„Ein wichtiger Pfeiler bricht weg“

Interview zu den geplanten Kürzungen in der politischen Bildung

Im „Haushaltsentwurf 2024“ der Bundesregierung sind massive Einsparungen in der politischen Bildung vorgesehen. Dies wird ggf. auch für die Arbeit unserer Akademie negative Konsequenzen haben. Die geplanten Kürzungen betreffen Aktivitäten, die vom „Kinder- und Jugendplan“ (KJP) der Bundesregierung finanziert werden sowie Veranstaltungen, die durch die Bundeszentrale für politisch Bildung gefördert werden. Außerdem ist vorgesehen, das Bundesprogramm „Respekt Coaches“ ersatzlos abzuwickeln. Unsere regionale Fachstelle des Projekts „Alles Glaubenssache?“ zur Prävention von religiöser und politischer Radikalisierung arbeitet in enger Abstimmung mit diesem Programm. In der Folge der Kürzungen müssten wir die regionale Fachstelle zum 31.12.2023 schließen. Die Leiterin der Fachstelle, Maren Janetzko, zeigt im Interview auf, was sie mit ihrer Arbeit bisher erreicht hat und welche Folgen die Schließung der Fachstelle für junge Menschen haben wird. 

 

Um was geht es bei dem Bundesprogramm „Respekt Coaches“?

„Respekt Coaches“ wurde 2018 vom Bundesministerium für Familie, Soziales, Frauen und Jugend (BMFSFJ) ins Leben gerufen. Ziel des Programms ist die Primärprävention gegen jede Form von Extremismus, Rassismus und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Respekt Coaches sind speziell qualifizierte Fachkräfte der Jugendmigrationsdienste. Sie arbeiten in enger Kooperation mit Schulen und verschiedenen Bildungsträgern, insbesondere Trägern der politischen Bildung und der Radikalisierungsprävention. In Gruppenangeboten werden die Schüler*innen aktiv zu Themen wie Demokratie, Respekt und Toleranz geschult. Sie setzen sich mit unterschiedlichen Weltanschauungen und Lebensweisen, aber auch damit verbundener Diskriminierung auseinander und erwerben interkulturelle und interreligiöse Kompetenzen. Ebenso spielen Angebote zur Stärkung der Resilienz und Selbstwirksamkeit junger Menschen oder auch zur Medienkompetenz eine wichtige Rolle.

 

Und welchen Zusammenhang gibt es mit dem Projekt „Alles Glaubenssache?“?

Um passgenaue Angebote für die Schulen zu ermöglichen, fördert das BMFSFJ neben den Stellen der Respekt Coaches, weitere Projekte der politischen Jugendbildung. Dazu zählt auch das Projekt „Alles Glaubenssache? Prävention und politische Bildung in einer Gesellschaft der Diversität“. Dieses Projekt wird über die Evangelische Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung derzeit in regionalen Fachstellen an vier Evangelischen Akademien (Bad Boll, Frankfurt, Sachsen-Anhalt und Tutzing) durchgeführt. Neben der Entwicklung und Umsetzung von Angeboten für junge Menschen, geht es hier auch um die Entwicklung von didaktischem Material für verschiedene Bildungsformate und um die Vernetzung und Kooperation mit unterschiedlichen Akteuren im Themenfeld.

 

Was konnte bisher durch das Programm „Respekt Coaches“ erreicht werden?

Das Programm wurde in den letzten Jahren kontinuierlich ausgebaut, und es gibt derzeit bundesweit rund 400 Respekt Coaches an ca. 600 Kooperationsschulen. Auch die Begleitangebote, wie das Projekt „Alles Glaubenssache?“, wurden entsprechend ausgebaut. So gibt es z. B. seit Juli 2022 die regionale Fachstelle in Bad Boll. Seitdem habe ich Formate zu den Themen Religion, Identität und Gesellschaft, soziale Ungleichheit, Flucht und Migration sowie zu Stereotypen und zu respektvollem Umgang in sozialen Medien entwickelt und durchgeführt. Dabei bin ich mit bislang 21 Workshops in ganz Baden-Württemberg unterwegs und konnte als neue regionale Fachstelle Bad Boll von den guten Strukturen, die sich in den letzten Jahren in Baden-Württemberg bereits etabliert haben, profitieren.

