Konvertiten-Register widerspricht ­dem Grundgesetz

Nach Ansicht der islamischen Bundestagsabgeordneten Lale Akgün sind die christlichen Kirchen noch weit von einem »Dialog auf Augenhöhe« mit den Moslems entfernt.

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Bad Boll / Kreis Göppingen - Ein Register für Islam-Konvertiten ist nach Ansicht der Kölner SPD-Bundestags-Abgeordneten Lale Akgün nicht mit dem Grundgesetz zu vereinbaren. »Niemand darf nach seiner Religion gefragt werden«, sagte die islamische Politikerin am Freitag (14. Sept. 2007) auf einer Tagung der Evangelischen Akademie Bad Boll, es sei denn es ginge um Angelegenheiten wie die Kirchensteuer. Politiker, die fordern, Daten von Bürgern zu speichern, die zum Islam übertreten, müssten wissen, »dass sie das nicht dürfen«.

Lale Akgün kritisierte, dass mit der jüngsten Debatte um ein Konvertiten-Register der Eindruck verstärkt werde: »Wir Muslime sind hier in Europa nicht gewollt«. Zugleich müsse sich ihnen der Gedanke aufdrängen, dass Religion keineswegs zum Zusammenhalt der Gesellschaft beitrage, sondern vielmehr wie ein »Spaltpilz« wirke.

Die seit 45 Jahren in Deutschland lebende Politikerin sprach vor über 70 Leitern kirchlicher Akademien aus 14 europäischen Ländern, die nach Bad Boll gekommen waren, um über den Beitrag der Religionen zur europäischen Demokratiekultur zu diskutieren. Ihnen hielt sie entgegen, dass Integration nicht über religiöse oder ethnische Muster erfolgen könne. Sie forderte vielmehr eine strikte Trennung von Kirche und Staat und bekannte sich zu einem Verfassungspatriotismus, der die Freiheit der Religionen garantiert, aber auch einen gleichen Abstand zu allen Religionsgemeinschaften hält.

Kritik übte Lale Akgün an der Evangelischen Kirche, aber auch an den muslimischen Verbänden in Deutschland. Die in diesem Jahr veröffentlichte »Handreichung der EKD zum Umgang mit Muslimen« sei »verletzend« und habe »viel Porzellan zerschlagen«. In dem EKD-Text werde den Muslimen eine »Bringschuld« auferlegt. Es werde der Eindruck vermittelt, der Islam stünde im Widerspruch zum Grundgesetz und die Zustimmung der Islam-Verbände zu Demokratie und Menschenrechten sei ein bloßes Lippenbekenntnis. Damit verfehle man die Absicht, einen »Dialog auf Augenhöhe« zu führen.

Den muslimischen Verbänden warf sie »intellektuell-theologische Unterernährung« und »finanzielle Abhängigkeit vom Ausland« vor. Erforderlich sei, dass Imame in Deutschland ausgebildet werden und dass es einen wissenschaftliche fundierten Islamunterricht an den öffentlichen Schulen gäbe. »Wir brauchen eine Reformation des Islam«, sagte Lale Akgün in Bad Boll. Sie wünsche sich, dass eine historisch-kritische Koranauslegung auch in Europa Fuß fassen und sich der Islam damit theologisch weiterentwickeln könne.

Beeindruckt äußerte sich Lale Akgün über das soziale Engagement der Kirchen. »Niemand hat für die soziale Integration so viel getan wie die christlichen Kirchen in Deutschland und niemand hat so früh verstanden, dass Integration vor allem eine soziale Aufgabe ist«, sagte Akgün. Gerade in sozialen Projekten vor Ort stecke ein »Riesenpotenzial« für eine interreligiöse Zusammenarbeit, bei der man sich nicht über theologische Unterschiede unterhalten müsse und die dennoch einen großen Beitrag zur gesellschaftlichen Integration leisten könne. Beispielhaft sei etwa die Kooperation zwischen katholischer Kirche und der Türkisch-Islamischen Anstalt für Religion und Gesellschaft, in der eine gemeinsame Jugendsozialarbeit aufgebaut werden soll. Vorstellen könne sie sich auch eine gemischt christlich-muslimisch-jüdische Bahnhofsmission oder Projekte in Betrieben, Supermärkten oder Kindergärten.

Der vollständige Vortrag von Lale Akgün steht als Audio-Datei (mp3) im Internet-Angebot der Akademie zum Download zur Verfügung.

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