Welche E-Mobilität wollen wir?

Tagung zur E-Mobilität der Evangelischen Akademie Bad Boll

© Jörg Bohn

„Wir brauchen eine Mobilität, die uns Menschen dienlich ist und nicht umgekehrt“, so der Konsens der Online-Tagung „Reflektiert elektrisiert“ der Evangelischen Akademie Bad Boll am 8. und 9. Februar. Mit bis zu 80 Teilnehmenden wurde in einem sehr intensiven Austausch über die Frage diskutiert: „Welche E-Mobilität wollen wir?“.

E-Mobilität und die Verkehrswende sind eines von wenigen Themen, die aktuell im öffentlichen Diskurs neben der Corona-Pandemie noch eine Rolle spielen. Expert_innen sehen die E-Mobilität an einem entscheidenden Wendepunkt. Der Absatz von E-Autos stieg im letzten Jahr stark an, Autobauer rüsten um, Bund und Länder fördern den Ausbau der Infrastruktur mit Milliardensummen. Bei dieser neuen Dynamik drängt sich bei vielen die Frage auf: Ist E-Mobilität der Motor für die Verkehrswende oder wird mit ihr nur der Status Quo erhalten?

Auf entsprechend großes Interesse ist somit auch die Online-Tagung gestoßen, zu der die Evangelische Akademie Bad Boll, gemeinsam mit dem Umweltbüro der Landeskirche, dem Zentrum für Entwicklungsbezogene Bildung (ZEB) und dem Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt am 8. und 9. Februar 2021 eingeladen hatte. Die E-Mobilität wurde dabei anhand dreier Aspekte betrachtet und diskutiert: Auswirkungen auf die Umwelt, globale Gerechtigkeit und Transformation in der Arbeitswelt.

E-Mobilität als nachhaltige Antwort in der Verkehrswende?

Den Aufschlag machte Christoph Erdmenger, Leiter der Abteilung für Nachhaltige Mobilität im Verkehrsministerium Baden-Württemberg. „Elektromobilität hat ökologisch und ökonomisch die Nase vorn“, so Erdmenger. Wir müssten dahinkommen, sie als Normalfall anzunehmen und Anreize zu schaffen, die über die aktuellen Förderungen hinausgehen. Dazu zählten neben dem Ausbau der Ladeinfrastruktur die gezielte Förderung von Benutzervorteilen und ihrer ordnungsrechtlichen Verankerung. Erdmenger betonte auch die Bedeutung anderer Verkehrsmittel, wie z.B. E-Busse, für die das Land Baden-Württemberg eine Förderung in Aussicht stelle.

Mit Zahlen und Fakten aus ihrer Studie zur Mobilität in Kirche und Gesellschaft verdeutlichte Siglinde Hinderer vom Umweltbüro der Landeskirche die Umweltauswirkungen der E-Mobilität. Zwar reduzierten sich CO2-Austoß, Luftverschmutzung und Lärm im Vergleich zum Verbrenner, jedoch blieben die Probleme des motorisierten Individualverkehrs bestehen. Ihr Fazit lautet daher den PKW-Verkehr zu reduzieren und Alternativen wie Car- und Ridesharing zu nutzen.

An alternative Verkehrsmittel knüpfte auch die anschließende Diskussion bei den Teilnehmenden an. Dabei wurden die Potentiale der Schiene betont. Besonderer Streitpunkt waren die Bedeutung der alternativen Antriebstechnologien mit Wasserstoff sowie deren Einsatzmöglichkeiten. Hier entstand eine kontroverse Nebendiskussion, die die restliche Tagung über fortgeführt werden sollte. Es ist vorgesehen, dieses Thema in einer Folgetagung zu vertiefen. 

E-Mobilität als Herausforderung im globalen Kontext?

Einen interessanten Perspektivwechsel ermöglichte Oscar Choque, Fachpromotor für Rohstoffpolitik, Entwicklung und Migration in Dresden. Er gab einen Einblick zu den Grundstoffen der E-Mobilität in seinem Heimatland Bolivien. Bolivien ist weltweit eines der Länder mit den größten Vorkommen an abbaubarem Lithium. Neben dem wirtschaftlichen Potential verdeutlichte Choque insbesondere die politischen und ökologischen Probleme, die mit dem Lithiumabbau einhergehen. Problematisch seien der hohe Wasserverbrauch und die fehlende Einbindung der lokalen Bevölkerung. In Bolivien würden damit zwar die Grundlagen der technologischen Entwicklung geschaffen, aber kein Wohlstand für die Menschen. Choques Vortrag wurde durch einen kurzen Impuls von Ralf Häußler vom Zentrum für Entwicklungsbezogene Bildung (ZEB) zu den Lieferketten der E-Mobilität und der Bedeutung des Lieferkettengesetzes ergänzt.

E-Mobilität als Chance für die Wirtschaftsregion?