 

Worauf konnten Sie bei Ihrer Arbeit aufbauen?

Da ich vor meinem Wechsel an die Evangelischen Akademie Bad Boll bereits seit 2018 selbst als „Respekt Coach“ im Bundesprogramm gearbeitet habe, brachte ich bereits einige Kontakte und Vorwissen zu den Themen und Bedarfen der Zielgruppen mit, auf die ich mit meiner Arbeit für „Alles Glaubenssache?“ aufbauen konnte. Gerade diese Möglichkeit der bedarfsorientierten Auswahl und Anpassung von Angeboten für den Standort wie auch die Möglichkeit als regionale Fachstellen abgestimmt sowohl punktuell zu bestimmten Themen als auch über einen längeren Zeitraum mit Schüler*innen arbeiten zu können, sehe ich als eine große Chance unserer Arbeit.

 

Welche besonderen positiven Erfahrungen haben Sie gemacht?

Ein Highlight für mich ist die Arbeit mit einer VAB-O-Klasse, also einer Klasse, in der junge Menschen an einer beruflichen Schule Deutsch lernen, um dann einen Schulabschluss erwerben oder ins Arbeitsleben starten zu können. Mit dieser Klasse und der Respekt Coachin vor Ort beschäftigen wir uns mit den Erfahrungen, die die jungen Menschen bei ihrer Flucht und Migration gemacht haben, was ihnen auf ihrem Weg und beim Ankommen in Deutschland geholfen hat und wo sie im gesellschaftlichen Zusammenleben Herausforderung sehen.

 

Sind im Laufe der Arbeit mit dieser Klasse Ideen für eine weitere Zusammenarbeit entstanden?

Im Laufe der Zusammenarbeit wurde deutlich, dass einige der Schüler*innen großes Interesse daran haben, ihre Erfahrungen weiterzugeben. Deshalb sollen im September 2023 nun noch Videos über die Geschichten der jungen Menschen entstehen. Dabei wird der Aspekt der Resilienz im Fokus stehen – sowohl die Resilienz der Jugendlichen als auch der Gesellschaft im Umgang mit Migrant*innen und Geflüchteten.

 

Was sind aus Ihrer Sicht Erfolge Ihrer Arbeit?

Bei den Schüler*innen zeigen oft Herangehensweisen positive Effekte, die sie selbst aktiv fordern und durch die sie sich selbst als wirksam spüren können. Momente, die mir aus meiner Arbeit als Respekt Coachin als Erfolge noch besonders im Gedächtnis geblieben sind, liegen deshalb besonders in diesem Bereich. 

So konnte bei einem Angebot in einer Kletterhalle, gerade zwei der ruhigen und wenig selbstbewussten Schüler*innen am höchsten von allen klettern. Dies gab ihnen einiges an Selbstvertrauen und in schwierigen Situationen konnten sie sich auch später wieder an diesen Erfolg erinnern.

Oder als bei einem Kunst-Workshop, bei dem es den Schüler*innen erst schwerfiel, sich darauf einzulassen, plötzlich aus der Unruhe in der Klasse höchste Konzentration wurde und die Schüler*innen es schafften, durch die künstlerische Darstellungen ihre Identität für sich und andere greifbarer zu machen. Darauf folgte auch positive Rückmeldung von Lehrkräften, die durch den Workshop neue Seiten an ihren Schüler*innen entdeckt hatten und ihnen daraufhin mehr zutrauten.

Insgesamt ist es bei den Angeboten vor allem eindrücklich, wie dankbar die Schüler*innen sind, wenn sie in unseren Formaten einfach mal die Möglichkeit und den Raum bekommen, frei ihre Meinung zu verschiedenen Themen sagen zu können, offen zu diskutieren und ein offenes Ohr für ihre Fragen und Positionen zu bekommen, ohne dass sie den Druck durch Noten oder andere Beurteilungen durch die Lehrer haben.

