Respekt und Anerkennung

Oder: Wie werden wir eine anständige Gesellschaft?

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Die verstörenden, entsetzlichen und erschreckenden Bilder des 6. Januar werden sich in unser visuelles Gedächtnis einprägen: die Erstürmung des Kapitols in Washington, D.C. durch radikalisierte und bewaffnete Trumpisten. Diese Anhänger der Verschwörungstheorie, nach der bekanntermaßen der US-amerikanische 45. Präsident der Vereinigten Staaten Donald Trump durch einen Wahlbetrug nicht wiedergewählt wurde, scheuten vor keiner Gewalt zurück – wohl auch nicht vor Gewalt gegenüber gewählten Repräsentanten des Volkes. Diese Bilder voller Aggressivität haben die alles entscheidende Frage unserer Tage ins visuelle Gedächtnis befördert:

Was hält unsere Gesellschaft unter den Bedingungen der Gegenwart (noch) zusammen?

Viele Zeitgenossen sind hier ratlos und wissen nicht weiter. Verschiedene Antworten könnten reflexartig vorgetragen werden oder scheinen sich in der Praxis durchzusetzen:

Der Nationalstaat hält diese Gesellschaft der Postmoderne zusammen. Und so beobachten wir gerade in der Corona-Krise eine verstärkte Tendenz, sich national „einzuigeln“, sich in das scheinbar sichere Nationale zurückzuziehen. So geht es dann um den Corona-Impfstoff für das eigene Land, weniger um eine europaweite Strategie oder sogar um eine globale Versorgung möglichst vieler Menschen mit angemessenen Vakzinen. So richtig diese Antwort ist, um für einen Ausgleich der Interessen sowie für eine kollektive Orientierung in Krisenzeiten zu sorgen, so kurzsichtig ist doch diese Antwort: Denn nur im globalen Zusammenhang lässt sich diese Corona-Krise lösen.

Oder eine andere Antwort: Ein starkes Durchgreifen der Polizei und des Rechtsstaats einschließlich des Verfassungsschutzes ist gefordert, um den Zusammenhalt der „Normalen“ zu garantieren. Die „Verrückten“ sollen abschreckend in ihre Grenzen verwiesen werden. Auch hier gilt: Natürlich, jede selbstherrliche Gewalt hat im Rechtsstaat nichts, aber auch gar nichts zu suchen.

Aber lässt sich alleine mit Mitteln der Abschreckung der Zusammenhalt der Gesellschaft gewährleisten?

Seit den Arbeiten des berühmten Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel hat sich eine andere Antwort als zielführend erwiesen: Es ist der Kampf um Anerkennung, um die Bewegung der Anerkennung, was uns gesamtgesellschaftlich zusammenhält. In der 1807 veröffentlichten „Phänomenologie des Geistes“ hat der damals in Jena zusammen mit Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling wirkende Philosoph dies so begründet: „Jeder Mensch lebt nicht für sich alleine. Er lebt aus Gemeinschaft heraus und findet alleine in der Gemeinschaft zu seiner individuellen Persönlichkeit. Das persönliche wie auch das kollektive Bewusstsein baut sich alleine in wechselseitiger, prozesshafter Orientierung auf. Dafür braucht der Einzelne wie auch die Gesellschaft eines: Anerkennung nämlich. Eine anständige Gesellschaft braucht eine Kultur, in der Menschen anerkannt werden und nicht durch Institutionen dauernd gedemütigt werden.“

Seit mehr als 25 Jahren hat nun der Soziologe Axel Honneth, entscheidender Vertreter der dritten Generation der Frankfurter Schule, diese Erkenntnis perfektioniert. Eine anständige Gesellschaft, in der die Menschen zusammenhalten, benötigt genauer drei Anerkennungsverhältnisse: Erstens braucht jeder Mensch in seiner frühesten Phase seines Lebens in der Symbiose mit seinen Eltern die Liebe, die ihn aus seinem frühkindlichen Egozentrismus befreit. Als Erwachsener braucht der Mensch zweitens das Anerkennungsverhältnis des verlässlichen Rechts, damit er über die Grenze seiner Lebensführung hinausschauen und die Positionen anderer Menschen anerkennen kann. Und schließlich braucht der Mensch drittens erlebbare Solidarität, um Teil eines Wertegefüges zu werden.

Liebe, Recht und Solidarität: Das Miteinander aller drei Ebenen von Anerkennung hält die Gesellschaft zusammen.

Wo dies nicht vorhanden ist, kommt es Ausbrüchen von Gewalt und nach innen hin zu Depressionen und psychischen Verletzungen. Wo Anerkennung durch Liebe, Recht und Solidarität fehlt, wird der Mensch in seiner Persönlichkeit schwer deformiert. Und genau das beobachten wir in diesen Tagen massiv.

Nur: Wie kommen wir in diese Ebenen von Anerkennung hinein? Machen und herstellen lässt sich diese Form von Anerkennung nicht. Es handelt sich schließlich um eine emotionale Komponente des Lebens, um eine grundsätzliche Haltung.