Am Abend kam es schließlich zu einem spannenden Austausch über die Auswirkungen der E-Mobilität in der Arbeitswelt. Mit Rainer Reichold, Präsident des Handwerkstags in Baden-Württemberg, und Kai Burmeister von der IG-Metall diskutierten zwei entscheidende Akteure der Arbeitswelt in Baden-Württemberg über die Herausforderungen durch die E-Mobilität. Beide Seiten, Gewerkschaft wie Handwerk, begleiten den Strukturwandel und sehen die Notwendigkeit der nachhaltigen Transformation, betonten jedoch auch die Risken und die Herausforderungen durch die E-Mobilität in ihren Bereichen.

Das Handwerk ist besonders im Kfz-Bereich herausgefordert. Neben der Frage, wie es mit den Kfz-Werkstätten weitergeht, steht auch die Frage der Qualifikation im Vordergrund. Reichold sieht jedoch auch viele Einsatzmöglichkeiten für Elektromobilität im Handwerk. Bislang fehle es jedoch noch schlechtweg an Anreizen. Burmeister findet besonders den wachsenden Standortwettbewerb im Automobilsektor problematisch für die Wirtschaftsregion Stuttgart; der letztlich auch Auswirkungen auf das Handwerk habe, ergänzte Reichelt. Burmeister betonte, dass der Wandel nur mit neuen strategischen Allianzen zu bestreiten sei, die über die Gewerkschaft hinausgingen. Dabei ging er auch explizit auf Reichold und das Handwerk zu.

E-Mobilität in der Praxis

Im zweiten Teil der Online-Tagung stand der praktische Austausch im Vordergrund. In unterschiedlichen Workshops konnten die Teilnehmenden über Rahmenbedingungen und Handlungsspielräume diskutieren. Begleitet wurden diese Workshops von vier Referierenden, die den Teilnehmenden beeindruckende Impulse mit auf den Weg gaben:

Armin Picht, Geschäftsführer der Diakoniestation Stuttgart, gab Einblicke in den praktischen Alltag mit Elektrofahrzeugen in einer kirchlichen Einrichtung. Elektromobilität sei alltagstauglich und unter den gegebenen (Förder-)Bedingungen betriebswirtschaftlich sogar lohnenswert und ein Imagegewinn. Vorhandene Einschränkungen seien die Ladekapazität, räumliche und zeitliche Verfügbarkeit und die eigene Ladeinfrastruktur.

Romeo Edel stellte als Sprecher der Mobilitätswende für Baden-Württemberg die Forderungen vor, die seine Initiative an die Politik stellt. Gefordert wird jährlich eine Milliarde Euro für die Verkehrsmittel des Umweltverbunds, also Verkehrsmittel, die im vergleich zum motorisierten Individualverkehr deutlich umweltfreundlicher sind. Jetzt, vor den Landtagswahlen, wird der Druck auf die Entscheidungsträger_innen dahingehend erhöht.

Mit Gudrun Zühlke, Landesvorsitzende des ADFC Baden-Württemberg, wurde die Bedeutung des Fahrrads, als das Elektrofahrzeug schlechthin, betont. Das E-Fahrrad habe so viele Vorteile, dass es die Förderung wie beim E-Autos gar nicht gebraucht habe, um sich durchzusetzen. Allerdings fehle es auf allen politischen Ebenen an gesetzlichen und strukturellen Voraussetzungen. Zühlke fordert daher eine Straßenverkehrsordnung und Infrastruktur, die nicht das Auto, sondern den Menschen in den Mittelpunkt stellt.

Lutz Engel von e-mobil BW betonte, dass Mobilität deutlich mehr bedeute als nur eine technische Lösung. In der Mobilitätswende gelte es nun gemeinsam an kreativen Konzepten und Innovationen für eine nachhaltige Mobilität zu Arbeiten. In Baden-Württemberg sei hierbei besonders das Zusammenspiel zwischen Wissenschaft und Wirtschaft gefragt. Es gelte die Bedürfnisse aller zu beachten und dabei nicht in einzelnen Denkmustern festzufahren.

Es herrschte Einigkeit zwischen allen Impulsgebenden und den Teilnehmenden, dass die elektronische Antriebtechnologie, sei es für das Auto, das Fahrrad oder andere Fahrzeuge, zwar eine klimafreundliche, aber doch eben nur eine Antriebstechnologie sei. Wir müssen auf unterschiedliche Mobilitätsformen setzen und zwar dort, wo sie sinnvoll sind. Eine Zentrierung auf eine bestimmte Mobilitätsform ist nicht mehr zeitgemäß.

Wie schaffen wir im Autobauer-Ländle also eine Hinwendung zu einem diverseren, ganzheitlichen und nachhaltigen Mobilitätssystem? Darüber diskutieren wir in Bad Boll seit vielen Jahren. Der Schlüssel ist Beharrlichkeit und Überzeugungsarbeit auf allen Ebenen. Dazu gehört es, die Menschen ernst zu nehmen, die Angst vor dem Wandel haben. Genauso aber auch diejenigen, denen vielmehr ein Ausbleiben der Veränderung Sorge bereitet. Wir bleiben dran.

Jörg Bohn ist seit 2019 Studienleiter im Themenbereich „Wirtschaft, Globalisierung, Nachhaltigkeit“ an der Evangelischen Akademie Bad Boll. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Umwelt, Nachhaltigkeit sowie Technologie.

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Reinhard Becker

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Miriam Kaufmann

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