 

Lässt sich eine Essenz der Arbeit benennen?

Verschiedene Meinungen zuzulassen und die jungen Menschen dazu zu befähigen, diese Meinungen auszuhalten und in Aushandlungsprozesse zu gehen, ist ein zentraler Aspekt unserer Arbeit. Deshalb zieht sich auch die Frage, wie wir – in der Klasse, in der Schule und in der Gesellschaft – gut und respektvoll miteinander umgehen können und unser Zusammenleben trotz aller Unterschiede gelingen kann, in irgendeiner Form wie ein roter Faden durch alle Angebote.

 

Wurde das Programm wissenschaftlich evaluiert?

Das Bundesprogramm wurde über zwei Jahre wissenschaftlich begleitet und die Ergebnisse bestätigen, dass das Programm „Respekt Coaches“ erfolgreich ist und die Kooperationsschulen es sich in großer Mehrheit als festes Angebot wünschen. Ebenso zeigt sich aber auch, dass gerade eine Kontinuität in der Arbeit wichtig ist, dass Strukturen Zeit brauchen, um zu wachsen und Angebote v. a. über einen längeren Zeitraum Wirkung entfalten können. Mit dem kurzfristigen Ende von „Respekt Coaches“ ohne eine feststehende Möglichkeit zur Weiterführung der Arbeit in anderer Form, geht das, was in den letzten Jahren aufgebaut werden konnte, nun einfach verloren.

 

Was sind die Konsequenzen, wenn das Programm „Respekt Coaches“ mit seinen Begleitangeboten, wie dem Projekt „Alles Glaubenssachse?“, eingestellt wird?

Gerade in Zeiten von Ganztagesschule etc. ist es unabdingbar, mit politischer Bildung direkt an die Schulen zu gehen und nicht erst anzusetzen, wenn junge Menschen negativ auffallen. Mit dem Wegfall von „Respekt Coaches“ würde deshalb ein wichtiger Pfeiler zur Stärkung junger Menschen und unserer Gesellschaft verloren gehen. Und das gerade in Zeiten, in denen die Relevanz dafür deutlicher wird denn je – mit den Auswirkungen der Pandemiezeit und den Unsicherheiten durch den Krieg gegen die Ukraine und die Klimakrise. Fake News und Verschwörungstheorien kursieren zu unterschiedlichsten Themen und müssen richtig eingeordnet werden können. Populistische und rechtsextreme Positionen und Parteien erleben einen hohen Zulauf, dem gerade durch primärpräventive Arbeit bei jungen Menschen vorgebeugt werden muss.

Aus meiner Erfahrung besteht an den Schulen ein hoher Bedarf und ein hohes Interesse an solchen Angeboten. Allerdings fehlen im normalen Schulalltag meistens die Kapazitäten und Ressourcen zur Umsetzung solcher Angebote. Die Arbeit der Respekt Coaches in der Vernetzung mit uns Bildungsträgern konnte gegen dieses Problem angehen.

Neben dem Wegfall von Angeboten für die jungen Menschen und den über fünf Jahre aufgebauten Strukturen und Kooperationen würden auch das Know-how und die fachliche Expertise der Mitarbeitenden verloren gehen. Ein großer Anteil der Mitarbeitenden im Respekt Coaches-Programm ist nur befristet für die Laufzeit des Projektes angestellt. Ohne diese Förderung oder andere Finanzierungsmöglichkeiten fallen die Arbeitsplätze zum Jahresende nun einfach weg und die Mitarbeitenden müssen sich neu orientieren. Für die Evangelische Akademie Bad Boll würde das Ende von „Respekt Coaches“ auch das Ende der regionalen Fachstelle im Projekt „Alles Glaubenssache?“ bedeuten.

Pressemitteilung: Evangelische Akademie Bad Boll warnt vor Kürzungen in der politischen Bildung

Berichte von Respekt Coaches:

spiegel.de

Deutschlandfunk

Okerwelle

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