Eine besonnene Stimme verstummt

Prof. Dr. Martin Honecker ist verstorben

Der Theologe und Sozialethiker Prof. Dr. Martin Honecker 2014 während seines 80. Geburtstags. (© Prof. Dr. Jörg Hübner)

Am Mittwoch, den 2. Juni, ist der profilierte evangelische Theologe und Sozialethiker Prof. Dr. Martin Honecker im Alter von 87 Jahren verstorben. Martin Honecker war 30 Jahre lang von 1969 bis zu seiner Emeritierung 1999 Professor für Systematische Theologie und Sozialethik an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.

Und Martin Honecker war Doktorvater von Akademiedirektor Prof. Dr. Jörg Hübner, der ihn bis heute entscheidend geprägt habe, so Hübner. „Von Martin Honecker habe ich gelernt, die geschichtlichen Fortschritte in der Entwicklung von Werten zu verstehen und zu achten. Ich habe gelernt, vernunftgemäß zu argumentieren, so dass auch Nicht-Christen mitkommen könnten. Von ihm habe ich gelernt, anschlussfähig in meiner ethischen Argumentation zu sein. Von ihm habe ich gelernt, den Pluralismus der Meinungen und damit den Dialog zu schätzen. Alles das sind Voraussetzungen, die mich im Grunde zur Akademiearbeit hingeführt haben, ohne dass ich um diese Linie zu Beginn meines Studiums wusste.“ Kurzum: Wesentliche strategische Ausrichtungen der Akademie Bad Boll, zu denen Jörg Hübner beigetragen hat, seien ohne Martin Honeckers Impulse für ihn nicht zu denken.

Über lange Zeit hat Martin Honecker Positionsbestimmungen evangelischer Sozialethik in vielen Debatten und in wissenschaftlichen und kirchlichen Gremien, wie der Kammer der EKD für Öffentliche Verantwortung, zur Geltung gebracht. Seine interdisziplinäre Kompetenz und  Vernetzung hat er neben mehr als 700 eigenen Veröffentlichungen durch die (Mit-)Herausgabe mehrerer sozialethischer Nachschlagewerke, des Lexikons für Wirtschaftsethik, des Evangelischen Soziallexikons oder des Evangelischen Staatslexikons unter Beweis gestellt. Ein weiteres langjähriges Betätigungsfeld war der Dialog zwischen Naturwissenschaften und Theologie.

In den sozialethischen Diskussionen hat er in theologischer Perspektive die nötigen kritischen Fragen gestellt und auch generell Konflikte nicht gescheut – auch nicht mit dem Gründer der Evangelischen Akademie Bad Boll, Eberhard Müller, zu dessen Programmschrift „Seelsorge in der modernen Gesellschaft“ Martin Honecker eine scharfe theologische Replik veröffentlichte.

Es war ihm ein besonderes Anliegen, die Stimme der Vernunft, der geschichtlichen Fortschritte und das präzise Argument zu Wort kommen zu lassen. Martin Honeckers ethische Reflexion und Orientierung hat stets den Anspruch auf Universalität, Kommunikationsfähigkeit, Plausibilität, Werte-Orientierung und Wirksamkeit inmitten der Gesellschaft erhoben. Sozialethik hat bei Martin Honecker immer eine praktische Abzweckung im Auge behalten; sie war für ihn immer an einer Humanisierung der Gesellschaft interessiert – auch und gerade in einer nachchristlichen Gesellschaft. Niemals war Ethik für ihn nur Theorie – im Gegenteil: Sie war stets an real existierenden menschlichen Lebenswelt orientiert. Im Zuge der Globalisierung und der transformativen Prozesse der Gegenwart ist der Schatz von Martin Honeckers ethischer Orientierung erst noch zu heben.

Dies zeigt sich gerade auch in der Arbeit der Evangelischen Akademien, die Martin Honecker seit 1960 kontinuierlich begleitet hat. Zum 50jährigen Jubiläum der Evangelischen Akademie Bad Boll schrieb er 1995: „Akademien als Ort der Kommunikation von Laien in der Diskussion gemeinsamer Probleme und Sachfragen, Akademien als Angebot für fragende und suchende Christen und Menschen – das ist eine bleibende und bewährte Ortsangabe.“

Akademien seien nach Honecker ein eminent wichtiger Ort der innergesellschaftlichen Verständigung und des Aufbaus von Gesprächsbereitschaft, fasst Jörg Hübner Honeckers Aussage zusammen. „,Im Dialog: Gesellschaft gestalten‘ – dieses Motto unserer Akademiearbeit habe ich im Grunde bei Martin Honecker erlernen und theologisch reflektieren dürfen. Von diesem Erbe zehre ich bis heute und bin ihm dafür unendlich dankbar.“

Die offene und ideologiefreie Diskussion in den Akademien, die Suche nach dem besseren Argument, die werte-orientierte Auseinandersetzung – das war eines seiner zentralen Anliegen.

„Wir sind ihm für seine Impulse in Ethik und in der Akademiearbeit dankbar. Mit Martin Honecker ist für uns ein herausragender evangelischer Sozialethiker und Theologe von uns gegangen. Seine besonnene Stimme wird uns fehlen. Sein theologisches Erbe werden wir in Zeiten gesellschaftlicher Transformationsprozesse in Erinnerung zu rufen und zu bewahren haben.“

Prof. Dr. Jörg Hübner                                                    Dr. Frank Vogelsang

Evangelische Akademie Bad Boll                               Evangelische Akademie im Rheinland

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