Tatkräftiger Protestant

Vor 100 Jahren wurde der Akademiegründer Eberhard Müller geboren

Als konfliktscheu hätte ihn sicher niemand bezeichnet. Eberhard Müller war ein selbstbewusster Protestant, der nötigenfalls auch die Reibung mit Würdenträgern, Funktionären und anderen Autoritäten nicht scheute. Damit hat sich der Gründungsdirektor der Evangelischen Akademie Bad Boll zu Lebzeiten nicht nur Freunde, im Rückblick aber allseits Respekt erworben. Seiner Person und seinem Einfluss auf das Profil der Kirche widmet die Akademie (am 2. Sept.) eine Matinee, mit der sie zugleich daran erinnert, dass Müller am 22. August 100 Jahre alt geworden wäre.

Als einen »Gründertyp« charakterisiert der Hamburger Publizist Siegfried von Kortzfleisch seinen einstigen Weggefährten. »Eberhard der Plötzliche« sei er in Kirchenkreisen getauft worden, womit man seine »impulsive Tatkraft« durchaus treffend gekennzeichnet habe.

Die Evangelische Akademie hat Müller gewissermaßen im Handstreich gegründet: Nur wenige Monate nach Kriegsende gelang es ihm, über 160 »Männer des Rechts und der Wirtschaft« zu einer Tagung im Bad Boller Kurhaus zusammen zu trommeln. Die Einladungen wurden durch motorradfahrende Vikare zugestellt, Betten trickreich über Beziehungen ins Heidelberger Hauptquartier der Amerikaner organisiert und  Mahlzeiten als »Heilverpflegung« ausgegeben.

Zur Überraschung des württembergischen Landesbischofs Theophil Wurm verstand Müller diese erste Tagung als Gründungsakt, dem schnell weitere Tagungen und die Etablierung der Akademie als Institution folgten. Freilich hatte Müller schon zu Kriegszeiten als Studentenpfarrer in Tübingen mit dem Theologen Helmut Thielicke ein Akademiekonzept diskutiert. Und auch als Reichsgeschäftsführer der Deutschen Evangelischen Wochen, einer Art Vorläufer der Kirchentage, hatte er – bis zu ihrem Verbot durch die Gestapo – reichhaltige Erfahrungen als Motor der evangelischen Laienbewegung gesammelt.

Der 1906 als Sohn einer Stuttgarter Unternehmerfamilie geborene Müller war bis zur Jahreswende 1971/72 Akademiedirektor. In dieser Rolle hat er sich nie gescheut, auch politisch eindeutig Position zu beziehen. Wegen seines Engagements für die Wiederbewaffnung überwarf er sich mit Niemöller, Gollwitzer und Heinemann. Mit seiner Stellungnahme für die Einheitsgewerkschaft vergraulte er die Befürworter Christlicher Arbeitnehmerorganisationen, was ihn nicht hinderte, später gegen die paritätische Mitbestimmung zu polemisieren.

Eberhard Müller wurde 82 Jahren alt. In all seinen Ämtern und trotz seiner streitbaren Engagements ist er sich stets in einem Punkt treu geblieben: Müller ging es darum, wie er selbst sagte, »die Kirche zu einer neuen Begegnung mit den ihr fern stehenden Menschen, ihrer Welt, ihren Nöten und ihren Fragen zu bringen«. Die Akademiegründung sei für die Kirche ein Anstoß gewesen, »nicht nur in den Bezirken frommer Innerlichkeit, sondern in den großen Fragen der Welt Rede und Antwort zu stehen«.

Dieses Interesse bescheinigt ihm auch sein Arnoldshainer Direktionskollege Martin Stöhr, der selbst in den 70er Jahren mit Müller in kräftige Kontroversen verwickelt war. Müller habe sich stets mit seinen Stellungnahmen dem Rückzug des Glaubens in die Innerlichkeit widersetzt, erklärt Stöhr anerkennend. Damit habe er dem christlichen Anspruch auf Einmischung ins weltliche Geschehen wirksam Geltung verschafft. Müllers Theologie gründe auf "Luthers Weckruf der Gewissen" und künde von protestantischem Selbstbewusstsein. Ihm sei es vor allem darum gegangen, die Menschen zu Humanität und Verantwortung zu befähigen. Und dabei, so Stöhr, habe er die herausragende Fähigkeit entwickelt, "Wahrheit und Recht auch in den Argumenten der Anderen zu erkennen".

Zur Geburtstagsmatinee am 2. September hat die Akademie nun den Züricher Sozialethiker Johannes Fischer eingeladen, der in seinem Festvortrag herausarbeiten wird, welchen Auftrag Kirche in der Gesellschaft wahrnimmt und welche Rolle dabei die Evangelischen Akademien spielen. Mit dabei ist auch der Sozialwissenschaftler und Sohn Müllers, Burkhard Müller, sowie Alexandros Papaderos, Leiter der Orthodoxen Akademie auf Kreta, deren Gründung gleichfalls von Eberhard Müller angeschoben wurde. Sie erinnern – ebenso wie Müllers ehemaliger Direktionskollege und Nachfolger Christoph Bausch – an die Lebensleistung des Vaters der Akademie-Idee.

Programm der Matinee

Eberhard Müller im O-Ton

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