„… noch 148 Mails checken…“

Zur Erreichbarkeitskultur an Schulen

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… so singt Tim Bendzko im Radio seit 2011.

Durch die Coronapandemie 2020 und 2021 gab es einen Digitalisierungsschub an deutschen Schulen. Laut aktueller Auskunft des Kultusministeriums in Baden-Württemberg nutzten in der Pandemie fast 50 % der Schulen Moodle oder es wurden schulinterne Lösungen für digitale Plattformen gesucht. Neben E-Mails verwenden seitdem viele Schulen Schul-Messengers, um die nichtdatenschutzkonforme Verwendung von WhatsApp für Schulen zu umgehen.

Auf einmal sind Lehrende und Schülerschaft, Eltern und Schulleitungen auf vielfältige Weise vernetzt und Informationen und Nachrichten strömen hin und her auf vielfältigen Kanälen. Was auf welchen Kanälen übermittelt wird, und welche Erwartungen es gibt, diese Nachrichten verbindlich abzurufen, ist oft noch nicht systematisch innerhalb der jeweiligen Schule geklärt.

Das Projekt MASTER zur „Arbeitsbezogenen erweiterten Erreichbarkeit bei Lehrkräften der Universitäten Freiburg und Hamburg“ untersuchte schon 2019 mithilfe von Interviews, also vor der Pandemie, welche Folgen die zunehmende Entgrenzung von Arbeitsbereich und Privatleben haben kann. (Quelle: Universität Freiburg, Institut für Psychologie, Wirtschaftspsychologie, Universität Hamburg, Fachbereich Sozialökonomie, Arbeitssoziologie, Arbeitsbezogene erweiterte Erreichbarkeit bei Lehrkräften, Ergebnisse aus Interviews mit Lehrerinnen im Projekt MASTER – Management ständiger Erreichbarkeit, 2019)

Studien belegen eindeutig einen Zusammenhang zwischen Erreichbarkeit und Wohlbefinden einer Lehrkraft: Je stärker die Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben fallen, je stärker die Erreichbarkeit steigt, umso stärker sind die Auswirkungen auf das körperliche und psychische Wohlbefinden. Regeneration gelingt nicht mehr so leicht, dies zeigt sich an Problemen beim Abschalten und Entspannen. Psychisch steigen Erschöpfung, Stress bis hin zum Burn-out an, die Work-Life-Balance kann aus den Fugen geraten, da vermehrt Konflikte zwischen Berufs- und Privatleben entstehen. „Musst Du auch noch am Sonntagabend Deine dienstlichen Mails checken?“. Schließlich zeigen sich körperliche Symptom mit Schlafproblemen, Kopf- oder Bauchschmerzen.

Vor dem Schlafengehen „nochmal kurz die Mail checken“ ist eben doch nicht so harmlos. Nicht für die Lehrkraft und nicht für den Schüler, der spätabends noch eine Antwort bekommt.

Ursachen dafür finden sich in der Verwendung von moderner Technik, Laptops und Smartphones, die eine globale Vernetzung möglich machen, in neuen Familienmodellen und neuen Arbeitsvorgaben, in der die Vertrauensarbeitszeit einhergeht mit der Forderung „Das Outcome muss stimmen!“

Doch was ist zu tun?

Zwei Wege bieten sich an:

1. In der Schule:

Die Erreichbarkeitskultur mit allen Beteiligten, Lehrenden, Lernenden, Eltern und Schulleitungen in einem Prozess klären: Zuerst für das Thema sensibilisieren, dann den Umgang mit der Erreichbarkeit aller analysieren, anschließend erarbeiten, wie Erreichbarkeit für alle gut gestaltet sein soll, zuletzt die Maßnahmen umsetzen. Mit zeitlichem Abstand gilt es zu evaluieren, ob die Ziele erreicht wurden und welche unerwünschten Nebeneffekte es gab.
Die Maßnahmen sollen direkt an konkreten Auslösern in der Schule ansetzen. Mögliche Beispiele seien genannt:

  • E-Mailversand: Prüfung der Relevanz, Weiterleitung nur an gezielte Adressaten
  • Kernzeitregelung von Lehrkräften
  • Ferienzeit: Kontakt erst in den letzten Tagen, um Abschalten zu ermöglichen
  • Verabredung: rechtzeitige Weitergabe wichtiger Informationen, die Vorlauf brauchen

David Warneck, Hauptpersonalrat der GEW postuliert in einer GEW_Veröffentlichung Juli 2021 „Die Lehrerinnen und Lehrer erhalten unendlich viele E-Mails. Aber es muss auch ein Recht auf Nicht-Erreichbarkeit geben.” und fordert das Kultusministerium auf, für Rahmenbedingungen zu sorgen. (Quelle: www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/recht-auf-nicht-erreichbarkeit/)

2. Individuelle Maßnahmen:

Wenn die Einigung in der Schule noch auf sich warten lässt, können individuelle Maßnahmen helfen, die persönliche Erreichbarkeit und deren negative Folgen zu reduzieren. Einige Maßnahmen seien genannt: (Quelle: Universität Freiburg, Institut für Psychologie, Wirtschaftspsychologie, Universität Hamburg, Fachbereich Sozialökonomie, Arbeitssoziologie, Arbeitsbezogene erweiterte Erreichbarkeit bei Lehrkräften, Ergebnisse aus Interviews mit Lehrerinnen im Projekt MASTER – Management ständiger Erreichbarkeit, 2019, S. 13f.)

  • Dienstliche E-Mails nicht ans Smartphone weiterleiten
  • private und dienstliche Mails trennen
  • unterschiedliche Telefonnummern – dienstlich/privat – verwenden
  • Zeitfenster für das Abrufen von Mails für sich festlegen
  • routinemäßiges Checken von Mails vermeiden
  • mit Schülern und Schülerinnen vereinbaren, wann man erreichbar ist
  • Notfälle definieren und kommunizieren, unter welchen Voraussetzungen eine Kontaktierung in Ordnung ist
  • private Telefonnummer/private E-Mail nicht an Eltern /Schüler_innen geben
  • Ruhe im Feierabend gewährleisten: Handy aus/Flugmodus/Filterapp
  • erreichbarkeitsfreie Zeit für sich definieren und einhalten
  • E-Mails nicht direkt vor dem Schlafengehen checken
  • zeitlichen und mentalen Puffer zwischen Erreichbarkeit und Schlafen einplanen
  • Arbeitshandlungen im Schlafzimmer möglichst vermeiden
  • aktive Erholung suchen

Die gute Nachricht: Schon kleine Veränderungen können viel bewirken!
So verheißungsvoll der Einsatz neuer digitaler Medien ist, umso mehr müssen wir lernen, Berufs- und Privatleben voneinander abzugrenzen, um gesund das Heft in der Hand zu behalten. Das Motto sollte sein:

… nicht mal kurz die Welt retten, sondern das Wohlbefinden aller im Blick behalten!
 

Claudia Schmengler ist Studienleiterin für Bildungspolitik und Pädagogik an der Evangelischen Akademie Bad Boll und Oberstudienrätin an der Geschwister-Scholl-Schule in Tübingen.

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Miriam Kaufmann

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