkraft wurden hier sehr deutlich sichtbar und ermutigten die Zuhörerinnen, selbst aktiv zu werden, bereits vorhandene Ideen umzusetzen und sich zu vernetzen.
Die abschließende Gesprächsrunde mit Bürgermeisterin Christiane Krieger, Wernau (Kreis Esslingen), Martin Gebler, Prokurist der Baugenossenschaft Neues Heim, Stuttgart und Barbara Straub, Leiterin der Abteilung Chancengleichheit der Landeshauptstadt Stuttgart, stellte sich der Frage: Wie kann es weitergehen?
Bei der Vorstellung der Projekte wurde deutlich, dass es für jedes gelingende Wohnprojekt Einzelpersonen oder kleine Gruppen von Frauen braucht, die sich extrem stark für ein Projekt engagieren. Um langfristig diese Projekte zu sichern, ist die Unterstützung durch Kommunen notwendig.
Im Gespräch mit Ursula Werner vom Büro für Chancengleichheit der Evangelischen Landeskirche in Württemberg konnten einige weitere Eckpunkte herausgearbeitet werden: Gerade Projekte für alleinstehende Frauen sind wichtig, um Einsamkeit und Überlastung und gesundheitliche Folgen zu reduzieren. Wer sich in eine Gemeinschaft eingebettet weiß, wird seltener physisch und psychisch krank. In kleineren Kommunen stehen deshalb auch Initiativen im Vordergrund, die Menschen Gemeinschaft auch unabhängig von der Wohnform ermöglichen. Die Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel, beleuchtete und sichere Fuß- und Radwege, sowie safe spaces tragen nicht nur für Frauen zu einem selbstbestimmten und aktiven Leben bei.
Die Zukunft des Wohnens wird eine gemeinschaftliche sein, getragen von Genossenschaften, Vereinen und anderen gemeinnützigen Organisationen, die den Menschen bezahlbare Wohnungen bieten, die Gemeinschaft befördern und die zusammen mit der Kommune Menschen befähigen, sich für ihr direktes Umfeld zu engagieren und davon zu profitieren. Anders lassen sich die Herausforderungen der Zukunft nicht bewältigen. Dazu braucht es konkrete Strategien, damit die Ideen einzelner initiativen in die Breite wirken können. Wie solche Strategien aussehen, das wird Thema weiterer Veranstaltungen zu diesem Themenfeld sein.
