Familien in der Krise

Gedanken zum Internationalen Tag der Familie

© Alexandra Holzbauer

Still und leise ging der Internationale Tag der Familie am 15. Mai 2022 an uns vorbei. Er ist ein von den Vereinten Nationen (UN) ausgerufener Tag zur Bekräftigung der Bedeutung von Familien. Das Motto des diesjährigen Aktionstages lautete: „Mehr Familie. In die Zukunft - Fertig los“. 

Familien sind der Ort, an dem eine zukünftige Generation heranwächst, geprägt und auf das Leben vorbereitet wird. Allerdings stehen Familien vor großen Herausforderungen: Durch den Krieg in der Ukraine steigen die Preise, fast täglich veröffentlichen Medien neue Inflationsraten. Gleichzeitig wirken sich Corona und Krieg immer noch auf die Familien aus. 
So hat die psychische Gesundheit der Kinder- und Jugendlichen in der Pandemie stark gelitten, wie es das Deutsche Ärzteblatt im Frühjahr eindrücklich mit Zahlen belegte. Prof. Dr. Johanna Possinger und Dörthe Gatermann bestätigen in ihrer Studie von 2021 die negativen Auswirkungen der Corona-Krise auf Familien und den Rückschritt in der elterlichen Arbeitsteilung (vgl. Familien in Zeiten der Pandemie. Possinger-Gatermann-NDV-2021). 

Nicht bewusst ist vielen Paaren, welche langfristigen Auswirkungen diese Weichenstellungen in der Krise auf das lebenslange Einkommen der Mütter haben. Laut Bertelsmann Stiftung verringert ein Kind das lebenslange Einkommen der Mutter im Schnitt um 520.000 €, zwei Kinder um 663.000 € und drei Kinder um 900.000 €.

Gleichzeitig wird die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für die Paare immer herausfordernder. Ganz besonders, wenn kleine Kinder zu betreuen sind. In den Stellenanzeigen verschiedener Tageszeitungen finden sich immer wieder Anzeigen „Wollen Sie Lebensbegleiter werden…?“. Händeringend wird Personal für Kindertagesstätten und Kindergärten gesucht. In der Stadt Tübingen können laut Pressebericht über 200 Kindergartenplätze im kommenden Schuljahr aufgrund von Personalmangel nicht besetzt werden.

Und die, die in diesem Arbeitsbereich beschäftigt sind, arbeiten schon lange an der Grenze ihrer Kräfte und Möglichkeiten. Müde von der langanhaltenden Pandemie, die ihnen für die Gestaltung des Kindergartenalltags immer wieder neue Lösungen abverlangt, konfrontiert mit Eltern, die unter Druck geraten, wenn die versprochenen und sogar gesetzlich garantierten Öffnungszeiten so nicht realisiert werden können, Notgruppenmanagement, wenn kranke Kolleg*innen ausfallen, streikend für bessere Arbeitsbedingungen und Entlohnung. Im Jahr 2030 werden laut einer Prognose einer Bertelsmann Studie 230.000 Erzieher*innen fehlen.

Bärbel Mauch, Regionsgeschäftsführerin vom DGB Südostwürttemberg berichtet, dass sich die verschiedensten Interessenvertreter*innen im Landkreis Reutlingen zusammengetan haben, um eine Lösung für dieses massive Problem zu finden. Der Landesfamilienrat mit Rosemarie Daumüller und die freien Wohlfahrtsverbände arbeiten daran, dass – unterstützt von soziographischen Daten – gezielt passgenaue Angebote für Familien entwickelt und diese künftig auf einer gemeinsamen Onlineplattform sichtbar gemacht werden.

Woher kommt dieser Mangel an Personal im sozialen Bereich?
Einerseits sind es geringere Löhne, die kaum ausreichen, um selbst eine Familie zu versorgen. Dazu kommt unsere Bevölkerungspyramide: Die ehemals geburtenstarken Jahrgänge gehen langsam in den Ruhestand, gleichzeitig haben sie viele Kinder, die nun eigene Kinder haben, auf die sich der Fachkräftemangel auswirkt.

Ein Gedankenexperiment: Was wäre, wenn unsere Gesellschaft zu ganz neuen Vorstellungen einer gerechten Entlohnung käme? Wenn die Arbeit mit Menschen, sei es mit Kindern, mit Alten oder Kranken, höher bewertet und deshalb auch höher entlohnt werden würde? 
Denn KI ist zwar in der Lage, viel Innovation in unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft zu bringen. Innovativ arbeiten und vernetzt denken bleibt aber Ureigenes von uns Menschen. Und Menschen dazu zu befähigen, diesen Beitrag leisten soziale Berufe. 

So wird diese Situation zu einer Belastungsprobe für Familien. Konflikte innerhalb der Paare sind vorprogrammiert. Zur Bewältigung ist es empfehlenswert, diese gesellschaftliche Lage nüchtern zu betrachten, statt dem Partner Vorwürfe zu machen. Und es lohnt zu überlegen, wie sie neue, tragfähige Modelle mitentwickeln können.

Ein interessanter Vorschlag kommt z.B. vom Deutschen Jugendinstitut um das Forschungsteam Karin Jurczyk und Ulrich Mückenberger. Um verschiedene Lebensaufgaben besser vereinbar zu machen, schlagen sie ein Optionszeitenmodell vor: Zeiten von Erwerbsarbeit, Sorgearbeit für Kinder und Ältere, Bildungszeit, Ehrenamt und Selbstsorge. Dafür veranschlagen sie ein Budget von neun Jahren, welches flexibel im Lebenslauf genutzt werden kann. Circa drei Jahre sind für Kinderbetreuung (für ein Kind), zwei Jahre für Pflegeaufgaben, ein Jahr für ehrenamtliche Tätigkeiten, ein Jahr für Selbstsorge (z.B. nach langer Krankheit) und zwei Jahre für Fort- und Weiterbildung vorgesehen. Finanziert werden sollen insbesondere die Phasen mit Sorgetätigkeiten aus Steuermitteln. Dies würde Auszeiten unabhängig vom Geschlecht ermöglichen. (vgl. Familien in Zeiten der Pandemie. Possinger-Gatermann-NDV-2021). 

Ist die Zeit nicht reif, nach neuen Wegen, Veränderungen und Utopien zu suchen?


Claudia Schmengler ist Studienleiterin im Themenbereich "Kultur, Bildung, Religion" der Evangelischen Akademie Bad Boll. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind die Bildungspolitik und Pädagogik.   
 

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