Ernstgemeinte Erziehung statt Bestrafung

Tagung befasst sich mit Trends im Umgang mit Jugendkriminalität

Bad Boll. Was muss getan werden, damit Jugendliche nicht (wieder) straffällig werden? Diese Frage stand am vergangenen Wochenende im Zentrum einer Tagung in der Evangelischen Akademie in Bad Boll. Unter dem Titel „Da muss man doch was machen! Jugendkriminalität im Spannungsfeld von Strafe, Erziehung und Gegenabwehr“ tauschten sich zahlreiche Vertreter aus der Jugendhilfe, von der Polizei, aus der Psychiatrie und der Justiz über Möglichkeiten der Prävention und der Unterstützung in der Jugendkriminalität aus. Gleichzeitig gingen sie der Frage nach dem Sinn von Repression nach. Deutlich wurde dabei, wie stark sich die Diskrepanz zwischen dem wahrgenommenen und dem realen Risiko, Opfer einer von Jugendlichen begangenen Straftat zu werden, auf die aktuelle Debatte um Jugendkriminalität auswirkt.  

Unter dem Stichwort „Gefühlte Sicherheit“ zeigte der Erziehungswissenschaftler Bernd Dollinger auf, dass der Trend derzeit in Richtung einer bestärkten Orientierung an Sicherheit und Risikoschutz gehe. Dies sei nicht förderlich und stehe außerdem kriminologischen Befunden entgegen. Die starke Betonung von Innerer Sicherheit müsse deswegen kritisch betrachtet werden, forderte Dollinger, der als Professor an der Universität Siegen lehrt. Reformen sollten wieder nachhaltiger an kriminologischen Erkenntnissen orientiert werden. „Nicht Strafen, sondern Optionen der Integration und der ernst gemeinten Erziehung vermitteln Möglichkeiten, um jungen Menschen zu helfen“, sagte Dollinger.

Dirk Baier, Professor an der Zürcher Fachhochschule für Angewandte Wissenschaften, wies darauf hin, dass im zurückliegenden Jahrzehnt Jugendkriminalität deutlich zurückgegangen sei, was auf vielfältige positive Veränderungen im Umfeld von Jugendlichen zurückzuführen sei. „In den Familien und den Schulen hat sich ein gewaltablehnendes Klima immer weiter durchgesetzt. Vielfältige Präventionsaktivitäten dürften hierzu einen Beitrag geleistet haben“, sagte der Kriminologe. Seit 2015 steige Jugendgewalt zwar wieder. Das frühere Niveau sei aber noch längst nicht wieder erreicht. „Es gibt im Bereich der Jugendgewalt weder ein ,immer schlimmer‘ noch ein ,immer jünger’. Auf mögliche Veränderungen des Jugendalltags muss aber geachtet werden. In jeder neuen Jugendgeneration bedarf es neuer Anstrengungen der Prävention“, sagte Baier. Aktuelle Herausforderungen seien u.a. medienvermittelte Aggressionsformen, Migration und Integration, mit Gewalt verbundene Männlichkeitsnormen sowie Extremismus.

Für die Teilnehmenden bot die Tagung viele Möglichkeiten des Austauschs. Gerade die mit Jugendkriminalität befassten Berufsgruppen in der Jugendhilfe, bei der Polizei, in der Psychiatrie und in der Justiz stehen angesichts der aktuellen Debatte unter einem großen Druck. Zum einen müssen sie den an sie herangetragenen Erwartungen begegnen, ohne sich vereinnahmen zu lassen. Andererseits dürfen sie keine unrealistischen Hoffnungen auf absolute Sicherheit nähren.

Die Evangelische Akademie hatte die Tagung zusammen mit der Deutschen Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen e.V. (DVJJ) organisiert.

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