Hier scheint es mir doch wichtig zu sein, eine christliche Grundhaltung einzunehmen, und diese Grundhaltung drückt sich für uns im Doppelgebot der Liebe aus:

„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzer Kraft. Und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“

Da steckt alles drin, wenn es um unsere Haltung im Miteinander geht. So fasst Jesus nach dem Zeugnis aller vier Evangelien die zehn Gebote zusammen. Das Doppelgebot der Liebe: die Quintessenz aller Gebote und die Überschrift fürs ganze Leben.

Dabei gilt es einmal genauer hinzuschauen: Anknüpfungspunkt des Doppelgebots ist der Dekalog, die Sammlung der Zehn Gebote. In diesen zehn „Angeboten der Freiheit“ zeigt Gott: So sehr komme ich auf den Menschen zu, dass ich ihnen diese Weisungen gebe. Durch sie kann jede Frau und jeder Mann ein freies und unbeschwertes Leben führen. Diesem Kümmern Gottes um den Menschen und seine Freiheit entspricht in einer Gegenbewegung die Liebe des Menschen zu Gott: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen.“ Es geht also im ersten Abschnitt des Doppelgebots der Liebe um die ineinander verschränkte Dynamik von Gott und Mensch. Der Mensch wird gewürdigt: Er ist Gottes Mitarbeiter und Stellvertreter hier und jetzt. Ohne uns kann Gott sein Ziel nicht erreichen: eine freie, gerechte, anständige Gesellschaft.

Das gilt aber auch für den zweiten Abschnitt des Doppelgebots der Liebe: Auch hier geht es um die gegenseitige Verschränkung vom Nächsten und dem eigenen Ich. Es ist also Vorsicht geboten: Oft wird nämlich das „wie“ zum Maßstab der Liebe. Ich soll meinen Nächsten immer so lieben, wie ich mich selbst liebe. Damit werde ich, werden meine Maßstäbe und Erkenntnisse zum Maßstab des Umgangs mit dem Nächsten. Also verkürzt gesagt: Kümmere dich erst einmal um dich alleine, und dann kannst du dich dem Nächsten zuwenden. Genauso hat es Jesus aber überhaupt nicht gemeint. Ihm geht es vielmehr um diese Dynamik, diese Bewegung zwischen dem Ich und dem Nächsten, um die gemeinsame Erkenntnis, um das Aufeinander-zu-bewegen, um das gemeinsame Wachsen, um den Prozess der gegenseitigen Anerkennung. Dann wird daraus erst eine anständige Gemeinschaft.

Das Doppelgebot der Liebe ist eine Haltung, und diese Haltung geht allen Rechtssätzen und allen Bekundungen der Solidarität voraus. Wo die eine oder der andere zum beherrschenden Maßstab wird, ist der „Tod im Topf“ schon vorauszusehen.

Der Zusammenhalt der Gesellschaft lebt also von der Dynamik der gegenseitigen Anerkennung.

Hier steckt alles drin, was wir als Voraussetzung brauchen, um in der Familie Liebe, im Staat Recht und in der Gesellschaft Solidarität zu leben. Das christliche Doppelgebot der Liebe ermutigt zu solch einer zukunftsfähigen Haltung der Anerkennung und des Respekts.

Und wir in der Evangelischen Akademie tun es „im Lichte des Evangeliums“ auch: Wir versuchen mit allen Mitteln, Respekt und Wertschätzung eines jeden Gastes zu leben. Jede und jeder soll ausreden dürfen, ihr und ihm ist zuzuhören und jede wie auch jeder ist dazu gehalten, die Einsichten des Anderen voll und ganz zu hören, auch wenn sie ihr oder ihm nicht passen. Daraus entsteht im besten Falle eine Bewegung der Anerkennung.

Eine solche Bildung zur Anerkennung und zum Respekt brauchen wir in unserer Gesellschaft. Damit junge und alte Menschen sich gesellschaftlich einbringen, brauchen wir nicht nur eine sehr gute Schulbildung oder eine berufsorientierte Fortbildung, sondern wir brauchen politische Bildung als Anerkennungs-Bildung. Natürlich heißt das nicht, alles in Harmonie aufgehen zu lassen, sondern es heißt, das Gegenüber und damit auch den persönlichen Prozess, den jemand durchlaufen hat, zu würdigen.

Ob ich damit den Schamanen, der auf den Fotos zur Erstürmung des Kapitols oft zu sehen war, wieder in die Mitte der Gesellschaft zurückhole? Das glaube ich nicht. Überhaupt nicht. Hier ist sehr viel früher einzusetzen. Anerkennungs-Bildung als Einübung einer Haltung dauert lange und ist etwas anderes als die Heilung eines Knochenbruchs. Die Bildung einer solchen Haltung braucht Zeit und gute Orte der Anerkennung.

Wir als Evangelische Akademie Bad Boll wollen solch ein Ort der Anerkennung sein. Und die Wirksamkeit unseres Tuns erschließt sich manchmal erst nach vielen Jahren. Das Doppelgebot der Liebe, diese Zusammenfassung Jesu, ist dabei unser Richtmaß und Grundlage der an diesem Ort gelebten Ethik. Wir tun unser Bestes, aber manchmal kann man eben auch nur noch beten: Und vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Da ist sie wieder, diese Bewegung der Anerkennung – selbst im Angesicht des Bösen.